Minden

Hitzekrank: Obdachlose haben es nicht nur im Winter schwer auf der Straße

Nina Bucklewski

Auch im Sommer haben Obdachlose auf der Straße zu kämpfen – mit der Hitze. Foto: Paul Zinken/dpa - © (c) Copyright 2018, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Auch im Sommer haben Obdachlose auf der Straße zu kämpfen – mit der Hitze. Foto: Paul Zinken/dpa (© (c) Copyright 2018, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten)

Minden (mt). Wenn die Temperaturen wie in den letzten Wochen die 40-Grad-Marke knacken, ist das kühle Wohnzimmer für viele der erste Rückzugsort. Doch es gibt auch Menschen, für die das keine Option ist: Wohnungs- und Obdachlose. Sie schlafen in Zelten, unter Brücken oder wandern von Ort zu Ort. Schutz vor der Hitzewelle gibt es dort für sie allerdings nicht.

Vor allem bei wandernden Wohnungslosen kann es so schnell zu Hitzeerkrankungen wie Sonnenbrand und Kreislaufzusammenbruch kommen. Gerade bei weiten Strecken, die die Obdachlosen Richtung Minden zurücklegen, gibt es immer wieder Probleme. Es bilden sich Blasen an den Füßen und die Hitze steigt ihnen zu Kopf. „Besonders die Älteren trinken auch gerne etwas Alkohol. Wenn sie dann in der Sonne liegen, kann es schnell passieren, dass sie hitzekrank werden“, sagt Elke Entgelmeier von der Diakonie Stiftung Salem Minden.

Sie ist Einrichtungsleiterin des Rudolf-Winzer-Hauses. Das ist eine Einrichtung für Männer, die nicht mehr weiter wissen und einen Platz zum Schlafen brauchen. Dazu gehören mittlerweile viele Jugendliche, die aus Jugendhilfen entlassen werden. „Gerade sie fallen schnell in eine sogenannte Spirale des Unglückes“, weiß Entgelmeier. Im Haus gibt es kostenlose Verpflegung, Duschen, Hygieneartikel und 25 Schlafplätze. Vorgesehen ist es, dass jeder nur eine Nacht bleibt. „Oft wird gefragt, ob sie auch länger bleiben dürfen“, sagt die Leiterin des Hauses.

In den heißen Tagen im Juni und Juli war die Hitze auch im Rudolf-Winzer-Haus das Gesprächsthema Nummer eins. „Die Älteren klettern selten in Zelte. Ihnen macht die Hitze am meisten zu schaffen. Für die Jungen ist die Kälte schlimmer“, sagt Entgelmeier. Da die Schlafplätze sich im Keller befinden, ist die Einrichtung besonders im Sommer gut besucht. Es entsteht dort schnell eine Gemeinschaft, in der sich die Leute gegenseitig helfen und Tipps geben. „Sie achten aufeinander“, so Entgelmeier.

Neben der Unterkunft werden die Wohnungs- und Obdachlosen im Rudolf-Winzer-Haus auch beraten und an andere Unterkünfte sowie weitere Beratungsstellen vermittelt. Eine dieser Stellen ist die Obdachlosenunterkunft der Stadt Minden, die dazu verpflichtet ist, sich um die Bedürftigen zu kümmern und zu helfen. Laut des Fachbereichs Soziales der Stadt Minden leben momentan 28 Menschen in der Unterkunft. Dort werden Obdachlose für einen gewissen Zeitraum untergebracht. Während ihres Aufenthalts müssen sie einige Auflagen beachten: Unter anderem wird vorgeschrieben, sich um einen eigenen Wohnsitz zu kümmern. Auch die Caritas bietet in der Wärmestube Essen, Trinken, Duschen und Waschmaschinen an. Dort können sich Wohnungs- und Obdachlose nach langen Tagen oder bei schlechten Wetterbedingungen stärken.

Ein weiterer Grund für die vielen Aufenthalte in Einrichtungen wie dem Rudolf-Winzer-Haus ist die steigende Wohnungslosigkeit in Minden. „Die Zahl der Personen, die in Minden obdachlos werden, hat sich nach Einschätzungen erhöht“, teilt die Pressestelle auf MT-Anfrage mit. Datenerhebungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) ergaben im Jahr 2017, dass es 650.000 Menschen in Deutschland gab, die ohne Wohnung waren. In dieser Zahl stecken auch 375.000 Flüchtlinge, die seit 2016 in die Zählung mit aufgenommen werden. Nach Einschätzungen der BAGW leben ungefähr 48.000 Menschen in Deutschland ohne Unterkunft auf der Straße.

„Es ist schwer, genaue Daten zu erfassen, da es viele durchreisende Obdachlose gibt“, sagt Lara Hoffmeister, Leiterin der Fachstelle für Menschen in Wohnungsnot „Wohin“ des Kreises Minden-Lübbecke. Grund der hohen Wohnungslosigkeit seien oftmals Zwangsräumungen und fehlender bezahlbarer Wohnraum. Niedrigeinkommen, die Spaltung der Gesellschaft und immer weitgefächerte Problemlagen sorgen dafür, dass es für viele Familien oder Einzelpersonen schwieriger wird, passenden Wohnraum zu finden. „Im vergangenen Jahr hatten wir 642 Wohnungslose in Betreuung“, berichtet Hoffmeister. Der Trägerverein Hexenhaus hat unterschiedliche Angebote im Bereich Wohnungslosenhilfe. Im Moment gebe es in Minden viele junge Wohnungslose, so Hoffmeister.

Hoffmeister empfindet gerade das wechselartige Wetter als eine besondere Schwierigkeit für Obdachlose. „Im Winter mag der Kältetot das schlimmere Übel sein. Doch im Sommer, wenn man nur Winterpullover hat und nicht an kurze Hosen kommt, leidet das Wohlbefinden mehr.“ Die beste Hilfe sei Trinkwasser und Essen an Obdachlose und Wohnungslose zu verteilen. Zudem gibt es kreisweit mehrere Standorte der Tafel, an die verwiesen werden kann. Aus hygienischen Gründen sollten allerdings keine Essensreste verteilt werden.

Auch wenn es Trinkwasser-Brunnen in Minden gibt, die für jeden frei zugänglich sind, ist es wichtig, nicht weg zu schauen. Ein paar Betroffene berichten, dass sie zum Beispiel bei „Back Factory“ auf Nachfrage auch kostenloses Trinkwasser bekommen. Hoffmeister appelliert in diesem Zuge zu Empathie: „Jeder kann obdachlos werden oder sein. Das typische Bild eines Obdachlosen gibt es nicht.“

Was ist der Unterschied zwischen Wohnungs- und Obdachlos?

Obdachlose werden schnell mit Wohnungslosen verwechselt. Auf den ersten Blick scheint es kaum Unterschiede zu geben, doch diese sind enorm. Obdachlos zu sein bedeutet, dass man keinen Wohnsitz oder eine feste Unterkunft hat, sei es bei Freunden oder Bekannten. Die meisten Obdachlosen schlafen auf der Straße, unter Brücken oder in Unterkünften wie dem Rudolf-Winzer Haus. Wohnungslos zu sein hingegen bedeutet, keinen eigenen Mietvertrag zu haben. Diese Menschen kommen unter anderem bei Bekannten und Freunden oder in Notunterkünften und Wohnheimen unter.

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Sie ist Einrichtungsleiterin des Rudolf-Winzer-Hauses. Das ist eine Einrichtung für Männer, die nicht mehr weiter wissen und einen Platz zum Schlafen brauchen. Dazu gehören mittlerweile viele Jugendliche, die aus Jugendhilfen entlassen werden. „Gerade sie fallen schnell in eine sogenannte Spirale des Unglückes“, weiß Entgelmeier. Im Haus gibt es kostenlose Verpflegung, Duschen, Hygieneartikel und 25 Schlafplätze. Vorgesehen ist es, dass jeder nur eine Nacht bleibt. „Oft wird gefragt, ob sie auch länger bleiben dürfen“, sagt die Leiterin des Hauses. In den heißen Tagen im Juni und Juli war die Hitze auch im Rudolf-Winzer-Haus das Gesprächsthema Nummer eins. „Die Älteren klettern selten in Zelte. Ihnen macht die Hitze am meisten zu schaffen. Für die Jungen ist die Kälte schlimmer“, sagt Entgelmeier. Da die Schlafplätze sich im Keller befinden, ist die Einrichtung besonders im Sommer gut besucht. Es entsteht dort schnell eine Gemeinschaft, in der sich die Leute gegenseitig helfen und Tipps geben. „Sie achten aufeinander“, so Entgelmeier. Neben der Unterkunft werden die Wohnungs- und Obdachlosen im Rudolf-Winzer-Haus auch beraten und an andere Unterkünfte sowie weitere Beratungsstellen vermittelt. Eine dieser Stellen ist die Obdachlosenunterkunft der Stadt Minden, die dazu verpflichtet ist, sich um die Bedürftigen zu kümmern und zu helfen. Laut des Fachbereichs Soziales der Stadt Minden leben momentan 28 Menschen in der Unterkunft. Dort werden Obdachlose für einen gewissen Zeitraum untergebracht. Während ihres Aufenthalts müssen sie einige Auflagen beachten: Unter anderem wird vorgeschrieben, sich um einen eigenen Wohnsitz zu kümmern. Auch die Caritas bietet in der Wärmestube Essen, Trinken, Duschen und Waschmaschinen an. Dort können sich Wohnungs- und Obdachlose nach langen Tagen oder bei schlechten Wetterbedingungen stärken. Ein weiterer Grund für die vielen Aufenthalte in Einrichtungen wie dem Rudolf-Winzer-Haus ist die steigende Wohnungslosigkeit in Minden. „Die Zahl der Personen, die in Minden obdachlos werden, hat sich nach Einschätzungen erhöht“, teilt die Pressestelle auf MT-Anfrage mit. Datenerhebungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) ergaben im Jahr 2017, dass es 650.000 Menschen in Deutschland gab, die ohne Wohnung waren. In dieser Zahl stecken auch 375.000 Flüchtlinge, die seit 2016 in die Zählung mit aufgenommen werden. Nach Einschätzungen der BAGW leben ungefähr 48.000 Menschen in Deutschland ohne Unterkunft auf der Straße. „Es ist schwer, genaue Daten zu erfassen, da es viele durchreisende Obdachlose gibt“, sagt Lara Hoffmeister, Leiterin der Fachstelle für Menschen in Wohnungsnot „Wohin“ des Kreises Minden-Lübbecke. Grund der hohen Wohnungslosigkeit seien oftmals Zwangsräumungen und fehlender bezahlbarer Wohnraum. Niedrigeinkommen, die Spaltung der Gesellschaft und immer weitgefächerte Problemlagen sorgen dafür, dass es für viele Familien oder Einzelpersonen schwieriger wird, passenden Wohnraum zu finden. „Im vergangenen Jahr hatten wir 642 Wohnungslose in Betreuung“, berichtet Hoffmeister. Der Trägerverein Hexenhaus hat unterschiedliche Angebote im Bereich Wohnungslosenhilfe. Im Moment gebe es in Minden viele junge Wohnungslose, so Hoffmeister. Hoffmeister empfindet gerade das wechselartige Wetter als eine besondere Schwierigkeit für Obdachlose. „Im Winter mag der Kältetot das schlimmere Übel sein. Doch im Sommer, wenn man nur Winterpullover hat und nicht an kurze Hosen kommt, leidet das Wohlbefinden mehr.“ Die beste Hilfe sei Trinkwasser und Essen an Obdachlose und Wohnungslose zu verteilen. Zudem gibt es kreisweit mehrere Standorte der Tafel, an die verwiesen werden kann. Aus hygienischen Gründen sollten allerdings keine Essensreste verteilt werden. Auch wenn es Trinkwasser-Brunnen in Minden gibt, die für jeden frei zugänglich sind, ist es wichtig, nicht weg zu schauen. Ein paar Betroffene berichten, dass sie zum Beispiel bei „Back Factory“ auf Nachfrage auch kostenloses Trinkwasser bekommen. Hoffmeister appelliert in diesem Zuge zu Empathie: „Jeder kann obdachlos werden oder sein. Das typische Bild eines Obdachlosen gibt es nicht.“ Was ist der Unterschied zwischen Wohnungs- und Obdachlos? Obdachlose werden schnell mit Wohnungslosen verwechselt. Auf den ersten Blick scheint es kaum Unterschiede zu geben, doch diese sind enorm. Obdachlos zu sein bedeutet, dass man keinen Wohnsitz oder eine feste Unterkunft hat, sei es bei Freunden oder Bekannten. Die meisten Obdachlosen schlafen auf der Straße, unter Brücken oder in Unterkünften wie dem Rudolf-Winzer Haus. Wohnungslos zu sein hingegen bedeutet, keinen eigenen Mietvertrag zu haben. Diese Menschen kommen unter anderem bei Bekannten und Freunden oder in Notunterkünften und Wohnheimen unter.