Minden

Wohin im Ernstfall? Tierärztlicher Notdienst fehlt

Cynthia Pfaffhausen und Sebastian Radermacher

Da es unter der Woche in Minden und Umgebung keinen tierärztlichen Notdienst gibt, müssen die tierischen Patienten in die Kliniken nach Bielefeld oder Pr. Oldendorf gefahren werden.?Foto: Frank Rumpenhorst/dpa - © Frank Rumpenhorst
Da es unter der Woche in Minden und Umgebung keinen tierärztlichen Notdienst gibt, müssen die tierischen Patienten in die Kliniken nach Bielefeld oder Pr. Oldendorf gefahren werden.?Foto: Frank Rumpenhorst/dpa (© Frank Rumpenhorst)

Minden (mt). Motte geht es schlecht. Das wird Matthias Philler sofort klar, als er seine Katze sieht, die sich übergeben musste und nun apathisch auf dem Boden liegt. Es ist an einem Dienstagabend, kurz vor 23 Uhr – wer ist jetzt erreichbar? Der 55-jährige Mindener sucht online nach den Telefonnummern von Tierärzten in Minden und Umgebung, etwa 15 ruft er nacheinander an. Ohne Erfolg. In diesem Moment hätte er sich gewünscht, dass es einen tierärztlichen Notdienst gebe. Eine Nummer, über die er sofort Hilfe erreichen könne. „Ich war frustriert und sauer, weil das Tierwohl hinten angestellt wird."

Der fehlende tierärztliche Notdienst im Kreis Minden-Lübbecke sorgte im vergangenen Jahr über Monate für Verunsicherung bei den Haltern von Kleintieren. Der Auslöser: Das Arbeitszeitgesetz hatte dazu beigetragen, dass eine Tierarztpraxis in Porta Westfalica ihre Klinikzulassung auf Eis legte und damit erreichte, nicht mehr in den Nachtstunden sowie an den Wochenenden erreichbar sein zu müssen. Per Gesetz sind Tierkliniken nämlich gehalten, 24 Stunden am Tag für ihre tierischen Patienten zur Verfügung zu stehen. Das hätte die Klinik personell überfordert.

Dies ist längst kein Phänomen, das nur den Mühlenkreis betrifft. Wie die Bundestierärztekammer mitteilt, reduzieren immer mehr Praxen ihre Notdienstbereitschaft und auch Tierkliniken geben ihren Klinikstatus auf, um keine Bereitschaft mehr leisten zu müssen. Die Kammer warnt, dass dies die Versorgung der tierischen Patienten gefährden könnte.

Im Mühlenkreis wollten zunächst Tierarztpraxen den Wegfall der Klinikzulassung der Portaner Praxis auffangen, gerieten aber bald an ihre Kapazitätsgrenzen. Für Tierhalter hatte der Ausfall gravierende Folgen: Zur Behandlung akuter Erkrankungen mussten sie weite Wege in Kauf nehmen und mit ihren Tieren zum Beispiel in die Kliniken nach Bielefeld oder Pr. Oldendorf fahren. Wie viele Tiere aus dem Mühlenkreis dort genau behandelt werden, ist unklar. „Wir werten nicht aus, aus welchen Städten und Kreisen die Patienten zu uns kommen. Wenn es einen Haustierarzt gibt, informieren wir diesen über den ,Notfall' oder ,Überweisungspatienten' und überweisen zurück", teilt eine Sprecherin der Anicura-Tierklinik in Bielefeld auf MT-Anfrage mit. Wenn ein Besitzer mit seinem Tier in den Notdienst komme, liege in seinen Augen ein Notfall vor – „und deshalb wird jeder Patient behandelt". Je nach Schwere der Erkrankung sei aber mit Wartezeiten zu rechnen. „Lebensbedrohlich erkrankte Patienten müssen immer zuerst behandelt werden. Das ist nicht anders als in einer Notaufnahme in der Humanmedizin", erklärt die Sprecherin. Sie ist sich sicher: „Die Tierärzte im Kreis Minden-Lübbecke sind bemüht, so vielen Patienten wie möglich zu helfen."

Im Mühlenkreis schlossen sich letztlich Ende 2018 mehrere Tierärzte zusammen, um das Notdienst-Problem auf eigene Kappe zu lösen. Seit Beginn dieses Jahres gibt es an den Wochenenden einen Notdienst für Kleintiere, der unter (0 18 05) 12 34 77 zu erreichen ist. Von Samstag, 12 Uhr, bis Montag, 8 Uhr, steht ein Veterinär in Notfällen zur Verfügung. Es ist ein freiwilliges Angebot von mehreren Praxen aus dem Kreisgebiet, wie Martin Heuer, Tierarzt aus Minden, im Januar auf MT-Anfrage erläuterte. Er betonte dabei, dass die Notfallnummer nur in dringenden Fällen gewählt werden soll. Für Behandlungen wie Impfungen oder Entwurmungen stehe der Dienst nicht zur Verfügung.

Durch die freiwillige Regelung sind die Notdiensteinsätze nachts unter der Woche aber noch nicht abgedeckt. Heuer kündigte im Januar bereits an, dass dieses Ziel weiter verfolgt werde. Dazu müssten allerdings erst einmal ausreichend Erfahrungen mit dem Notdienst an den Wochenenden gesammelt werden, um diese bewerten zu können. Aktuell tragen die Tierärzte, die bei dem Angebot mitmachen, ihre Erfahrungen zusammen und werden diese bald in einer Pressemitteilung erläutern, kündigt Heuer auf MT-Nachfrage an.

Matthias Philler hätte es enorm geholfen, wenn es den Notdienst unter der Woche schon gegeben hätte, betont er. Er entscheidet sich schließlich dazu, mit seiner Katze in die Tierklinik nach Bielefeld zu fahren. „Sie war in Panik und hat gejault ohne Unterbrechung. Die Fahrt war der Horror", erzählt der Mindener. „Ich dachte: Sie wird gleich sterben." In der Klinik habe Motte eine Spritze gegen Übelkeit bekommen, dann sei es zum Glück wieder bergauf gegangen. Um 4 Uhr sind Philler und Motte wieder zu Hause – und dann wird auch der Grund klar, warum es dem Tier schlecht ging: Sie hatte sich eine Tüte mit Trockenfutter aus dem Regal geschnappt und davon zu viel gegessen, ohne dass Philler es mitbekommen hatte.

Der Mindener möchte so eine dramatische Nacht nicht noch einmal erleben, sagt er. „Natürlich kann ich die Ärzte verstehen, die sehr viel arbeiten und jeden Morgen wieder in der Praxis stehen müssen", sagt er: „Aber ich hoffe, dass es möglich sein wird, den Notdienst auszuweiten und auch unter der Woche anzubieten."

Tierärzte 
nicht allein
 lassen

Kommentar von Stefan Koch

Seit mehr als einem Jahr müssen Tierhalter um das Leben ihrer Lieblinge bangen, wenn diese nachts zum Notfall werden. Schuld ist die Sorge um des Menschen Wohl in Form des Arbeitszeitgesetzes. Es hat Tierkliniken auch im Mühlenkreis den nächtlichen Betrieb unmöglich gemacht. Zwar suchen Veterinäre nach Alternativen und halten wenigstens für das Wochenende einen Notfalldienst vor. Aber immer noch müssen die Besitzer von Hunden, Katzen und anderen Kleintieren nachts zu weit entfernten Tierkliniken fahren. Und immer noch sind es allein die Tierärzte, denen die weitere Lösung dieses Problems auf den Schultern liegt.

Ein Problem, das für die Politik nicht existiert. Denn solange sich ausschließlich die Veterinäre und deren Kammer damit herumschlagen müssen, ist man offenbar nicht zuständig. So kommt es, dass in den kommunalen Ausschüssen des Kreises und seiner Städte und Gemeinden bislang wenig darüber nachgedacht wurde, eine 24-stündige Versorgungssicherheit in der Region sicherzustellen. Eher schon ist da die Hundesteuer ein Thema, da es schließlich um Einnahmen für die öffentliche Hand geht.

Die Wahrnehmung des Tierschutzes in der Heimtierhaltung ist aber eine kommunale Aufgabe. Vernachlässigung, nicht artgerechter Haltung und anderen Missständen muss daher die Veterinärbehörde per Gesetz nachgehen. Und auch der Wegfall des tierärztlichen Notdienstes – ohne dass es einen Ersatz gibt – kann vermeidbares Tierleid verursachen. Deshalb stehen Politiker und Behörden in der Verantwortung.

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MindenWohin im Ernstfall? Tierärztlicher Notdienst fehltCynthia Pfaffhausen,Sebastian RadermacherMinden (mt). Motte geht es schlecht. Das wird Matthias Philler sofort klar, als er seine Katze sieht, die sich übergeben musste und nun apathisch auf dem Boden liegt. Es ist an einem Dienstagabend, kurz vor 23 Uhr – wer ist jetzt erreichbar? Der 55-jährige Mindener sucht online nach den Telefonnummern von Tierärzten in Minden und Umgebung, etwa 15 ruft er nacheinander an. Ohne Erfolg. In diesem Moment hätte er sich gewünscht, dass es einen tierärztlichen Notdienst gebe. Eine Nummer, über die er sofort Hilfe erreichen könne. „Ich war frustriert und sauer, weil das Tierwohl hinten angestellt wird." Der fehlende tierärztliche Notdienst im Kreis Minden-Lübbecke sorgte im vergangenen Jahr über Monate für Verunsicherung bei den Haltern von Kleintieren. Der Auslöser: Das Arbeitszeitgesetz hatte dazu beigetragen, dass eine Tierarztpraxis in Porta Westfalica ihre Klinikzulassung auf Eis legte und damit erreichte, nicht mehr in den Nachtstunden sowie an den Wochenenden erreichbar sein zu müssen. Per Gesetz sind Tierkliniken nämlich gehalten, 24 Stunden am Tag für ihre tierischen Patienten zur Verfügung zu stehen. Das hätte die Klinik personell überfordert. Dies ist längst kein Phänomen, das nur den Mühlenkreis betrifft. Wie die Bundestierärztekammer mitteilt, reduzieren immer mehr Praxen ihre Notdienstbereitschaft und auch Tierkliniken geben ihren Klinikstatus auf, um keine Bereitschaft mehr leisten zu müssen. Die Kammer warnt, dass dies die Versorgung der tierischen Patienten gefährden könnte. Im Mühlenkreis wollten zunächst Tierarztpraxen den Wegfall der Klinikzulassung der Portaner Praxis auffangen, gerieten aber bald an ihre Kapazitätsgrenzen. Für Tierhalter hatte der Ausfall gravierende Folgen: Zur Behandlung akuter Erkrankungen mussten sie weite Wege in Kauf nehmen und mit ihren Tieren zum Beispiel in die Kliniken nach Bielefeld oder Pr. Oldendorf fahren. Wie viele Tiere aus dem Mühlenkreis dort genau behandelt werden, ist unklar. „Wir werten nicht aus, aus welchen Städten und Kreisen die Patienten zu uns kommen. Wenn es einen Haustierarzt gibt, informieren wir diesen über den ,Notfall' oder ,Überweisungspatienten' und überweisen zurück", teilt eine Sprecherin der Anicura-Tierklinik in Bielefeld auf MT-Anfrage mit. Wenn ein Besitzer mit seinem Tier in den Notdienst komme, liege in seinen Augen ein Notfall vor – „und deshalb wird jeder Patient behandelt". Je nach Schwere der Erkrankung sei aber mit Wartezeiten zu rechnen. „Lebensbedrohlich erkrankte Patienten müssen immer zuerst behandelt werden. Das ist nicht anders als in einer Notaufnahme in der Humanmedizin", erklärt die Sprecherin. Sie ist sich sicher: „Die Tierärzte im Kreis Minden-Lübbecke sind bemüht, so vielen Patienten wie möglich zu helfen." Im Mühlenkreis schlossen sich letztlich Ende 2018 mehrere Tierärzte zusammen, um das Notdienst-Problem auf eigene Kappe zu lösen. Seit Beginn dieses Jahres gibt es an den Wochenenden einen Notdienst für Kleintiere, der unter (0 18 05) 12 34 77 zu erreichen ist. Von Samstag, 12 Uhr, bis Montag, 8 Uhr, steht ein Veterinär in Notfällen zur Verfügung. Es ist ein freiwilliges Angebot von mehreren Praxen aus dem Kreisgebiet, wie Martin Heuer, Tierarzt aus Minden, im Januar auf MT-Anfrage erläuterte. Er betonte dabei, dass die Notfallnummer nur in dringenden Fällen gewählt werden soll. Für Behandlungen wie Impfungen oder Entwurmungen stehe der Dienst nicht zur Verfügung. Durch die freiwillige Regelung sind die Notdiensteinsätze nachts unter der Woche aber noch nicht abgedeckt. Heuer kündigte im Januar bereits an, dass dieses Ziel weiter verfolgt werde. Dazu müssten allerdings erst einmal ausreichend Erfahrungen mit dem Notdienst an den Wochenenden gesammelt werden, um diese bewerten zu können. Aktuell tragen die Tierärzte, die bei dem Angebot mitmachen, ihre Erfahrungen zusammen und werden diese bald in einer Pressemitteilung erläutern, kündigt Heuer auf MT-Nachfrage an. Matthias Philler hätte es enorm geholfen, wenn es den Notdienst unter der Woche schon gegeben hätte, betont er. Er entscheidet sich schließlich dazu, mit seiner Katze in die Tierklinik nach Bielefeld zu fahren. „Sie war in Panik und hat gejault ohne Unterbrechung. Die Fahrt war der Horror", erzählt der Mindener. „Ich dachte: Sie wird gleich sterben." In der Klinik habe Motte eine Spritze gegen Übelkeit bekommen, dann sei es zum Glück wieder bergauf gegangen. Um 4 Uhr sind Philler und Motte wieder zu Hause – und dann wird auch der Grund klar, warum es dem Tier schlecht ging: Sie hatte sich eine Tüte mit Trockenfutter aus dem Regal geschnappt und davon zu viel gegessen, ohne dass Philler es mitbekommen hatte. Der Mindener möchte so eine dramatische Nacht nicht noch einmal erleben, sagt er. „Natürlich kann ich die Ärzte verstehen, die sehr viel arbeiten und jeden Morgen wieder in der Praxis stehen müssen", sagt er: „Aber ich hoffe, dass es möglich sein wird, den Notdienst auszuweiten und auch unter der Woche anzubieten." Tierärzte 
nicht allein
 lassen Kommentar von Stefan Koch Seit mehr als einem Jahr müssen Tierhalter um das Leben ihrer Lieblinge bangen, wenn diese nachts zum Notfall werden. Schuld ist die Sorge um des Menschen Wohl in Form des Arbeitszeitgesetzes. Es hat Tierkliniken auch im Mühlenkreis den nächtlichen Betrieb unmöglich gemacht. Zwar suchen Veterinäre nach Alternativen und halten wenigstens für das Wochenende einen Notfalldienst vor. Aber immer noch müssen die Besitzer von Hunden, Katzen und anderen Kleintieren nachts zu weit entfernten Tierkliniken fahren. Und immer noch sind es allein die Tierärzte, denen die weitere Lösung dieses Problems auf den Schultern liegt. Ein Problem, das für die Politik nicht existiert. Denn solange sich ausschließlich die Veterinäre und deren Kammer damit herumschlagen müssen, ist man offenbar nicht zuständig. So kommt es, dass in den kommunalen Ausschüssen des Kreises und seiner Städte und Gemeinden bislang wenig darüber nachgedacht wurde, eine 24-stündige Versorgungssicherheit in der Region sicherzustellen. Eher schon ist da die Hundesteuer ein Thema, da es schließlich um Einnahmen für die öffentliche Hand geht. Die Wahrnehmung des Tierschutzes in der Heimtierhaltung ist aber eine kommunale Aufgabe. Vernachlässigung, nicht artgerechter Haltung und anderen Missständen muss daher die Veterinärbehörde per Gesetz nachgehen. Und auch der Wegfall des tierärztlichen Notdienstes – ohne dass es einen Ersatz gibt – kann vermeidbares Tierleid verursachen. Deshalb stehen Politiker und Behörden in der Verantwortung.