Minden

Junge Flüchtlinge verlieren beim therapeutischen Reiten ihre Angst

Stefan Koch

Das Reiten war für die Jugendlichen eine neue Erfahrung. Von links: Abbas, Kadiatou, Reittherapeutin Angelika Sting, Ali und Moussa. MT- - © Foto: Stefan Koch
Das Reiten war für die Jugendlichen eine neue Erfahrung. Von links: Abbas, Kadiatou, Reittherapeutin Angelika Sting, Ali und Moussa. MT- (© Foto: Stefan Koch)

Minden (mt). „Pferde gefallen mir gut“, sagt Sadou S. aus Guinea (16) zu jenen Haustieren, die er kaum kannte. Mehrere Runden hat der jugendliche Flüchtling auf dem Rücken von Therapie-Pferd „Harry“ in der Halle des Mindener Pferdezucht-, Reit- und Fahrvereins am Mitteldamm hinter sich gebracht. Zuletzt ganz ohne fremde Hilfe. Nach dem Ritt meint er: „Es fühlt sich gut an, wenn man auf einem Pferd sitzt.“

Unter anderem diese Erfahrung wollte am vergangenen Mittwoch der Reitverein Jugendlichen mit Fluchterfahrung näher bringen. Zu dem Aktionstag waren sieben unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter von zwölf bis 17 Jahren gekommen, die in unterschiedlichen Wohngruppen der Elsa-Brandström-Jugendhilfe des Deutschen Roten Kreuzes in Minden leben. Insgesamt 20 derart Betroffene gibt es in der Einrichtung. Neben Jugendlichen aus Guinea waren zwei Afghanen und ein Syrer zum therapeutischen Reiten an den Mitteldamm gekommen.

Wie es dazu kam? Angelika Sting, Beauftragte für das therapeutische Reiten im Mindener Reitverein, betreut als selbstständige Reittherapeutin bereits seit dem Frühjahr eine junge Afrikanerin zusammen mit ihrem Therapiepferd „James“ in der Reithalle. „Anfangs war die Jugendliche sehr zurückhaltend und ängstlich – durch die Reittherapie ist sie selbstsicherer geworden“, so die Beobachtung. Auch von weiteren beachtenswerten Fortschritten weiß Sting zu berichten. Wie die Jugendliche sich zunächst gar nicht an den Tinker-Wallach herangetraut habe und zuletzt lächelnd auf im geritten sei. „Das lag vor allem auch daran, dass James für sehr ängstliche Klienten geeignet ist, da er einen sehr ruhigen Gang hat.“

Aufgrund der positiven Erfahrungen hatte sich der Vorstand des Mindener Reitvereins darauf verständigt, auch weitere jugendliche Flüchtlinge am therapeutischen Reiten zu beteiligen und sie zu einem Aktionstag eingeladen. „Wenn weiterhin Interesse besteht, dann soll das jährlich wiederholt werden“, sagt Sting.

Am Mittwoch fing das Reiten erst einmal mit einem Kennenlernspiel in der Halle an. Zum Teil sprachen die Jugendlichen nicht deutsch oder englisch, so dass ein anderer übersetzen musste. Danach machten sie die beiden Therapie-Pferde „Harry“ und „James“ zum Reiten fertig. Nachdem die Kolleginnen von Sting einen Parcours aufgebaut hatten, ging es dann mit mehr oder weniger sportlichen Angeboten an die Arbeit.

„Es ist immer wieder schön zu sehen, wie schnell die Angst verschwindet“, sagt Sting. „Auch die großen Jungs trauen sich zunächst nicht allein aufs Pferd – aber nach zehn Minuten konnten einige bereits schon allein reiten.“ Viele wollten nach kurzer Zeit gar nicht mehr mit dem Traben aufhören. „Wir wollen, dass die Jugendlichen ein paar schöne Stunden haben und alles Schlimme, das sie erlebt haben, vergessen.“ Deshalb unterstütze auch der Bundesverband des Reitsportes das Projekt.

Melanie Finke, die als Sozialpädagogin und Erziehungsleiterin der Elsa-Brandström-Jugendhilfe arbeitet und beim therapeutischen Reiten dabei war, weiß von schweren Schicksalen zu berichten. Ein Großteil der Teilnehmer sei über Marokko nach Spanien gelangt. Einer sei, wie sein vernarbter Rücken deutlich zeige, während der Flucht massiv misshandelt worden. Viele litten an Schlaflosigkeit, seien tagsüber müde und zerschlagen. „Aber trotzdem versuchen sie dem Schulunterricht zu folgen und geben sich Mühe, die deutsche Sprache zu erlernen.“

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MindenJunge Flüchtlinge verlieren beim therapeutischen Reiten ihre AngstStefan KochMinden (mt). „Pferde gefallen mir gut“, sagt Sadou S. aus Guinea (16) zu jenen Haustieren, die er kaum kannte. Mehrere Runden hat der jugendliche Flüchtling auf dem Rücken von Therapie-Pferd „Harry“ in der Halle des Mindener Pferdezucht-, Reit- und Fahrvereins am Mitteldamm hinter sich gebracht. Zuletzt ganz ohne fremde Hilfe. Nach dem Ritt meint er: „Es fühlt sich gut an, wenn man auf einem Pferd sitzt.“ Unter anderem diese Erfahrung wollte am vergangenen Mittwoch der Reitverein Jugendlichen mit Fluchterfahrung näher bringen. Zu dem Aktionstag waren sieben unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Alter von zwölf bis 17 Jahren gekommen, die in unterschiedlichen Wohngruppen der Elsa-Brandström-Jugendhilfe des Deutschen Roten Kreuzes in Minden leben. Insgesamt 20 derart Betroffene gibt es in der Einrichtung. Neben Jugendlichen aus Guinea waren zwei Afghanen und ein Syrer zum therapeutischen Reiten an den Mitteldamm gekommen. Wie es dazu kam? Angelika Sting, Beauftragte für das therapeutische Reiten im Mindener Reitverein, betreut als selbstständige Reittherapeutin bereits seit dem Frühjahr eine junge Afrikanerin zusammen mit ihrem Therapiepferd „James“ in der Reithalle. „Anfangs war die Jugendliche sehr zurückhaltend und ängstlich – durch die Reittherapie ist sie selbstsicherer geworden“, so die Beobachtung. Auch von weiteren beachtenswerten Fortschritten weiß Sting zu berichten. Wie die Jugendliche sich zunächst gar nicht an den Tinker-Wallach herangetraut habe und zuletzt lächelnd auf im geritten sei. „Das lag vor allem auch daran, dass James für sehr ängstliche Klienten geeignet ist, da er einen sehr ruhigen Gang hat.“ Aufgrund der positiven Erfahrungen hatte sich der Vorstand des Mindener Reitvereins darauf verständigt, auch weitere jugendliche Flüchtlinge am therapeutischen Reiten zu beteiligen und sie zu einem Aktionstag eingeladen. „Wenn weiterhin Interesse besteht, dann soll das jährlich wiederholt werden“, sagt Sting. Am Mittwoch fing das Reiten erst einmal mit einem Kennenlernspiel in der Halle an. Zum Teil sprachen die Jugendlichen nicht deutsch oder englisch, so dass ein anderer übersetzen musste. Danach machten sie die beiden Therapie-Pferde „Harry“ und „James“ zum Reiten fertig. Nachdem die Kolleginnen von Sting einen Parcours aufgebaut hatten, ging es dann mit mehr oder weniger sportlichen Angeboten an die Arbeit. „Es ist immer wieder schön zu sehen, wie schnell die Angst verschwindet“, sagt Sting. „Auch die großen Jungs trauen sich zunächst nicht allein aufs Pferd – aber nach zehn Minuten konnten einige bereits schon allein reiten.“ Viele wollten nach kurzer Zeit gar nicht mehr mit dem Traben aufhören. „Wir wollen, dass die Jugendlichen ein paar schöne Stunden haben und alles Schlimme, das sie erlebt haben, vergessen.“ Deshalb unterstütze auch der Bundesverband des Reitsportes das Projekt. Melanie Finke, die als Sozialpädagogin und Erziehungsleiterin der Elsa-Brandström-Jugendhilfe arbeitet und beim therapeutischen Reiten dabei war, weiß von schweren Schicksalen zu berichten. Ein Großteil der Teilnehmer sei über Marokko nach Spanien gelangt. Einer sei, wie sein vernarbter Rücken deutlich zeige, während der Flucht massiv misshandelt worden. Viele litten an Schlaflosigkeit, seien tagsüber müde und zerschlagen. „Aber trotzdem versuchen sie dem Schulunterricht zu folgen und geben sich Mühe, die deutsche Sprache zu erlernen.“