Minden

Tenor mit Humor: Jeff Martin und der Mindener „Ring“

Udo Stephan Köhne

Minden (usk). Ein Tenor mit Humor. „Ich bin zu nichts anderem qualifiziert“, sagt Jeff Martin gleich zu Beginn des Gesprächs auf die Frage, warum er denn Opernsänger geworden sei. Sofort ist klar: Hier steht ein Sänger, der alle Vorurteile über Tenöre Lügen straft. Wer also schon immer dachte, die „Ritter des Hohen Cs“ seien dümmliche Selbstdarsteller, der sollte mit Jeff Martin lieber nicht reden.

Jeff Martin ist seit diesem Jahr Teil des Mindener „Ring“ nach Wagner. Der Tenor will die Stadt näher kennenlernen. - © Foto: Udo Stephan Köhne
Jeff Martin ist seit diesem Jahr Teil des Mindener „Ring“ nach Wagner. Der Tenor will die Stadt näher kennenlernen. (© Foto: Udo Stephan Köhne)

Denn der gebürtige Amerikaner mit perfektem Deutsch und leicht fränkischem Akzent – Martin lebt in Nürnberg – ist der Typ des reflektierenden Sängers; ein Künstler, der den Opernbetrieb und seine Tücken durchaus auch kritisch betrachtet, sich keinen Illusionen hingibt und als musikalisch äußerst informierter Sänger auftritt. Übertriebene Selbstdarstellung ist nicht die Sache des Jeff Martin, der in diesem Jahr erst im Mindener „Ring“ die Partie des Mime übernommen hat. Die Arbeit hier gefällt ihm, für das Ensemble findet er nur gute Worte. Doch reine Pflichterfüllung ist das nicht, sondern volle Überzeugung. Weil es bescheiden und doch mit voller Überzeugung formuliert ist. Schade sei es, dass er nicht von Anfang an dabei gewesen sei, schickt Jeff Martin hinterher. Und bedauerlich findet er auch, von der Weserstadt und ihren Schönheiten bis jetzt nicht allzu viel mitbekommen zu haben.

Er selbst stammt aus dem Nordosten der USA. Der Vater spielte Orgel in der Kirche, der noch kleine Jeff sang im Kirchenchor und auf dem Gymnasium im Schulchor. Von der Schule weg ging es direkt ins Musikstudium. „Im Opernchor des amerikanischen Spoleto-Festivals in Charleston wurde ich dann mit Europa angesteckt.“ Danach gab es nur eine Konsequenz: Jeff Martin ging nach Deutschland, denn „wenn man Sänger werden will, dann muss man aufgrund der vielen Möglichkeiten“ einfach in das Land mit den meisten Opernhäusern der Welt. Ein bisschen habe er da schon die deutsche Sprache gekonnt, aber „der Schlüssel war die erste deutsche Freundin“. Inzwischen ist von der amerikanischen Muttersprache nichts mehr zu hören, es sei denn, Martin bringt ein englischsprachiges Zitat ins Spiel.

Der sängerische Anfang wurde im lyrischen Fach gemacht. Martin sang Tamino aus der „Zauberflöte“, den Ferrando aus „Cosi fan tutte“, trat in Rossini-Opern auf. In Dresden an der Semperoper war er beispielsweise in der „Italienerin in Algier“ zu hören. Von Stralsund über Regensburg und Dortmund bis nach Nürnberg führte ihn sein Opernensembleleben. In Dortmund und auch Nürnberg hat er dann Mime gesungen.

Ein Fachwechsel: „Als Christine Mielitz als Intendantin nach Dortmund kam, dachte ich, es wäre nicht dumm, ins Charakterfach zu wechseln.“ Aber Jeff Martin sang auch Florestan und in Straßburg sogar die Titelpartie von Wagners „Siegfried“, was in einem Youtube-Video dokumentiert ist.

Überhaupt ist der Amerikaner weit herumgekommen. Am Bolschoi-Theater ist er aufgetreten, und an der Oper in Lyon hat er sieben Produktionen bestritten. Sein Repertoire ist breit und keinesfalls Wagner-lastig. Ganz im Gegenteil. Rollen in Opern von Benjamin Britten, Peter Tschaikowsky, Franz Schreker und Dmitri Schostakowitsch sowie manches Zeitgenössische gehören ebenso zum Repertoire dieses Sängers. Natürlich ist der Mime im „Siegfried“ eine besondere Herausforderung, schon allein aufgrund der Länge der Partie. Allein der erste Aufzug ist 82 Minuten lang und Mime ständig singend auf der Bühne präsent. Martin macht das an einem Vergleich deutlich: nur ganze 27 Minuten netto dauere etwa die berühmte Partie des Rodolfo aus „La Boheme“. Ein trefflicher Vergleich aus dem Mund eines gewissenhaften und vergleichenden Sänger, der sehr genau seine eigene Position im Opernleben erkennt und analysiert.

Auch zum Thema Inszenierung hat Martin eine klare Meinung. Uwe Eric Laufenbergs Bayreuther Parsifal-Inszenierung etwa lässt ihn ins Schwärmen geraten. Regiearbeiten, die wissen wohin sie wollen, „da ist man sehr glücklich als Sänger.“ Kein Wunder dass Jeff Martin über die Mindener Ring-Regie von Gerd Heinz nur lobende Worte findet. Und musikalisch: Was mag er da? „Ich liebe Beethoven und Brahms.“ Aber eigentlich sei das zu speziell: „Ich genieße alles außer dem Schlechten.“ Das sympathische Grundprinzip dieses Tenors. Plötzlich doch noch ein Favorit: „Für mich gibt es nichts Besseres als Bach.“

Und dann erzählt Jeff Martin von einer Matthäus-Passion in Notre-Dame, mit dem Dirigenten John Nelson und in einer eher romantischen Aufführungstradition realisiert. Absolut richtig gehört: Jeff Martin kann nicht nur Oper und moderne Musik, sondern auch Oratorium. Spannende Bekenntnisse eines äußerst Vielseitigen.

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MindenTenor mit Humor: Jeff Martin und der Mindener „Ring“Udo Stephan KöhneMinden (usk). Ein Tenor mit Humor. „Ich bin zu nichts anderem qualifiziert“, sagt Jeff Martin gleich zu Beginn des Gesprächs auf die Frage, warum er denn Opernsänger geworden sei. Sofort ist klar: Hier steht ein Sänger, der alle Vorurteile über Tenöre Lügen straft. Wer also schon immer dachte, die „Ritter des Hohen Cs“ seien dümmliche Selbstdarsteller, der sollte mit Jeff Martin lieber nicht reden. Denn der gebürtige Amerikaner mit perfektem Deutsch und leicht fränkischem Akzent – Martin lebt in Nürnberg – ist der Typ des reflektierenden Sängers; ein Künstler, der den Opernbetrieb und seine Tücken durchaus auch kritisch betrachtet, sich keinen Illusionen hingibt und als musikalisch äußerst informierter Sänger auftritt. Übertriebene Selbstdarstellung ist nicht die Sache des Jeff Martin, der in diesem Jahr erst im Mindener „Ring“ die Partie des Mime übernommen hat. Die Arbeit hier gefällt ihm, für das Ensemble findet er nur gute Worte. Doch reine Pflichterfüllung ist das nicht, sondern volle Überzeugung. Weil es bescheiden und doch mit voller Überzeugung formuliert ist. Schade sei es, dass er nicht von Anfang an dabei gewesen sei, schickt Jeff Martin hinterher. Und bedauerlich findet er auch, von der Weserstadt und ihren Schönheiten bis jetzt nicht allzu viel mitbekommen zu haben. Er selbst stammt aus dem Nordosten der USA. Der Vater spielte Orgel in der Kirche, der noch kleine Jeff sang im Kirchenchor und auf dem Gymnasium im Schulchor. Von der Schule weg ging es direkt ins Musikstudium. „Im Opernchor des amerikanischen Spoleto-Festivals in Charleston wurde ich dann mit Europa angesteckt.“ Danach gab es nur eine Konsequenz: Jeff Martin ging nach Deutschland, denn „wenn man Sänger werden will, dann muss man aufgrund der vielen Möglichkeiten“ einfach in das Land mit den meisten Opernhäusern der Welt. Ein bisschen habe er da schon die deutsche Sprache gekonnt, aber „der Schlüssel war die erste deutsche Freundin“. Inzwischen ist von der amerikanischen Muttersprache nichts mehr zu hören, es sei denn, Martin bringt ein englischsprachiges Zitat ins Spiel. Der sängerische Anfang wurde im lyrischen Fach gemacht. Martin sang Tamino aus der „Zauberflöte“, den Ferrando aus „Cosi fan tutte“, trat in Rossini-Opern auf. In Dresden an der Semperoper war er beispielsweise in der „Italienerin in Algier“ zu hören. Von Stralsund über Regensburg und Dortmund bis nach Nürnberg führte ihn sein Opernensembleleben. In Dortmund und auch Nürnberg hat er dann Mime gesungen. Ein Fachwechsel: „Als Christine Mielitz als Intendantin nach Dortmund kam, dachte ich, es wäre nicht dumm, ins Charakterfach zu wechseln.“ Aber Jeff Martin sang auch Florestan und in Straßburg sogar die Titelpartie von Wagners „Siegfried“, was in einem Youtube-Video dokumentiert ist. Überhaupt ist der Amerikaner weit herumgekommen. Am Bolschoi-Theater ist er aufgetreten, und an der Oper in Lyon hat er sieben Produktionen bestritten. Sein Repertoire ist breit und keinesfalls Wagner-lastig. Ganz im Gegenteil. Rollen in Opern von Benjamin Britten, Peter Tschaikowsky, Franz Schreker und Dmitri Schostakowitsch sowie manches Zeitgenössische gehören ebenso zum Repertoire dieses Sängers. Natürlich ist der Mime im „Siegfried“ eine besondere Herausforderung, schon allein aufgrund der Länge der Partie. Allein der erste Aufzug ist 82 Minuten lang und Mime ständig singend auf der Bühne präsent. Martin macht das an einem Vergleich deutlich: nur ganze 27 Minuten netto dauere etwa die berühmte Partie des Rodolfo aus „La Boheme“. Ein trefflicher Vergleich aus dem Mund eines gewissenhaften und vergleichenden Sänger, der sehr genau seine eigene Position im Opernleben erkennt und analysiert. Auch zum Thema Inszenierung hat Martin eine klare Meinung. Uwe Eric Laufenbergs Bayreuther Parsifal-Inszenierung etwa lässt ihn ins Schwärmen geraten. Regiearbeiten, die wissen wohin sie wollen, „da ist man sehr glücklich als Sänger.“ Kein Wunder dass Jeff Martin über die Mindener Ring-Regie von Gerd Heinz nur lobende Worte findet. Und musikalisch: Was mag er da? „Ich liebe Beethoven und Brahms.“ Aber eigentlich sei das zu speziell: „Ich genieße alles außer dem Schlechten.“ Das sympathische Grundprinzip dieses Tenors. Plötzlich doch noch ein Favorit: „Für mich gibt es nichts Besseres als Bach.“ Und dann erzählt Jeff Martin von einer Matthäus-Passion in Notre-Dame, mit dem Dirigenten John Nelson und in einer eher romantischen Aufführungstradition realisiert. Absolut richtig gehört: Jeff Martin kann nicht nur Oper und moderne Musik, sondern auch Oratorium. Spannende Bekenntnisse eines äußerst Vielseitigen.