Minden

Der rasierte Ring: Kunstwerk versehentlich abgemäht

Ursula Koch

Wegrasiert: Hier sollte der magische Ring wachsen. - © Mindener Tageblatt
Wegrasiert: Hier sollte der magische Ring wachsen. (© Mindener Tageblatt)

Minden (mt). Ein Künstler fassungslos, die bei den Städtischen Betrieben Minden (SBM) für Grünflächen zuständige Mitarbeiterin beschämt – Krisensitzung. Kunst im öffentlichen Raum ist eine heikle Angelegenheit, anfällig für Störungen von vielen Seiten. Das musste jetzt auch der Mindener Künstler Gunnar Heilmann erfahren. Für die Ausstellung „Wagnis Wagner" wollte er im Königsglacis einen „Magischen Ring" wachsen lassen. Seit Mai hatte er viele Stunden Arbeit in das Projekt investiert. Doch dann kam der 8. August. Ein Mitarbeiter der SBM mähte, wo seit 20 Jahren immer gemäht wird. Weg war die Kunst, ohne dass vorher die sprichwörtlich gewordene Frage gestellt worden wäre.

„Ich war fassungslos." Mit diesen Worten beschreibt Gunnar Heilmann seine Gefühle, als er am Abend des 8. August entdeckte, was passiert war. Kein Wunder, denn er hatte weit über 100 Stunden in dem Gelände an seinem „Magischen Ring" gearbeitet. Trotz Rekordtemperaturen hatte er auf der Lichtung auf der Höhe des Ratsgymnasiums geharkt, vertikutiert, gesät und vor allem immer wieder gewässert. Zuvor hatten SBM-Mitarbeiter nach seinen Anweisungen das Gelände gemäht. Zum Start der Freiluft-Ausstellung am 7. September sollte an dieser Stelle ein Ring aus blau blühender Phacelia leuchten. Die Pflanze nutzen Landwirte als Zwischenfrucht zur Verbesserung des Bodens.

In seinem Konzept schreibt Heilmann, dass er mit seinem Werk weitere Impulse für das Gestaltungskonzept der Stadt für das Glacis geben will. Zusammen mit seinem Künstlerkollegen Ulrich Kügler und Schülern des Ratsgymnasiums hatte er in enger Abstimmung mit der Stadt seit 1999 das an das Glacis grenzende Schulhofgelände neu gestaltet. Ihr Ziel, dass dieses Areal sowohl von Schülern wie Bevölkerung genutzt wird, haben sie erreicht. .

„Wir haben ein gutes, konstruktives Gespräch geführt", sagte Regina-Dolores Stieler-Hinz gestern auf Anfrage. „Es ist ein Fehler passiert. Gemeinsam mit dem Verein für aktuelle Kunst und vor allem mit dem Künstler Gunnar Heilmann sind das Kulturbüro und die Städtischen Betriebe bemüht, den Schaden maximal zu begrenzen." Das bedeutet, dass der Entstehungsprozess der Bodenskulptur mit allen Höhen und Tiefen dokumentiert werden soll. Im Einvernehmen mit Heilmann habe die SBM ein zweites Mal gesät. Alle hoffen, dass bis zum Ende der Ausstellung der Ring doch noch blüht. „Kunst im öffentlichen Raum birgt immer Risiken. Aber letztendlich spiegelt diese Kunst im Besonderen das Leben in all seinen Facetten wieder. Somit wird diese unfreiwillige Intervention lebendiger Bestandteil des „Magischen Rings" werden", sagt Stieler-Hinz.

„Wir sind sehr betroffen, dass das passiert ist", sagt Christine Krumme, bei der SBM zuständig für Grünflächen. Sie hatte Heilmann bei der Wahl des Saatguts beraten, denn das Glacis steht unter Denkmalschutz und außerdem sollte die Bodenskulptur das noch nicht beschlossene Gestaltungskonzept der Stadt für das Glacis nicht behindern. Darum sei eine einjährige Pflanze ausgewählt worden.

„Wenn es gelingt, diese Krisensituation konstruktiv zu nutzen, wäre das ein Plus für Minden", sagt Gunnar Heilmann.

Die Ausstellung "Wagnis Wagner"

Mit der Aufführung des vierteiligen Opern-Zyklus der „Ring des Nibelungen" endet im September ein gemeinsamer Kraftakt des Mindener Wagner-Verbandes, des Stadttheaters und der Nordwestdeutschen Philharmonie.

Weil sich nur wenige Theater dieser Mammutaufgabe stellen, kommen viele Wagner-Fans für zehn Tage nach Minden. Darum haben Wagner-Verband, Stadt und Minden Marketing (MMG) ein Begleitprogramm aufgestellt.

Teil davon ist die Ausstellung „Wagnis Wagner", die vom Kulturbüro, MMG und Verein für aktuelle Kunst organisiert wird. Eine Jury hat aus 49 Bewerbungen zehn Projekte ausgewählt, die vm 7. September bis zum 6. Oktober in der Innenstadt realisiert werden sollen.

Unter den teilnehmenden Künstlern sind drei Mindener: Neben Gunnar Heilmann sind das Ulrich Kügler und Hartwig Reinboth.

Dumm gelaufen

Kommentar von Ursula Koch

Kunst ist nicht immer auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Das hat damit zu tun, dass Können kein ausschließliches Kriterium ist, sondern auch das Konzept, der dahinter stehende Gedanke. In der zeitgenössischen Kunst ist vielfach der Prozess selbst das Werk.

Das kann zu Missverständnissen führen, für die es zahlreiche Beispiele gibt. Legendär ist die von Joseph Beuys mit Fett, Mullbinden und Pflastern gestaltete Badewanne, die zwei Genossinnen bei einer SPD-Feier im Depot des Museums Schloss Morsbroich entdeckten und sie als ideal zum Gläserspülen ansahen. Ähnliches passierte im Museum am Ostwall in Dortmund mit einem Werk von Martin Kippenberger und sogar bei der Documenta.

Aber auch in der jüngeren Mindener Vergangenheit sorgte eine künstlerische Intervention für eine Intervention. Damals hatte zum Melitta-Förderpreis der Künstler Peter Dombrowe das Denkmal des Großen Kurfürsten drehen lassen, sodass der Vertreter der preußischen Regierung in Richtung Berlin-Brandenburg schaute. Das gefiel dem Bürgerbataillon nicht, das dem Standbild zum Auftakt des Freischießens einen Kranz zu Füßen legt. Der Einfluss der Traditionsfreunde auf die Stadt reichte aus, dass die Skulptur für die Dauer des Festes wieder in Richtung Innenstadt gedreht wurde. Alle Erklärungen und Gespräche halfen nichts, es fehlte schlicht die Bereitschaft, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. Dagegen ist das versehentliche Mähen einer noch wachsenden Bodenskulptur doch allzu menschlich.

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Trotz Rekordtemperaturen hatte er auf der Lichtung auf der Höhe des Ratsgymnasiums geharkt, vertikutiert, gesät und vor allem immer wieder gewässert. Zuvor hatten SBM-Mitarbeiter nach seinen Anweisungen das Gelände gemäht. Zum Start der Freiluft-Ausstellung am 7. September sollte an dieser Stelle ein Ring aus blau blühender Phacelia leuchten. Die Pflanze nutzen Landwirte als Zwischenfrucht zur Verbesserung des Bodens. In seinem Konzept schreibt Heilmann, dass er mit seinem Werk weitere Impulse für das Gestaltungskonzept der Stadt für das Glacis geben will. Zusammen mit seinem Künstlerkollegen Ulrich Kügler und Schülern des Ratsgymnasiums hatte er in enger Abstimmung mit der Stadt seit 1999 das an das Glacis grenzende Schulhofgelände neu gestaltet. Ihr Ziel, dass dieses Areal sowohl von Schülern wie Bevölkerung genutzt wird, haben sie erreicht. . „Wir haben ein gutes, konstruktives Gespräch geführt", sagte Regina-Dolores Stieler-Hinz gestern auf Anfrage. „Es ist ein Fehler passiert. Gemeinsam mit dem Verein für aktuelle Kunst und vor allem mit dem Künstler Gunnar Heilmann sind das Kulturbüro und die Städtischen Betriebe bemüht, den Schaden maximal zu begrenzen." Das bedeutet, dass der Entstehungsprozess der Bodenskulptur mit allen Höhen und Tiefen dokumentiert werden soll. Im Einvernehmen mit Heilmann habe die SBM ein zweites Mal gesät. Alle hoffen, dass bis zum Ende der Ausstellung der Ring doch noch blüht. „Kunst im öffentlichen Raum birgt immer Risiken. Aber letztendlich spiegelt diese Kunst im Besonderen das Leben in all seinen Facetten wieder. Somit wird diese unfreiwillige Intervention lebendiger Bestandteil des „Magischen Rings" werden", sagt Stieler-Hinz. „Wir sind sehr betroffen, dass das passiert ist", sagt Christine Krumme, bei der SBM zuständig für Grünflächen. Sie hatte Heilmann bei der Wahl des Saatguts beraten, denn das Glacis steht unter Denkmalschutz und außerdem sollte die Bodenskulptur das noch nicht beschlossene Gestaltungskonzept der Stadt für das Glacis nicht behindern. Darum sei eine einjährige Pflanze ausgewählt worden. „Wenn es gelingt, diese Krisensituation konstruktiv zu nutzen, wäre das ein Plus für Minden", sagt Gunnar Heilmann. Die Ausstellung "Wagnis Wagner" Mit der Aufführung des vierteiligen Opern-Zyklus der „Ring des Nibelungen" endet im September ein gemeinsamer Kraftakt des Mindener Wagner-Verbandes, des Stadttheaters und der Nordwestdeutschen Philharmonie. Weil sich nur wenige Theater dieser Mammutaufgabe stellen, kommen viele Wagner-Fans für zehn Tage nach Minden. Darum haben Wagner-Verband, Stadt und Minden Marketing (MMG) ein Begleitprogramm aufgestellt. Teil davon ist die Ausstellung „Wagnis Wagner", die vom Kulturbüro, MMG und Verein für aktuelle Kunst organisiert wird. Eine Jury hat aus 49 Bewerbungen zehn Projekte ausgewählt, die vm 7. September bis zum 6. Oktober in der Innenstadt realisiert werden sollen. Unter den teilnehmenden Künstlern sind drei Mindener: Neben Gunnar Heilmann sind das Ulrich Kügler und Hartwig Reinboth. Dumm gelaufen Kommentar von Ursula Koch Kunst ist nicht immer auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Das hat damit zu tun, dass Können kein ausschließliches Kriterium ist, sondern auch das Konzept, der dahinter stehende Gedanke. In der zeitgenössischen Kunst ist vielfach der Prozess selbst das Werk. Das kann zu Missverständnissen führen, für die es zahlreiche Beispiele gibt. Legendär ist die von Joseph Beuys mit Fett, Mullbinden und Pflastern gestaltete Badewanne, die zwei Genossinnen bei einer SPD-Feier im Depot des Museums Schloss Morsbroich entdeckten und sie als ideal zum Gläserspülen ansahen. Ähnliches passierte im Museum am Ostwall in Dortmund mit einem Werk von Martin Kippenberger und sogar bei der Documenta. Aber auch in der jüngeren Mindener Vergangenheit sorgte eine künstlerische Intervention für eine Intervention. Damals hatte zum Melitta-Förderpreis der Künstler Peter Dombrowe das Denkmal des Großen Kurfürsten drehen lassen, sodass der Vertreter der preußischen Regierung in Richtung Berlin-Brandenburg schaute. Das gefiel dem Bürgerbataillon nicht, das dem Standbild zum Auftakt des Freischießens einen Kranz zu Füßen legt. Der Einfluss der Traditionsfreunde auf die Stadt reichte aus, dass die Skulptur für die Dauer des Festes wieder in Richtung Innenstadt gedreht wurde. Alle Erklärungen und Gespräche halfen nichts, es fehlte schlicht die Bereitschaft, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. Dagegen ist das versehentliche Mähen einer noch wachsenden Bodenskulptur doch allzu menschlich.