Minden

Wenig Interesse an interkommunaler Hauptschule

Nadine Conti

Minden (mt). Sie geben nicht auf: Die Verfechter der Hauptschule haben den Bildungsausschuss mit einem erneuten Vorstoß für „ihre“ Schule beschäftigt. Allen voran Kurt Baberske, selbst Hauptschullehrer in Todtenhausen, im Nebenberuf aber CDU-Fraktionsvorsitzender in Porta Westfalica, lässt nichts unversucht, um das Thema wieder und wieder auf die Tagesordnung zu hieven.

Die jüngste Idee: eine interkommunale Hauptschule, die nicht nur Hauptschüler aus Minden, sondern auch aus den umliegenden Kommunen einsammeln soll. Schulbüro-Leiter Philipp Knappmeyer erklärte ausführlich, wie er auf den CDU-Antrag hin bei allen zehn Kommunen des Kreises angefragt habe. Das Ergebnis: zehn Schulverwaltungen, die sagen, sie hätten weder Bedarf noch Interesse. Auch im Bildungsausschuss der Stadt Porta, wo das Thema zeitgleich auf der Tagesordnung stand, sah man das so.

Die Stadt hatte außerdem mit Torsten Schätz den zuständigen Vertreter der Bezirksregierung in den Ausschuss gebeten, der noch einmal ausführlich darlegte, wie hoch die Hürden für die Gründung einer neuen Schule sind. Und um eine Neugründung müsste es sich handeln, denn der Beschluss, die Hauptschule auslaufen zu lassen, kann nicht einfach so zurück genommen werden.

Die wichtigste Hürde: Man müsste über eine Elternbefragung in den Grundschulen nachweisen, dass eine neue Hauptschule Aussicht auf genügend Anmeldungen hätte. Das ist natürlich illusorisch, wenn man die Anmeldezahlen der letzten Jahre betrachtet. Die gleiche Hürde gilt allerdings für die – von der Stadt favorisierte – Sekundarschule. Mindestens 75 Anmeldungen bräuchte auch diese.

Der Vertreter der Bezirksregierung räumt allerdings auch gleich eine andere Idee mit ab, mit der in Minden zwischenzeitlich geliebäugelt wurde: einfach einen Hauptschulbildungsgang an den Realschulen einzurichten. Die jüngsten Schulgesetzreformen zielten ganz klar darauf ab, dies zur absoluten Ausnahme zu machen, sagt Schätz.

Damit werden die Spielräume in Minden deutlich enger, denn irgendwo müssen die Schüler ja hin, die es am Gymnasium oder an der Realschule nicht packen. Und die beiden bestehenden Gesamtschulsysteme, die Kurt-Tucholsky-Gesamtschule und die Primus-Schule, werden in absehbarer Zeit nicht alle aufnehmen können.

Deshalb steht immer noch die Idee im Raum, aus der Käthe-Kollwitz-Realschule eine Sekundarschule zu machen. Die könnte dann Schüler sowohl auf den Hauptschul- als auch auf den Realschulabschluss vorbereiten. Wer hier den Realschulabschluss mit Q-Vermerk schafft, kann dann in die Oberstufe zum Beispiel der KTG wechseln und Abitur machen. Minden hätte damit einen weiteren Schultyp, der die Schullaufbahn länger offen hält, statt sie frühzeitig festzulegen. Fraglich ist eben nur, ob sich die Eltern darauf einlassen mögen.

Daran, dass man dies in der Schulverwaltung für wünschenswert hält, lässt die Tagesordnung keinen Zweifel. So bekommt auch die Primus-Schule noch einmal Gelegenheit, ihr Modell zu erklären. Professor Till-Sebastian Idel und sein Mitarbeiter Sven Pauling erläutern erste Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung des Schulversuchs und die Elternvertreterin Miriam Frömrich hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schule. Bei dieser Gelegenheit konnte Schulleiterin Antje Mismahl auch die Ergebnisse des ersten Abschlussjahrgangs präsentieren. In den zentralen Abschlussprüfungen, die ja für alle Schulen gleich sind, schafften 57 Prozent des Jahrgangs die Fachoberschulreife mit Qualifikation (früher: erweiterter Realschulabschluss). Sie können nun ihren Weg zum Abi weiter zu gehen – eine entsprechende Empfehlung von der Grundschule brachten anfangs nur 13 Prozent des Jahrgangs mit. Der Anteil der Schüler mit Hauptschulabschluss fiel deutlich geringer aus als prognostiziert: 34,3 Prozent des Jahrgangs hatten eine Hauptschulempfehlung, nur 15,7 Prozent machten am Ende tatsächlich den Hauptschulabschluss.

Auch wenn es dabei ein paar Unwägbarkeiten gibt (Wiederholer, Zuzüge, Wegzüge) und ein Jahrgang allein wenig aussagekräftig ist: Insgesamt zeigt die Statistik bei den erzielten Abschlüssen eine deutliche Verschiebung nach oben. Wenn sich diese Tendenz in den kommenden Jahren bestätigt, wäre dies ein Beleg für das, was die Befürworter des integrierten System schon seit Jahren predigen: Es bietet den Kindern mehr Chancen. Die Grundsatz-Debatte erhält also neue Nahrung.

Kommentar: Pragmatisch denken

Von Nadine Conti

Die Hauptschule als eigenständige Schulform hat ausgedient. Das ist für die betroffenen Lehrer bitter, vor allem, wenn sie – wie in Todtenhausen – gute Arbeit geleistet haben. Aber es wird Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Das ist schließlich nicht nur in Minden so. Vielleicht sollten sich die betreffenden Lehrer lieber überlegen, an welcher Stelle im Schulsystem sie ihrer speziellen Schülerklientel am besten weiterhelfen können. Und auch die Käthe-Kollwitz-Realschule muss sich wohl dem bitteren Eingeständnis stellen, dass sie im aktuellen Wettbewerb der weiterführenden Schulen das Schlusslicht bildet. Eine Sekundarschule könnte hier tatsächlich eine Chance bieten: Geringere Stundenverpflichtungen für die Lehrer und kleinere Klassen ergeben bessere Bedingungen, als sie die Schule zur Zeit hat.

Natürlich wäre bei den Eltern da einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Niemand hat große Lust auf die x-te Schulform in Deutschlands ohnehin reichlich unübersichtlichem Schulsystem. Bisher sind Sekundarschulen vor allem dort erfolgreich, wo es wenig Alternativen gibt. Aber vielleicht strahlt ja die erfolgreiche Sekundarschule in Petershagen ein wenig ab. Eine grundstürzende Revolution des Schulsystems wäre vielleicht wünschenswert, wird aber wohl kaum von Minden ausgehen. Man muss mit den Möglichkeiten arbeiten, die man hat.

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MindenWenig Interesse an interkommunaler HauptschuleNadine ContiMinden (mt). Sie geben nicht auf: Die Verfechter der Hauptschule haben den Bildungsausschuss mit einem erneuten Vorstoß für „ihre“ Schule beschäftigt. Allen voran Kurt Baberske, selbst Hauptschullehrer in Todtenhausen, im Nebenberuf aber CDU-Fraktionsvorsitzender in Porta Westfalica, lässt nichts unversucht, um das Thema wieder und wieder auf die Tagesordnung zu hieven. Die jüngste Idee: eine interkommunale Hauptschule, die nicht nur Hauptschüler aus Minden, sondern auch aus den umliegenden Kommunen einsammeln soll. Schulbüro-Leiter Philipp Knappmeyer erklärte ausführlich, wie er auf den CDU-Antrag hin bei allen zehn Kommunen des Kreises angefragt habe. Das Ergebnis: zehn Schulverwaltungen, die sagen, sie hätten weder Bedarf noch Interesse. Auch im Bildungsausschuss der Stadt Porta, wo das Thema zeitgleich auf der Tagesordnung stand, sah man das so. Die Stadt hatte außerdem mit Torsten Schätz den zuständigen Vertreter der Bezirksregierung in den Ausschuss gebeten, der noch einmal ausführlich darlegte, wie hoch die Hürden für die Gründung einer neuen Schule sind. Und um eine Neugründung müsste es sich handeln, denn der Beschluss, die Hauptschule auslaufen zu lassen, kann nicht einfach so zurück genommen werden. Die wichtigste Hürde: Man müsste über eine Elternbefragung in den Grundschulen nachweisen, dass eine neue Hauptschule Aussicht auf genügend Anmeldungen hätte. Das ist natürlich illusorisch, wenn man die Anmeldezahlen der letzten Jahre betrachtet. Die gleiche Hürde gilt allerdings für die – von der Stadt favorisierte – Sekundarschule. Mindestens 75 Anmeldungen bräuchte auch diese. Der Vertreter der Bezirksregierung räumt allerdings auch gleich eine andere Idee mit ab, mit der in Minden zwischenzeitlich geliebäugelt wurde: einfach einen Hauptschulbildungsgang an den Realschulen einzurichten. Die jüngsten Schulgesetzreformen zielten ganz klar darauf ab, dies zur absoluten Ausnahme zu machen, sagt Schätz. Damit werden die Spielräume in Minden deutlich enger, denn irgendwo müssen die Schüler ja hin, die es am Gymnasium oder an der Realschule nicht packen. Und die beiden bestehenden Gesamtschulsysteme, die Kurt-Tucholsky-Gesamtschule und die Primus-Schule, werden in absehbarer Zeit nicht alle aufnehmen können. Deshalb steht immer noch die Idee im Raum, aus der Käthe-Kollwitz-Realschule eine Sekundarschule zu machen. Die könnte dann Schüler sowohl auf den Hauptschul- als auch auf den Realschulabschluss vorbereiten. Wer hier den Realschulabschluss mit Q-Vermerk schafft, kann dann in die Oberstufe zum Beispiel der KTG wechseln und Abitur machen. Minden hätte damit einen weiteren Schultyp, der die Schullaufbahn länger offen hält, statt sie frühzeitig festzulegen. Fraglich ist eben nur, ob sich die Eltern darauf einlassen mögen. Daran, dass man dies in der Schulverwaltung für wünschenswert hält, lässt die Tagesordnung keinen Zweifel. So bekommt auch die Primus-Schule noch einmal Gelegenheit, ihr Modell zu erklären. Professor Till-Sebastian Idel und sein Mitarbeiter Sven Pauling erläutern erste Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung des Schulversuchs und die Elternvertreterin Miriam Frömrich hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Schule. Bei dieser Gelegenheit konnte Schulleiterin Antje Mismahl auch die Ergebnisse des ersten Abschlussjahrgangs präsentieren. In den zentralen Abschlussprüfungen, die ja für alle Schulen gleich sind, schafften 57 Prozent des Jahrgangs die Fachoberschulreife mit Qualifikation (früher: erweiterter Realschulabschluss). Sie können nun ihren Weg zum Abi weiter zu gehen – eine entsprechende Empfehlung von der Grundschule brachten anfangs nur 13 Prozent des Jahrgangs mit. Der Anteil der Schüler mit Hauptschulabschluss fiel deutlich geringer aus als prognostiziert: 34,3 Prozent des Jahrgangs hatten eine Hauptschulempfehlung, nur 15,7 Prozent machten am Ende tatsächlich den Hauptschulabschluss. Auch wenn es dabei ein paar Unwägbarkeiten gibt (Wiederholer, Zuzüge, Wegzüge) und ein Jahrgang allein wenig aussagekräftig ist: Insgesamt zeigt die Statistik bei den erzielten Abschlüssen eine deutliche Verschiebung nach oben. Wenn sich diese Tendenz in den kommenden Jahren bestätigt, wäre dies ein Beleg für das, was die Befürworter des integrierten System schon seit Jahren predigen: Es bietet den Kindern mehr Chancen. Die Grundsatz-Debatte erhält also neue Nahrung. Kommentar: Pragmatisch denken Von Nadine Conti Die Hauptschule als eigenständige Schulform hat ausgedient. Das ist für die betroffenen Lehrer bitter, vor allem, wenn sie – wie in Todtenhausen – gute Arbeit geleistet haben. Aber es wird Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Das ist schließlich nicht nur in Minden so. Vielleicht sollten sich die betreffenden Lehrer lieber überlegen, an welcher Stelle im Schulsystem sie ihrer speziellen Schülerklientel am besten weiterhelfen können. Und auch die Käthe-Kollwitz-Realschule muss sich wohl dem bitteren Eingeständnis stellen, dass sie im aktuellen Wettbewerb der weiterführenden Schulen das Schlusslicht bildet. Eine Sekundarschule könnte hier tatsächlich eine Chance bieten: Geringere Stundenverpflichtungen für die Lehrer und kleinere Klassen ergeben bessere Bedingungen, als sie die Schule zur Zeit hat. Natürlich wäre bei den Eltern da einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Niemand hat große Lust auf die x-te Schulform in Deutschlands ohnehin reichlich unübersichtlichem Schulsystem. Bisher sind Sekundarschulen vor allem dort erfolgreich, wo es wenig Alternativen gibt. Aber vielleicht strahlt ja die erfolgreiche Sekundarschule in Petershagen ein wenig ab. Eine grundstürzende Revolution des Schulsystems wäre vielleicht wünschenswert, wird aber wohl kaum von Minden ausgehen. Man muss mit den Möglichkeiten arbeiten, die man hat.