Minden

Ausstellung "Wagnis Wagner" setzt Zeichen im Mindener Stadtbild

Ursula Koch

Die Wagnersche Symbolik greift der Mindener Hartwig Reinboth mit seiner Installation "Sag dem Schwan dein Leid" auf dem Schwanenteich auf.MT- - © Foto: Alex Lehn
Die Wagnersche Symbolik greift der Mindener Hartwig Reinboth mit seiner Installation "Sag dem Schwan dein Leid" auf dem Schwanenteich auf.MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden (mt). Der Vorhang zum „Ring“-Zyklus öffnet sich erst am Donnerstag, aber bereits seit Samstag dominiert Richard Wagner das Mindener Stadtbild. Ursache dafür ist die Ausstellung „Wagnis Wagner“, für die zehn Projekte in der Innenstadt realisiert wurden. Die sichtbarsten Arbeiten, die auch für Anfragen bei der Polizei gesorgt haben, sind die Bodengraffitis von Matthias Braun. Der Architekt und Künstler aus Würzburg hat in der Fußgängerzone acht unterschiedliche Zitate von Richard Wagner aufgesprüht. Signatur ist jeweils das Porträt Wagners, damit der Bezug deutlich wird. „Die Kunst ist frei“ ist das zentrale Statement, das Braun an der Kreuzung von Poos und Bäckerstraße aufgesprüht hat. „Mir kommt es auf den Kontrast zwischen der Form und dem Inhalt an“, begründet er, warum er die Form des künstlerisch wenig anerkannten Graffiti gewählt hat. Er wolle mit den Sprüchen Diskussionen auslösen und habe die Orte bewusst gewählt. Vor dem Theaterportal prangt der Satz „Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven“, vor der Geschäftsstelle des MT hat er den Satz „Ein politischer Mann ist widerlich“ angebracht.

„Eine Musikaufführung hinaustragen in die Stadt, das ist ein tolles Unternehmen“, sagt Roland Nachtigäller. Der Direktor des Herforder Marta hatte zusammen mit Jana Duda (OWL Kulturbüro), Regina-Dolores Stieler-Hinz (Beigeordnete für Bildung, Kultur, Sport und Freizeit), Dr. Marion Tüting (Mindener Museum), Dr. Jörg Sander (Minden Marketing) und Dr. Josef Spiegel (Stiftung Künstlerdorf Schöppingen) die sieben Projekte aus 48 Bewerbungen ausgewählt. Die drei heimischen Künstler Gunnar Heilmann, Ulrich Kügler und Hartwig Reinboth waren gesetzt.

Matthias Braun hat acht Zitate von Richard Wagner ausgewählt und als Graffitis auf das Pflaster der Fußgängerzone gesprüht. "Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven" steht vor dem Eingangsportal zum Stadttheater. MT- - © Foto: Ursula Koch
Matthias Braun hat acht Zitate von Richard Wagner ausgewählt und als Graffitis auf das Pflaster der Fußgängerzone gesprüht. "Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven" steht vor dem Eingangsportal zum Stadttheater. MT- (© Foto: Ursula Koch)

„Kunst in der Gegenwart ist nicht abgeschlossen, sondern Gegenstand der Auseinandersetzung“, gab Nachtigäller dem Publikum mit auf den Weg. Der Blick der Künstler sei breit gefächert, beschäftige sich mit der Musik, ihrer Emotionalität, der Symbolkraft oder schlicht der Inszenierung selber. „Wagner ist immer ein Wagnis“, sagte Nachtigäller. Das allerdings war der in Minden geborenen Künstlerin Tina Tonagel zu allgemein formuliert: „Wir sollten nicht unerwähnt lassen, dass Wagner ein Antisemit war.“ Sie halte dabei aber die Trennung zwischen Werk und Person für möglich.

"Wagners Wäsche" hat Alexandra Kürtz aus Bonn über die Ritterstraße gehängt und spielt damit auf Wagners Hang zum Luxus an.MT- - © Foto: Ursula Koch
"Wagners Wäsche" hat Alexandra Kürtz aus Bonn über die Ritterstraße gehängt und spielt damit auf Wagners Hang zum Luxus an.MT- (© Foto: Ursula Koch)

Wagners politische Äußerungen spielen allerdings in der Ausstellung keine Rolle. Auch die Arbeit von Tonagel, die sie zusammen mit dem Musiker Simon Rummel realisiert hat, lenkt den Blick auf das Werk. Von rund 260 Leitmotiven des „Rings“ haben sie 27 ausgewählt, auf kleine Alutfalen als Noten und Text gedruckt und mit einem QR-Code versehen, über den die jeweilige Melodie auch angehört werden kann. Die Orte dazu haben die beiden Künstler augenzwinkernd gewählt. Am Stand der Stadtwurst zum Beispiel geht es um den „Feuerzauber“, im Gerichtszentrum um den „Vertrag“. „Wir wollen so dem Ganzen das Pompöse, das Schwere nehmen“, sagt die Künstlerin, die heute in Köln lebt und arbeitet.

Den "Weserhort" hat Ulrich Kügler (Minden) auf dem Kleinen Domhof aus Steinen gestaltet, die bei der Weser-Renaturierung an der Blänke geborgen wurden. MT- - © Foto: Alex Lehn
Den "Weserhort" hat Ulrich Kügler (Minden) auf dem Kleinen Domhof aus Steinen gestaltet, die bei der Weser-Renaturierung an der Blänke geborgen wurden. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Die nachgebauten Theaterstühle von Yoana Tuzharova (das MT berichtete) sind immerhin mit Blick auf das Mahnmal für die Opfer des Holocaust vor dem Theater platziert. Eine „Parallelbühne“ hat das Künstlerpaar Katarina Veldhues und Gottfried Schumacher hinter dem Kommunalarchiv geschaffen. Dort projizieren die Teilnehmer der „Lichtsicht“ in Bad Rothenfelde, jeden Abend zwischen 21 und 22.30 Uhr Bilder in einen der Glacis-Bäume. Künstliches Licht setzt auch der Berliner Nandor Angstenberger mit seinen farbigen Lichtkegeln aus Wollfäden im Weserglacis über der Bastau mit denen er der „Natur huldigen“ will.

Gunnar Heilmanns "Magischer Ring" aus Phacelia im Königsglacis wurde versehentlich abgemäht. Nun hofft der Künstler, dass das Objekt bis zum Ende der Ausstellung am 6. Oktober blüht.MT- - © Foto: Ursula Koch
Gunnar Heilmanns "Magischer Ring" aus Phacelia im Königsglacis wurde versehentlich abgemäht. Nun hofft der Künstler, dass das Objekt bis zum Ende der Ausstellung am 6. Oktober blüht.MT- (© Foto: Ursula Koch)

Die Emotionen, die Wagners Musik bei Zuhörern auslöst, macht Nike Gerochristodoulou mit ihren zehn Foto-Porträts sichtbar, die im Wagnertreff (Bäckertsraße 61-66) ausgestellt sind. Die Bonnerin Alexandra Kürtz hat „Wagners Wäsche“ über die Ritterstraße gehängt. Sie hat sich mit der Persönlichkeit Wagners beschäftigt, stellt seinen Hang zum Luxus heraus und seine Vorliebe für Frauenkleidung und sieht darin einen Bezug zur Gegenwart. Die Kleidung hat sie aus Samt und Seide nach historischen Schnitten gestaltet.

Die Fotografin Nike Gerochristodoulou aus Preußisch Oldendorf hat Passanten porträtiert, die nach dem Hören von Musikpassagen ihre Emotionen ausdrücken.MT- - © Foto: Ursula Koch
Die Fotografin Nike Gerochristodoulou aus Preußisch Oldendorf hat Passanten porträtiert, die nach dem Hören von Musikpassagen ihre Emotionen ausdrücken.MT- (© Foto: Ursula Koch)

Über zwei Projekte der Mindener Künstler Ulrich Kügler (der Ring aus Wesersteinen) und Gunnar Heilmann (der blühende Ring, der versehentlich abgemäht wurde) hatte das MT bereits berichtet. Dritter im Bunde ist Hartwig Reinboth, der einen künstlichen Schwan auf den Schwanenteich gesetzt hat und den Betrachter mit einer Inschrift auffordert „Sag dem Schwan dein Leid“. Er spielt damit auf Wagners Symbolik an.

Die vom Kulturbüro, dem Verein für aktuelle Kunst und der Minden Marketing organisiert Ausstellung ist noch bis zum 6. Oktober zu sehen. Flyer wiesen den Weg zu den einzelnen Standorten. Kostenlose Führungen starten jeden Freitag um 18.30 Uhr am Stadttheater.

Die gebürtige Mindenerin Tina Tonagel und Simon Rummel haben 27 Leitmotive aus dem "Ring des Nibelungen" ausgewählt, Noten und Text auf Alutafeln gedruckt. Über einen QR-Code können die Betrachter die Passage auch auf ihrem Smartphone anhören.MT- - © Foto: Ursula Koch
Die gebürtige Mindenerin Tina Tonagel und Simon Rummel haben 27 Leitmotive aus dem "Ring des Nibelungen" ausgewählt, Noten und Text auf Alutafeln gedruckt. Über einen QR-Code können die Betrachter die Passage auch auf ihrem Smartphone anhören.MT- (© Foto: Ursula Koch)

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Der Berliner Künstler Nandor Angstenberger huldigt mit seinen künstlichen Lichtkegeln aus Wollfäden, die er über der Bastau gesetzt hat, der Natur. MT- - © Foto: Ursula Koch
Der Berliner Künstler Nandor Angstenberger huldigt mit seinen künstlichen Lichtkegeln aus Wollfäden, die er über der Bastau gesetzt hat, der Natur. MT- (© Foto: Ursula Koch)

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Er wolle mit den Sprüchen Diskussionen auslösen und habe die Orte bewusst gewählt. Vor dem Theaterportal prangt der Satz „Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven“, vor der Geschäftsstelle des MT hat er den Satz „Ein politischer Mann ist widerlich“ angebracht. „Eine Musikaufführung hinaustragen in die Stadt, das ist ein tolles Unternehmen“, sagt Roland Nachtigäller. Der Direktor des Herforder Marta hatte zusammen mit Jana Duda (OWL Kulturbüro), Regina-Dolores Stieler-Hinz (Beigeordnete für Bildung, Kultur, Sport und Freizeit), Dr. Marion Tüting (Mindener Museum), Dr. Jörg Sander (Minden Marketing) und Dr. Josef Spiegel (Stiftung Künstlerdorf Schöppingen) die sieben Projekte aus 48 Bewerbungen ausgewählt. Die drei heimischen Künstler Gunnar Heilmann, Ulrich Kügler und Hartwig Reinboth waren gesetzt. „Kunst in der Gegenwart ist nicht abgeschlossen, sondern Gegenstand der Auseinandersetzung“, gab Nachtigäller dem Publikum mit auf den Weg. Der Blick der Künstler sei breit gefächert, beschäftige sich mit der Musik, ihrer Emotionalität, der Symbolkraft oder schlicht der Inszenierung selber. „Wagner ist immer ein Wagnis“, sagte Nachtigäller. Das allerdings war der in Minden geborenen Künstlerin Tina Tonagel zu allgemein formuliert: „Wir sollten nicht unerwähnt lassen, dass Wagner ein Antisemit war.“ Sie halte dabei aber die Trennung zwischen Werk und Person für möglich. Wagners politische Äußerungen spielen allerdings in der Ausstellung keine Rolle. Auch die Arbeit von Tonagel, die sie zusammen mit dem Musiker Simon Rummel realisiert hat, lenkt den Blick auf das Werk. Von rund 260 Leitmotiven des „Rings“ haben sie 27 ausgewählt, auf kleine Alutfalen als Noten und Text gedruckt und mit einem QR-Code versehen, über den die jeweilige Melodie auch angehört werden kann. Die Orte dazu haben die beiden Künstler augenzwinkernd gewählt. Am Stand der Stadtwurst zum Beispiel geht es um den „Feuerzauber“, im Gerichtszentrum um den „Vertrag“. „Wir wollen so dem Ganzen das Pompöse, das Schwere nehmen“, sagt die Künstlerin, die heute in Köln lebt und arbeitet. Die nachgebauten Theaterstühle von Yoana Tuzharova (das MT berichtete) sind immerhin mit Blick auf das Mahnmal für die Opfer des Holocaust vor dem Theater platziert. Eine „Parallelbühne“ hat das Künstlerpaar Katarina Veldhues und Gottfried Schumacher hinter dem Kommunalarchiv geschaffen. Dort projizieren die Teilnehmer der „Lichtsicht“ in Bad Rothenfelde, jeden Abend zwischen 21 und 22.30 Uhr Bilder in einen der Glacis-Bäume. Künstliches Licht setzt auch der Berliner Nandor Angstenberger mit seinen farbigen Lichtkegeln aus Wollfäden im Weserglacis über der Bastau mit denen er der „Natur huldigen“ will. 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