Minden

Jahrelang missbrauchte ein Unbekannter die Identität eines Mindeners - jetzt wurde er gefasst

Stefan Koch

Heinrich Traue aus Minden hat es schwarz auf weiß von der Gütersloher Polizei: Das Phantom ist überführt. - © Foto: Stefan Koch
Heinrich Traue aus Minden hat es schwarz auf weiß von der Gütersloher Polizei: Das Phantom ist überführt. (© Foto: Stefan Koch)

Minden (mt). „Wenn die Gerichtsverhandlung beginnt dann fahre ich da nicht allein hin", sagt Heinrich Traue – und der 61-Jährige ist emotional sichtlich erschüttert. Hinter dem Mindener liegt ein mehrjähriges Martyrium, nachdem ein Identitätsdieb unter seinem Namen eine beispiellose Serie von Betrugsdelikten begangen hatte (das MT berichtete) für die sein Opfer gerade stehe sollte. „Ich hätte nie geglaubt, dass sie den irgendwann noch einmal schnappen", so Traue. Denn seit vielen Monaten hatte er nichts neues mehr von den Ermittlungen der Gütersloher Polizei gehört. Die teilte ihm kürzlich und eher beiläufig mit, dass der Gesuchte in Untersuchungshaft sitzt. Ein DNA-Abgleich soll ihm zum Verhängnis geworden sein.

Es begann Ende November 2016. Ein Postbote lieferte an Traues Adresse in Hahlen ein unscheinbares Päckchen mit Herrenschuhen ab. Damals glaubte der Frührentner noch an ein Missverständnis und schickte die Sendung an das Handelsunternehmen zurück. Doch kurze Zeit später trudelte die nächste Bestellung bei Traue ein, die er sich nicht erklären konnte. Als er dann auch noch Rechnungen über Telefongebühren aus einem Gütersloher Krankenhaus sowie eine Behandlungskostenaufstellung aus Bielefeld erhielt, wuchs das Unbehagen. Denn der Mindener war als Mitglied einer gesetzlichen Krankenversicherung registriert, so dass derartige Rechnungen per Zufall für ihn nicht infrage kommen konnten.

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Als Traue die Polizei einschaltete, war schnell klar, dass er Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden war. „Irgendwann muss ich mit dem Menschen in einem Krankenhauszimmer gelegen haben und dabei hat er sich die Daten meines Personalausweises kopiert, um unter meinem Namen Betrug zu begehen", meint der Mindener, der als Rheumatiker gelegentlich stationäre Krankenhausaufenthalte über sich ergehen lassen muss.

Der Gütersloher Polizei gelang es als ermittelnde Behörde zunächst nicht, trotz Zeugenbefragungen in den beteiligten Krankenhäusern Hinweise auf das Phantom zu erhalten. Nicht einmal ein Phantombild hatten die Ermittler anfertigen lassen. Und so verbrachte Traue unter Grauen die Vorweihnachtszeit 2016, weil nun der Postbote täglich Sendungen vorbeibrachte, die der Unbekannte an seine Mindener Adresse gelenkt hatte. Eine Erklärung, aus welchem Grund die Päckchen ausgerechnet dorthin kamen, hat bis heute niemand geliefert.

Auch im Folgejahr 2017 ließen die Straftaten auf Kosten von Heinrich Traue nicht nach. Nicht nur in Krankenhäusern von Bielefeld und Gütersloh, sondern auch in Wuppertal und Leverkusen schlich sich das Phantom als Notfallpatient ein und nahm Kost und Logis in Anspruch. Dabei bestellte er Waren aller Art, orderte Dienste über Sex-Hotlines oder versuchte an Kredite zu gelangen. Trotz der eingeschalteten Polizei musste Traue immer wieder Mahnungen für all das abwehren, das der Täter bestellt hatte. Wegen des Identitätsdiebstahls speicherte ihn die Schufa als kreditunwürdige Person.

Besonders bizarr: Das Phantom hatte im Februar 2017 – offenbar mit der Absicht zu heiraten – in Standesämtern Traues Familienurkunden bestellt und versuchte anschließend, unter der Identität des damals 58-Jährigen auch noch den Führerschein zu machen. Rechnungen über entsprechende Leistungen kamen in Minden an.

Vor zwei Jahren begannen die Straftaten nachzulassen. Die Vermutung war damals, dass es der körperliche Zustand dem Unbekannten nicht mehr erlaubt, in einschlägiger Weise aktiv zu sein. Denn in einem Fall kam in Verbindung mit einer Rechnung auch ein Untersuchungsbogen, woraus hervorging, dass er unter Vorhofflimmern des Herzens sowie einer Nervenschädigung litt. Vor allem aber stellten Ärzte bei ihm einen Knochentumor fest. Zuletzt hatte sich Traue vor einem halben Jahr vergebens bei der Gütersloher Polizei nach dem Fortgang der Ermittlungen erkundigt.

Erst am Mittwoch vergangener Woche sollte er die Wahrheit erfahren – nachdem die Ermittler sie offenbar schon monatelang kannten. Die Gütersloher Polizei fragte Heinrich Traue, ob er für einen Beitrag über seinen Fall in der Fernsehserie XY zur Verfügung stehen wolle. Nebenbei stand in den Schreiben dann auch, dass der Täter überführt sei. „Als ich das gelesen hatte, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen."

Laut MT-Recherchen hatte sich zuletzt die Staatsanwaltschaft Wuppertal mit dem Ermittlungsverfahren gegen den Tatverdächtigen befasst, der sich in der Justizvollzugsanstalt Remscheid in Untersuchungshaft befindet. Das Amtsgericht Wuppertal hatte die Anklage nach Abschluss der Ermittlungen zugelassen.

Dessen Pressestelle erklärt, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um einen 55-jährigen deutschen Staatsbürger handele. Er sei vor dem Schöffengericht wegen gewerbsmäßigen Betruges in sechs Fällen angeklagt. Der Hauptverhandlungstermin werde auf den 15. November, 9 Uhr, bestimmt.

Bei den zu verhandelnden Straftaten berücksichtigt das Gericht die Erschleichung von Leistungen in den Krankenhäusern in Bielefeld, Gütersloh, Düsseldorf, Remscheid und Wuppertal. Dabei soll sich der Angeklagte teilweise als Selbstzahler ausgegeben und Krankenversicherungsschutz angegeben haben, der tatsächlich nicht bestanden haben soll. Insgesamt sollen Leistungen im Wert von mehr als 11.000 Euro erbracht worden sein. Der Angeklagte soll von Anfang an weder willens noch in der Lage gewesen sein, die Leistungen zu bezahlen. Eine seiner letzten Handlungen spielte sich offenbar auf der eBay-Kleinanzeigen-Plattform ab. Dort verkaufte er vor einem Jahr eine Stichsäge zum Preis von 150 Euro – ohne die Ware zu liefern.

„Die ganze Sache war für mich eine psychische Belastungssituation", sagt Traue. Wenn er für einen Beitrag des Fernsehmagazins XY zur Verfügung stehe, dann nicht, weil er im Rampenlicht stehen wolle. „Ich möchte einfach nur warnen, damit es nicht anderen Menschen so geht wie mir."

Warnschuss

Kommentar von Thomas Lieske

Ein Einbruch in die eigene Wohnung oder das Haus: Keine Frage, das ist schlimm. Doch was ist mit einem Einbruch in das Privateste, das wir haben? Wenn Kriminelle nicht davor zurückschrecken, die Identität eines anderen zu stehlen und sich in dessen Namen strafbar machen?

Was dem Mindener Heinrich Traue widerfahren ist, muss die Hölle gewesen sein. Ein zunächst Unbekannter kopierte sich dessen Ausweisdaten und nahm auf dessen Namen Dienstleistungen für rund 11.000 Euro in Anspruch. Dazu etliche Bestellungen und sogar der Versuch, einen Führerschein auf den Namen des Opfers zu machen. Und das Ganze jahrelang.

Das macht nicht nur unglaublich wütend, sondern vor allem nachdenklich. Wie leichtfertig geben wir in der heutigen Zeit unsere persönlichen Daten – Name, Adresse, Alter, Geburtsort, Telefonnummer, Mail-Adresse, Kontonummer – in Onlineformulare ein? Ohne mit der Wimper zu zucken. Und mit einem Klick haben Tausende Werbedienstleister, Produktanbieter und im schlechtesten Fall Gauner unsere sensiblen Daten in der Hand. Wir könnten ihnen quasi gleich unseren Personalausweis schenken.

In der analogen Welt, das zeigt der Fall des Mindeners, sind wir gewiss vor Identitätsdieben nicht sicher. Was wir in der digitalen, gläsernen Welt preisgeben, haben wir aber selbst in der Hand. Der Mindener Fall macht deutlich, welch Martyrium Opfer solcher Diebe durchlaufen. Möge dieser Warnschuss noch lange nachhallen.

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MindenJahrelang missbrauchte ein Unbekannter die Identität eines Mindeners - jetzt wurde er gefasstStefan KochMinden (mt). „Wenn die Gerichtsverhandlung beginnt dann fahre ich da nicht allein hin", sagt Heinrich Traue – und der 61-Jährige ist emotional sichtlich erschüttert. Hinter dem Mindener liegt ein mehrjähriges Martyrium, nachdem ein Identitätsdieb unter seinem Namen eine beispiellose Serie von Betrugsdelikten begangen hatte (das MT berichtete) für die sein Opfer gerade stehe sollte. „Ich hätte nie geglaubt, dass sie den irgendwann noch einmal schnappen", so Traue. Denn seit vielen Monaten hatte er nichts neues mehr von den Ermittlungen der Gütersloher Polizei gehört. Die teilte ihm kürzlich und eher beiläufig mit, dass der Gesuchte in Untersuchungshaft sitzt. Ein DNA-Abgleich soll ihm zum Verhängnis geworden sein. Es begann Ende November 2016. Ein Postbote lieferte an Traues Adresse in Hahlen ein unscheinbares Päckchen mit Herrenschuhen ab. Damals glaubte der Frührentner noch an ein Missverständnis und schickte die Sendung an das Handelsunternehmen zurück. Doch kurze Zeit später trudelte die nächste Bestellung bei Traue ein, die er sich nicht erklären konnte. Als er dann auch noch Rechnungen über Telefongebühren aus einem Gütersloher Krankenhaus sowie eine Behandlungskostenaufstellung aus Bielefeld erhielt, wuchs das Unbehagen. Denn der Mindener war als Mitglied einer gesetzlichen Krankenversicherung registriert, so dass derartige Rechnungen per Zufall für ihn nicht infrage kommen konnten. Als Traue die Polizei einschaltete, war schnell klar, dass er Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden war. „Irgendwann muss ich mit dem Menschen in einem Krankenhauszimmer gelegen haben und dabei hat er sich die Daten meines Personalausweises kopiert, um unter meinem Namen Betrug zu begehen", meint der Mindener, der als Rheumatiker gelegentlich stationäre Krankenhausaufenthalte über sich ergehen lassen muss. Der Gütersloher Polizei gelang es als ermittelnde Behörde zunächst nicht, trotz Zeugenbefragungen in den beteiligten Krankenhäusern Hinweise auf das Phantom zu erhalten. Nicht einmal ein Phantombild hatten die Ermittler anfertigen lassen. Und so verbrachte Traue unter Grauen die Vorweihnachtszeit 2016, weil nun der Postbote täglich Sendungen vorbeibrachte, die der Unbekannte an seine Mindener Adresse gelenkt hatte. Eine Erklärung, aus welchem Grund die Päckchen ausgerechnet dorthin kamen, hat bis heute niemand geliefert. Auch im Folgejahr 2017 ließen die Straftaten auf Kosten von Heinrich Traue nicht nach. Nicht nur in Krankenhäusern von Bielefeld und Gütersloh, sondern auch in Wuppertal und Leverkusen schlich sich das Phantom als Notfallpatient ein und nahm Kost und Logis in Anspruch. Dabei bestellte er Waren aller Art, orderte Dienste über Sex-Hotlines oder versuchte an Kredite zu gelangen. Trotz der eingeschalteten Polizei musste Traue immer wieder Mahnungen für all das abwehren, das der Täter bestellt hatte. Wegen des Identitätsdiebstahls speicherte ihn die Schufa als kreditunwürdige Person. Besonders bizarr: Das Phantom hatte im Februar 2017 – offenbar mit der Absicht zu heiraten – in Standesämtern Traues Familienurkunden bestellt und versuchte anschließend, unter der Identität des damals 58-Jährigen auch noch den Führerschein zu machen. Rechnungen über entsprechende Leistungen kamen in Minden an. Vor zwei Jahren begannen die Straftaten nachzulassen. Die Vermutung war damals, dass es der körperliche Zustand dem Unbekannten nicht mehr erlaubt, in einschlägiger Weise aktiv zu sein. Denn in einem Fall kam in Verbindung mit einer Rechnung auch ein Untersuchungsbogen, woraus hervorging, dass er unter Vorhofflimmern des Herzens sowie einer Nervenschädigung litt. Vor allem aber stellten Ärzte bei ihm einen Knochentumor fest. Zuletzt hatte sich Traue vor einem halben Jahr vergebens bei der Gütersloher Polizei nach dem Fortgang der Ermittlungen erkundigt. Erst am Mittwoch vergangener Woche sollte er die Wahrheit erfahren – nachdem die Ermittler sie offenbar schon monatelang kannten. Die Gütersloher Polizei fragte Heinrich Traue, ob er für einen Beitrag über seinen Fall in der Fernsehserie XY zur Verfügung stehen wolle. Nebenbei stand in den Schreiben dann auch, dass der Täter überführt sei. „Als ich das gelesen hatte, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen." Laut MT-Recherchen hatte sich zuletzt die Staatsanwaltschaft Wuppertal mit dem Ermittlungsverfahren gegen den Tatverdächtigen befasst, der sich in der Justizvollzugsanstalt Remscheid in Untersuchungshaft befindet. Das Amtsgericht Wuppertal hatte die Anklage nach Abschluss der Ermittlungen zugelassen. Dessen Pressestelle erklärt, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um einen 55-jährigen deutschen Staatsbürger handele. Er sei vor dem Schöffengericht wegen gewerbsmäßigen Betruges in sechs Fällen angeklagt. Der Hauptverhandlungstermin werde auf den 15. November, 9 Uhr, bestimmt. Bei den zu verhandelnden Straftaten berücksichtigt das Gericht die Erschleichung von Leistungen in den Krankenhäusern in Bielefeld, Gütersloh, Düsseldorf, Remscheid und Wuppertal. Dabei soll sich der Angeklagte teilweise als Selbstzahler ausgegeben und Krankenversicherungsschutz angegeben haben, der tatsächlich nicht bestanden haben soll. Insgesamt sollen Leistungen im Wert von mehr als 11.000 Euro erbracht worden sein. Der Angeklagte soll von Anfang an weder willens noch in der Lage gewesen sein, die Leistungen zu bezahlen. Eine seiner letzten Handlungen spielte sich offenbar auf der eBay-Kleinanzeigen-Plattform ab. Dort verkaufte er vor einem Jahr eine Stichsäge zum Preis von 150 Euro – ohne die Ware zu liefern. „Die ganze Sache war für mich eine psychische Belastungssituation", sagt Traue. Wenn er für einen Beitrag des Fernsehmagazins XY zur Verfügung stehe, dann nicht, weil er im Rampenlicht stehen wolle. „Ich möchte einfach nur warnen, damit es nicht anderen Menschen so geht wie mir." Warnschuss Kommentar von Thomas Lieske Ein Einbruch in die eigene Wohnung oder das Haus: Keine Frage, das ist schlimm. Doch was ist mit einem Einbruch in das Privateste, das wir haben? Wenn Kriminelle nicht davor zurückschrecken, die Identität eines anderen zu stehlen und sich in dessen Namen strafbar machen? Was dem Mindener Heinrich Traue widerfahren ist, muss die Hölle gewesen sein. Ein zunächst Unbekannter kopierte sich dessen Ausweisdaten und nahm auf dessen Namen Dienstleistungen für rund 11.000 Euro in Anspruch. Dazu etliche Bestellungen und sogar der Versuch, einen Führerschein auf den Namen des Opfers zu machen. Und das Ganze jahrelang. Das macht nicht nur unglaublich wütend, sondern vor allem nachdenklich. Wie leichtfertig geben wir in der heutigen Zeit unsere persönlichen Daten – Name, Adresse, Alter, Geburtsort, Telefonnummer, Mail-Adresse, Kontonummer – in Onlineformulare ein? Ohne mit der Wimper zu zucken. Und mit einem Klick haben Tausende Werbedienstleister, Produktanbieter und im schlechtesten Fall Gauner unsere sensiblen Daten in der Hand. Wir könnten ihnen quasi gleich unseren Personalausweis schenken. In der analogen Welt, das zeigt der Fall des Mindeners, sind wir gewiss vor Identitätsdieben nicht sicher. Was wir in der digitalen, gläsernen Welt preisgeben, haben wir aber selbst in der Hand. Der Mindener Fall macht deutlich, welch Martyrium Opfer solcher Diebe durchlaufen. Möge dieser Warnschuss noch lange nachhallen.