Minden

Warum Zahlen zum Thema Flüchtlinge kaum einzuordnen sind

Monika Jäger

Das Jahr 2015 hat die Vorstellung von „Flüchtlingen“ geprägt – hier Kleiderspenden in der Notunterkunft in Häverstädt. Doch inzwischen hat sich die Situation geändert. Wie vergleichbar sind da Zahlen? MT-Foto (Archiv):Jäger - © Jäger, Monika
Das Jahr 2015 hat die Vorstellung von „Flüchtlingen“ geprägt – hier Kleiderspenden in der Notunterkunft in Häverstädt. Doch inzwischen hat sich die Situation geändert. Wie vergleichbar sind da Zahlen? MT-Foto (Archiv):Jäger (© Jäger, Monika)

Minden (mt). Manchmal sind die Antworten auf Fragen nicht leicht zu finden, vor allem, wenn schon die Frage nicht ganz klar ist. In diesem Fall geht es um dieses: „Kommen wieder mehr Geflüchtete nach Minden?“ Die Stadt Minden antwortete darauf deutlich: „In diesem Jahr kamen bisher 97 Geflüchtete neu in die Stadt Minden“. Doch sind das viele oder wenige? Welches Jahr oder welcher Zeitraum ist der richtige, um das zu vergleichen? Und was ist eigentlich in diesem Fall mit „Flüchtling“ gemeint?

Bei den Antworten kommt es auch auf die Betrachtungsweise an. Das Gesamtbild ist komplex.

Erstens: Was ist ein „Flüchtling“? Es gibt inzwischen viele verschiedene Aufenthaltstitel – das sind die Erlaubnisse, die den ausländischen Staatsangehörigen von den zuständigen Stellen ausgestellt werden, sofern sie sich in Deutschland aufhalten möchten. Visum, Aufenthaltserlaubnis, Niederlassungserlaubnis, Duldung, Aufenthaltsgestattung. Der Status macht den großen Unterschied in den Aussichten, hier bleiben zu können, einen Job zu finden, einen Sprachkurs zu besuchen. Schon hier passt das allgemeine Wort „Geflüchteter“ nicht mehr.

Mit der ursprünglichen MT-Frage gemeint waren sehr allgemein Menschen, die in Deutschland eingereist sind und hier einen Asylantrag gestellt haben. Die Antwort der Stadt bezog sich ergänzend auch auf all jene, die der Stadt 2019 allgemein zugewiesen wurden – das können auch Kinder von Geflüchteten sein, die nachträglich „zugewiesen“ wurden (37 von den 97).

Zweitens: Mit welchem Zeitraum soll das aber nun verglichen werden – mit 2015, dem Jahr der größten Zahl von Einreisenden? Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt, hat auch dazu Informationen: „Seit dem 1. Januar 2014 wurden der Stadt Minden insgesamt 1.873 geflüchtete Personen zugewiesen. Die meisten Zuweisungen gab es 2015 mit insgesamt 972 Personen.“ Inzwischen haben sich die Bedingungen in der Welt geändert. Kann man also guten Gewissens die Zahl von 2015 mit der von 2019 vergleichen?

Drittens: Wie viele der in den letzten fünf Jahren hier „Zugewiesenen“ noch da sind, wie viele weggezogen, anerkannt, geduldet, kurz vor der Abschiebung sind und waren – auch das ist nur in großer Differenzierung einigermaßen angemessen zu beantworten. Denn einfach gesagt: Das weiß keiner, die Zahlen liegen bei vielen unterschiedlichen Behörden. Bis Anfang 2015 gab es zudem die jetzt bestehende Residenzpflicht noch nicht. Geflüchtete konnten nach Minden hin oder von Minden fort ziehen. Und da sie ihren Lebensunterhalt auf ganz unterschiedliche Art erhielten und erhalten, kann auch hier keine Gesamtzahl für „die Flüchtlinge“ gefunden werden.

Viertens: Aktuelle Zahlen. „Aktuell erhalten noch 429 Personen in Minden Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Das heißt, diese sind noch in ihrem laufenden Anerkennungsverfahren“, so Lewerenz. „Die anderen Personen sind anerkannt, stellen ihren Lebensunterhalt durch Arbeit sicher oder erhalten Leistungen nach dem SGB II (Kreis) oder SGB XII.“

Auch hier wieder: Verschiedene Behörden sind beteiligt, die zum Teil auf Basis unterschiedlicher Kriterien zuordnen und auswerten.

Ganz heraus fallen aus der Statistik der zugewiesenen Flüchtlinge die Menschen, die anerkannt waren, nicht unter die Residenzpflicht ab 2015 fallen und freiwillig nach Minden gezogen sind. „Wir haben zum Beispiel allein 2070 Einwohnerinnen und Einwohner mit syrischer Staatsangehörigkeit und 804 aus dem Irak.“ Deren Situation kann je nach Aufenthaltstitel sehr unterschiedlich sein. Und wie viele Menschen der in den vergangenen fünf Jahren Angekommenen inzwischen hier Arbeit gefunden haben, ist ebenfalls in keiner kommunalen Statistik vermerkt.

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MindenWarum Zahlen zum Thema Flüchtlinge kaum einzuordnen sindMonika JägerMinden (mt). Manchmal sind die Antworten auf Fragen nicht leicht zu finden, vor allem, wenn schon die Frage nicht ganz klar ist. In diesem Fall geht es um dieses: „Kommen wieder mehr Geflüchtete nach Minden?“ Die Stadt Minden antwortete darauf deutlich: „In diesem Jahr kamen bisher 97 Geflüchtete neu in die Stadt Minden“. Doch sind das viele oder wenige? Welches Jahr oder welcher Zeitraum ist der richtige, um das zu vergleichen? Und was ist eigentlich in diesem Fall mit „Flüchtling“ gemeint? Bei den Antworten kommt es auch auf die Betrachtungsweise an. Das Gesamtbild ist komplex. Erstens: Was ist ein „Flüchtling“? Es gibt inzwischen viele verschiedene Aufenthaltstitel – das sind die Erlaubnisse, die den ausländischen Staatsangehörigen von den zuständigen Stellen ausgestellt werden, sofern sie sich in Deutschland aufhalten möchten. Visum, Aufenthaltserlaubnis, Niederlassungserlaubnis, Duldung, Aufenthaltsgestattung. Der Status macht den großen Unterschied in den Aussichten, hier bleiben zu können, einen Job zu finden, einen Sprachkurs zu besuchen. Schon hier passt das allgemeine Wort „Geflüchteter“ nicht mehr. Mit der ursprünglichen MT-Frage gemeint waren sehr allgemein Menschen, die in Deutschland eingereist sind und hier einen Asylantrag gestellt haben. Die Antwort der Stadt bezog sich ergänzend auch auf all jene, die der Stadt 2019 allgemein zugewiesen wurden – das können auch Kinder von Geflüchteten sein, die nachträglich „zugewiesen“ wurden (37 von den 97). Zweitens: Mit welchem Zeitraum soll das aber nun verglichen werden – mit 2015, dem Jahr der größten Zahl von Einreisenden? Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt, hat auch dazu Informationen: „Seit dem 1. Januar 2014 wurden der Stadt Minden insgesamt 1.873 geflüchtete Personen zugewiesen. Die meisten Zuweisungen gab es 2015 mit insgesamt 972 Personen.“ Inzwischen haben sich die Bedingungen in der Welt geändert. Kann man also guten Gewissens die Zahl von 2015 mit der von 2019 vergleichen? Drittens: Wie viele der in den letzten fünf Jahren hier „Zugewiesenen“ noch da sind, wie viele weggezogen, anerkannt, geduldet, kurz vor der Abschiebung sind und waren – auch das ist nur in großer Differenzierung einigermaßen angemessen zu beantworten. Denn einfach gesagt: Das weiß keiner, die Zahlen liegen bei vielen unterschiedlichen Behörden. Bis Anfang 2015 gab es zudem die jetzt bestehende Residenzpflicht noch nicht. Geflüchtete konnten nach Minden hin oder von Minden fort ziehen. Und da sie ihren Lebensunterhalt auf ganz unterschiedliche Art erhielten und erhalten, kann auch hier keine Gesamtzahl für „die Flüchtlinge“ gefunden werden. Viertens: Aktuelle Zahlen. „Aktuell erhalten noch 429 Personen in Minden Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Das heißt, diese sind noch in ihrem laufenden Anerkennungsverfahren“, so Lewerenz. „Die anderen Personen sind anerkannt, stellen ihren Lebensunterhalt durch Arbeit sicher oder erhalten Leistungen nach dem SGB II (Kreis) oder SGB XII.“ Auch hier wieder: Verschiedene Behörden sind beteiligt, die zum Teil auf Basis unterschiedlicher Kriterien zuordnen und auswerten. Ganz heraus fallen aus der Statistik der zugewiesenen Flüchtlinge die Menschen, die anerkannt waren, nicht unter die Residenzpflicht ab 2015 fallen und freiwillig nach Minden gezogen sind. „Wir haben zum Beispiel allein 2070 Einwohnerinnen und Einwohner mit syrischer Staatsangehörigkeit und 804 aus dem Irak.“ Deren Situation kann je nach Aufenthaltstitel sehr unterschiedlich sein. Und wie viele Menschen der in den vergangenen fünf Jahren Angekommenen inzwischen hier Arbeit gefunden haben, ist ebenfalls in keiner kommunalen Statistik vermerkt.