Meine Woche: Tschüss und Adieu oder: Niemals geht man so ganz

Ilja Regier

MT- - © Foto: Alex Lehn
MT- (© Foto: Alex Lehn)

Automatisch tragen die Beine den Körper in die Obermarktstraße. Die Augen können geschlossen bleiben, den Weg habe ich im Kopf: Muss einmal über die Ampel, quer durch die Fußgängerzone und lande dann am Ziel – in der MT-Redaktion. Doch die Route ändert sich bald, führt mich nach drei Jahren in eine andere Stadt zu einer anderen Zeitung.

Nun müssen der Schreibtisch geräumt und Hände geschüttelt werden – der Abschied folgt. Viele Kollegen vermisse ich bereits, obwohl ich noch nicht weg bin. Den Menschen, der in jeder Lage beste Laune versprüht. Auch montags nie mit dem falschen Fuß aufsteht. Andere, von denen ich fachlich viel lernen durfte und die mir auch beibrachten, dass Redakteure ohne Kuchen so gut funktionieren wie Autos ohne Sprit. Oder die leicht verwirrte Kollegin, die zwar mit schlechten Ohren, aber dafür mit Brille und guten Augen ausgestattet ist und jeden (peinlichen) Fehler in meinen Texten entdeckt.

Das Volontariat beim MT war ein bewusster, für Außenstehende jedoch ein merkwürdiger Entschluss. Nach dem Master-Studium zogen die Kommilitonen in Richtung Berlin oder Köln. Sie fragten: Was willst du in Minden? Und, wo liegt das überhaupt? Doch als junger Journalist hätte ich wohl kein besseres Medium finden können. Häufig war ich mittendrin, schrieb über Bombenentschärfungen, Prozesse mit Vergewaltigern und Mördern, Großbrände, verrückte Vögel, „Kaugummikreuzungen“ und Schuhbäume. Ich bin in Mülltonnen gekrochen, die die Polizei bei der Spurensicherung übersahen, um an Infos zu gelangen. Und ich durfte in Russland, Weißrussland, der Ukraine und der Republik Moldau recherchieren. Manchmal verschlug es mich in autonome Republiken, vor denen die Botschaften ausdrücklich warnten. Davon erfährt mein Chef erst jetzt. Aber gut, er musste mich auch nicht mit Hilfe des Auswärtigen Amtes befreien und eine „Free Ilja“-Kampagne in den sozialen Medien starten.

„Tschüss, Servus und Adieu“ heißt es am Freitag. Bis dahin freue ich mich auf die letzte Woche mit den Kollegen und ihren Marotten. Vielleicht wird der Abschied ein wenig emotional. Ein Trost bleibt – denn niemals geht man so ganz.

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Meine Woche: Tschüss und Adieu oder: Niemals geht man so ganzIlja RegierAutomatisch tragen die Beine den Körper in die Obermarktstraße. Die Augen können geschlossen bleiben, den Weg habe ich im Kopf: Muss einmal über die Ampel, quer durch die Fußgängerzone und lande dann am Ziel – in der MT-Redaktion. Doch die Route ändert sich bald, führt mich nach drei Jahren in eine andere Stadt zu einer anderen Zeitung. Nun müssen der Schreibtisch geräumt und Hände geschüttelt werden – der Abschied folgt. Viele Kollegen vermisse ich bereits, obwohl ich noch nicht weg bin. Den Menschen, der in jeder Lage beste Laune versprüht. Auch montags nie mit dem falschen Fuß aufsteht. Andere, von denen ich fachlich viel lernen durfte und die mir auch beibrachten, dass Redakteure ohne Kuchen so gut funktionieren wie Autos ohne Sprit. Oder die leicht verwirrte Kollegin, die zwar mit schlechten Ohren, aber dafür mit Brille und guten Augen ausgestattet ist und jeden (peinlichen) Fehler in meinen Texten entdeckt. Das Volontariat beim MT war ein bewusster, für Außenstehende jedoch ein merkwürdiger Entschluss. Nach dem Master-Studium zogen die Kommilitonen in Richtung Berlin oder Köln. Sie fragten: Was willst du in Minden? Und, wo liegt das überhaupt? Doch als junger Journalist hätte ich wohl kein besseres Medium finden können. Häufig war ich mittendrin, schrieb über Bombenentschärfungen, Prozesse mit Vergewaltigern und Mördern, Großbrände, verrückte Vögel, „Kaugummikreuzungen“ und Schuhbäume. Ich bin in Mülltonnen gekrochen, die die Polizei bei der Spurensicherung übersahen, um an Infos zu gelangen. Und ich durfte in Russland, Weißrussland, der Ukraine und der Republik Moldau recherchieren. Manchmal verschlug es mich in autonome Republiken, vor denen die Botschaften ausdrücklich warnten. Davon erfährt mein Chef erst jetzt. Aber gut, er musste mich auch nicht mit Hilfe des Auswärtigen Amtes befreien und eine „Free Ilja“-Kampagne in den sozialen Medien starten. „Tschüss, Servus und Adieu“ heißt es am Freitag. Bis dahin freue ich mich auf die letzte Woche mit den Kollegen und ihren Marotten. Vielleicht wird der Abschied ein wenig emotional. Ein Trost bleibt – denn niemals geht man so ganz.