Minden

Vandalismus: Franzosenkreuz auf dem Alten Friedhof zum dritten Mal zerstört

Jürgen Langenkämper

Minden (mt). Kein Jahr ist es her, dass Unbekannte nächtens das Franzosenkreuz im Botanischen Garten umwarfen und zerbrachen. Und keine zwei Monate ist es her, dass es – von einem Steinmetz mühevoll restauriert – wieder aufgestellt worden war, da fiel die Erinnerung an 198 Tote des Deutsch-Französischen Krieges im Schutze der Nacht zum 30. Juni erneut feiger Zerstörungswut zum Opfer – und dieses Mal wohl endgültig. „Wir müssen prüfen, ob wir den Schaden überhaupt wieder beheben können", stellt Denis Rinne von den Städtischen Betrieben (SBM) ernüchtert fest.

Blinde Zerstörungswut: In der Nacht zum 30. Juni haben Unbekannte das Franzosenkreuz erneut umgestürzt, kaum dass es restauriert und wieder aufgestellt war. MT-Foto (Archiv): Thomas Lieske
Blinde Zerstörungswut: In der Nacht zum 30. Juni haben Unbekannte das Franzosenkreuz erneut umgestürzt, kaum dass es restauriert und wieder aufgestellt war. MT-Foto (Archiv): Thomas Lieske

Im vergangenen Herbst hatten Randalierer bereits einmal – und nicht zum ersten Mal – zugeschlagen, ohne dass dies große Wellen geschlagen hätte. In aller Stille wollte die bei SBM angesiedelte Friedhofsverwaltung den Schaden beheben. Kurz vor Weihnachten stieß der Lichtkünstler Oliver Roth bei der Vorbereitung seines Neujahrsleuchtens im Botanischen Garten jedoch auf die sinnentleerte Tat und machte die Facebook-Gemeinde darauf aufmerksam: „Wir sind geschockt. Da haben doch ein paar Deppen das ,Franzosen Kreuz im Botanischen Garten mit brutaler Gewalt vom Sockel gestoßen und es ein paar Meter weiter völlig zerstört liegen lassen. Warum???". Die Entrüstung bis hin zu Ekel war groß.

Reflexartig meldeten sich auch gleich wieder jene Stimmen zu Wort, die schnell mit Verdächtigungen bei der Sache für alles Mögliche sind, Hauptsache, es geht in eine Richtung. „Vielleicht brauchen wir nach all den Ereignissen der letzten drei Jahre einen Rechtsstaat, der die Bürger mehr schützt – und auch solche Straftaten wie auf dem Friedhof ein stückweit mehr verhindert!", meinte ein Kommentator. Und eine Kommentatorin schlug gleich den ganz großen Bogen zum IS und der „Zerstörung der großen Statuen (Name fällt mir gerade nicht ein)" [vermutlich waren die Buddha-Statuen von Bamiyan gemeint, die 2001 durch die mit dem IS rivalisierenden Taliban zerstört wurden; Anm. d. Red.]. Oliver Roth versuchte gegenzusteuern: „Diese Art von Anschuldigungen lasse ich auch nicht zu", und setzte in Facebook-Manier drei Ausrufezeichen. Und: „Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem kaputten Denkmal und der Politik der letzten drei Jahre. Vandalismus gab es leider schon immer und wenn man die Täter erwischt, greift der Rechtsstaat mit seinen Gesetzen. So wie es schon immer war/ist."

Mit seiner Bemerkung über den Vandalismus hatte der Künstler vermutlich recht, auch wenn wie sonst nicht Vandalen im ethnischen Sinne die „üblichen Verdächtigen" waren. Schon 20 Jahre zuvor, 1998, hatten Unbekannte ihre überschüssige Energie an der ganz und gar nicht sakralen, sondern sehr politischen Skulptur „Rio 2000" ausgelassen, die der Mindener Künstler Jochen Freymuth als Mahnung nach dem wenig ergiebigen Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 geschaffen hatte. Mehr als sieben Jahre lang war die noch im selben Jahr mit dem niedersächsischen Umweltpreis prämierte Skulptur im Botanischen Garten zu sehen und wurde dabei im Laufe der Zeit Opfer eines wie auch immer motivierten, meist aber wohl blinden Vandalismus. 2002 musste sie abgeräumt werden. „Das Werk wurde zunehmend zu einem Sicherheitsrisiko", erläuterte der damalige Leiter des städtischen Kulturbüros, Friedrich-Wilhelm Steffen, gegenüber dem MT. Die um die Verkehrssicherungspflicht bemühte Stadt wollte den Künstler bewegen, seine Plastik zum Zwecke einer erhöhten Standfestigkeit nachzubessern. Dazu jedoch verspürte dieser weder Lust noch Muße. Freymuth lehnte ab, erklärte sich aber bereit, die Überreste zurückzunehmen (MT vom 21. März 2002).

Noch viel länger, fast auf den Tag genau 49 Jahre vor der letzten Zerstörung, liegt die erste Heimsuchung des Franzosenkreuzes zurück. In der Nacht auf den 28. Juni 1970 fielen bei vermutlich auch damals sommerlichen Temperaturen „dem unbedachten Toben offenbar jugendlicher und betrunkener Täter auf dem Friedhofsgelände die Holzplanken zweier Ruhebänke zum Opfer". Auch von einem Wasserschöpfbrunnen war ein Rohr abgeschraubt worden, so dass Wasser die ganze Nacht sprudelte „und weite Teile eines Weges verwüstete".

Mit kriminalistischem Spürsinn ging MT-Redakteur Günter Titzsch den damals von der Polizei ermittelten Spuren der „Schänder des ehemals etwa zwei Meter hohen Sandstein-Monuments" nach, in erster Linie „einer am Sockel zerschmetterten Spirituosenflasche". In der Nähe des Tatortes waren zudem Schokoladenreste sichergestellt worden. Daher schlossen die Ermittler und der Journalist nicht aus, „daß sich in der Begleitung der ,Kraftmeier Damen befunden haben" (MT vom 30. Juni 1970).

Ferner berichtete Günter Titzsch von einer Häufung von mutwilligen Beschädigungen und Diebstählen in jüngster Zeit auf dem Gelände des alten Friedhofs. Randbefestigungen wurden zertreten und Grabschmuck ebenso entwendet wie Gewächse aus den Neuanpflanzungen – dies alles Jahrhunderte nach der Völkerwanderung, an der die Vandalen beteiligt waren, und Jahrzehnte vor den Flüchtlingen unserer Tage. Und auch ein Absperren der Friedhofstore am Abend hatte ungebetenen nächtlichen Besuchern zu keiner Zeit Einhalt gebieten können – was auch Oliver Roth bei seinen Lichtinstallationen wiederholt feststellen musste. Nachts ist im Botanischen Garten viel los.

Nur eines scheint sich in der Wohlstands- und Überflussgesellschaft von heute geändert zu haben: 1970 beklagten Stadtgartenmeister Heitmann und Amtsleiter Goosmann vom städtischen Gartenbau- und Friedhofsamt gegenüber dem MT-Berichterstatter noch den Diebstahl von 60 bis 70 Goldfischen und Karpfen im jenem Frühjahr aus einem Teich. Unserer Tage ist es eher umgekehrt. Vor nicht allzu langer Zeit bedauerte Gärtnermeister Jürgen Meyer, dass Aquarien privater Haushalte in öffentlichen Gewässern wie dem „Wassergarten" im Botanischen Garten ausgeleert würden. „Wir finden regelmäßig Goldfische, aber auch Koi-Karpfen und andere Zierfische" (MT vom 21. Juni 2016).

Angesichts von nicht endender Gewaltbereitschaft gegenüber einem wehrlosen Kunstwerk und Monument der Trauer über den Tod so vieler Menschen scheinen die Städtischen Betriebe momentan ratlos. „Bei den vorigen Zerstörungen sind große Teile übrig geblieben, die man relativ ,einfach wieder zusammenfügen konnte", sagt Denis Rinne. Doch dieses Mal zerbarst der Fuß des Kreuzes in viele Kleinteile, die seine Mitarbeiter in einem Eimer einsammeln mussten. Auch an den alten Dübelstellen ist es erneut gebrochen. „Alles wieder standsicher zu bekommen, ist fast unmöglich", so seine Befürchtung. „In Absprache mit der Denkmalbehörde werden wir dann entscheiden müssen, wie weiter mit den Überresten verfahren wird. Stand jetzt können wir nicht garantieren, dass das Kreuz in seiner Ursprungsform wieder aufgestellt wird."

Auch bei diesem Gewaltakt war der verhängnisvolle Umsturz des Franzosenkreuzes nur eine von mehreren Untaten, wenn auch die krasseste. „In der Nacht wurde ein Mülleimer angesteckt und ein Wasserhahn abgetreten", ergänzt Denis Rinne der Vollständigkeit halber. „Es kommt immer wieder zu Zerstörungen auf dem Gelände des Botanischen Gartens." Auch das Müllaufkommen werde immer mehr – „leider nicht nur in den Abfalleimern", beklagt der SBM-Mitarbeiter. „Hätten wir keine Mitarbeiter vor Ort, die sofort reagieren würden, würde der Botanische Garten recht schlimm aussehen."

Geschichte und Hintergründe des Franzosenkreuzes

MT-Redakteur Günter Titzsch hatte sich 1970 auf die Suche nach Geschichte des Franzosenkreuzes begeben. Sein Bericht lieferte lange vor Erscheinen der wegweisenden, voluminösen Bau- und Kunstdenkmäler die bis heute beste gedruckte Darstellung:

„Laut dem Jahresbericht der Stadt Minden aus dem Jahre 1871 wurden auf dem alten Friedhof damals 198 französische Kriegsgefangene aus dem Völkerringen 1870/71 beigesetzt, unter denen im Lazarett in der Dezembermitte 1870 die Menschenblattern ausgebrochen waren. Ein französisches Kriegsgefangenenlager hat sich vor 100 Jahren in der Mindener Neustadt auf dem rechten Weserufer befunden. Inmitten der toten Franzosen war seinerzeit auf einem kleinen Hügel ein Gedenkkreuz errichtet worden.

Nach Jahrzehnten sind die Gräberfelder und der Hügel eingeebnet worden, um den Friedhofsbesuchern so leichter die Sockelinschrift des Monumentes zugänglich zu machen, die trotz der Zerstörungen jetzt erhalten blieb." (MT vom 30. Juni 1970)

Die Bau- und Kunstdenkmäler führen weiter aus: „Gotisierendes Steinkreuz, polygonaler Schaft, der übereckgestellte Sockel mit Maßwerkblenden und Lanzettblattdekor auf einer schlichten Sockelplatte. Inschrift auf dem Sockel: A/la mémoire des soldats/ francais prisonniers de/guerre décédés à Minden/1870=1871/Leurs camarades affligés." (Band 50, Teil V, Minden ausserhalb der Stadtmauern, Teilband 1, S. 388)

Idiotenfreiheit

 Kommentar von Stefan Koch

Waren es braun-nationale Patrioten, die dem Gedenkkreuz für in der Gefangenschaft verstorbene Soldaten aus dem deutsch-französischen Krieg den letzen Schlag versetzt hatten? Waren es Islamisten, die – wie in Sozialen Netzwerken vermutet – in der Flüchtlingswelle bis nach Minden gelangt waren, um ihren Haß auf alles christlich-abendländische auszuleben?

Wohl eher nicht. Attacken auf Objekte im öffentlichen Raum sind meist frei von einem Sinn und einer Richtung – auch wenn die geschundenen Gegenstände vielleicht noch die eine oder andere verblasste Botschaft in die Jetztzeit transportiert haben mögen.

So sind es wohl auch nicht Dumpfbacken mit linkspazifistischer Neigung, die ihrer Friedensliebe durch Abschlagen der Nase der Skulptur des umstrittenen Turnvaters Jahn an der Marienstraße in schlichter Form einen Ausdruck geben wollten. Und die nach der Restaurierung das gleiche Objekt heute sichtbar mit rotem Material besudelten. Wie auch der sinnfrei entstellte Soldat im Weserglacis – er erinnert an das in Minden stationierte Hann. Pionierbataillon 10 – Metamorphosen bis hin zur Unkenntlichkeit durchläuft.

Ungeachtet der Gründe von Zerstörungswut wünschen sich viele nach spektakulären Taten, dass Friedhöfe und öffentliche Parkanlagen abgeriegelt, überwacht und kaum noch zugänglich werden. Aber will sich eine offene Gesellschaft solche Einschränkungen wirklich leisten? Es gilt, dass Freiheit immer auch die Freiheit der Idioten ist.

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MindenVandalismus: Franzosenkreuz auf dem Alten Friedhof zum dritten Mal zerstörtJürgen LangenkämperMinden (mt). Kein Jahr ist es her, dass Unbekannte nächtens das Franzosenkreuz im Botanischen Garten umwarfen und zerbrachen. Und keine zwei Monate ist es her, dass es – von einem Steinmetz mühevoll restauriert – wieder aufgestellt worden war, da fiel die Erinnerung an 198 Tote des Deutsch-Französischen Krieges im Schutze der Nacht zum 30. Juni erneut feiger Zerstörungswut zum Opfer – und dieses Mal wohl endgültig. „Wir müssen prüfen, ob wir den Schaden überhaupt wieder beheben können", stellt Denis Rinne von den Städtischen Betrieben (SBM) ernüchtert fest. Im vergangenen Herbst hatten Randalierer bereits einmal – und nicht zum ersten Mal – zugeschlagen, ohne dass dies große Wellen geschlagen hätte. In aller Stille wollte die bei SBM angesiedelte Friedhofsverwaltung den Schaden beheben. Kurz vor Weihnachten stieß der Lichtkünstler Oliver Roth bei der Vorbereitung seines Neujahrsleuchtens im Botanischen Garten jedoch auf die sinnentleerte Tat und machte die Facebook-Gemeinde darauf aufmerksam: „Wir sind geschockt. Da haben doch ein paar Deppen das ,Franzosen Kreuz‘ im Botanischen Garten mit brutaler Gewalt vom Sockel gestoßen und es ein paar Meter weiter völlig zerstört liegen lassen. Warum???". Die Entrüstung bis hin zu Ekel war groß. Reflexartig meldeten sich auch gleich wieder jene Stimmen zu Wort, die schnell mit Verdächtigungen bei der Sache für alles Mögliche sind, Hauptsache, es geht in eine Richtung. „Vielleicht brauchen wir nach all den Ereignissen der letzten drei Jahre einen Rechtsstaat, der die Bürger mehr schützt – und auch solche Straftaten wie auf dem Friedhof ein stückweit mehr verhindert!", meinte ein Kommentator. Und eine Kommentatorin schlug gleich den ganz großen Bogen zum IS und der „Zerstörung der großen Statuen (Name fällt mir gerade nicht ein)" [vermutlich waren die Buddha-Statuen von Bamiyan gemeint, die 2001 durch die mit dem IS rivalisierenden Taliban zerstört wurden; Anm. d. Red.]. Oliver Roth versuchte gegenzusteuern: „Diese Art von Anschuldigungen lasse ich auch nicht zu", und setzte in Facebook-Manier drei Ausrufezeichen. Und: „Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen dem kaputten Denkmal und der Politik der letzten drei Jahre. Vandalismus gab es leider schon immer und wenn man die Täter erwischt, greift der Rechtsstaat mit seinen Gesetzen. So wie es schon immer war/ist." Mit seiner Bemerkung über den Vandalismus hatte der Künstler vermutlich recht, auch wenn wie sonst nicht Vandalen im ethnischen Sinne die „üblichen Verdächtigen" waren. Schon 20 Jahre zuvor, 1998, hatten Unbekannte ihre überschüssige Energie an der ganz und gar nicht sakralen, sondern sehr politischen Skulptur „Rio 2000" ausgelassen, die der Mindener Künstler Jochen Freymuth als Mahnung nach dem wenig ergiebigen Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 geschaffen hatte. Mehr als sieben Jahre lang war die noch im selben Jahr mit dem niedersächsischen Umweltpreis prämierte Skulptur im Botanischen Garten zu sehen und wurde dabei im Laufe der Zeit Opfer eines wie auch immer motivierten, meist aber wohl blinden Vandalismus. 2002 musste sie abgeräumt werden. „Das Werk wurde zunehmend zu einem Sicherheitsrisiko", erläuterte der damalige Leiter des städtischen Kulturbüros, Friedrich-Wilhelm Steffen, gegenüber dem MT. Die um die Verkehrssicherungspflicht bemühte Stadt wollte den Künstler bewegen, seine Plastik zum Zwecke einer erhöhten Standfestigkeit nachzubessern. Dazu jedoch verspürte dieser weder Lust noch Muße. Freymuth lehnte ab, erklärte sich aber bereit, die Überreste zurückzunehmen (MT vom 21. März 2002). Noch viel länger, fast auf den Tag genau 49 Jahre vor der letzten Zerstörung, liegt die erste Heimsuchung des Franzosenkreuzes zurück. In der Nacht auf den 28. Juni 1970 fielen bei vermutlich auch damals sommerlichen Temperaturen „dem unbedachten Toben offenbar jugendlicher und betrunkener Täter auf dem Friedhofsgelände die Holzplanken zweier Ruhebänke zum Opfer". Auch von einem Wasserschöpfbrunnen war ein Rohr abgeschraubt worden, so dass Wasser die ganze Nacht sprudelte „und weite Teile eines Weges verwüstete". Mit kriminalistischem Spürsinn ging MT-Redakteur Günter Titzsch den damals von der Polizei ermittelten Spuren der „Schänder des ehemals etwa zwei Meter hohen Sandstein-Monuments" nach, in erster Linie „einer am Sockel zerschmetterten Spirituosenflasche". In der Nähe des Tatortes waren zudem Schokoladenreste sichergestellt worden. Daher schlossen die Ermittler und der Journalist nicht aus, „daß sich in der Begleitung der ,Kraftmeier‘ Damen befunden haben" (MT vom 30. Juni 1970). Ferner berichtete Günter Titzsch von einer Häufung von mutwilligen Beschädigungen und Diebstählen in jüngster Zeit auf dem Gelände des alten Friedhofs. Randbefestigungen wurden zertreten und Grabschmuck ebenso entwendet wie Gewächse aus den Neuanpflanzungen – dies alles Jahrhunderte nach der Völkerwanderung, an der die Vandalen beteiligt waren, und Jahrzehnte vor den Flüchtlingen unserer Tage. Und auch ein Absperren der Friedhofstore am Abend hatte ungebetenen nächtlichen Besuchern zu keiner Zeit Einhalt gebieten können – was auch Oliver Roth bei seinen Lichtinstallationen wiederholt feststellen musste. Nachts ist im Botanischen Garten viel los. Nur eines scheint sich in der Wohlstands- und Überflussgesellschaft von heute geändert zu haben: 1970 beklagten Stadtgartenmeister Heitmann und Amtsleiter Goosmann vom städtischen Gartenbau- und Friedhofsamt gegenüber dem MT-Berichterstatter noch den Diebstahl von 60 bis 70 Goldfischen und Karpfen im jenem Frühjahr aus einem Teich. Unserer Tage ist es eher umgekehrt. Vor nicht allzu langer Zeit bedauerte Gärtnermeister Jürgen Meyer, dass Aquarien privater Haushalte in öffentlichen Gewässern wie dem „Wassergarten" im Botanischen Garten ausgeleert würden. „Wir finden regelmäßig Goldfische, aber auch Koi-Karpfen und andere Zierfische" (MT vom 21. Juni 2016). Angesichts von nicht endender Gewaltbereitschaft gegenüber einem wehrlosen Kunstwerk und Monument der Trauer über den Tod so vieler Menschen scheinen die Städtischen Betriebe momentan ratlos. „Bei den vorigen Zerstörungen sind große Teile übrig geblieben, die man relativ ,einfach‘ wieder zusammenfügen konnte", sagt Denis Rinne. Doch dieses Mal zerbarst der Fuß des Kreuzes in viele Kleinteile, die seine Mitarbeiter in einem Eimer einsammeln mussten. Auch an den alten Dübelstellen ist es erneut gebrochen. „Alles wieder standsicher zu bekommen, ist fast unmöglich", so seine Befürchtung. „In Absprache mit der Denkmalbehörde werden wir dann entscheiden müssen, wie weiter mit den Überresten verfahren wird. Stand jetzt können wir nicht garantieren, dass das Kreuz in seiner Ursprungsform wieder aufgestellt wird." Auch bei diesem Gewaltakt war der verhängnisvolle Umsturz des Franzosenkreuzes nur eine von mehreren Untaten, wenn auch die krasseste. „In der Nacht wurde ein Mülleimer angesteckt und ein Wasserhahn abgetreten", ergänzt Denis Rinne der Vollständigkeit halber. „Es kommt immer wieder zu Zerstörungen auf dem Gelände des Botanischen Gartens." Auch das Müllaufkommen werde immer mehr – „leider nicht nur in den Abfalleimern", beklagt der SBM-Mitarbeiter. „Hätten wir keine Mitarbeiter vor Ort, die sofort reagieren würden, würde der Botanische Garten recht schlimm aussehen." Geschichte und Hintergründe des Franzosenkreuzes MT-Redakteur Günter Titzsch hatte sich 1970 auf die Suche nach Geschichte des Franzosenkreuzes begeben. Sein Bericht lieferte lange vor Erscheinen der wegweisenden, voluminösen Bau- und Kunstdenkmäler die bis heute beste gedruckte Darstellung: „Laut dem Jahresbericht der Stadt Minden aus dem Jahre 1871 wurden auf dem alten Friedhof damals 198 französische Kriegsgefangene aus dem Völkerringen 1870/71 beigesetzt, unter denen im Lazarett in der Dezembermitte 1870 die Menschenblattern ausgebrochen waren. Ein französisches Kriegsgefangenenlager hat sich vor 100 Jahren in der Mindener Neustadt auf dem rechten Weserufer befunden. Inmitten der toten Franzosen war seinerzeit auf einem kleinen Hügel ein Gedenkkreuz errichtet worden. Nach Jahrzehnten sind die Gräberfelder und der Hügel eingeebnet worden, um den Friedhofsbesuchern so leichter die Sockelinschrift des Monumentes zugänglich zu machen, die trotz der Zerstörungen jetzt erhalten blieb." (MT vom 30. Juni 1970) Die Bau- und Kunstdenkmäler führen weiter aus: „Gotisierendes Steinkreuz, polygonaler Schaft, der übereckgestellte Sockel mit Maßwerkblenden und Lanzettblattdekor auf einer schlichten Sockelplatte. Inschrift auf dem Sockel: A/la mémoire des soldats/ francais prisonniers de/guerre décédés à Minden/1870=1871/Leurs camarades affligés." (Band 50, Teil V, Minden ausserhalb der Stadtmauern, Teilband 1, S. 388) Idiotenfreiheit  Kommentar von Stefan Koch Waren es braun-nationale Patrioten, die dem Gedenkkreuz für in der Gefangenschaft verstorbene Soldaten aus dem deutsch-französischen Krieg den letzen Schlag versetzt hatten? Waren es Islamisten, die – wie in Sozialen Netzwerken vermutet – in der Flüchtlingswelle bis nach Minden gelangt waren, um ihren Haß auf alles christlich-abendländische auszuleben? Wohl eher nicht. Attacken auf Objekte im öffentlichen Raum sind meist frei von einem Sinn und einer Richtung – auch wenn die geschundenen Gegenstände vielleicht noch die eine oder andere verblasste Botschaft in die Jetztzeit transportiert haben mögen. So sind es wohl auch nicht Dumpfbacken mit linkspazifistischer Neigung, die ihrer Friedensliebe durch Abschlagen der Nase der Skulptur des umstrittenen Turnvaters Jahn an der Marienstraße in schlichter Form einen Ausdruck geben wollten. Und die nach der Restaurierung das gleiche Objekt heute sichtbar mit rotem Material besudelten. Wie auch der sinnfrei entstellte Soldat im Weserglacis – er erinnert an das in Minden stationierte Hann. Pionierbataillon 10 – Metamorphosen bis hin zur Unkenntlichkeit durchläuft. Ungeachtet der Gründe von Zerstörungswut wünschen sich viele nach spektakulären Taten, dass Friedhöfe und öffentliche Parkanlagen abgeriegelt, überwacht und kaum noch zugänglich werden. Aber will sich eine offene Gesellschaft solche Einschränkungen wirklich leisten? Es gilt, dass Freiheit immer auch die Freiheit der Idioten ist.