Minden

Farbe bekennen: Siegfried Pharma erklärt sein blaugrünes Abwasser

Stefan Koch

Der blaugrüne Farbton des Abwassers ist intensiv aber auch flüchtig. Er entsteht durch Lichtbrechung, verursacht von vielen Schmutzpartikeln in der Weser. MT- - © Foto: Stefan Koch
Der blaugrüne Farbton des Abwassers ist intensiv aber auch flüchtig. Er entsteht durch Lichtbrechung, verursacht von vielen Schmutzpartikeln in der Weser. MT- (© Foto: Stefan Koch)

Minden (mt). Der blaugrüne Quell, der seit einigen Wochen am östlichen Weserufer an der Nordbrücke zu beobachten ist, entstammt einer von vielen Einleitungsstellen von Industrieunternehmen entlang der Weser. Das geht aus dem elektronischen wasserwirtschaftlichen Verbundsystem für die Wasserwirtschaftsverwaltung (Elwas) hervor, das allein im Mindener Land mehr als zehn Firmen ausweist, die Abwasser über den Fluss entsorgen. Und der größten Verschmutzer, die Kali und Salz Aktiengesellschaft, die ihre Lauge in die Werra einleitet, befindet sich weit außerhalb der Region. Daneben gib es in Minden eine große Zahl kleinerer Einleiter über die Stadtentwässerung.

Nicht zum ersten Mal fiel die Mindener Siegfried Pharma-Chemikalien GmbH mit ihrem grünen Abwasser an der Einleitungsstelle an der Nordbrücke auf. Vor zwei Jahren hatte eine Anlagenrevision zur Verfärbung geführt, was dann auch Passanten auffiel, die sich ans MT gewandt hatten. Die derzeitige Verfärbung hat dagegen ihren Ursprung durch eine Verfahrensumstellung bei der Purin-Herstellung. Derzeit läuft der Prozess im Probebetrieb. Wie Jörg Schmidt, Leiter Sicherheit, Gesundheit und Umwelt des Unternehmens, erklärt, soll in einigen Wochen die Grünfärbung verschwunden sein.

Ist das gefährlich?

Nach Auskunft von Schmidt handele es sich in dem Abwasser um nachweislich harmlose Farbstoffe, die durch Nebenprodukte der Purin-Synthese entstehen. Die Abwasserbehandlung erfolge unter Beachtung der gesetzlichen Grenzwerte in einer eigenen Kläranlage. Bislang gebe es aber keine Methode, um die Flüssigkeiten ohne den blau-grünen Farbton zu entsorgen. Laut der Bezirksregierung als Umweltbehörde zeigen die Stoffe keine schädlichen Wirkung auf Wasserorganismen.

Die farbigen Komponenten aus der Purin-Synthese wurden seit 1954 in wissenschaftlichen Publikationen und Patenten erwähnt. Eine charakteristische physikalische Eigenschaft ist neben der intensiven Farbe eine sehr geringe Löslichkeit im Wasser.

Woher kommt das Grün?

Laut Schmidt kommt es bereits beim Klärprozess in der Anlage des Chemieunternehmens zu einer Verstärkung des Farbtons. Wenn das Abwasser dann über eine Pipeline vom Standort an der Karlstraße zur Weser fließt und dort an der Einleitstelle unterhalb des Wasserspiegels in den Fluss übergeht, verstärkt sich der Farbton wesentlich. Die Ursache sind Partikel im Weserwasser, die zu einer Lichtbrechung führen – zusätzlich herrscht derzeit ein niedriger Wasserstand mit langsamer Fließgeschwindigkeit, so dass sich das Abwasser nicht so schnell ausdünnt. In einem Gewässern ohne eine hohe Dichte an Partikeln, wäre der Farbton wesentlich unauffälliger.

Wer hat das erlaubt?

Die zuständige Genehmigungsbehörde ist die Bezirksregierung Detmold. Wie deren Pressesprecher Andreas Moseke erklärt, bestehe seit dem Jahr 2013 eine Einleitungserlaubnis, die nicht nur den Vorfall aus dem Jahr 2017 abgedeckt habe, sondern auch für die aktuelle Verfärbung im Zusammenhang mit der Verfahrensumstellung gelte.

Wer überwacht das?

Überwachungsbehörde des Abflusses der Betriebskläranlage ist das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). Zwölf Mal im Jahr findet eine Untersuchung statt. Bei besonderen Vorkommnissen wie dem derzeitigen Grünton kann das auch häufiger geschehen. Im April 2014 stellten Chemiker zu hohe Stickstoffwerte fest. Im September 2016 maßen sie zu hohe Phosphorwerte. „In Einzelfällen wurden Konzentrationen oberhalb des Überwachungswertes aber noch im zulässigen Rahmen festgestellt", hieß es auf eine MT-Anfrage vor zwei Jahren.

Auf die MT-Anfrage, wie die derzeitige Grünfärbung zu bewerten ist und welche Vorkommnisse es an der Einleitungsstelle der Siegfried Pharma-Chemikalien GmbH in den vergangenen zwei Jahren gegeben hat, reagiert die Pressestelle des Lanuv seit Montag, 15. Juli, nicht. Das Gleiche gilt auch für Anfragen, die weitere Einleiter wie die Tönsmeier Entsorgungswirtschaft und die AML Immo GmbH (Altdeponie Heisterholz) betreffen.

Wieviel fließt in den Fluss?

Nach einer Information der Bezirksregierung Detmold ist der Siegfried Pharma-Chemikalien GmbH die Einleitung von in der Betriebskläranlage behandeltem Abwasser bis zu 104 Liter in der Sekunde beziehungsweise 375 Kubikmeter in der Stunde erlaubt. Die Schmutzwassermenge pro Jahr ist auf zwei Millionen Kubikmeter begrenzt. Dazu legt die Einleitungsgenehmigung Messgrößen und Stoffe fest. Das Unternehmen ist zu einer Selbstüberwachung verpflichtet und muss sein Abwasser auf weitere relevante Stoffe untersuchen und die Ergebnisse der Bezirksregierung vorlegen.

Wie alt ist das Problem?

Horst Idelberger, seit 1984 Stadtverordneter der Grünen, war langjähriger Dozent an der Außenstelle der FH Bielefeld mit dem Fachgebiet Wasserwirtschaft. Schon Anfang der 80er-Jahre hatten ihn Studenten über Chlorgeruch und Verfärbungen an der Einleitungsstelle informiert. Damals hatte die Knoll AG – eins der Vorgängerunternehmen der Siegfried Pharma am Mindener Produktionsstandort – produziert. Die Grünen entnahmen mehrere Abwasserproben und ließen sie in Umweltlaboren untersuchen. Unter anderem stellten Chemiker fest, dass der Chlorgehalt in der Weser wesentlich höher als im Rhein war.

Die Bezirksregierung habe mehrfach ihren Genehmigungsbescheid für die damalige Knoll AG nachbessern müssen. Idelberger erinnert sich noch heute: „Wir hatten uns dazu einen alten Genehmigungsbescheid aus dem Jahr 1974 aus Detmold schicken lassen. Danach hätte die Knoll AG sogar Stoffe wie Dioxin in die Weser einleiten dürfen."

Dioxin wurde vor allem durch das Unglück im italienischen Seveso am 10. Juli 1976 bekannt. Damals kam es in einer Chemiefabrik in der Nähe von Mailand zu einem Unfall. Tausende Weidetiere, die das Gift über Pflanzen aufgenommen hatten, verendeten. Mehrere Hundert Menschen zogen sich schwere Verletzungen zu. Viele mussten ihre Häuser verlassen, weil das Gebiet zunächst unbewohnbar war.

Wer leitet noch ein?

Idelberger meint, dass in den 80er-Jahren auch andere Unternehmen als Umweltverschmutzer in den Blickpunkt geraten seien. Beispielsweise hätten sich die Grünen mit der Altdeponie Heisterholz beschäftigt. „Da kam das Fischgift Ammoniumstickstoff her." Nach Schätzungen seien im Jahr 1986 zwei Tonnen dieser Verbindung in die Weser gelangt. Weitere 20 Tonnen pro Jahr, so die Schätzung, habe die damalige Firma Scheidemantel – heute Gelita AG – in die Weser gelassen.

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MindenFarbe bekennen: Siegfried Pharma erklärt sein blaugrünes AbwasserStefan KochMinden (mt). Der blaugrüne Quell, der seit einigen Wochen am östlichen Weserufer an der Nordbrücke zu beobachten ist, entstammt einer von vielen Einleitungsstellen von Industrieunternehmen entlang der Weser. Das geht aus dem elektronischen wasserwirtschaftlichen Verbundsystem für die Wasserwirtschaftsverwaltung (Elwas) hervor, das allein im Mindener Land mehr als zehn Firmen ausweist, die Abwasser über den Fluss entsorgen. Und der größten Verschmutzer, die Kali und Salz Aktiengesellschaft, die ihre Lauge in die Werra einleitet, befindet sich weit außerhalb der Region. Daneben gib es in Minden eine große Zahl kleinerer Einleiter über die Stadtentwässerung. Nicht zum ersten Mal fiel die Mindener Siegfried Pharma-Chemikalien GmbH mit ihrem grünen Abwasser an der Einleitungsstelle an der Nordbrücke auf. Vor zwei Jahren hatte eine Anlagenrevision zur Verfärbung geführt, was dann auch Passanten auffiel, die sich ans MT gewandt hatten. Die derzeitige Verfärbung hat dagegen ihren Ursprung durch eine Verfahrensumstellung bei der Purin-Herstellung. Derzeit läuft der Prozess im Probebetrieb. Wie Jörg Schmidt, Leiter Sicherheit, Gesundheit und Umwelt des Unternehmens, erklärt, soll in einigen Wochen die Grünfärbung verschwunden sein. Ist das gefährlich? Nach Auskunft von Schmidt handele es sich in dem Abwasser um nachweislich harmlose Farbstoffe, die durch Nebenprodukte der Purin-Synthese entstehen. Die Abwasserbehandlung erfolge unter Beachtung der gesetzlichen Grenzwerte in einer eigenen Kläranlage. Bislang gebe es aber keine Methode, um die Flüssigkeiten ohne den blau-grünen Farbton zu entsorgen. Laut der Bezirksregierung als Umweltbehörde zeigen die Stoffe keine schädlichen Wirkung auf Wasserorganismen. Die farbigen Komponenten aus der Purin-Synthese wurden seit 1954 in wissenschaftlichen Publikationen und Patenten erwähnt. Eine charakteristische physikalische Eigenschaft ist neben der intensiven Farbe eine sehr geringe Löslichkeit im Wasser. Woher kommt das Grün? Laut Schmidt kommt es bereits beim Klärprozess in der Anlage des Chemieunternehmens zu einer Verstärkung des Farbtons. Wenn das Abwasser dann über eine Pipeline vom Standort an der Karlstraße zur Weser fließt und dort an der Einleitstelle unterhalb des Wasserspiegels in den Fluss übergeht, verstärkt sich der Farbton wesentlich. Die Ursache sind Partikel im Weserwasser, die zu einer Lichtbrechung führen – zusätzlich herrscht derzeit ein niedriger Wasserstand mit langsamer Fließgeschwindigkeit, so dass sich das Abwasser nicht so schnell ausdünnt. In einem Gewässern ohne eine hohe Dichte an Partikeln, wäre der Farbton wesentlich unauffälliger. Wer hat das erlaubt? Die zuständige Genehmigungsbehörde ist die Bezirksregierung Detmold. Wie deren Pressesprecher Andreas Moseke erklärt, bestehe seit dem Jahr 2013 eine Einleitungserlaubnis, die nicht nur den Vorfall aus dem Jahr 2017 abgedeckt habe, sondern auch für die aktuelle Verfärbung im Zusammenhang mit der Verfahrensumstellung gelte. Wer überwacht das? Überwachungsbehörde des Abflusses der Betriebskläranlage ist das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). Zwölf Mal im Jahr findet eine Untersuchung statt. Bei besonderen Vorkommnissen wie dem derzeitigen Grünton kann das auch häufiger geschehen. Im April 2014 stellten Chemiker zu hohe Stickstoffwerte fest. Im September 2016 maßen sie zu hohe Phosphorwerte. „In Einzelfällen wurden Konzentrationen oberhalb des Überwachungswertes aber noch im zulässigen Rahmen festgestellt", hieß es auf eine MT-Anfrage vor zwei Jahren. Auf die MT-Anfrage, wie die derzeitige Grünfärbung zu bewerten ist und welche Vorkommnisse es an der Einleitungsstelle der Siegfried Pharma-Chemikalien GmbH in den vergangenen zwei Jahren gegeben hat, reagiert die Pressestelle des Lanuv seit Montag, 15. Juli, nicht. Das Gleiche gilt auch für Anfragen, die weitere Einleiter wie die Tönsmeier Entsorgungswirtschaft und die AML Immo GmbH (Altdeponie Heisterholz) betreffen. Wieviel fließt in den Fluss? Nach einer Information der Bezirksregierung Detmold ist der Siegfried Pharma-Chemikalien GmbH die Einleitung von in der Betriebskläranlage behandeltem Abwasser bis zu 104 Liter in der Sekunde beziehungsweise 375 Kubikmeter in der Stunde erlaubt. Die Schmutzwassermenge pro Jahr ist auf zwei Millionen Kubikmeter begrenzt. Dazu legt die Einleitungsgenehmigung Messgrößen und Stoffe fest. Das Unternehmen ist zu einer Selbstüberwachung verpflichtet und muss sein Abwasser auf weitere relevante Stoffe untersuchen und die Ergebnisse der Bezirksregierung vorlegen. Wie alt ist das Problem? Horst Idelberger, seit 1984 Stadtverordneter der Grünen, war langjähriger Dozent an der Außenstelle der FH Bielefeld mit dem Fachgebiet Wasserwirtschaft. Schon Anfang der 80er-Jahre hatten ihn Studenten über Chlorgeruch und Verfärbungen an der Einleitungsstelle informiert. Damals hatte die Knoll AG – eins der Vorgängerunternehmen der Siegfried Pharma am Mindener Produktionsstandort – produziert. Die Grünen entnahmen mehrere Abwasserproben und ließen sie in Umweltlaboren untersuchen. Unter anderem stellten Chemiker fest, dass der Chlorgehalt in der Weser wesentlich höher als im Rhein war. Die Bezirksregierung habe mehrfach ihren Genehmigungsbescheid für die damalige Knoll AG nachbessern müssen. Idelberger erinnert sich noch heute: „Wir hatten uns dazu einen alten Genehmigungsbescheid aus dem Jahr 1974 aus Detmold schicken lassen. Danach hätte die Knoll AG sogar Stoffe wie Dioxin in die Weser einleiten dürfen." Dioxin wurde vor allem durch das Unglück im italienischen Seveso am 10. Juli 1976 bekannt. Damals kam es in einer Chemiefabrik in der Nähe von Mailand zu einem Unfall. Tausende Weidetiere, die das Gift über Pflanzen aufgenommen hatten, verendeten. Mehrere Hundert Menschen zogen sich schwere Verletzungen zu. Viele mussten ihre Häuser verlassen, weil das Gebiet zunächst unbewohnbar war. Wer leitet noch ein? Idelberger meint, dass in den 80er-Jahren auch andere Unternehmen als Umweltverschmutzer in den Blickpunkt geraten seien. Beispielsweise hätten sich die Grünen mit der Altdeponie Heisterholz beschäftigt. „Da kam das Fischgift Ammoniumstickstoff her." Nach Schätzungen seien im Jahr 1986 zwei Tonnen dieser Verbindung in die Weser gelangt. Weitere 20 Tonnen pro Jahr, so die Schätzung, habe die damalige Firma Scheidemantel – heute Gelita AG – in die Weser gelassen.