Standpunkt zur Trumpisierung der Gesellschaft: Ein zerstörerisches Virus

Benjamin Piel

Die Trumpisierung hat längst Minden-Lübbecke erreicht. Wo sich das zeigt, spielen Argumente keine Rolle mehr. Da zählt das Durchsetzen der eigenen Sichtweise alles. Und seien die Fakten, die dagegen sprechen, noch so unwiderlegbar.

Wer zu diesem Vorgehen bereit ist, dem sind alle Mittel recht. Auch, andere Menschen zu verunglimpfen oder falsche Tatsachen über sie zu behaupten. Selbst dann noch, wenn längst klar ist, dass die Dinge eigentlich ganz anders liegen als behauptet. Das MT schlägt sich gerade mit so einem unangenehmen Fall herum. Und die Redaktionsmitglieder reiben sich erstaunt die Augen, was da so alles behauptet, in den Raum gestellt und zusammengesponnen wird.

Es geht um die Büchertauschbörse in Kutenhausen. Die ist eine gute und sinnvolle Einrichtung. Menschen konnten sich dort Bücher ausleihen. Die Ehrenamtlichen gaben sich alle Mühe, ein buntes literarisches Programm zusammenzustellen. Doch schließlich kam es zum Bruch zwischen den Betreibern und dem gastgebenden Heimatverein, der das ehemalige Spritzenhaus betreut.

Das MT berichtete mehrfach über den Fall. Weil die Schilderungen der beiden Kontrahenten weit auseinanderklaffen, ist es für den neutralen Beobachter schwierig, sich zwischen den Fronten zu bewegen und sich nicht vereinnahmen zu lassen. Eine Seite behauptet dies, die andere das Gegenteil. Welche im Recht ist, kann und soll hier nicht Thema sein.

Die Situation jedenfalls spitzte sich immer mehr zu und mündete in den absurdesten Vorwürfen. Ins Fadenkreuz geriet schließlich auch das MT selbst, dessen Redakteur sich bemühte, sachlich und ausgewogen über den Streit zu berichten. Dreh- und Angelpunkt ist der Vorwurf, er habe absichtlich ein Buch auf einem Foto drapiert, um dem Betreiber der Börse eine rechtsradikale Schlagseite anzudichten und ihn so zu diffamieren.

Einmal davon abgesehen, dass solch ein Handeln den Redaktionsmitgliedern denkbar fern liegt, wird der Vorwurf noch abstruser, wenn man sich damit beschäftigt, um welches Buch es geht: „Ploetz. Das Dritte Reich. Ursprünge, Erscheinungen, Wirkung.“ Es stammt aus dem Jahr 1983 und ist ein Geschichtswerk, das sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Ein Buch, das einer Tauschbörse durchaus gut zu Gesicht steht.

Denn es handelt sich also keinesfalls um Nazi-Literatur, sondern um ein Werk, das sich um die historische Aufarbeitung des Dritten Reichs verdient macht. Nicht die leiseste Spur von Verherrlichung der dunklen Geschichte – im Gegenteil. Das Buch stammt aus dem Verlag Ploetz, der früher selbstständig war und inzwischen aufgegangen ist im renommierten Herder-Verlag. Unter dem Namen „Ploetz“ gibt der Verlag noch immer geschichtliche Werke heraus.

Aus dem Umfeld der Büchertauschbörse wurde öffentlich und auch in Leserbriefen eine Verbindung zwischen dem Verlag und Alfred Ploetz hergestellt. Der 1940 Verstorbene hat den üblen Begriff der Rassenhygiene geprägt. Auf Belege, dass es keinerlei Verbindung zwischen jenem Ploetz und dem Buch gibt, reagieren die Anklagenden nicht. Das Gedankenkonstrukt – längst entlarvt als eine einzige Schimäre – wurde weitergetragen, weiterverbreitet und immer wieder in Stellung gebracht.

Nun mag das alles irgendwie lächerlich und absurd wirken. Aber tatsächlich ist es mehr als nur das. Hier zeigt sich eine Entwicklung, die immer ausgeprägter um sich greift: die Bereitschaft, politische oder sonstige Gegner mit brachialen Vorwürfen jenseits der Tatsachen niederzuwalzen. Die internationale Politik macht es mit US-Präsident Donald Trump und Gestalten wie dem philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte oder dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro vor. Teile der AfD übernehmen die Strategie. Und so schwappt der Trend langsam, aber sicher hinein in die Mitte der Gesellschaft.

Der Mechanismus ist nur zu stoppen, wenn möglichst viele Menschen ihn erkennen statt ihm zu verfallen. Und sich immunisieren gegen das zerstörerische Virus.

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Standpunkt zur Trumpisierung der Gesellschaft: Ein zerstörerisches VirusBenjamin PielDie Trumpisierung hat längst Minden-Lübbecke erreicht. Wo sich das zeigt, spielen Argumente keine Rolle mehr. Da zählt das Durchsetzen der eigenen Sichtweise alles. Und seien die Fakten, die dagegen sprechen, noch so unwiderlegbar. Wer zu diesem Vorgehen bereit ist, dem sind alle Mittel recht. Auch, andere Menschen zu verunglimpfen oder falsche Tatsachen über sie zu behaupten. Selbst dann noch, wenn längst klar ist, dass die Dinge eigentlich ganz anders liegen als behauptet. Das MT schlägt sich gerade mit so einem unangenehmen Fall herum. Und die Redaktionsmitglieder reiben sich erstaunt die Augen, was da so alles behauptet, in den Raum gestellt und zusammengesponnen wird. Es geht um die Büchertauschbörse in Kutenhausen. Die ist eine gute und sinnvolle Einrichtung. Menschen konnten sich dort Bücher ausleihen. Die Ehrenamtlichen gaben sich alle Mühe, ein buntes literarisches Programm zusammenzustellen. Doch schließlich kam es zum Bruch zwischen den Betreibern und dem gastgebenden Heimatverein, der das ehemalige Spritzenhaus betreut. Das MT berichtete mehrfach über den Fall. Weil die Schilderungen der beiden Kontrahenten weit auseinanderklaffen, ist es für den neutralen Beobachter schwierig, sich zwischen den Fronten zu bewegen und sich nicht vereinnahmen zu lassen. Eine Seite behauptet dies, die andere das Gegenteil. Welche im Recht ist, kann und soll hier nicht Thema sein. Die Situation jedenfalls spitzte sich immer mehr zu und mündete in den absurdesten Vorwürfen. Ins Fadenkreuz geriet schließlich auch das MT selbst, dessen Redakteur sich bemühte, sachlich und ausgewogen über den Streit zu berichten. Dreh- und Angelpunkt ist der Vorwurf, er habe absichtlich ein Buch auf einem Foto drapiert, um dem Betreiber der Börse eine rechtsradikale Schlagseite anzudichten und ihn so zu diffamieren. Einmal davon abgesehen, dass solch ein Handeln den Redaktionsmitgliedern denkbar fern liegt, wird der Vorwurf noch abstruser, wenn man sich damit beschäftigt, um welches Buch es geht: „Ploetz. Das Dritte Reich. Ursprünge, Erscheinungen, Wirkung.“ Es stammt aus dem Jahr 1983 und ist ein Geschichtswerk, das sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Ein Buch, das einer Tauschbörse durchaus gut zu Gesicht steht. Denn es handelt sich also keinesfalls um Nazi-Literatur, sondern um ein Werk, das sich um die historische Aufarbeitung des Dritten Reichs verdient macht. Nicht die leiseste Spur von Verherrlichung der dunklen Geschichte – im Gegenteil. Das Buch stammt aus dem Verlag Ploetz, der früher selbstständig war und inzwischen aufgegangen ist im renommierten Herder-Verlag. Unter dem Namen „Ploetz“ gibt der Verlag noch immer geschichtliche Werke heraus. Aus dem Umfeld der Büchertauschbörse wurde öffentlich und auch in Leserbriefen eine Verbindung zwischen dem Verlag und Alfred Ploetz hergestellt. Der 1940 Verstorbene hat den üblen Begriff der Rassenhygiene geprägt. Auf Belege, dass es keinerlei Verbindung zwischen jenem Ploetz und dem Buch gibt, reagieren die Anklagenden nicht. Das Gedankenkonstrukt – längst entlarvt als eine einzige Schimäre – wurde weitergetragen, weiterverbreitet und immer wieder in Stellung gebracht. Nun mag das alles irgendwie lächerlich und absurd wirken. Aber tatsächlich ist es mehr als nur das. Hier zeigt sich eine Entwicklung, die immer ausgeprägter um sich greift: die Bereitschaft, politische oder sonstige Gegner mit brachialen Vorwürfen jenseits der Tatsachen niederzuwalzen. Die internationale Politik macht es mit US-Präsident Donald Trump und Gestalten wie dem philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte oder dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro vor. Teile der AfD übernehmen die Strategie. Und so schwappt der Trend langsam, aber sicher hinein in die Mitte der Gesellschaft. Der Mechanismus ist nur zu stoppen, wenn möglichst viele Menschen ihn erkennen statt ihm zu verfallen. Und sich immunisieren gegen das zerstörerische Virus.