Minden

Würde bis zum Schluss: Nach 503 Tagen Bauzeit eröffnet das Mindener Hospiz

Kerstin Rickert

Das lang gestreckte Grundstück an der Marienburger Straße gab die Form des Baukörpers vor. Das Interesse am neuen Hospiz ist groß, wie der Ansturm zum Eröffnungstag zeigte. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Das lang gestreckte Grundstück an der Marienburger Straße gab die Form des Baukörpers vor. Das Interesse am neuen Hospiz ist groß, wie der Ansturm zum Eröffnungstag zeigte. Foto: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Minden (kr). „Das große Interesse zeigt, dass es höchste Zeit wurde", sagt Dorothea Stentenbach. Seit nicht einmal einer Stunde stehen die Türen des langen Flachdach-Gebäudes an der Marienburger Straße Ecke Kuhlenstraße offen. Und der Strom der Besucher reißt nicht ab. Zum sechsten Mal hat sich eine Gruppe von etwa 20 Leuten im Foyer eingefunden, um durch das Haus geführt zu werden. Das Haus, in das am heutigen Montag die ersten Gäste einziehen, um hier die letzte Phase ihres Lebens zu verbringen. Genau 503 Tage nach dem ersten Spatenstich wurde das erste Hospiz in Minden am Wochenende feierlich eröffnet und mit einem Tag der offenen Tür der Öffentlichkeit vorgestellt.

Oliver Zech vom in Minden ansässigen Architekturstudio PM gab Einblicke in das Gebäude-Konzept. Dabei lobte er die frühe und enge Abstimmung mit den Akteuren. Das Gebäude, so Zech, sei nur die Hülle, der Rahmen für die Nutzung. Die Atmosphäre schließlich trage wesentlich zur erfolgreichen Nutzung bei.

„Es soll ein Ort sein, wo Menschen in ihrer letzten Lebensphase möglichst selbstbestimmt und in Würde die ihnen verbleibende Zeit verbringen können", machte Thomas Lunkenheimer von der Diakonie deutlich. „Und wenn es bei den Menschen einen großen letzten Lebenswunsch gibt, werden wir alles daran setzen, auch den zu erfüllen."

Zum Team gehören unter anderem 16 hauptamtliche Pflegekräfte. Die Leitung hat Dorothea Stentenbach gemeinsam mit dem Pflegedienstleiter Heiko Bölling. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Zum Team gehören unter anderem 16 hauptamtliche Pflegekräfte. Die Leitung hat Dorothea Stentenbach gemeinsam mit dem Pflegedienstleiter Heiko Bölling. Foto: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Das lang gestreckte Grundstück an der Marienburger Straße gab die Form des Baukörpers vor, der im Innern über drei Zonen verfügt. Dem Eingang gegenüber befindet sich der Anlaufpunkt für die Ankommenden. Eine große lichtdurchflutete Wohnküche soll hier Treffpunkt sein für Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter. Große Glasflächen im Westen lassen die Nachmittagssonne in den offenen und einladenden Raum sowie in die zwölf Einzelzimmer auf zwei Etagen scheinen. Diese verfügen alle über Terrassen oder Balkone mit der Möglichkeit, die Bewohner auf Wunsch auch mit ihren Betten nach draußen zu schieben.

Für die Bewohner soll möglichst jeder Komfort geschaffen werden. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Für die Bewohner soll möglichst jeder Komfort geschaffen werden. Foto: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Ein Raum der Stille bietet zugleich einen Rückzugsort wie auch Gelegenheit zu Gesprächsrunden und Meditation. Er soll noch von heimischen Künstlern gestaltet werden.

Bei der Gestaltung und der Innenausstattung wurde viel Wert darauf gelegt, für die Gäste des Hauses eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie sich wohlfühlen und fallen lassen können. Abschied zu nehmen, falle besonders den Angehörigen schwer, sagt Dorothea Stentenbach, die das Haus gemeinsam mit dem Pflegedienstleiter Heiko Bölling als gleichberechtigtem Partner leiten wird. Unterstützt werden sie in der Pflege von 16 hauptamtlichen Kräften und weiteren Mitarbeitern in den Bereichen Verwaltung, Soziale Arbeit und Hauswirtschaft sowie Ehrenamtlichen.

Es gibt zwölf Einzelzimmer auf zwei Etagen. Die ersten Bewohner ziehen in dieser Woche ein. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Es gibt zwölf Einzelzimmer auf zwei Etagen. Die ersten Bewohner ziehen in dieser Woche ein. Foto: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

„Die meisten", sagt Heiko Bölling, „haben noch nie in einem Hospiz gearbeitet." Lange nach Mitarbeitern suchen musste das Leitungsteam jedoch nicht, Stellenausschreibungen waren gar nicht erst nötig. „Alle Mitarbeiter haben sich von sich aus beworben und kommen zum Teil auch von weiter her", sagt Stentenbach. „Wer hier arbeitet, der hat sich nicht für einen Job beworben. Für den ist das hier eine Aufgabe", bringt es eine Besucherin auf den Punkt.

Viele sind zum Tag der offenen Tür gekommen, die sich ehrenamtlich in der Sterbebegleitung engagieren – oder weil sie überlegen, es zu tun. „Ich bin schon des Öfteren angesprochen worden, ob ich mir das vorstellen könnte", sagt eine Frau, die ihren Onkel gepflegt und bis zum Tod begleitet hat. „Ich dachte, ich schaue mir das Hospiz mal an, aber ich glaube, ich kann das nicht." Sie fürchtet, dass diese Aufgabe sie selbst zu sehr mitnehmen würde. „Ich bewundere diejenigen sehr, die sich bewusst dafür entscheiden, Menschen einen würdevollen Abschied zu bereiten und ihnen in dieser schweren Zeit beizustehen."

Warme Farben und viel Licht: Auch Angehörige sollen sich in dem Haus aufgehoben fühlen. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Warme Farben und viel Licht: Auch Angehörige sollen sich in dem Haus aufgehoben fühlen. Foto: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Darauf, diese Aufgabe „gemeinsam mit einem tollen Team nun endlich angehen zu können", freut sich Dorothea Stentenbach auch deshalb so sehr, „weil hier etwas ganz Neues entsteht." Es werde sicher kein Ort sein, an dem es kein Leid und keinen Schmerz gebe. „Das Begleiten aber hilft, über das Unaussprechliche zu sprechen und das Unerträgliche zu ertragen", glaubt sie. Auch wenn sie weiß: „Es wird leichter, aber leicht wird es nie."

Der Weg bis zur Eröffnung war von Anfang an klar vorgezeichnet. Von einem glücklichen Tag sprach Michael Haas (Diakonie), neben Thomas Volkening (Parisozial) Geschäftsführer der Hospiz Minden gGmbH als Betreiber des Hospizes. „Das erste Hospiz in Minden ist schon etwas Besonderes", betonte Bürgermeister Jäcke (SPD) in seinem Grußwort und richtete seinen Dank an die drei Partner Diakonie, Parisozial und Volker-Pardey-Stiftung, die diese für Minden und die Region so wichtige Einrichtung realisiert haben. Das kreisweit bislang einzige stationäre Hospiz Veritas in Lübbecke sei ständig belegt und ausgelastet.

Mit dem Hospiz in Minden werde eine wichtige Versorgungslücke geschlossen. „Hospiz bedeutet, dass wir Menschen ein Stück auf ihrem Weg begleiten. Sterben gehört in die Mitte der Gesellschaft", so Jäcke.

Seine besondere Wertschätzung galt den beiden Hospiz-Leitern Dorothea Stentenbach und Heiko Bölling und ihrem Team. „Dauerhaft die Kraft aufzubringen, Sterbende und Angehörige zu begleiten, erfordert enorm viel Kraft und verdient Respekt und Anerkennung."

Stellvertretend für die Volker-Pardey-Stiftung als Ideen- und Geldgeberin dankte Ute Kolbow dem Architektenteam und den an der Bauausführung beteiligten Betrieben. Es sei fast durchgängig gelungen, Unternehmen aus dem Kreisgebiet zu gewinnen. Vor allem rief sie noch einmal das Engagement von Edeltraud Pardey in Erinnerung. Die Gründerin der Stiftung hatte ihren Sohn Volker nach schwerer Krankheit im Jahr 2014 verloren und die Erfahrung gemacht, dass für viele sterbende Menschen und ihre Angehörigen eine ausreichende Betreuung nicht gegeben war. Auf der Suche nach einem geeigneten Gelände sei unter anderem auch das Grundstück in der Marienstraße im Gespräch gewesen, wo Edeltraud Pardeys Mann August einst einen Elektrohandel betrieben hatte und seit mehr als 60 Jahren das Kino „Birke" steht. Doch weder dort noch an anderer Stelle habe sich ein geeigneter Standort aufgetan.

Erst gemeinsam mit der Diakonie Stiftung Salem und der Parisozial Minden-Lübbecke/Herford konnten die Pläne vorangetrieben werden. Die Diakonie Stiftung Salem brachte das Grundstück mit, auf dem das Hospiz errichtet werden konnte. Es trägt den Namen Volker-Pardey-Haus. Für die Stiftungsgründerin hat sich mit der Fertigstellung fünfeinhalb Jahre nach dem Tod ihres Sohnes ein Herzenswunsch erfüllt.

Die Kooperation zwischen Diakonie und Parisozial habe Vorbildcharakter und sei getragen von der Idee, einen Ort zu schaffen, der den Menschen in der Region zugute kommt, betonte Thomas Volkening die Bedeutung des Hospizes für die Region.

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MindenWürde bis zum Schluss: Nach 503 Tagen Bauzeit eröffnet das Mindener HospizKerstin RickertMinden (kr). „Das große Interesse zeigt, dass es höchste Zeit wurde", sagt Dorothea Stentenbach. Seit nicht einmal einer Stunde stehen die Türen des langen Flachdach-Gebäudes an der Marienburger Straße Ecke Kuhlenstraße offen. Und der Strom der Besucher reißt nicht ab. Zum sechsten Mal hat sich eine Gruppe von etwa 20 Leuten im Foyer eingefunden, um durch das Haus geführt zu werden. Das Haus, in das am heutigen Montag die ersten Gäste einziehen, um hier die letzte Phase ihres Lebens zu verbringen. Genau 503 Tage nach dem ersten Spatenstich wurde das erste Hospiz in Minden am Wochenende feierlich eröffnet und mit einem Tag der offenen Tür der Öffentlichkeit vorgestellt. Oliver Zech vom in Minden ansässigen Architekturstudio PM gab Einblicke in das Gebäude-Konzept. Dabei lobte er die frühe und enge Abstimmung mit den Akteuren. Das Gebäude, so Zech, sei nur die Hülle, der Rahmen für die Nutzung. Die Atmosphäre schließlich trage wesentlich zur erfolgreichen Nutzung bei. „Es soll ein Ort sein, wo Menschen in ihrer letzten Lebensphase möglichst selbstbestimmt und in Würde die ihnen verbleibende Zeit verbringen können", machte Thomas Lunkenheimer von der Diakonie deutlich. „Und wenn es bei den Menschen einen großen letzten Lebenswunsch gibt, werden wir alles daran setzen, auch den zu erfüllen." Das lang gestreckte Grundstück an der Marienburger Straße gab die Form des Baukörpers vor, der im Innern über drei Zonen verfügt. Dem Eingang gegenüber befindet sich der Anlaufpunkt für die Ankommenden. Eine große lichtdurchflutete Wohnküche soll hier Treffpunkt sein für Bewohner, Angehörige und Mitarbeiter. Große Glasflächen im Westen lassen die Nachmittagssonne in den offenen und einladenden Raum sowie in die zwölf Einzelzimmer auf zwei Etagen scheinen. Diese verfügen alle über Terrassen oder Balkone mit der Möglichkeit, die Bewohner auf Wunsch auch mit ihren Betten nach draußen zu schieben. Ein Raum der Stille bietet zugleich einen Rückzugsort wie auch Gelegenheit zu Gesprächsrunden und Meditation. Er soll noch von heimischen Künstlern gestaltet werden. Bei der Gestaltung und der Innenausstattung wurde viel Wert darauf gelegt, für die Gäste des Hauses eine Atmosphäre zu schaffen, in der sie sich wohlfühlen und fallen lassen können. Abschied zu nehmen, falle besonders den Angehörigen schwer, sagt Dorothea Stentenbach, die das Haus gemeinsam mit dem Pflegedienstleiter Heiko Bölling als gleichberechtigtem Partner leiten wird. Unterstützt werden sie in der Pflege von 16 hauptamtlichen Kräften und weiteren Mitarbeitern in den Bereichen Verwaltung, Soziale Arbeit und Hauswirtschaft sowie Ehrenamtlichen. „Die meisten", sagt Heiko Bölling, „haben noch nie in einem Hospiz gearbeitet." Lange nach Mitarbeitern suchen musste das Leitungsteam jedoch nicht, Stellenausschreibungen waren gar nicht erst nötig. „Alle Mitarbeiter haben sich von sich aus beworben und kommen zum Teil auch von weiter her", sagt Stentenbach. „Wer hier arbeitet, der hat sich nicht für einen Job beworben. Für den ist das hier eine Aufgabe", bringt es eine Besucherin auf den Punkt. Viele sind zum Tag der offenen Tür gekommen, die sich ehrenamtlich in der Sterbebegleitung engagieren – oder weil sie überlegen, es zu tun. „Ich bin schon des Öfteren angesprochen worden, ob ich mir das vorstellen könnte", sagt eine Frau, die ihren Onkel gepflegt und bis zum Tod begleitet hat. „Ich dachte, ich schaue mir das Hospiz mal an, aber ich glaube, ich kann das nicht." Sie fürchtet, dass diese Aufgabe sie selbst zu sehr mitnehmen würde. „Ich bewundere diejenigen sehr, die sich bewusst dafür entscheiden, Menschen einen würdevollen Abschied zu bereiten und ihnen in dieser schweren Zeit beizustehen." Darauf, diese Aufgabe „gemeinsam mit einem tollen Team nun endlich angehen zu können", freut sich Dorothea Stentenbach auch deshalb so sehr, „weil hier etwas ganz Neues entsteht." Es werde sicher kein Ort sein, an dem es kein Leid und keinen Schmerz gebe. „Das Begleiten aber hilft, über das Unaussprechliche zu sprechen und das Unerträgliche zu ertragen", glaubt sie. Auch wenn sie weiß: „Es wird leichter, aber leicht wird es nie." Der Weg bis zur Eröffnung war von Anfang an klar vorgezeichnet. Von einem glücklichen Tag sprach Michael Haas (Diakonie), neben Thomas Volkening (Parisozial) Geschäftsführer der Hospiz Minden gGmbH als Betreiber des Hospizes. „Das erste Hospiz in Minden ist schon etwas Besonderes", betonte Bürgermeister Jäcke (SPD) in seinem Grußwort und richtete seinen Dank an die drei Partner Diakonie, Parisozial und Volker-Pardey-Stiftung, die diese für Minden und die Region so wichtige Einrichtung realisiert haben. Das kreisweit bislang einzige stationäre Hospiz Veritas in Lübbecke sei ständig belegt und ausgelastet. Mit dem Hospiz in Minden werde eine wichtige Versorgungslücke geschlossen. „Hospiz bedeutet, dass wir Menschen ein Stück auf ihrem Weg begleiten. Sterben gehört in die Mitte der Gesellschaft", so Jäcke. Seine besondere Wertschätzung galt den beiden Hospiz-Leitern Dorothea Stentenbach und Heiko Bölling und ihrem Team. „Dauerhaft die Kraft aufzubringen, Sterbende und Angehörige zu begleiten, erfordert enorm viel Kraft und verdient Respekt und Anerkennung." Stellvertretend für die Volker-Pardey-Stiftung als Ideen- und Geldgeberin dankte Ute Kolbow dem Architektenteam und den an der Bauausführung beteiligten Betrieben. Es sei fast durchgängig gelungen, Unternehmen aus dem Kreisgebiet zu gewinnen. Vor allem rief sie noch einmal das Engagement von Edeltraud Pardey in Erinnerung. Die Gründerin der Stiftung hatte ihren Sohn Volker nach schwerer Krankheit im Jahr 2014 verloren und die Erfahrung gemacht, dass für viele sterbende Menschen und ihre Angehörigen eine ausreichende Betreuung nicht gegeben war. Auf der Suche nach einem geeigneten Gelände sei unter anderem auch das Grundstück in der Marienstraße im Gespräch gewesen, wo Edeltraud Pardeys Mann August einst einen Elektrohandel betrieben hatte und seit mehr als 60 Jahren das Kino „Birke" steht. Doch weder dort noch an anderer Stelle habe sich ein geeigneter Standort aufgetan. Erst gemeinsam mit der Diakonie Stiftung Salem und der Parisozial Minden-Lübbecke/Herford konnten die Pläne vorangetrieben werden. Die Diakonie Stiftung Salem brachte das Grundstück mit, auf dem das Hospiz errichtet werden konnte. Es trägt den Namen Volker-Pardey-Haus. Für die Stiftungsgründerin hat sich mit der Fertigstellung fünfeinhalb Jahre nach dem Tod ihres Sohnes ein Herzenswunsch erfüllt. Die Kooperation zwischen Diakonie und Parisozial habe Vorbildcharakter und sei getragen von der Idee, einen Ort zu schaffen, der den Menschen in der Region zugute kommt, betonte Thomas Volkening die Bedeutung des Hospizes für die Region. Lesen Sie zu diesem Thema auch "Hospiz Minden feiert Richtfest" "Dorothea Stentenbach und Heiko Bölling leiten das neue Hospiz"