Minden

Wagnis Wagner: Fotografin Nike Gerochristodoulou macht Momentaufnahmen zur Ausstellung

Ursula Koch

Beate Schmalen, Mitarbeiterin des Kulturbüros, lässt sich als Stellvertreterin von Nike Gerochristodoulou für das Ausstellungsprojekt „Wagnis Wagner“ porträtieren. MT-Foto: Ursula Koch - © Ursula Koch
Beate Schmalen, Mitarbeiterin des Kulturbüros, lässt sich als Stellvertreterin von Nike Gerochristodoulou für das Ausstellungsprojekt „Wagnis Wagner“ porträtieren. MT-Foto: Ursula Koch (© Ursula Koch)

Minden (mt). Die Fotografin Nike Gerochristodoulou steht vor der Tür des leerstehenden Ladenlokals, versucht immer wieder, mit Passanten ins Gespräch zu kommen. Neben ihr steht ein Aufsteller, auf dem ein Plakat erläutert, was es mit dem Projekt „Momentaufnahmen - Meinungsaufnahmen“ zu tun hat. Die Künstlerin, die seit einem Jahr in Pr. Oldendorf lebt, beteiligt sich mit diesen Aufnahmen an der Ausstellung „Wagnis Wagner“, die vom Kulturbüro der Stadt, der Minden Marketing und dem Verein für aktuelle Kunst anlässlich der Aufführungen von Richard Wagners Opern-Zyklus „Der Ring des Nibelungen“, vom 7. September bis zum 6. Oktober in der Innenstadt organisiert wird. Eine Jury hatte dafür zehn Projekte ausgewählt.

Die Momentaufnahmen sind eines davon. Gerochristodoulou lässt Passanten einen beliebig langen Ausschnitt aus dem Zyklus hören. Danach sollen sie ein Schild auswählen, das die Emotion ausdrückt, die sie beim Musikhören empfunden haben und werden damit fotografiert. Am Freitag hat Gerochristodoulou zwischen 14 und 18 Uhr acht Personen porträtiert. Eine ältere Dame sei allerdings, nachdem sie eine ganze Weile die Musik gehört hatte, aufgestanden, und habe gesagt, dass sie damit nichts anfangen könne und ging ohne sich fotografieren zu lassen.

„Die meisten sind gezielt zu mir gekommen“, erzählt die Fotografin kurz vor dem Ende ihres ersten „Arbeitstages“. Am Samstag sollten weitere Aufnahmen entstehen. Die Zahl acht sei nicht schlecht, aber die 47-Jährige ist noch nicht so richtig zufrieden. „Bislang sind überwiegend Kulturinteressierte gekommen“, berichtet die Fotografin. Sie hätte gerne möglichst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen vor der Kamera. Kurz darauf streckt ein junger Mann mit schwarzem Haar im Hipster-Look den Kopf zur Tür herein. Worum geht es hier, fragt er. Das Stichwort Wagner verschreckt ihn allerdings sichtbar. „Mit dem Nazi möchte ich nichts zu tun haben“, zitiert ihn Gerochristodoulou. Der Komponist (1813-1883), der sich mit seiner Schrift „Das Judenthum in der Musik“ als Antisemit zu erkennen gab und dessen Werk später von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde, polarisiert das Publikum bis heute.

20 Stichworte hat sie auf Schilder gedruckt, immer Paare aus positiven und negativen Begriffen wie Anziehung/Ablehnung oder Leidenschaft/Langeweile. Am häufigsten wählten die Porträtierten am Freitag positive Begriffe wie Leidenschaft, Innovation, Liebe oder Wahrheit. Eine Auswahl der entstandenen Porträts wird sie ab 7. September am Ort der Entstehung präsentieren.

Nike Gerochristodoulou ist die Tochter eines griechischen Musikers und einer russischen Malerin. Geboren wurde sie in Marl. In Berlin hat sie Fotodesign, Grafik- und Webdesign studiert. Der Liebe wegen ist sie nach Athen gezogen, hat dort zehn Jahre lang gearbeitet. 2005 wurde ihr Sohn geboren. Doch dann wurde die Krise immer stärker spürbar. „Die Medienberufe trifft es immer als erste“, sagt sie. Darum entschloss sie sich mit ihrem Sohn zurück nach Berlin zu ziehen. Dort war sie ebenfalls zehn Jahre lang als selbstständige Fotografin und Dozentin der Fernhochschule Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD) tätig. Freunde von ihr leben auf einem Bauernhof in der Nähe von Pr. Oldendorf. „Ich bin im vergangenen Jahr auf Gut Großengershausen gestoßen. Das war ganz platonisch Liebe auf den ersten Blick“, beantwortet sie die Frage, was sie in den Kreis Minden-Lübbecke gezogen hat.

Gerochristodoulou schreibt Fachbücher, zum Beispiel für den Klett-Verlag. Neben Auftragsarbeiten entstehen frei Arbeiten. Das Porträt ist ihr Spezialgebiet. Seit zwei Jahren beschäftigt sich mit der Cyanotypie, der „ältesten fotografischen Technik“, in der Eisen statt Silber eingesetzt und die Objekte ausschließlich mit Hilfe des Sonnenlichts abgebildet werden. Sie nutzt diese Verfahren nicht nur für kleine Objekte, sondern auch für Landschaftsaufnahmen.

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MindenWagnis Wagner: Fotografin Nike Gerochristodoulou macht Momentaufnahmen zur AusstellungUrsula KochMinden (mt). Die Fotografin Nike Gerochristodoulou steht vor der Tür des leerstehenden Ladenlokals, versucht immer wieder, mit Passanten ins Gespräch zu kommen. Neben ihr steht ein Aufsteller, auf dem ein Plakat erläutert, was es mit dem Projekt „Momentaufnahmen - Meinungsaufnahmen“ zu tun hat. Die Künstlerin, die seit einem Jahr in Pr. Oldendorf lebt, beteiligt sich mit diesen Aufnahmen an der Ausstellung „Wagnis Wagner“, die vom Kulturbüro der Stadt, der Minden Marketing und dem Verein für aktuelle Kunst anlässlich der Aufführungen von Richard Wagners Opern-Zyklus „Der Ring des Nibelungen“, vom 7. September bis zum 6. Oktober in der Innenstadt organisiert wird. Eine Jury hatte dafür zehn Projekte ausgewählt. Die Momentaufnahmen sind eines davon. Gerochristodoulou lässt Passanten einen beliebig langen Ausschnitt aus dem Zyklus hören. Danach sollen sie ein Schild auswählen, das die Emotion ausdrückt, die sie beim Musikhören empfunden haben und werden damit fotografiert. Am Freitag hat Gerochristodoulou zwischen 14 und 18 Uhr acht Personen porträtiert. Eine ältere Dame sei allerdings, nachdem sie eine ganze Weile die Musik gehört hatte, aufgestanden, und habe gesagt, dass sie damit nichts anfangen könne und ging ohne sich fotografieren zu lassen. „Die meisten sind gezielt zu mir gekommen“, erzählt die Fotografin kurz vor dem Ende ihres ersten „Arbeitstages“. Am Samstag sollten weitere Aufnahmen entstehen. Die Zahl acht sei nicht schlecht, aber die 47-Jährige ist noch nicht so richtig zufrieden. „Bislang sind überwiegend Kulturinteressierte gekommen“, berichtet die Fotografin. Sie hätte gerne möglichst unterschiedliche Bevölkerungsgruppen vor der Kamera. Kurz darauf streckt ein junger Mann mit schwarzem Haar im Hipster-Look den Kopf zur Tür herein. Worum geht es hier, fragt er. Das Stichwort Wagner verschreckt ihn allerdings sichtbar. „Mit dem Nazi möchte ich nichts zu tun haben“, zitiert ihn Gerochristodoulou. Der Komponist (1813-1883), der sich mit seiner Schrift „Das Judenthum in der Musik“ als Antisemit zu erkennen gab und dessen Werk später von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde, polarisiert das Publikum bis heute. 20 Stichworte hat sie auf Schilder gedruckt, immer Paare aus positiven und negativen Begriffen wie Anziehung/Ablehnung oder Leidenschaft/Langeweile. Am häufigsten wählten die Porträtierten am Freitag positive Begriffe wie Leidenschaft, Innovation, Liebe oder Wahrheit. Eine Auswahl der entstandenen Porträts wird sie ab 7. September am Ort der Entstehung präsentieren. Nike Gerochristodoulou ist die Tochter eines griechischen Musikers und einer russischen Malerin. Geboren wurde sie in Marl. In Berlin hat sie Fotodesign, Grafik- und Webdesign studiert. Der Liebe wegen ist sie nach Athen gezogen, hat dort zehn Jahre lang gearbeitet. 2005 wurde ihr Sohn geboren. Doch dann wurde die Krise immer stärker spürbar. „Die Medienberufe trifft es immer als erste“, sagt sie. Darum entschloss sie sich mit ihrem Sohn zurück nach Berlin zu ziehen. Dort war sie ebenfalls zehn Jahre lang als selbstständige Fotografin und Dozentin der Fernhochschule Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD) tätig. Freunde von ihr leben auf einem Bauernhof in der Nähe von Pr. Oldendorf. „Ich bin im vergangenen Jahr auf Gut Großengershausen gestoßen. Das war ganz platonisch Liebe auf den ersten Blick“, beantwortet sie die Frage, was sie in den Kreis Minden-Lübbecke gezogen hat. Gerochristodoulou schreibt Fachbücher, zum Beispiel für den Klett-Verlag. Neben Auftragsarbeiten entstehen frei Arbeiten. Das Porträt ist ihr Spezialgebiet. Seit zwei Jahren beschäftigt sich mit der Cyanotypie, der „ältesten fotografischen Technik“, in der Eisen statt Silber eingesetzt und die Objekte ausschließlich mit Hilfe des Sonnenlichts abgebildet werden. Sie nutzt diese Verfahren nicht nur für kleine Objekte, sondern auch für Landschaftsaufnahmen.