Minden

Kai Diekmann sprach beim Werteforum über seine Zeit als Bild-Chefredakteur: „Die lauteste Trompete auf der Bühne“

Michael Grundmeier

Fragesteller und Antwortgeber: Steffen Kampeter (links) und Kai Diekmann sprachen auch über die Bild-Zeitung und den digitalen Wandel in der Medienlandschaft. - © Foto: Michael Grundmeier
Fragesteller und Antwortgeber: Steffen Kampeter (links) und Kai Diekmann sprachen auch über die Bild-Zeitung und den digitalen Wandel in der Medienlandschaft. (© Foto: Michael Grundmeier)

Minden (mig). Die Medien und der digitale Wandel – das war ein Thema in der 13. Auflage des Mindener Werteforums. Mit Kai Diekmann, Ex-Chefredakteur der Bild-Zeitung, und Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, waren zwei Hochkaräter zu Gast. Bürgermeister Michael Jäcke brach in seinem Grußwort eine Lanze für die alten Medien, für „geprüfte Informationen“ und „Medienkompetenz“. Dafür stehe Minden mit seiner Bildungslandschaft.

Dann folgte der Auftritt von Kai Diekmann, ganz ohne langen Bart, dafür mit Steffen Kampeter an seiner Seite. Die beiden sollten einen „Zukunftstalk“ führen – ein von der Minden Marketing GmbH neu eingeführtes Format, an dem vielleicht noch gefeilt werden sollte. Dass es diesmal nur zu einem intellektuellen Plausch reichte, lag sicher auch an der Freundschaft von Fragesteller (Kampeter) und Antwortgeber (Diekmann). Vor allem über die Bild-Zeitung hätte der ein oder oder Gast gerne noch mehr erfahren. „Es gibt ja schon einige Sachen, die man an der Bild-Zeitung kritisch sehen kann. Da hätte ich mir etwas mehr Biss gewünscht“, meinte etwa Thomas Mayer. Ihm fehlte vor allem die Fragerunde am Schluss. „Ich hätte Herrn Diekmann gerne noch das ein oder andere gefragt.“

Was nicht heißt, dass das Hin und Her zwischen Diekmann und Kampeter uninteressant war. Zum Thema „Digitalisierung als Herausforderung für Medien und Gesellschaft“ hatte der ehemalige Bild-Chefredakteur, der die Springer-Gruppe Ende 2017 verließ, tatsächlich einiges beizutragen. Zunächst aber fragte Kampeter nach der Zeit bei Bild, die Diekmann als „wunderbar“ charakterisierte. Ein wichtiges Merkmal von Bild sei, dass komplexe Zusammenhänge vereinfacht würden, darüber hinaus habe die Zeitung politisch immer Stellung bezogen. „Es war unser Markenkern, Politikern auf die Zehen zu treten und die lauteste Trompete auf der Bühne zu sein“, sagte Diekmann. Da müsse man es sich auch gefallen lassen, argwöhnisch begleitet zu werden. „Bild“ selbst müsse unterhaltsam sein, allerdings auch liefern, was eine Schlagzeile verspreche. „Sonst verliert man die Leser.“ Bei Bild gehe es um die Verbindung von Information und Unterhaltung, wie etwa bei der Schlagzeile „Bahlsen-Scheidung: Er geht ihr auf den Keks.“ Diese Schlagzeile bewundert Diekmann bis heute.

Ein Thema, das leider nur wenig beleuchtet wurde: Fehler und Falschberichterstattung bei „Bild“. Natürlich passierten auch Fehler, gab Diekmann zu, ihm selbst fiel aber nur ein Fauxpas eines Vorgängers ein. Der habe die Info bekommen, dass Harald Juhnke geerbt habe. Die Schlagzeile am nächsten Morgen: „Harald Juhnke – Millionenerbe“ und einen Tag später: „Harald Juhnke – plötzlich wieder arm“.

Einen „Fehler“ wollte Diekmann dann aber doch öffentlich gestehen. Er habe die Agenda-Politik von Gerhard Schröder aus Sicht der Leser gesehen („Jetzt gehen sie an die Sparschweine unserer Kinder“). Dafür habe er sich bei dem ehemaligen Kanzler entschuldigt, „weil ich glaube, dass wir dank seiner Agenda-Politik heute besser dastehen“.

Am Rande kam der frühere Bild-Chef auch auf die „Taz“ zu sprechen, mit der sich die „Bild“ einen Wettkampf um die beste Schlagzeile lieferte. „Die hatten auch immer großartige Schlagzeilen: Als wir die Schlagzeile „Wir sind Papst“ hatten, lautete sie in der Taz 'O Gott'“. Als Merkel Kanzlerin wurde, hieß der Bild-Titel„ „Miss Germany“, der Taz fiel Geniales ein: „Es ist ein Mädchen“..

Später kam Kampeter auf Diekmanns Reise in den Silicon Valley zu sprechen. Für den Journalisten war die Reise angesichts der digitalen Herausforderung nur folgerichtig, „auch wenn die Situation 2012 noch nicht so dramatisch war wie heute“. Früher sei eine Zeitung eine „Lizenz zum Gelddrucken“ gewesen. Damals habe die „FAZ“ nicht durch den Briefkasten gepasst, heute ist sie so dünn, „dass man das Telefonbuch noch mit durchkriegen kann“. Was er von der Reise ins Silicon Valley gelernt hat? „Ich habe nicht gewusst, wie radikal das digitale Geschäftsmodell keinen Stein auf dem anderen lässt.. Das Silicon Valley „ist s“uns vier bis fünf Jahre voraus“ und habe den Anspruch, die Welt zu verändern.

Im Silicon Valley würden neue Technologien als Chance gesehen, in Deutschland eher als Bedrohung. „Natürlich bringen die augenblicklichen Veränderungen auch viel Unangenehmes mit sich, der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier, aber Technologie hat unser Leben immer besser und einfacher gemacht.“ Den alten Medien empfiehlt Diekmann, sich auf die Digitalisierung einzulassen. „Wir haben uns gesagt, wenn wir uns nicht neu erfinden, kommt jemand anders und macht das.“ Man habe bei Bild den Rückgang der Auflage am Kiosk bewusst in Kauf genommen, um ein digitales Konzept auszubauen. „Wir erreichen heute viel mehr Menschen, als wir in der alten Medienwelt erreicht haben, indem wir das Digitale umarmt haben.“

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenKai Diekmann sprach beim Werteforum über seine Zeit als Bild-Chefredakteur: „Die lauteste Trompete auf der Bühne“Michael GrundmeierMinden (mig). Die Medien und der digitale Wandel – das war ein Thema in der 13. Auflage des Mindener Werteforums. Mit Kai Diekmann, Ex-Chefredakteur der Bild-Zeitung, und Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, waren zwei Hochkaräter zu Gast. Bürgermeister Michael Jäcke brach in seinem Grußwort eine Lanze für die alten Medien, für „geprüfte Informationen“ und „Medienkompetenz“. Dafür stehe Minden mit seiner Bildungslandschaft. Dann folgte der Auftritt von Kai Diekmann, ganz ohne langen Bart, dafür mit Steffen Kampeter an seiner Seite. Die beiden sollten einen „Zukunftstalk“ führen – ein von der Minden Marketing GmbH neu eingeführtes Format, an dem vielleicht noch gefeilt werden sollte. Dass es diesmal nur zu einem intellektuellen Plausch reichte, lag sicher auch an der Freundschaft von Fragesteller (Kampeter) und Antwortgeber (Diekmann). Vor allem über die Bild-Zeitung hätte der ein oder oder Gast gerne noch mehr erfahren. „Es gibt ja schon einige Sachen, die man an der Bild-Zeitung kritisch sehen kann. Da hätte ich mir etwas mehr Biss gewünscht“, meinte etwa Thomas Mayer. Ihm fehlte vor allem die Fragerunde am Schluss. „Ich hätte Herrn Diekmann gerne noch das ein oder andere gefragt.“ Was nicht heißt, dass das Hin und Her zwischen Diekmann und Kampeter uninteressant war. Zum Thema „Digitalisierung als Herausforderung für Medien und Gesellschaft“ hatte der ehemalige Bild-Chefredakteur, der die Springer-Gruppe Ende 2017 verließ, tatsächlich einiges beizutragen. Zunächst aber fragte Kampeter nach der Zeit bei Bild, die Diekmann als „wunderbar“ charakterisierte. Ein wichtiges Merkmal von Bild sei, dass komplexe Zusammenhänge vereinfacht würden, darüber hinaus habe die Zeitung politisch immer Stellung bezogen. „Es war unser Markenkern, Politikern auf die Zehen zu treten und die lauteste Trompete auf der Bühne zu sein“, sagte Diekmann. Da müsse man es sich auch gefallen lassen, argwöhnisch begleitet zu werden. „Bild“ selbst müsse unterhaltsam sein, allerdings auch liefern, was eine Schlagzeile verspreche. „Sonst verliert man die Leser.“ Bei Bild gehe es um die Verbindung von Information und Unterhaltung, wie etwa bei der Schlagzeile „Bahlsen-Scheidung: Er geht ihr auf den Keks.“ Diese Schlagzeile bewundert Diekmann bis heute. Ein Thema, das leider nur wenig beleuchtet wurde: Fehler und Falschberichterstattung bei „Bild“. Natürlich passierten auch Fehler, gab Diekmann zu, ihm selbst fiel aber nur ein Fauxpas eines Vorgängers ein. Der habe die Info bekommen, dass Harald Juhnke geerbt habe. Die Schlagzeile am nächsten Morgen: „Harald Juhnke – Millionenerbe“ und einen Tag später: „Harald Juhnke – plötzlich wieder arm“. Einen „Fehler“ wollte Diekmann dann aber doch öffentlich gestehen. Er habe die Agenda-Politik von Gerhard Schröder aus Sicht der Leser gesehen („Jetzt gehen sie an die Sparschweine unserer Kinder“). Dafür habe er sich bei dem ehemaligen Kanzler entschuldigt, „weil ich glaube, dass wir dank seiner Agenda-Politik heute besser dastehen“. Am Rande kam der frühere Bild-Chef auch auf die „Taz“ zu sprechen, mit der sich die „Bild“ einen Wettkampf um die beste Schlagzeile lieferte. „Die hatten auch immer großartige Schlagzeilen: Als wir die Schlagzeile „Wir sind Papst“ hatten, lautete sie in der Taz 'O Gott'“. Als Merkel Kanzlerin wurde, hieß der Bild-Titel„ „Miss Germany“, der Taz fiel Geniales ein: „Es ist ein Mädchen“.. Später kam Kampeter auf Diekmanns Reise in den Silicon Valley zu sprechen. Für den Journalisten war die Reise angesichts der digitalen Herausforderung nur folgerichtig, „auch wenn die Situation 2012 noch nicht so dramatisch war wie heute“. Früher sei eine Zeitung eine „Lizenz zum Gelddrucken“ gewesen. Damals habe die „FAZ“ nicht durch den Briefkasten gepasst, heute ist sie so dünn, „dass man das Telefonbuch noch mit durchkriegen kann“. Was er von der Reise ins Silicon Valley gelernt hat? „Ich habe nicht gewusst, wie radikal das digitale Geschäftsmodell keinen Stein auf dem anderen lässt.. Das Silicon Valley „ist s“uns vier bis fünf Jahre voraus“ und habe den Anspruch, die Welt zu verändern. Im Silicon Valley würden neue Technologien als Chance gesehen, in Deutschland eher als Bedrohung. „Natürlich bringen die augenblicklichen Veränderungen auch viel Unangenehmes mit sich, der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier, aber Technologie hat unser Leben immer besser und einfacher gemacht.“ Den alten Medien empfiehlt Diekmann, sich auf die Digitalisierung einzulassen. „Wir haben uns gesagt, wenn wir uns nicht neu erfinden, kommt jemand anders und macht das.“ Man habe bei Bild den Rückgang der Auflage am Kiosk bewusst in Kauf genommen, um ein digitales Konzept auszubauen. „Wir erreichen heute viel mehr Menschen, als wir in der alten Medienwelt erreicht haben, indem wir das Digitale umarmt haben.“