Kommentar zur Einschulung: Weniger Tamtam

Claudia Hyna

Er war klein, rot und aus Leder. Mein erster Schulranzen, hatte den ganz besonderen Duft neuer Gegenstände. Als mittleres Kind musste ich jahrelang die abgelegte Kleidung meiner älteren Schwester tragen, da war dieser neue Ranzen eine Offenbarung. Meiner, ganz allein. An alles andere, was es neu gab, erinnere ich mich nur noch bruchstückhaft.

Ich kenne noch den Namen meiner Sitznachbarin in der ersten Klasse. Und weiß noch, dass meine Klassenlehrerin mit ihrem blonden langen Haar mir wie ein Engel erschien. Die Einschulung ging ohne Firlefanz über die Bühne. Man ging halt in die Schule – so wie alle anderen Sechsjährigen aus dem Viertel auch.

45 Jahre später ist die Schulzeit für Eltern kostspieliger geworden. Allein die Einschulung kostet im Schnitt 300 Euro und ist für den Handel ein wichtiger Faktor geworden. Einige Mütter und Väter können das kaum bezahlen. Wie gut, dass es Fördervereine und Co. gibt, die bedürftige Familien mit den wichtigsten Artikeln für den Schulalltag ausstatten und für Mittagessen und/oder Betreuung aufkommen.

Diese Eltern haben kein Geld für ein Essen im Restaurant und einen anschließenden Zoobesuch – das ist mittlerweile Standard. Sich über die Schulpflicht in Deutschland zu freuen und Anteil zu nehmen an der Schulzeit, ist die eine Sache. Aber muss es das immer größere Gewese sein, so dass schon am Tag der Einschulung Maßstäbe gesetzt werden? Reicht nicht auch ein Kaffeetrinken mit der Familie?

Fragt lieber die Kinder, was sie sich wünschen. Und die freuen sich meist über Kleinigkeiten, brauchen nicht das große Event Was meine Mutter auf den Tisch gebracht hat, weiß ich nicht mehr. Die Schulzeit war dennoch unvergesslich. Und der kleine rote Ranzen sowieso.

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Kommentar zur Einschulung: Weniger TamtamClaudia HynaEr war klein, rot und aus Leder. Mein erster Schulranzen, hatte den ganz besonderen Duft neuer Gegenstände. Als mittleres Kind musste ich jahrelang die abgelegte Kleidung meiner älteren Schwester tragen, da war dieser neue Ranzen eine Offenbarung. Meiner, ganz allein. An alles andere, was es neu gab, erinnere ich mich nur noch bruchstückhaft. Ich kenne noch den Namen meiner Sitznachbarin in der ersten Klasse. Und weiß noch, dass meine Klassenlehrerin mit ihrem blonden langen Haar mir wie ein Engel erschien. Die Einschulung ging ohne Firlefanz über die Bühne. Man ging halt in die Schule – so wie alle anderen Sechsjährigen aus dem Viertel auch. 45 Jahre später ist die Schulzeit für Eltern kostspieliger geworden. Allein die Einschulung kostet im Schnitt 300 Euro und ist für den Handel ein wichtiger Faktor geworden. Einige Mütter und Väter können das kaum bezahlen. Wie gut, dass es Fördervereine und Co. gibt, die bedürftige Familien mit den wichtigsten Artikeln für den Schulalltag ausstatten und für Mittagessen und/oder Betreuung aufkommen. Diese Eltern haben kein Geld für ein Essen im Restaurant und einen anschließenden Zoobesuch – das ist mittlerweile Standard. Sich über die Schulpflicht in Deutschland zu freuen und Anteil zu nehmen an der Schulzeit, ist die eine Sache. Aber muss es das immer größere Gewese sein, so dass schon am Tag der Einschulung Maßstäbe gesetzt werden? Reicht nicht auch ein Kaffeetrinken mit der Familie? Fragt lieber die Kinder, was sie sich wünschen. Und die freuen sich meist über Kleinigkeiten, brauchen nicht das große Event Was meine Mutter auf den Tisch gebracht hat, weiß ich nicht mehr. Die Schulzeit war dennoch unvergesslich. Und der kleine rote Ranzen sowieso.