Minden/Petershagen

Rundes im Eckigen: Uwe Liss ist der Herr der Kaugummiautomaten

Ilja Regier

Uwe Liss repariert einen seiner Automaten, nachdem jemand einen Einkaufschip hineinstopft hat. Der Petershäger ist seit den Neunzigern Teil dieses Gewerbes. MT-Fotos: Alex Lehn
Uwe Liss repariert einen seiner Automaten, nachdem jemand einen Einkaufschip hineinstopft hat. Der Petershäger ist seit den Neunzigern Teil dieses Gewerbes. MT-Fotos: Alex Lehn

Minden/Petershagen (mt). Wo seine rot-weißen Kaugummiautomaten im Mühlenkreis stehen, weiß Uwe Liss genau. Ohne Karte hat er die Stellen im Kopf und bevorzugt vor allem die an Schulen und Spielplätzen, weil sie für den größten Umsatz sorgen. Dort brummen die Geschäfte, weil Kinder Geld in die Automaten stecken, daran drehen und im Gegenzug Kaugummis mit unterschiedlichen Geschmäckern, Ringe oder Ketten erhalten. Doch die Zahl der Automaten in Deutschland sinkt. Der Mann aus Petershagen-Maaslingen weiß: „Ich bin Teil eines aussterbenden Gewerbes.“

Dabei erinnern die Kästen mit ihren vergitterten Fenstern und den Drehscheiben an Früher. Als der Sechsjährige die Sandkastenliebe mit den Ringen aus den Automaten für immer an sich gebunden hat. Für viele waren sie auf dem Schulweg ein fester Bestandteil, um die geschenkten oder gefundenen zehn Pfennig zu investieren.

Jugend-Erinnerungen an Kaugummiautomaten (Plus-Inhalt)

Uwe Liss bestückt etwa 800 Automaten, auch in Osnabrück oder Gütersloh. Er hat in Minden ein Monopol, die Konkurrenz habe sich zurückgezogen Alle hängen in Kopfhöhe von Kindern, die die Zielgruppe sind. Das Geschäft lohne sich noch, er könne davon leben, meint Liss, der als Platzwart des Vereins SC Rot-Weiß Maaslingen häufig am Fußballfeld anzutreffen ist.

In den Neunzigern hat der 57-Jährige die Automaten von einem Freund übernommen. Aus Belgien bezieht er den Inhalt und die Waren. Besonders beliebt seien Flummis und Halsketten. Kinder zahlen zwischen 20 Cent und einem Euro dafür. Etwa 25 Euro sammelt solch ein Automat, wenn er ausverkauft sei. Manche muss er alle paar Wochen neu bestücken. Die Reparaturen übernimmt Liss selbst. Vor allem nach Silvester muss er ran, wenn Feuerwerkskörper in die Automaten gesteckt werden. Der Vandalismus sei damals jedoch schlimmer gewesen. Umrüsten musste Liss, als der Wechsel von der Deutschen Mark zum Euro kam. „Das war viel Aufwand“, erinnert er sich. Die Münzträger mussten angepasst werden. Manch ein Automat schluckte auch Einkaufschips, wodurch der Umsatz für ihn ausblieb. In Osnabrück erlebte er eine böse Überraschung, als Unbekannte 150 seiner Automaten in einer Nacht knackten. „Offenbar hatte jemand den passenden Schlüssel.“

Manche Automaten überleben nicht, wie der an der Königstraße.
Manche Automaten überleben nicht, wie der an der Königstraße.

Wie viele von Liss Automaten genau in Minden stehen, kann er nicht sagen. Kreisweit schätzt er die Zahl auf 300. Grundsätzlich spreche er mit dem Grundstückseigentümer ab, ob er sie platzieren darf. „Manchmal ist das auch gar nicht nötig.“ Bei der Stadt Minden landen kaum Anfragen zum Anbringen von Automaten, erklärt Sprecherin Katharina Heß. Die Stadt greife aber ein, wenn Automaten in den Verkehrsraum ragen und die Sicherheit gefährden.

Obwohl kein Verzeichnis existiert, stehen laut Paul Brühl vom Verband der Automaten-Fachaufsteller noch 400.000 bis 600.000 Kaugummiautomaten in Deutschland. Vor zwei Jahren sollen es noch 200.000 mehr gewesen sein. Brühl glaubt, der Rückgang liege daran, dass Kinder nicht mehr so viel draußen spielen. Die goldenen Zeiten habe die Branche von den 50ern bis in die 80er erlebt. Und doch starben die Geräte nicht aus. „Kinder nutzen überwiegend Digitales und sehnen sich deswegen nach Analogem“, sagt Brühl. Zudem würden viele ihr erstes kaufmännisches Erlebnis an den Automaten machen. Brühl berichtet, dass inzwischen Automaten existieren, aus denen gegen Geld Gedichte gezogen werden können. Gerade in den Großstädten kenne die Kreativität keine Grenzen.

Der Münzträger prüft das Geld und lässt sich drehen.
Der Münzträger prüft das Geld und lässt sich drehen.

Derweil hat Uwe Liss andere Sorgen. Er fragt sich, wie lange Menschen noch Hartgeld nutzen werden. Sind keine Münzen im Umlauf, bezahlt jeder mit Karte und Handy, kann er die Automaten abbauen. Und dennoch ist er optimistisch gestimmt: „Irgendwann kommt wieder das in Mode, was längst out gewesen ist.“ Warum sollte das nicht bei den Nostalgie weckenden Kaugummiautomaten auch der Fall sein?

Flummis sind nach wie vor der Renner.

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Minden/PetershagenRundes im Eckigen: Uwe Liss ist der Herr der KaugummiautomatenIlja RegierMinden/Petershagen (mt). Wo seine rot-weißen Kaugummiautomaten im Mühlenkreis stehen, weiß Uwe Liss genau. Ohne Karte hat er die Stellen im Kopf und bevorzugt vor allem die an Schulen und Spielplätzen, weil sie für den größten Umsatz sorgen. Dort brummen die Geschäfte, weil Kinder Geld in die Automaten stecken, daran drehen und im Gegenzug Kaugummis mit unterschiedlichen Geschmäckern, Ringe oder Ketten erhalten. Doch die Zahl der Automaten in Deutschland sinkt. Der Mann aus Petershagen-Maaslingen weiß: „Ich bin Teil eines aussterbenden Gewerbes.“ Dabei erinnern die Kästen mit ihren vergitterten Fenstern und den Drehscheiben an Früher. Als der Sechsjährige die Sandkastenliebe mit den Ringen aus den Automaten für immer an sich gebunden hat. Für viele waren sie auf dem Schulweg ein fester Bestandteil, um die geschenkten oder gefundenen zehn Pfennig zu investieren. Uwe Liss bestückt etwa 800 Automaten, auch in Osnabrück oder Gütersloh. Er hat in Minden ein Monopol, die Konkurrenz habe sich zurückgezogen Alle hängen in Kopfhöhe von Kindern, die die Zielgruppe sind. Das Geschäft lohne sich noch, er könne davon leben, meint Liss, der als Platzwart des Vereins SC Rot-Weiß Maaslingen häufig am Fußballfeld anzutreffen ist. In den Neunzigern hat der 57-Jährige die Automaten von einem Freund übernommen. Aus Belgien bezieht er den Inhalt und die Waren. Besonders beliebt seien Flummis und Halsketten. Kinder zahlen zwischen 20 Cent und einem Euro dafür. Etwa 25 Euro sammelt solch ein Automat, wenn er ausverkauft sei. Manche muss er alle paar Wochen neu bestücken. Die Reparaturen übernimmt Liss selbst. Vor allem nach Silvester muss er ran, wenn Feuerwerkskörper in die Automaten gesteckt werden. Der Vandalismus sei damals jedoch schlimmer gewesen. Umrüsten musste Liss, als der Wechsel von der Deutschen Mark zum Euro kam. „Das war viel Aufwand“, erinnert er sich. Die Münzträger mussten angepasst werden. Manch ein Automat schluckte auch Einkaufschips, wodurch der Umsatz für ihn ausblieb. In Osnabrück erlebte er eine böse Überraschung, als Unbekannte 150 seiner Automaten in einer Nacht knackten. „Offenbar hatte jemand den passenden Schlüssel.“ Wie viele von Liss Automaten genau in Minden stehen, kann er nicht sagen. Kreisweit schätzt er die Zahl auf 300. Grundsätzlich spreche er mit dem Grundstückseigentümer ab, ob er sie platzieren darf. „Manchmal ist das auch gar nicht nötig.“ Bei der Stadt Minden landen kaum Anfragen zum Anbringen von Automaten, erklärt Sprecherin Katharina Heß. Die Stadt greife aber ein, wenn Automaten in den Verkehrsraum ragen und die Sicherheit gefährden. Obwohl kein Verzeichnis existiert, stehen laut Paul Brühl vom Verband der Automaten-Fachaufsteller noch 400.000 bis 600.000 Kaugummiautomaten in Deutschland. Vor zwei Jahren sollen es noch 200.000 mehr gewesen sein. Brühl glaubt, der Rückgang liege daran, dass Kinder nicht mehr so viel draußen spielen. Die goldenen Zeiten habe die Branche von den 50ern bis in die 80er erlebt. Und doch starben die Geräte nicht aus. „Kinder nutzen überwiegend Digitales und sehnen sich deswegen nach Analogem“, sagt Brühl. Zudem würden viele ihr erstes kaufmännisches Erlebnis an den Automaten machen. Brühl berichtet, dass inzwischen Automaten existieren, aus denen gegen Geld Gedichte gezogen werden können. Gerade in den Großstädten kenne die Kreativität keine Grenzen. Derweil hat Uwe Liss andere Sorgen. Er fragt sich, wie lange Menschen noch Hartgeld nutzen werden. Sind keine Münzen im Umlauf, bezahlt jeder mit Karte und Handy, kann er die Automaten abbauen. Und dennoch ist er optimistisch gestimmt: „Irgendwann kommt wieder das in Mode, was längst out gewesen ist.“ Warum sollte das nicht bei den Nostalgie weckenden Kaugummiautomaten auch der Fall sein?