Minden

Von Katzen, Hühnern und Menschen: Das Schnurrviertel hat der Oberen Altstadt einen Schub verpasst

Benjamin Piel

Willkommen in einem Viertel, das mit viel Liebe zum Detail zu einem Kleinod der Stadt wird. Fotos: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Willkommen in einem Viertel, das mit viel Liebe zum Detail zu einem Kleinod der Stadt wird. Fotos: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Minden (mt). Wo die Katzen schnurren, die Hühner gackern und Pater Benedikt unter dem Apfelbaum bei Vollmond Geschichten erzählte. Da ist das Schnurrviertel, das es eigentlich gar nicht gibt. Aber manchmal schafft die Fantasie Realitäten – und so ist es auch dort.

Einige von denen, die gerne in Mindens Oberer Altstadt leben und arbeiten, kamen eines Tages auf die Idee und spannen sie weiter. Sie ersannen die Legende vom Pater, die erklärt, wie dieses Viertel, das sie erschufen, entstanden sein könnte. Sie organisierten ein Fest. Sie entwarfen das Logo einer Katze, die einen Buckel macht, und einer Katze mit Fischgräten im Bauch.

Das hört sich fast nach einem großen Plan an. Aber den hat es laut den Schnurrviertel-Erfindern nicht gegeben. „Das ist einfach so entstanden – als Witz, aber auch in Anlehnung an das Bremer Schnoorviertel“, erinnert sich Torsten Mundhenke. Er und die anderen hatten den Eindruck, dass das Viertel „ein bisschen in Vergessenheit geraten“ sei. Weil sich das Ausgehverhalten verändert habe, viele Kneipen schlossen und auch die Rotlicht-Straße Rampenloch als solche längst der Vergangenheit angehört. „Es ist alles so brav geworden“, findet er. Und so entstand teils aus Langeweile, teils aus dem Bedürfnis heraus, der Oberen Altstadt mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, die Schnurrviertel-Idee.

Mit Farbe und Blumen kann selbst das malerische „Windloch“ noch mehr in Szene gesetzt werden. - © Kerstin Rickert
Mit Farbe und Blumen kann selbst das malerische „Windloch“ noch mehr in Szene gesetzt werden. (© Kerstin Rickert)

Einen Slogan gibt es auch: „Wer hier nicht ist, der will hier sein – wer hier ist, der will hier bleiben.“ Ansonsten gibt es kein Grundsatzprogramm, aber eine Überzeugung: das eigene Lebensumfeld gestalten zu wollen. Und wer sagt, dass man mit ein paar Leuten doch eh nichts ändern könne, der bekommt eine klare Antwort: „Und ob man das kann – aber wir wollen viel mehr, denn am Ende steht die Weltrettung.“ Wenn Mundhenke das sagt, entsteht ein typischer Schnurrviertel-Moment und die Frage: Meint der das ernst?

Moderne und Historie passen in vielfältiger Weise eng zueinander.
Moderne und Historie passen in vielfältiger Weise eng zueinander.

Ein richtiger sozialer Brennpunkt ist das frühere Arme-Leute-Viertel zwar nicht mehr, aber es gibt dort Angehörige so gut wie aller Schichten. Oder, wie Mundhenke es ausdrückt: „Hier leben alle mit allen.“ Und was immer man vom Konstrukt Schnurrviertel halten mag: Jahrzehntelang war die Obere Altstadt alles andere als ein touristischer Renner – inzwischen findet sie sich unter dem Namen Schnurrviertel aber vielfach als touristische Empfehlung. „Die Leute lieben das“, ist Mundhenkes Partnerin Karina Fischer überzeugt.

Könnte aus dem Mittelalter stammen: Die Bewohner haben ein Auge für Details.
Könnte aus dem Mittelalter stammen: Die Bewohner haben ein Auge für Details.

Die beiden leben in der Alten Kirchstraße. Hinter einem Holztor, das von Pflanzen umwachsen ist, sitzen sie und andere oft zusammen im Hof. Daneben hat Mundhenke seine Werkstatt und es ist die Hintertür von Karina Fischers Laden zu sehen. Der ist vollgestellt mit Nützlichem und beinahe Überflüssigem, Pflanzen, Dekorativem, Kleinigkeiten, Selbstgemachtem und Handwerksbedarf wie Schrauben oder Dübeln. Im Hinterhof haben auch die Hühner ihre Stange, die tagsüber durch die Altstadt stolzieren. Inzwischen gehören sie so selbstverständlich dazu, dass selbst SUV-Fahrer scharf bremsen und bereitwillig warten, bis ein Huhn die Straße überquert hat.

Geschäfte mit besonderer Note haben sich in diesem Quartier in den vergangenen Jahren angesiedelt.
Geschäfte mit besonderer Note haben sich in diesem Quartier in den vergangenen Jahren angesiedelt.

Aber Autofahrer-Tierliebe hin oder her – am liebsten hätten sie die Obere Altstadt autofrei. Dann könnten aus den Parkplätzen auch gleich Grünflächen werden.

Der Hahn und die drei Hennen waren übrigens auch so ein Zufall. Fischer und Mundhenke hatten sie in ihrem Schrebergarten, aber da liefen sie immer weg. Schließlich nahmen sie die Tiere mit in die Altstadt, wo sich das Weglaufen aber fortsetzte. Allerdings: Dort störte es niemanden – im Gegenteil. Mit der Zeit wurden die Hühner zu Bekanntheiten in der Altstadt. „Die Hühner haben den Weg bereitet“, ist Mundhenke inzwischen überzeugt. Sie standen plötzlich in der Zeitung, waren im Fernsehen und schafften es kürzlich in den Imagefilm der Stadt.

Lauschige Ecken sind bei einem Bummel zu entdecken. - © Kerstin Rickert
Lauschige Ecken sind bei einem Bummel zu entdecken. (© Kerstin Rickert)

Kurz und gut: Das Schnurrviertel hat unverhofft den Weg vom Witz zur selbstverständlichen Realität gemacht. „Wir haben nur ganz wenig getan, aber irgendwie einen Nerv getroffen – und das lieben wir“, bringt Angela Grannemann auf den Punkt, was sie selbst überrascht hat. Sie ist die Nachbarin von Fischer und Mundhenke und betreibt nebenan einen Schmuckgroßhandel. Sie verbringt jedes Jahr ein paar Monate in Südostasien, wo sie Schmuck fertigen lässt, den sie dann nach Deutschland importiert und weiterverkauft.

Katzen überall: Sie sind das Leitmotiv, das hier alles verbindet.
Katzen überall: Sie sind das Leitmotiv, das hier alles verbindet.

Was lange fehlte im Viertel war ein Café, da waren sich alle einig. Inzwischen hat das frühere Puppencafé wieder eröffnet. Und was ist eigentlich mit dem Museumscafé? Nun ja, wo sich im Schnurrviertel alles immer so traumwandlerisch sicher gefunden hat, wird sich doch wohl eine Lösung finden – schnurr!

Bitte einfach Platz nehmen: Holzbank, blühende Blumen, Fachwerk – besser geht's nicht.

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MindenVon Katzen, Hühnern und Menschen: Das Schnurrviertel hat der Oberen Altstadt einen Schub verpasstBenjamin PielMinden (mt). Wo die Katzen schnurren, die Hühner gackern und Pater Benedikt unter dem Apfelbaum bei Vollmond Geschichten erzählte. Da ist das Schnurrviertel, das es eigentlich gar nicht gibt. Aber manchmal schafft die Fantasie Realitäten – und so ist es auch dort. Einige von denen, die gerne in Mindens Oberer Altstadt leben und arbeiten, kamen eines Tages auf die Idee und spannen sie weiter. Sie ersannen die Legende vom Pater, die erklärt, wie dieses Viertel, das sie erschufen, entstanden sein könnte. Sie organisierten ein Fest. Sie entwarfen das Logo einer Katze, die einen Buckel macht, und einer Katze mit Fischgräten im Bauch. Das hört sich fast nach einem großen Plan an. Aber den hat es laut den Schnurrviertel-Erfindern nicht gegeben. „Das ist einfach so entstanden – als Witz, aber auch in Anlehnung an das Bremer Schnoorviertel“, erinnert sich Torsten Mundhenke. Er und die anderen hatten den Eindruck, dass das Viertel „ein bisschen in Vergessenheit geraten“ sei. Weil sich das Ausgehverhalten verändert habe, viele Kneipen schlossen und auch die Rotlicht-Straße Rampenloch als solche längst der Vergangenheit angehört. „Es ist alles so brav geworden“, findet er. Und so entstand teils aus Langeweile, teils aus dem Bedürfnis heraus, der Oberen Altstadt mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, die Schnurrviertel-Idee. Einen Slogan gibt es auch: „Wer hier nicht ist, der will hier sein – wer hier ist, der will hier bleiben.“ Ansonsten gibt es kein Grundsatzprogramm, aber eine Überzeugung: das eigene Lebensumfeld gestalten zu wollen. Und wer sagt, dass man mit ein paar Leuten doch eh nichts ändern könne, der bekommt eine klare Antwort: „Und ob man das kann – aber wir wollen viel mehr, denn am Ende steht die Weltrettung.“ Wenn Mundhenke das sagt, entsteht ein typischer Schnurrviertel-Moment und die Frage: Meint der das ernst? Ein richtiger sozialer Brennpunkt ist das frühere Arme-Leute-Viertel zwar nicht mehr, aber es gibt dort Angehörige so gut wie aller Schichten. Oder, wie Mundhenke es ausdrückt: „Hier leben alle mit allen.“ Und was immer man vom Konstrukt Schnurrviertel halten mag: Jahrzehntelang war die Obere Altstadt alles andere als ein touristischer Renner – inzwischen findet sie sich unter dem Namen Schnurrviertel aber vielfach als touristische Empfehlung. „Die Leute lieben das“, ist Mundhenkes Partnerin Karina Fischer überzeugt. Die beiden leben in der Alten Kirchstraße. Hinter einem Holztor, das von Pflanzen umwachsen ist, sitzen sie und andere oft zusammen im Hof. Daneben hat Mundhenke seine Werkstatt und es ist die Hintertür von Karina Fischers Laden zu sehen. Der ist vollgestellt mit Nützlichem und beinahe Überflüssigem, Pflanzen, Dekorativem, Kleinigkeiten, Selbstgemachtem und Handwerksbedarf wie Schrauben oder Dübeln. Im Hinterhof haben auch die Hühner ihre Stange, die tagsüber durch die Altstadt stolzieren. Inzwischen gehören sie so selbstverständlich dazu, dass selbst SUV-Fahrer scharf bremsen und bereitwillig warten, bis ein Huhn die Straße überquert hat. Aber Autofahrer-Tierliebe hin oder her – am liebsten hätten sie die Obere Altstadt autofrei. Dann könnten aus den Parkplätzen auch gleich Grünflächen werden. Der Hahn und die drei Hennen waren übrigens auch so ein Zufall. Fischer und Mundhenke hatten sie in ihrem Schrebergarten, aber da liefen sie immer weg. Schließlich nahmen sie die Tiere mit in die Altstadt, wo sich das Weglaufen aber fortsetzte. Allerdings: Dort störte es niemanden – im Gegenteil. Mit der Zeit wurden die Hühner zu Bekanntheiten in der Altstadt. „Die Hühner haben den Weg bereitet“, ist Mundhenke inzwischen überzeugt. Sie standen plötzlich in der Zeitung, waren im Fernsehen und schafften es kürzlich in den Imagefilm der Stadt. Kurz und gut: Das Schnurrviertel hat unverhofft den Weg vom Witz zur selbstverständlichen Realität gemacht. „Wir haben nur ganz wenig getan, aber irgendwie einen Nerv getroffen – und das lieben wir“, bringt Angela Grannemann auf den Punkt, was sie selbst überrascht hat. Sie ist die Nachbarin von Fischer und Mundhenke und betreibt nebenan einen Schmuckgroßhandel. Sie verbringt jedes Jahr ein paar Monate in Südostasien, wo sie Schmuck fertigen lässt, den sie dann nach Deutschland importiert und weiterverkauft. Was lange fehlte im Viertel war ein Café, da waren sich alle einig. Inzwischen hat das frühere Puppencafé wieder eröffnet. Und was ist eigentlich mit dem Museumscafé? Nun ja, wo sich im Schnurrviertel alles immer so traumwandlerisch sicher gefunden hat, wird sich doch wohl eine Lösung finden – schnurr!