Minden

Nach Attacke auf junge Frau am ZOB Minden: Mann muss in Entzugsanstalt

Hartmut Nolte

Am Mindener ZOB hatte der Angeklagte im Januar einer 19-Jährigen in einem abfahrenden Bus in die Haare gegriffen. Die Frau wurde von den Hinterreifen überrollt und verletzte sich schwer. MT-Foto: Alex Lehn - © Lehn,Alexander
Am Mindener ZOB hatte der Angeklagte im Januar einer 19-Jährigen in einem abfahrenden Bus in die Haare gegriffen. Die Frau wurde von den Hinterreifen überrollt und verletzte sich schwer. MT-Foto: Alex Lehn (© Lehn,Alexander)

Minden (hn). Der Fall sorgte sogar international für Aufregung in der Presse: Ein Mann hatte Anfang des Jahres eine junge Frau an den Haaren aus einem Bus am ZOB Minden gezogen. Daraufhin wurde sie von den Hinterreifen des Busses überrollt. Für diese und weitere Taten verurteilte das Schöffengericht Minden den 22-jährigen Portaner am Donnerstag nach drei Verhandlungstagen zu drei Jahren und vier Monaten Freiheitsentzug. Weil bei dem Mann laut eines Gutachters aber ständiger und langer Akoholkonsum und Drogensucht eine Rolle spielten, ordnete das Gericht Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an.

Seine Unbeherrschtheit und laut Staatsanwalt „unerträgliche Respektlosigkeit gegenüber anderen Menschen, insbesondere Frauen und Polizisten“ brachten dem Angeklagten noch im Gerichtssaal eine neue Strafanzeige wegen Beleidigung ein. Er wetterte in seiner Muttersprache gegen einen Landsmann im Zeugenstand los. Doch auch der Dolmetscher hatte gut verstanden.

Angeklagt war er auch wegen Beleidigung von Polizeibeamten und zweimaligen Marihuanaverkaufs an eine 15-Jährige. Am ersten Prozesstag gab er die Vorwürfe nur teilweise zu, schob die Schuld auf andere. Er habe in der Dunkelheit nicht sehen können, dass das Mädchen, das von ihm ein Gramm Marihuana haben wollte, noch nicht 18 war, erklärte er. Dafür gibt es nämlich mindestens zwei Jahre Haft. Doch er kannte das Mädchen, das Stammkundin an Mindens Dealplatz Nummer eins, der Weserpromenade, war. Sie trug eine Zahnspange und war 15, hielt ihm das Gericht im Urteil entgegen.

Strafrechtlich war das höher zu werten als die vorsätzliche gefährliche Körperverletzung: Am 19. Januar abends am ZOB hatte er einer damals 19-Jährige beim Einsteigen in einen abfahrenden Bus in die langen Haare gegriffen und ruckartig aus dem Bus gezogen. Ihre Freundin fiel gleich mit aufs Pflaster, konnte aber rechtzeitig aufstehen. Der Fahrer wollte helfen, vergaß aber in der Hektik die Handbremse und der Bus rollte über Hüfte, rechten Oberschenkel und linken Fuß der Frau. Vorausgegangen war ein Streit zwischen drei Mädchen, von denen die später Verletzte sehr betrunken war, mit sieben jungen Männern – wobei sich der mit 2,23 Promille stark alkoholisierte Angeklagte mit einem Faustschlag für eine Ohrfeige revanchierte, die er für schlimme Beleidigungen der Frau erhielt. Das schien beendet, die Frauen liefen zum Bus. Der Rowdy wurde zurückgehalten, riss sich aber los und griff brutal in die Haare. Ein Jahr und zwei Monate verhängte das Gericht für die Tat.

Gut Deutsch kann der aus Afghanistan stammende Angeklagte nicht, aber das F-Wort dekliniert er gegen andere gern mit sämtlichen weiblichen Verwandtschaftsformen. Auch gegen die Beamten auf Streife, die ihn am 28. September kontrollieren wollten, weil er ihnen den Stinkefinger gezeigt hatte. Er wehrte sich mit wüsten Beschimpfungen und leistete physischen Widerstand, zog gar seine Hose herunter und urinierte. 1,43 Promille Alkoholgehalt wurden amtlich festgestellt, dazu Cannabiseinfluss.

Einem Landsmann flößte er mit seiner Raserei schiere Angst ein. „Vier Mal habe ich nichts gesagt, aber dann war Schluss”, berichtete der 23-Jährige. Das fünfte Mal war am 10. Dezember auf der Obermarktstraße, wo er erst von einem Polizeibeamten der Stadtwache gestoppt werden konnte.

Schon am ersten Verhandlungstag hatte er den Landsmann mit den Worten „der ist einfach dumm“ herabgesetzt, jetzt giftete er weiter. Was den Zeugen auch aufregte war, dass solche Landleute wie der Angeklagte auch ihm, der sich bemühe in Deutschland eine neue Heimat zu finden, in schlechtes Licht setze. Er habe seine ganze Familie in Afghanistan verloren.

Nach dem Bericht eines Gutachters entschied das Gericht auf eine auf zwei Jahre befristete Unterbringung in einer geschlossenen Entziehungsanstalt. Zeigt er sich da einsichtig, kann er unter Anrechnung der bisherigen sieben Monate Untersuchungshaft damit rechnen, gar nicht oder nur noch wenige Monate ins Gefängnis zu müssen. Direkt in die Freiheit würde es dann aber nicht gehen. Die Kreisverwaltung sei dabei, Ersatzpapiere zu beschaffen, wusste der Staatsanwalt: Für die Abschiebung des abgelehnten Asylbewerbers.

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MindenNach Attacke auf junge Frau am ZOB Minden: Mann muss in EntzugsanstaltHartmut NolteMinden (hn). Der Fall sorgte sogar international für Aufregung in der Presse: Ein Mann hatte Anfang des Jahres eine junge Frau an den Haaren aus einem Bus am ZOB Minden gezogen. Daraufhin wurde sie von den Hinterreifen des Busses überrollt. Für diese und weitere Taten verurteilte das Schöffengericht Minden den 22-jährigen Portaner am Donnerstag nach drei Verhandlungstagen zu drei Jahren und vier Monaten Freiheitsentzug. Weil bei dem Mann laut eines Gutachters aber ständiger und langer Akoholkonsum und Drogensucht eine Rolle spielten, ordnete das Gericht Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Seine Unbeherrschtheit und laut Staatsanwalt „unerträgliche Respektlosigkeit gegenüber anderen Menschen, insbesondere Frauen und Polizisten“ brachten dem Angeklagten noch im Gerichtssaal eine neue Strafanzeige wegen Beleidigung ein. Er wetterte in seiner Muttersprache gegen einen Landsmann im Zeugenstand los. Doch auch der Dolmetscher hatte gut verstanden. Angeklagt war er auch wegen Beleidigung von Polizeibeamten und zweimaligen Marihuanaverkaufs an eine 15-Jährige. Am ersten Prozesstag gab er die Vorwürfe nur teilweise zu, schob die Schuld auf andere. Er habe in der Dunkelheit nicht sehen können, dass das Mädchen, das von ihm ein Gramm Marihuana haben wollte, noch nicht 18 war, erklärte er. Dafür gibt es nämlich mindestens zwei Jahre Haft. Doch er kannte das Mädchen, das Stammkundin an Mindens Dealplatz Nummer eins, der Weserpromenade, war. Sie trug eine Zahnspange und war 15, hielt ihm das Gericht im Urteil entgegen. Strafrechtlich war das höher zu werten als die vorsätzliche gefährliche Körperverletzung: Am 19. Januar abends am ZOB hatte er einer damals 19-Jährige beim Einsteigen in einen abfahrenden Bus in die langen Haare gegriffen und ruckartig aus dem Bus gezogen. Ihre Freundin fiel gleich mit aufs Pflaster, konnte aber rechtzeitig aufstehen. Der Fahrer wollte helfen, vergaß aber in der Hektik die Handbremse und der Bus rollte über Hüfte, rechten Oberschenkel und linken Fuß der Frau. Vorausgegangen war ein Streit zwischen drei Mädchen, von denen die später Verletzte sehr betrunken war, mit sieben jungen Männern – wobei sich der mit 2,23 Promille stark alkoholisierte Angeklagte mit einem Faustschlag für eine Ohrfeige revanchierte, die er für schlimme Beleidigungen der Frau erhielt. Das schien beendet, die Frauen liefen zum Bus. Der Rowdy wurde zurückgehalten, riss sich aber los und griff brutal in die Haare. Ein Jahr und zwei Monate verhängte das Gericht für die Tat. Gut Deutsch kann der aus Afghanistan stammende Angeklagte nicht, aber das F-Wort dekliniert er gegen andere gern mit sämtlichen weiblichen Verwandtschaftsformen. Auch gegen die Beamten auf Streife, die ihn am 28. September kontrollieren wollten, weil er ihnen den Stinkefinger gezeigt hatte. Er wehrte sich mit wüsten Beschimpfungen und leistete physischen Widerstand, zog gar seine Hose herunter und urinierte. 1,43 Promille Alkoholgehalt wurden amtlich festgestellt, dazu Cannabiseinfluss. Einem Landsmann flößte er mit seiner Raserei schiere Angst ein. „Vier Mal habe ich nichts gesagt, aber dann war Schluss”, berichtete der 23-Jährige. Das fünfte Mal war am 10. Dezember auf der Obermarktstraße, wo er erst von einem Polizeibeamten der Stadtwache gestoppt werden konnte. Schon am ersten Verhandlungstag hatte er den Landsmann mit den Worten „der ist einfach dumm“ herabgesetzt, jetzt giftete er weiter. Was den Zeugen auch aufregte war, dass solche Landleute wie der Angeklagte auch ihm, der sich bemühe in Deutschland eine neue Heimat zu finden, in schlechtes Licht setze. Er habe seine ganze Familie in Afghanistan verloren. Nach dem Bericht eines Gutachters entschied das Gericht auf eine auf zwei Jahre befristete Unterbringung in einer geschlossenen Entziehungsanstalt. Zeigt er sich da einsichtig, kann er unter Anrechnung der bisherigen sieben Monate Untersuchungshaft damit rechnen, gar nicht oder nur noch wenige Monate ins Gefängnis zu müssen. Direkt in die Freiheit würde es dann aber nicht gehen. Die Kreisverwaltung sei dabei, Ersatzpapiere zu beschaffen, wusste der Staatsanwalt: Für die Abschiebung des abgelehnten Asylbewerbers.