Minden

Maria 2.0: Durch die Mindener katholische Gemeinde geht ein tiefer Riss

Monika Jäger

Minden (mt). „Durch unsere katholische Gemeinde geht ein tiefer Riss", sagt Emmeline K. Sie ist gläubig, geht regelmäßig zum Gottesdienst. Aus Überzeugung, aber auch, weil sie so die Menschen trifft, die ihr in Minden wichtig sind. Die, sagt sie, begegneten ihr im Dom allerdings immer seltener.

Seit mehr als 1.000 Jahren gibt es im Mindener Dom Gottesdienste. Zunächst war er Bischofskirche des Bistums Minden, nach dessen Aufhebung 1648 wurde er römisch-katholische Pfarrkirche. Seit 1859 ist der Dom Propsteikirche. Zurzeit wünschen sich manche Gemeindeglieder mehr Offenheit. MT- - © Foto: Alex Lehn
Seit mehr als 1.000 Jahren gibt es im Mindener Dom Gottesdienste. Zunächst war er Bischofskirche des Bistums Minden, nach dessen Aufhebung 1648 wurde er römisch-katholische Pfarrkirche. Seit 1859 ist der Dom Propsteikirche. Zurzeit wünschen sich manche Gemeindeglieder mehr Offenheit. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Nach und nach hätten sich in den letzten Jahren viele der früher Aktiven zurückgezogen, so ihr Eindruck. Und seit Fronleichnam sei die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Dabei sei doch hochspannend, was im Moment deutschlandweit zum Beispiel unter dem Motto „Maria 2.0" diskutiert werde – Kirche müsse sich öffnen und verändern. „In Minden ist aber leider von einem Aufbruch oder solchen Diskussionen nichts zu merken", sagt Emmeline K.

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Reformen

Unter dem Motto „Maria 2.0" protestierten seit dem Januar diesen Jahres katholische Frauen gegen eine männerdominierte Kirche, für den Zugang von Frauen zu Weihämtern, für die Aufklärung der Missbrauchsfälle, gegen den Zölibat. Verschiedene Frauengruppen haben unter diesem Motto zum Teil auch nur einige der Forderungen aufgegriffen. Begonnen hatte das in einer Facebook-Gruppe von Münsteraner Frauen. (mariazweipunktnull.de)

„Macht Euch stark für eine geschlechtergerechte Kirche": Ab 23. September ruft die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) zu einer Aktionswoche auf. Denn eine Kirche, die gehört werden und glaubwürdig sein will, müsse Geschlechtergerechtigkeit vorleben. Der bundesweite Auftakt findet parallel zur Bischofskonferenz in Fulda statt.

„Die Kirche der Zukunft wird von Frauen und Männern gleichberechtigt geleitet werden müssen", so die kfd. Deren Bundesversammlung verabschiedete am 21. Juni 2019 einstimmig das Positionspapier „Gleich und berechtigt. Alle Dienste und Ämter für Frauen in der Kirche." Dafür stimmten alle der 92 Delegierten aus den 20 kfd-Diözesanverbänden.
Die Bundesvorsitzende der kfd, Mechthild Heil, sagte nach der einstimmigen Verabschiedung: „Wir sind stolz auf dieses starke Votum, das schwarz auf weiß bestätigt, wofür wir uns seit Jahrzehnten einsetzen. Das Papier zeigt auf, wie sehr die Kirche durch die Zulassung von Frauen zu allen Ämtern gewinnen könnte. Gleichzeitig steht es für die Kraft, den Willen und die Zuversicht von uns Frauen, endlich gleichberechtigt unsere Kirche zu gestalten und zu führen." (kfd-bundesverband.de)

Die kfd ist mit rund 450 000 Mitgliedern in 4000 pfarrlichen Gruppen der größte katholische Frauenverband und einer der größten Frauenverbände Deutschlands. Bereits im Jahr 1999 verabschiedete der Verband die „Leitlinien '99", deren Forderung nach Zulassung von Frauen zu allen Diensten und Ämtern in der Kirche damals allerdings aufgrund von Konflikten mit der Deutschen Bischofskonferenz herausgenommen werden musste, so die kfd.

Die Sorgen der Mindener Gläubigen sind beim Bischof in Paderborn seit einiger Zeit bekannt; nach mehreren Beschwerden schickte das Generalvikariat jüngst einen Moderator nach Minden. Über Anlass und Inhalte gibt es – wie bei solchen Prozessen auch in der freien Wirtschaft üblich – keine näheren Angaben.

Katholische Frauenwollen den Aufbruch

Möglich, dass es auch um die Wellen geht, die der erbitterte Streit um das Motto des Mindener Blumenherzens zu Fronleichnam ausgelöst hat.

Frauen möchten mehr in der katholischen Kirche – das ist zurzeit unter dem Schlagwort „Maria 2.0" ein zentrales Thema. „Maria, schweige nicht" heißt die aktuelle Aktion des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Die größte katholische Frauenorganisation, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, fordert sogar den Zugang von Frauen „zu allen kirchlichen Diensten und Ämtern". Das wäre dann auch das Papstamt.

So weit würde Emmeline K. nicht gehen. „Es gibt hier in Minden auch viele Frauen, die sich für dieses Thema gar nicht interessieren." Sich darüber austauschen möchte sie trotzdem gern. „Aber das ist leider nicht möglich."

Ihren richtigen Namen will sie – wie alle Frauen, die in diesem Bericht zu Wort kommen – nicht sagen. Denn seinen Priester, seine Gemeinde, seine Kirche kritisiert man nicht. Nicht öffentlich. Die Reaktionen darauf seien oft harsch – nicht nur von denen, die das Sagen hätten, sondern auch von anderen Gemeindegliedern.

Marion P. geht da noch weiter. Öffentlich Kritik zu äußern, das könne auch bedeuten, sich gegen die Gemeinschaft zu stellen. Sie habe sich erst dazu durchringen können, ihre Unzufriedenheit öffentlich zu äußern, nachdem sie sich nicht mehr wirklich als Teil der Gemeinde fühlte. Für sie steht „Maria 2.0" seit Fronleichnam für Resignation und Rückzug.

Wie ein Herz zum Stein des Anstoßes wurde

Der äußere Anlass könnte banal auf alle wirken, die nur kurz hinschauen auf diesen Streit im Paradies – dem Eingangsbereich – des Mindener Domes. Hier legen, so ist das Tradition, zu Fronleichnam katholische Frauen seit vielen Jahren einen Blumenteppich mit Motiven aus, die sie selbst aussuchen. Ein „K" war es zum Beispiel in dem Jahr, als das Kolpingwerk Jubiläum hatte, berichten Marion P. und andere Frauen.

In diesem Jahr jedoch gab es nur wenige Blüten, zudem wollte eine der Blumen-Damen nach als ungerecht empfundener Kritik an ihrem kirchlichen Engagement nicht übermäßig viel Zeit investieren. So wurde es ein Herz, etwa drei Meter breit, und als irgendwer vorschlug, „lasst uns Maria 2.0 legen", war die Gruppe dabei.

„Mich hat bis heute niemand darum gebeten, über Maria 2.0 zu diskutieren", sagt hingegen Dompropst Roland Falkenhahn. Er sagt, das Herz sei eine bewusste Provokation gewesen – allerdings gibt er auch zu verstehen: wäre er zu der Zeit im Dienst gewesen, hätte er die Blüten wohl nicht entfernt.

Eine Aufforderung zum Nachdenken, auch zum Gespräch sollte der Schriftzug sein, so Marion P. heute. In Minden nämlich hatte die Bewegung „Maria 2.0" bisher kaum Wellen geschlagen. Dabei gehe es doch um Kernthemen der Kirche: Stärkung der Rolle von Frauen in der Gemeinde, Aufklärung der Missbrauchsfälle, Abschaffung des Zölibats. „Darüber muss man doch reden, das kann man nicht einfach totschweigen", sagt Marion P. empört. Doch nicht alle waren und sind dieser Meinung. Und so wurde aus dem Herz ein Stein des Anstoßes.

Große Bandbreite katholischer Christen

Im Pastoralverbund Mindener Land ist eine große Bandbreite katholischer Christen zu finden: Hier gibt es auf der einen Seite des Spektrums Gläubige, die alle vier Wochen sonntags nach sehr altem katholischen Ritus zur tridentinischen Messe in der Mauritiuskirche gehen, bei der die Hostie den Knieenden in den Mund gelegt wird und ein extra dafür angereister Priester in lateinischer Sprache mit dem Rücken zur Gemeinde zelebriert. Und gleichzeitig haben hier viele Katholiken evangelische Ehepartner und leben alltägliche Ökumene – also das Bemühen um die Einheit aller Christen. Katholiken sind mit 9,5 Prozent die Minderheit: Minden ist katholische Diaspora.

Maria 2.0 war hier vor allem für kritisch eingestellte Frauen wie ein Ruf zum Aufbruch, einer, der selbst im Hochstift Paderborn nicht verurteilt wird. „Die Initiative „Maria 2.0" geht allgemein von katholischen Frauen und Männern aus, die sich um den gegenwärtigen Zustand und die Zukunftsfähigkeit der katholischen Kirche in Deutschland sorgen", so Benjamin Krysmann, Pressesprecher des Erzbischöflichen Generalvikariats in Paderborn. Viele von diesen Personen hätten das Leben in den Gemeinden geprägt. Die Verantwortlichen für das Erzbistum Paderborn schätzten dieses Engagement „in hohem Maße". Denn ohne das wäre doch ein gemeinschaftliches Miteinander in den Kirchengemeinden kaum vorstellbar.

Allerdings sei dabei auch Fingerspitzengefühl nötig: Aktuelle Initiativen würden nicht nur auf Zustimmung stoßen, sondern auch Widerspruch hervorrufen. „So können aus Aktionen, selbst in bester Absicht, Spannungen entstehen, die auch zu schwerwiegenden Brüchen führen können."

Wie in Minden. Denn der Schriftzug „Maria 2.0" im Herzteppich aus bunten Blüten war am nächsten Morgen verschwunden. „Keiner hat uns angesprochen. Alle wissen, wer die Blumenteppiche legt. Alle haben unsere Telefonnummern", sagt Marion P. Für sie war das ein Eingriff der Mächtigen in ihre kreative Arbeit für die Gemeinde.

Die Frauen brachten nun neue Blumen mit und legten das „2.0" wieder hin. Und dann stellte sich eine von ihnen daneben. Es war der Fronleichnamsmorgen, die ersten Gläubigen kamen bereits. Nur kurz verließ die Frau ihren Platz. Als sie zurückkam. war das „2.0" wieder fort.

Plötzlich sprachen vieleüber Grenzen und Freiheit

Und nun sprachen plötzlich viele über „Maria 2.0", darüber, was Frauen, was Nicht-Priestern in einer Gemeinde erlaubt ist und was nicht. Wie sehr Laien sich einbringen können und sollten, was alles mit den geweihten Priestern abzusprechen wäre und wo persönliche Entscheidungsfreiheit endet.

Diskutiert wurde auch auf der Internet-Plattform Facebook. Mit Hashtags wie „angstvorblumen" auf der einen, „angstvorargumenten" auf der anderen Seite entbrannte ein heftiger Streit. „Eucharistieverachtend" sei das Herz gewesen, es habe die religiösen Gefühle der Gläubigen verletzt, sei eigenmächtig, unbedacht, unreflektiert, so die eine Seite.

„Maria 2.0" sei eine weltweite Initiative, ein Diskussionsprozess, der an Verkrustungen klopfe, sagten die anderen: „Meinem Glauben täten eine Aufhebung des Zölibats und die Zulassung von Frauen zu Ämtern sehr wohl."

Und wieder die Replik der Gegner darauf: Wer mit der Verfasstheit der katholischen Kirche nicht klar komme, dem stehe es frei, zu konvertieren. „Gott hätte sich über diesen Teppich nicht gefreut", habe ein Priester zu ihr gesagt, berichtet eine der Blumenfrauen.

Über einen anderen Teppich freute sich aber das Erzbistum in Paderborn. Den „Maria 2.0"-Teppich aus Attendorn stellte es als Video auf seine Homepage.

In Paderborn, möchte man nun gerne auch in Minden wieder Frieden stiften: Die Verantwortlichen für das Erzbistum wünschten sich, dass alle Christinnen und Christen grundsätzlich wohlwollend aufeinander zugingen und das Gespräch suchen, so Pressesprecher Krysmann. „In den Gemeinden vor Ort ist an dieser Stelle sicher auch die Dialogfähigkeit der Geistlichen und der Pastoralteams gefragt." Denn letztlich solle es auch bei herausfordernden Fragen „stets um ein konstruktives Ringen um Antworten gehen".

Konstruktiv? Ringen um Antworten? Die Chance dafür sei hier in Minden nur gering, sagen die Frauen, die Veränderungen verlangen: „Manche Priester machen hier total dicht, wenn sie sich angegriffen fühlen", so Marion P. Eine andere Katholikin hat sich für Schweigen entschieden: „Mein Ehrenamt ist mir wichtig, und ich möchte es nicht verlieren." Sie hätte gerne mitbestimmt, wie ihre Kirche gestaltet wird und findet aber nun, dass die „Ultra-Hardliner" unwidersprochen gegen ihre Bemühungen für Änderungen vorgehen können.

Wann ist eigentlich ein Christ ein guter Katholik?

Ultra-Hardliner? Davon fühlt sich Dompropst Roland Falkenhahn (55) nicht angesprochen. „Ich bin nicht erzkatholisch, ich bin normal katholisch", sagte er im MT-Gespräch. Doch seine oft sehr klare und – vor allem im Vergleich zum Vorgänger Paul Jakobi – strengere Haltung etwa bei der Abwicklung von Gottesdiensten oder der Auslegung von Regeln war bei den Mindener Katholiken von Anfang an umstritten.

Der Anfang, das war 2004. „Wir waren damals erschrocken. Der neue Propst machte schon in seinem Antrittsgottesdienst deutlich, dass nun andere Zeiten einkehren würden", so ein Gemeindeglied gegenüber dem MT. Optisch sei das schon deutlich geworden, als der neue Mann von Vertretern des „Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem" in weißen Mänteln mit rotem Jerusalemkreuz begleitet wurde. Das ist ein Laienorden der katholischen Kirche, der seine Mitglieder beruft. „Ritter" und „Damen" werden unter Persönlichkeiten ausgewählt, die sich – so die Homepage oessh.net – „in besonderer Weise um die katholischen Einrichtungen im Heiligen Land und um den Orden verdient gemacht haben."

Auch inhaltlich merkten die versammelten Mindener Katholiken an diesem ersten Tag, dass sich die Dinge ändern würden. „Der Gottesdienst war sehr viel ernster und traditionsbehafteter als alles Dagewesene", sagt Emmeline K. Hatte der neue Mann denn bei der Gemeinde eine Chance? „Selbstverständlich, so die Frau. „Die liberale Art des vorherigen Propstes hatte ja auch nicht allen gefallen." Falkenhahn selbst sagt: „Ich hatte damals einen schwierigen Start, weil über mich viel erzählt worden ist – von Leuten, die mich überhaupt nicht kannten."

Dass ihm heute indirekt vorgeworfen werde, er habe die Bestrebungen zur Ökumene verhindert und so Menschen aus der Gemeinde getrieben, ärgert ihn: „Dazu ist hier nie so viel gelaufen wie zu meiner Zeit." Mit freikirchlichen Gläubigen, Russisch-orthodoxen und auch Kopten pflege er guten Kontakt, und mit dem evangelischen Superintendenten sowieso. Und der Dom sei jeden Sonntag voll.

Dürfen auch evangelische Christen die Hostie bekommen?

Mache Gemeindeglieder und vor allem einige gemischtkonfessionelle Ehepaare sehen das anders. „Jesus hat sich für alle Menschen hingegeben. Es gibt einen Gott für alle Menschen, egal, ob evangelisch oder katholisch", sagt eine der Mindener Frauen. Evangelische Ehepartner können jedoch an der Kommunion im Gottesdienst nicht mehr teilnehmen – selbst zur Feier ihrer eigenen goldenen Hochzeit nicht. Nirgendwo stehe, dass die Hostie nicht an evangelische Ehepartner ausgegeben werden dürfe. „Diese Familien leiden darunter, meine eigene – mein Mann ist evangelisch – mag gar nicht mehr in die Kirche gehen", sagt eine andere.

Mit dieser Frage hat sich auch die Deutsche Bischofskonferenz befasst und dazu eine Orientierungshilfe zu „konfessionsverbindenden Ehen und gemeinsamer Teilnahme an der Eucharistie" herausgegeben. Im Anschluss habe Erzbischof Hans-Josef Becker dem pastoralen Personal im Erzbistum Paderborn empfohlen, sich damit intensiv vertraut zu machen. Es solle „entsprechend seelsorglich verantwortbar handeln", so Pressesprecher Krysmann. Allerdings gehe es „um eine verantwortliche Einzelfallprüfung" und keine allgemeine Zulassung zur Kommunion, erklärt er. Deutlich macht er aber auch dieses: „Konfessionsverbindende Ehepaare und Familien liegen den Verantwortlichen im Erzbistum Paderborn ebenso am Herzen wie die Ökumene."

Propst Roland Falkenhahn ist zutiefst von der Richtigkeit seiner Haltung und seiner Vorgehensweise überzeugt. „Hier gab es vorher eine durch die kirchliche Lehre nicht gedeckte Praxis", sagt er. Und: Er sei immerhin auch mit dem Auftrag hergekommen, die Gemeinde wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, lässt er durchblicken. „Leitung in Zeiten der Veränderung – dafür kann man keinen Beifall erwarten." In der Kirche sei zurzeit so viel Zeitgeist, aber der sei nun einmal ein schlechter Ratgeber.

Dass dieser Propst jemand ist, der auf der Kanzel Kante zeigt, schätzen viele in der Gemeinde. Seine Predigten seien deutlich und direkt, er beziehe immer Position und er scheue auch konfliktbesetzte Themen nicht: „Ein Genuss." Als Falkenhahn zur Zeit der heftigsten Diskussionen um sexuellen Missbrauch in seiner Sonntagspredigt sehr klar wurde („Jeder einzelne Fall ist eine Katastrophe", das sagte er auch jetzt wieder), ging das manchen Gläubigen zu weit: So ein heikles Thema am heiligen Sonntag. . . „Ich gehe meinen Weg", sagt der Propst. „Die Erneuerung der Kirche muss aus dem Kern kommen und nicht aus den Strukturen ringsum." Die tägliche Eucharistie und die Begegnung mit Jesus Christus – das sei der Kern seines Lebens. Er kämpft für die Kirche, wie er sie sieht.

Für eine Gemeinschaft aller Christen

Und darum macht er auch vieles anders als sein Vorgänger. Propst i.R. Paul Jakobi ist heute 91 Jahre alt. Und auch er ging seinen eigenen Weg. Er war es, der Ehepaaren die gemeinsame Kommunion ermöglichte. Ökumene ist für ihn sein ganzes Leben als Priester ein bedeutendes Thema gewesen, für das er sich schon im Auftrag der Kirche als junger Mann eingesetzt hat. „Wenn einer nur den Buchstaben sieht und nicht den Geist, dann geht der Glaube verloren", sagt er, und „wir brauchen eine Erneuerung der Kirche – wir müssen den Glauben entdecken, das Mysterium, wir brauchen Gottesdienste, die die Menschen faszinieren."

Lange schon predigt er nicht mehr im Dom. Warum eigentlich? Jakobi habe auf der Kanzel Äußerungen gemacht, die er nicht habe mittragen können, so Falkenhahn. Was das war? Jakobi: „Ich habe da schon mal gesagt ,Was machen die da in Rom für einen Quatsch'. Ich habe immer den Mund aufgemacht." Andere sahen das als Beleidigung des Papstes.

Und die gemeinsame Kommunion von evangelischen und katholischen Gläubigen? „Ich werde mich hüten, das Gewissen der Menschen zu erforschen. Wenn einer in den Gottesdienst kommt, dann hat er das nötig, dann braucht er das. Es ist nicht an mir, zu urteilen", so Jakobi.

Als er in den Ruhestand ging, hat er sich aus dem aktiven Gemeindeleben weitgehend zurückgezogen. Doch bis heute zelebriert Jakobi Messen im Umland, und viele Menschen, die ihn immer noch lieben, folgen ihm dorthin. Dass Gemeinden zu immer größeren Pastoralverbünden zusammengefasst werden, weil die Zahl der Priester immer geringer wird, hält er für einen Irrweg: „Ich sage schon lange, dass der Weg zu 'viri probati' gehen muss; zu angesehenen, integren, gläubigen Männern, die im Leben stehen und doch zu Priestern geweiht werden." Erst jetzt, in Vorbereitung des Amazonas-Konzils im Oktober, und dann auch nur für Südamerika, werde dieser Gedanke in Rom aufgegriffen – auch, weil in Südamerika der Priestermangel akut wie sonst nirgends ist.

Schon vor 25 Jahren habe er für das Priestertum der Frau gesprochen. Denn die Rechtfertigung, dass nur Männer Priester sein dürften, sei brüchig. „Wenn man sich an die Buchstaben der Bibel hält, dürften doch nur Juden, Fischer und Menschen, die am See Genezareth leben, Priester werden." Kirche müsse man von innen erneuern – aber nicht durch Klerikalismus. „Klerikalismus ist eine Unverschämtheit, eine Macht von Menschen, die glauben, sie wüssten mehr und sie könnten sagen, was Kirche ist. Und das lassen sich die Laien heute nicht mehr gefallen."

Und ja, er sei immer kirchenkritisch gewesen, und er habe damit natürlich auch angeeckt. „Aber auf meinen Grabstein können Sie schreiben: Ich habe die Kirche geliebt."

Und so macht ein schlichtes Blumenherz in Minden deutlich, wie sehr die katholischen Gläubigen ringen – nicht nur um Deutungshoheit, nicht um Ämter, Männer, Macht, Zölibat oder Kommunion. Sondern um ihre Kirche, ihren Glauben. Und die Rolle, die Frauen dabei einnehmen.

Denn Maria will nicht mehr schweigen.

Stellvertreterkampf

Kommentar von Monika Jäger

Alle Menschen sind gleichberechtigt. Unabhängig von Geschlecht, Glauben, Hautfarbe, Geburt oder Herkunft. Das ist die Wurzel, aus der alles sprießt, was unsere Gesellschaft zusammenhält, sie einzigartig und schützenswert macht. Alles, was sich diesem Gedanken per Machtanspruch entgegenstellt, sollte mit kritischer Distanz betrachtet werden. Trump ebenso wie der Knigge oder die Kirche.
Darum ist es gut, wenn jetzt Mindener Frauen in der katholischen Kirche anfangen, den Mund aufzumachen und sich ein Stück ihrer Welt einfordern. Es ist traurig, dass manche von ihnen dadurch in Gewissensnöte kommen, es ist unverständlich, dass Kommunikation darüber offenbar so schwierig ist.
Und doch. Je länger ich mich in diesen Tagen mit dem Aufbruch der Frauen befasste, desto öfter fragte ich mich: Kann ich als evangelisch sozialisierte Frau überhaupt verstehen, worum es geht?
Ich sprach mit vielen Menschen, die sehr unterschiedlicher Ansicht waren und die am Ende doch eines einte: Sie glauben innig. Religion, Gemeinde und Kirche sind ihnen wichtig. Mehr als das: Die Fragen um Ökumene und die Art der Gottesdienste haben bei ihnen etwas mit ihrer Identität zu tun, mit dem Aufgehobensein in einer Gemeinschaft, vielleicht sogar mit ihrer Seele.
Denn eine Hostie ist für katholische Gläubige nicht einfach ein Symbol. Die Eucharistie mit Wandlung und Austeilung von Brot und Wein ist das Heiligste, das ihr Glauben, ihre Kirche haben – sie ist, ganz konkret, der Leib Christi. Das gibt dem Wunsch um Öffnung auf der einen und dem Bestreben nach Bewahren auf der anderen Seite besondere Bedeutungstiefe.
Doch auch die ist keine Rechtfertigung für stures Beharren auf eigenen Positionen. Die katholische Kirche hat genug Baustellen. Ein Stellvertreterkampf um Liturgie und Ökumene in Minden sollte nicht dazu gehören.

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MindenMaria 2.0: Durch die Mindener katholische Gemeinde geht ein tiefer RissMonika JägerMinden (mt). „Durch unsere katholische Gemeinde geht ein tiefer Riss", sagt Emmeline K. Sie ist gläubig, geht regelmäßig zum Gottesdienst. Aus Überzeugung, aber auch, weil sie so die Menschen trifft, die ihr in Minden wichtig sind. Die, sagt sie, begegneten ihr im Dom allerdings immer seltener. Nach und nach hätten sich in den letzten Jahren viele der früher Aktiven zurückgezogen, so ihr Eindruck. Und seit Fronleichnam sei die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Dabei sei doch hochspannend, was im Moment deutschlandweit zum Beispiel unter dem Motto „Maria 2.0" diskutiert werde – Kirche müsse sich öffnen und verändern. „In Minden ist aber leider von einem Aufbruch oder solchen Diskussionen nichts zu merken", sagt Emmeline K. Die Sorgen der Mindener Gläubigen sind beim Bischof in Paderborn seit einiger Zeit bekannt; nach mehreren Beschwerden schickte das Generalvikariat jüngst einen Moderator nach Minden. Über Anlass und Inhalte gibt es – wie bei solchen Prozessen auch in der freien Wirtschaft üblich – keine näheren Angaben. Katholische Frauenwollen den Aufbruch Möglich, dass es auch um die Wellen geht, die der erbitterte Streit um das Motto des Mindener Blumenherzens zu Fronleichnam ausgelöst hat. Frauen möchten mehr in der katholischen Kirche – das ist zurzeit unter dem Schlagwort „Maria 2.0" ein zentrales Thema. „Maria, schweige nicht" heißt die aktuelle Aktion des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Die größte katholische Frauenorganisation, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands, fordert sogar den Zugang von Frauen „zu allen kirchlichen Diensten und Ämtern". Das wäre dann auch das Papstamt. So weit würde Emmeline K. nicht gehen. „Es gibt hier in Minden auch viele Frauen, die sich für dieses Thema gar nicht interessieren." Sich darüber austauschen möchte sie trotzdem gern. „Aber das ist leider nicht möglich." Ihren richtigen Namen will sie – wie alle Frauen, die in diesem Bericht zu Wort kommen – nicht sagen. Denn seinen Priester, seine Gemeinde, seine Kirche kritisiert man nicht. Nicht öffentlich. Die Reaktionen darauf seien oft harsch – nicht nur von denen, die das Sagen hätten, sondern auch von anderen Gemeindegliedern. Marion P. geht da noch weiter. Öffentlich Kritik zu äußern, das könne auch bedeuten, sich gegen die Gemeinschaft zu stellen. Sie habe sich erst dazu durchringen können, ihre Unzufriedenheit öffentlich zu äußern, nachdem sie sich nicht mehr wirklich als Teil der Gemeinde fühlte. Für sie steht „Maria 2.0" seit Fronleichnam für Resignation und Rückzug. Wie ein Herz zum Stein des Anstoßes wurde Der äußere Anlass könnte banal auf alle wirken, die nur kurz hinschauen auf diesen Streit im Paradies – dem Eingangsbereich – des Mindener Domes. Hier legen, so ist das Tradition, zu Fronleichnam katholische Frauen seit vielen Jahren einen Blumenteppich mit Motiven aus, die sie selbst aussuchen. Ein „K" war es zum Beispiel in dem Jahr, als das Kolpingwerk Jubiläum hatte, berichten Marion P. und andere Frauen. In diesem Jahr jedoch gab es nur wenige Blüten, zudem wollte eine der Blumen-Damen nach als ungerecht empfundener Kritik an ihrem kirchlichen Engagement nicht übermäßig viel Zeit investieren. So wurde es ein Herz, etwa drei Meter breit, und als irgendwer vorschlug, „lasst uns Maria 2.0 legen", war die Gruppe dabei. „Mich hat bis heute niemand darum gebeten, über Maria 2.0 zu diskutieren", sagt hingegen Dompropst Roland Falkenhahn. Er sagt, das Herz sei eine bewusste Provokation gewesen – allerdings gibt er auch zu verstehen: wäre er zu der Zeit im Dienst gewesen, hätte er die Blüten wohl nicht entfernt. Eine Aufforderung zum Nachdenken, auch zum Gespräch sollte der Schriftzug sein, so Marion P. heute. In Minden nämlich hatte die Bewegung „Maria 2.0" bisher kaum Wellen geschlagen. Dabei gehe es doch um Kernthemen der Kirche: Stärkung der Rolle von Frauen in der Gemeinde, Aufklärung der Missbrauchsfälle, Abschaffung des Zölibats. „Darüber muss man doch reden, das kann man nicht einfach totschweigen", sagt Marion P. empört. Doch nicht alle waren und sind dieser Meinung. Und so wurde aus dem Herz ein Stein des Anstoßes. Große Bandbreite katholischer Christen Im Pastoralverbund Mindener Land ist eine große Bandbreite katholischer Christen zu finden: Hier gibt es auf der einen Seite des Spektrums Gläubige, die alle vier Wochen sonntags nach sehr altem katholischen Ritus zur tridentinischen Messe in der Mauritiuskirche gehen, bei der die Hostie den Knieenden in den Mund gelegt wird und ein extra dafür angereister Priester in lateinischer Sprache mit dem Rücken zur Gemeinde zelebriert. Und gleichzeitig haben hier viele Katholiken evangelische Ehepartner und leben alltägliche Ökumene – also das Bemühen um die Einheit aller Christen. Katholiken sind mit 9,5 Prozent die Minderheit: Minden ist katholische Diaspora. Maria 2.0 war hier vor allem für kritisch eingestellte Frauen wie ein Ruf zum Aufbruch, einer, der selbst im Hochstift Paderborn nicht verurteilt wird. „Die Initiative „Maria 2.0" geht allgemein von katholischen Frauen und Männern aus, die sich um den gegenwärtigen Zustand und die Zukunftsfähigkeit der katholischen Kirche in Deutschland sorgen", so Benjamin Krysmann, Pressesprecher des Erzbischöflichen Generalvikariats in Paderborn. Viele von diesen Personen hätten das Leben in den Gemeinden geprägt. Die Verantwortlichen für das Erzbistum Paderborn schätzten dieses Engagement „in hohem Maße". Denn ohne das wäre doch ein gemeinschaftliches Miteinander in den Kirchengemeinden kaum vorstellbar. Allerdings sei dabei auch Fingerspitzengefühl nötig: Aktuelle Initiativen würden nicht nur auf Zustimmung stoßen, sondern auch Widerspruch hervorrufen. „So können aus Aktionen, selbst in bester Absicht, Spannungen entstehen, die auch zu schwerwiegenden Brüchen führen können." Wie in Minden. Denn der Schriftzug „Maria 2.0" im Herzteppich aus bunten Blüten war am nächsten Morgen verschwunden. „Keiner hat uns angesprochen. Alle wissen, wer die Blumenteppiche legt. Alle haben unsere Telefonnummern", sagt Marion P. Für sie war das ein Eingriff der Mächtigen in ihre kreative Arbeit für die Gemeinde. Die Frauen brachten nun neue Blumen mit und legten das „2.0" wieder hin. Und dann stellte sich eine von ihnen daneben. Es war der Fronleichnamsmorgen, die ersten Gläubigen kamen bereits. Nur kurz verließ die Frau ihren Platz. Als sie zurückkam. war das „2.0" wieder fort. Plötzlich sprachen vieleüber Grenzen und Freiheit Und nun sprachen plötzlich viele über „Maria 2.0", darüber, was Frauen, was Nicht-Priestern in einer Gemeinde erlaubt ist und was nicht. Wie sehr Laien sich einbringen können und sollten, was alles mit den geweihten Priestern abzusprechen wäre und wo persönliche Entscheidungsfreiheit endet. Diskutiert wurde auch auf der Internet-Plattform Facebook. Mit Hashtags wie „angstvorblumen" auf der einen, „angstvorargumenten" auf der anderen Seite entbrannte ein heftiger Streit. „Eucharistieverachtend" sei das Herz gewesen, es habe die religiösen Gefühle der Gläubigen verletzt, sei eigenmächtig, unbedacht, unreflektiert, so die eine Seite. „Maria 2.0" sei eine weltweite Initiative, ein Diskussionsprozess, der an Verkrustungen klopfe, sagten die anderen: „Meinem Glauben täten eine Aufhebung des Zölibats und die Zulassung von Frauen zu Ämtern sehr wohl." Und wieder die Replik der Gegner darauf: Wer mit der Verfasstheit der katholischen Kirche nicht klar komme, dem stehe es frei, zu konvertieren. „Gott hätte sich über diesen Teppich nicht gefreut", habe ein Priester zu ihr gesagt, berichtet eine der Blumenfrauen. Über einen anderen Teppich freute sich aber das Erzbistum in Paderborn. Den „Maria 2.0"-Teppich aus Attendorn stellte es als Video auf seine Homepage. In Paderborn, möchte man nun gerne auch in Minden wieder Frieden stiften: Die Verantwortlichen für das Erzbistum wünschten sich, dass alle Christinnen und Christen grundsätzlich wohlwollend aufeinander zugingen und das Gespräch suchen, so Pressesprecher Krysmann. „In den Gemeinden vor Ort ist an dieser Stelle sicher auch die Dialogfähigkeit der Geistlichen und der Pastoralteams gefragt." Denn letztlich solle es auch bei herausfordernden Fragen „stets um ein konstruktives Ringen um Antworten gehen". Konstruktiv? Ringen um Antworten? Die Chance dafür sei hier in Minden nur gering, sagen die Frauen, die Veränderungen verlangen: „Manche Priester machen hier total dicht, wenn sie sich angegriffen fühlen", so Marion P. Eine andere Katholikin hat sich für Schweigen entschieden: „Mein Ehrenamt ist mir wichtig, und ich möchte es nicht verlieren." Sie hätte gerne mitbestimmt, wie ihre Kirche gestaltet wird und findet aber nun, dass die „Ultra-Hardliner" unwidersprochen gegen ihre Bemühungen für Änderungen vorgehen können. Wann ist eigentlich ein Christ ein guter Katholik? Ultra-Hardliner? Davon fühlt sich Dompropst Roland Falkenhahn (55) nicht angesprochen. „Ich bin nicht erzkatholisch, ich bin normal katholisch", sagte er im MT-Gespräch. Doch seine oft sehr klare und – vor allem im Vergleich zum Vorgänger Paul Jakobi – strengere Haltung etwa bei der Abwicklung von Gottesdiensten oder der Auslegung von Regeln war bei den Mindener Katholiken von Anfang an umstritten. Der Anfang, das war 2004. „Wir waren damals erschrocken. Der neue Propst machte schon in seinem Antrittsgottesdienst deutlich, dass nun andere Zeiten einkehren würden", so ein Gemeindeglied gegenüber dem MT. Optisch sei das schon deutlich geworden, als der neue Mann von Vertretern des „Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem" in weißen Mänteln mit rotem Jerusalemkreuz begleitet wurde. Das ist ein Laienorden der katholischen Kirche, der seine Mitglieder beruft. „Ritter" und „Damen" werden unter Persönlichkeiten ausgewählt, die sich – so die Homepage oessh.net – „in besonderer Weise um die katholischen Einrichtungen im Heiligen Land und um den Orden verdient gemacht haben." Auch inhaltlich merkten die versammelten Mindener Katholiken an diesem ersten Tag, dass sich die Dinge ändern würden. „Der Gottesdienst war sehr viel ernster und traditionsbehafteter als alles Dagewesene", sagt Emmeline K. Hatte der neue Mann denn bei der Gemeinde eine Chance? „Selbstverständlich, so die Frau. „Die liberale Art des vorherigen Propstes hatte ja auch nicht allen gefallen." Falkenhahn selbst sagt: „Ich hatte damals einen schwierigen Start, weil über mich viel erzählt worden ist – von Leuten, die mich überhaupt nicht kannten." Dass ihm heute indirekt vorgeworfen werde, er habe die Bestrebungen zur Ökumene verhindert und so Menschen aus der Gemeinde getrieben, ärgert ihn: „Dazu ist hier nie so viel gelaufen wie zu meiner Zeit." Mit freikirchlichen Gläubigen, Russisch-orthodoxen und auch Kopten pflege er guten Kontakt, und mit dem evangelischen Superintendenten sowieso. Und der Dom sei jeden Sonntag voll. Dürfen auch evangelische Christen die Hostie bekommen? Mache Gemeindeglieder und vor allem einige gemischtkonfessionelle Ehepaare sehen das anders. „Jesus hat sich für alle Menschen hingegeben. Es gibt einen Gott für alle Menschen, egal, ob evangelisch oder katholisch", sagt eine der Mindener Frauen. Evangelische Ehepartner können jedoch an der Kommunion im Gottesdienst nicht mehr teilnehmen – selbst zur Feier ihrer eigenen goldenen Hochzeit nicht. Nirgendwo stehe, dass die Hostie nicht an evangelische Ehepartner ausgegeben werden dürfe. „Diese Familien leiden darunter, meine eigene – mein Mann ist evangelisch – mag gar nicht mehr in die Kirche gehen", sagt eine andere. Mit dieser Frage hat sich auch die Deutsche Bischofskonferenz befasst und dazu eine Orientierungshilfe zu „konfessionsverbindenden Ehen und gemeinsamer Teilnahme an der Eucharistie" herausgegeben. Im Anschluss habe Erzbischof Hans-Josef Becker dem pastoralen Personal im Erzbistum Paderborn empfohlen, sich damit intensiv vertraut zu machen. Es solle „entsprechend seelsorglich verantwortbar handeln", so Pressesprecher Krysmann. Allerdings gehe es „um eine verantwortliche Einzelfallprüfung" und keine allgemeine Zulassung zur Kommunion, erklärt er. Deutlich macht er aber auch dieses: „Konfessionsverbindende Ehepaare und Familien liegen den Verantwortlichen im Erzbistum Paderborn ebenso am Herzen wie die Ökumene." Propst Roland Falkenhahn ist zutiefst von der Richtigkeit seiner Haltung und seiner Vorgehensweise überzeugt. „Hier gab es vorher eine durch die kirchliche Lehre nicht gedeckte Praxis", sagt er. Und: Er sei immerhin auch mit dem Auftrag hergekommen, die Gemeinde wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, lässt er durchblicken. „Leitung in Zeiten der Veränderung – dafür kann man keinen Beifall erwarten." In der Kirche sei zurzeit so viel Zeitgeist, aber der sei nun einmal ein schlechter Ratgeber. Dass dieser Propst jemand ist, der auf der Kanzel Kante zeigt, schätzen viele in der Gemeinde. Seine Predigten seien deutlich und direkt, er beziehe immer Position und er scheue auch konfliktbesetzte Themen nicht: „Ein Genuss." Als Falkenhahn zur Zeit der heftigsten Diskussionen um sexuellen Missbrauch in seiner Sonntagspredigt sehr klar wurde („Jeder einzelne Fall ist eine Katastrophe", das sagte er auch jetzt wieder), ging das manchen Gläubigen zu weit: So ein heikles Thema am heiligen Sonntag. . . „Ich gehe meinen Weg", sagt der Propst. „Die Erneuerung der Kirche muss aus dem Kern kommen und nicht aus den Strukturen ringsum." Die tägliche Eucharistie und die Begegnung mit Jesus Christus – das sei der Kern seines Lebens. Er kämpft für die Kirche, wie er sie sieht. Für eine Gemeinschaft aller Christen Und darum macht er auch vieles anders als sein Vorgänger. Propst i.R. Paul Jakobi ist heute 91 Jahre alt. Und auch er ging seinen eigenen Weg. Er war es, der Ehepaaren die gemeinsame Kommunion ermöglichte. Ökumene ist für ihn sein ganzes Leben als Priester ein bedeutendes Thema gewesen, für das er sich schon im Auftrag der Kirche als junger Mann eingesetzt hat. „Wenn einer nur den Buchstaben sieht und nicht den Geist, dann geht der Glaube verloren", sagt er, und „wir brauchen eine Erneuerung der Kirche – wir müssen den Glauben entdecken, das Mysterium, wir brauchen Gottesdienste, die die Menschen faszinieren." Lange schon predigt er nicht mehr im Dom. Warum eigentlich? Jakobi habe auf der Kanzel Äußerungen gemacht, die er nicht habe mittragen können, so Falkenhahn. Was das war? Jakobi: „Ich habe da schon mal gesagt ,Was machen die da in Rom für einen Quatsch'. Ich habe immer den Mund aufgemacht." Andere sahen das als Beleidigung des Papstes. Und die gemeinsame Kommunion von evangelischen und katholischen Gläubigen? „Ich werde mich hüten, das Gewissen der Menschen zu erforschen. Wenn einer in den Gottesdienst kommt, dann hat er das nötig, dann braucht er das. Es ist nicht an mir, zu urteilen", so Jakobi. Als er in den Ruhestand ging, hat er sich aus dem aktiven Gemeindeleben weitgehend zurückgezogen. Doch bis heute zelebriert Jakobi Messen im Umland, und viele Menschen, die ihn immer noch lieben, folgen ihm dorthin. Dass Gemeinden zu immer größeren Pastoralverbünden zusammengefasst werden, weil die Zahl der Priester immer geringer wird, hält er für einen Irrweg: „Ich sage schon lange, dass der Weg zu 'viri probati' gehen muss; zu angesehenen, integren, gläubigen Männern, die im Leben stehen und doch zu Priestern geweiht werden." Erst jetzt, in Vorbereitung des Amazonas-Konzils im Oktober, und dann auch nur für Südamerika, werde dieser Gedanke in Rom aufgegriffen – auch, weil in Südamerika der Priestermangel akut wie sonst nirgends ist. Schon vor 25 Jahren habe er für das Priestertum der Frau gesprochen. Denn die Rechtfertigung, dass nur Männer Priester sein dürften, sei brüchig. „Wenn man sich an die Buchstaben der Bibel hält, dürften doch nur Juden, Fischer und Menschen, die am See Genezareth leben, Priester werden." Kirche müsse man von innen erneuern – aber nicht durch Klerikalismus. „Klerikalismus ist eine Unverschämtheit, eine Macht von Menschen, die glauben, sie wüssten mehr und sie könnten sagen, was Kirche ist. Und das lassen sich die Laien heute nicht mehr gefallen." Und ja, er sei immer kirchenkritisch gewesen, und er habe damit natürlich auch angeeckt. „Aber auf meinen Grabstein können Sie schreiben: Ich habe die Kirche geliebt." Und so macht ein schlichtes Blumenherz in Minden deutlich, wie sehr die katholischen Gläubigen ringen – nicht nur um Deutungshoheit, nicht um Ämter, Männer, Macht, Zölibat oder Kommunion. Sondern um ihre Kirche, ihren Glauben. Und die Rolle, die Frauen dabei einnehmen. Denn Maria will nicht mehr schweigen. Stellvertreterkampf Kommentar von Monika Jäger Alle Menschen sind gleichberechtigt. Unabhängig von Geschlecht, Glauben, Hautfarbe, Geburt oder Herkunft. Das ist die Wurzel, aus der alles sprießt, was unsere Gesellschaft zusammenhält, sie einzigartig und schützenswert macht. Alles, was sich diesem Gedanken per Machtanspruch entgegenstellt, sollte mit kritischer Distanz betrachtet werden. Trump ebenso wie der Knigge oder die Kirche.Darum ist es gut, wenn jetzt Mindener Frauen in der katholischen Kirche anfangen, den Mund aufzumachen und sich ein Stück ihrer Welt einfordern. Es ist traurig, dass manche von ihnen dadurch in Gewissensnöte kommen, es ist unverständlich, dass Kommunikation darüber offenbar so schwierig ist.Und doch. Je länger ich mich in diesen Tagen mit dem Aufbruch der Frauen befasste, desto öfter fragte ich mich: Kann ich als evangelisch sozialisierte Frau überhaupt verstehen, worum es geht?Ich sprach mit vielen Menschen, die sehr unterschiedlicher Ansicht waren und die am Ende doch eines einte: Sie glauben innig. Religion, Gemeinde und Kirche sind ihnen wichtig. Mehr als das: Die Fragen um Ökumene und die Art der Gottesdienste haben bei ihnen etwas mit ihrer Identität zu tun, mit dem Aufgehobensein in einer Gemeinschaft, vielleicht sogar mit ihrer Seele.Denn eine Hostie ist für katholische Gläubige nicht einfach ein Symbol. Die Eucharistie mit Wandlung und Austeilung von Brot und Wein ist das Heiligste, das ihr Glauben, ihre Kirche haben – sie ist, ganz konkret, der Leib Christi. Das gibt dem Wunsch um Öffnung auf der einen und dem Bestreben nach Bewahren auf der anderen Seite besondere Bedeutungstiefe.Doch auch die ist keine Rechtfertigung für stures Beharren auf eigenen Positionen. Die katholische Kirche hat genug Baustellen. Ein Stellvertreterkampf um Liturgie und Ökumene in Minden sollte nicht dazu gehören.