Minden

„Ich bin ein sozialer Kapitalist“ - Wez-Chef Karl-Stefan Preuß im Interview"

Benjamin Piel

Karl-Stefan Preuß wird demnächst 60 Jahre alt. Neben der Entwicklung seines Unternehmens bereitet er den Generationenwechsel vor. 
MT-Foto: Alex Lehn - © Lehn Alexander
Karl-Stefan Preuß wird demnächst 60 Jahre alt. Neben der Entwicklung seines Unternehmens bereitet er den Generationenwechsel vor.
MT-Foto: Alex Lehn (© Lehn Alexander)

Minden (mt). Karl-Stefan Preuß ist ein ungewöhnlicher Unternehmer. Während andere Firmenchefs nur über ihr Geschäft reden möchten, ist das bei Preuß gar nicht so einfach. Denn der spricht am liebsten über Philosophie, Gesellschaftsprozesse und das Leben als solches.

Woher kommt Ihr Interesse an der Philosophie?

Es war schon seit meiner Jugend mein Anspruch, etwas von der Welt zu entdecken und zu verstehen und ein breites Wissen aufzubauen. Der Philosoph sollte sich allerdings nicht fragen, wie er mit der Philosophie seine Familie ernähren kann, sonst ist er kein Philosoph.

Das unterscheidet Sie von einem Philosophen.

Für mich war es eine sehr reizvolle Perspektive, unternehmerisch tätig zu sein. Ich kam ja aus einer Leistungsverweigerer-Generation. Aber die Aufgabe war faszinierend und insofern sind die Geisteswissenschaften, Literatur, Musik und Kultur im Allgemeinen dann mein lebenslanges Hobby geworden und nicht mein Beruf. Für mich ist das auch wichtig in der Hinsicht, die man heute Work-Life-Balance nennt, als bereichernder Ausgleich.

Reicht Ihnen das?

Innerhalb meines bürgerlichen Berufs als Kaufmann sehe ich die Verantwortung, meinen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Das hat Auswirkungen und wenn an mir überhaupt etwas interessant ist, dann mein unternehmerisches Selbstverständnis.

Wie sieht das in einem Satz aus?

Ich bin ein sozialer Kapitalist.

Was bedeutet das?

Das ist ein Ansatz, der eine Lösung für gesellschaftliche Aufgaben bedeuten könnte, mit denen wir konfrontiert sind. Denn es ist ja ganz klar, dass unsere Gesellschaft ein Verteilungsproblem hat. Ungleichheit ist in vielen Teilen der Gesellschaft virulent und das verursacht viele Probleme. Die Vermögen verteilen sich immer ungleicher. Angesichts dieser Entwicklung fühlen sich mehr und mehr Menschen ohnmächtig und wer sich ohnmächtig fühlt, fängt an zu schreien und schlägt um sich. Dafür ist auch die Politik verantwortlich, die zu verhindern versäumt hat, dass internationale Konzerne ihre Steuern minimieren und ihre Gewinne maximieren. Diese Ungleichbehandlung zwischen Konzernen und Mittelstand schreit zum Himmel und ist eine Wettbewerbsverzerrung. Wenn uns die Marktwirtschaft nicht irgendwann um die Ohren fliegen soll, dann müssen wir da etwas tun – der Staat muss eingreifen.

Es gibt allerdings auch Bedenken, was staatliche Eingriffe angeht. Ist nicht die Freiheit bedroht, sobald der Staat in massiverer Weise eingreift?

Zum Begriff der Freiheit fordere ich eine Ergänzung. In den meisten Verfassungen wird die Freiheit geschützt und das ist richtig und gut. Aber was ist mit der Verantwortung? Sie wird nicht in gleichem Maße eingefordert, wie die Freiheit garantiert wird. Das hat auch Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Tonfall. Zuerst ist er unangemessen geworden, dann unverschämt, inzwischen ist er nicht selten unanständig. Jeder fordert seine Rechte ein und seine Freiheit. Aber Freiheit und Rechte ohne Verantwortung und Pflichten – das geht nicht. Das meinte schon Kant mit seinem kategorischen Imperativ und der sollte im Übrigen für Unternehmen ebenso gelten wie für Bürger.

Inwiefern sehen Sie Unternehmer in der Verantwortung?

Sie können durch eine dezidierte unternehmerische Ethik fruchtreich in die Gesellschaft hineinwirken. Unternehmer sind auch Vorbilder. Wenn die aggressiv auf den eigenen Nutzen ausgerichtet handeln, dann darf sich niemand wundern, wenn ihre Mitarbeiter davon geprägt werden. Pestalozzi hat gesagt, dass Erziehung zwei Dinge bedeutet: Liebe und Vorbild. Das gilt auch für Unternehmer, die in ihrer Führung und ihrer Übernahme von Verantwortung Vorbilder sein sollten. Nähmen alle Unternehmer diese Verantwortung wahr, wirkte sich das in konzentrischen Kreisen aus – in der Familie, im Unternehmen, auf die Mitarbeiter und die Kunden und in die ganze Gesellschaft hinein. Letztendlich geht es um den sozialen Frieden. Denn Unternehmer haben nichts davon, wenn der in Gefahr ist. Im Gegenteil, sie müssten eigentlich größtes Interesse daran haben, dass der gesellschaftlich Friede gewahrt bleibt, denn nur innerhalb stabiler Gesellschaften sind stabile Geschäfte möglich.

Auf der anderen Seite sind Unternehmen aber wirtschaftlichen Zwängen unterlegen, die im Wirtschaftssystem Kapitalismus nun einmal gelten. Ohne Profitorientierung geht es nicht.

Natürlich, das Unternehmen muss gesund sein. Das ist schließlich auch ein Teil der Verantwortung, die ich für meine Mitarbeiter übernehme. Diese Verantwortung muss ein Unternehmer übrigens auch genießen können. Das kann nicht jeder, es ist ein Geschenk. Ich selbst habe die Verantwortung nie als Belastung erlebt, auch nicht in Zeiten, in denen es wirtschaftlich mal schwieriger war als im Moment.

Kommunist nennen Sie sich aber offenbar ganz bewusst nicht und das wäre als Unternehmer ja auch durchaus merkwürdig.

Gleichverteilungsmodelle wie der Kommunismus sind nachweislich und endgültig gescheitert. Ich bin ja auch Volkswirt und an diese Gesellschaftskonzepte glaube ich nicht. Ein sozialer Kapitalismus in Kombination mit stabiler Demokratie scheint mir die beste Gesellschaftsform zu sein. Allerdings nehme ich wahr, dass viele Unternehmer-Kollegen im Diskurs zu Verteilung und Verantwortung eine andere Haltung einnehmen.

Was aber bedeutet sozialer Kapitalismus für Sie persönlich?

Zunächst einmal das Wohl meiner Mitarbeiter und unserer Kunden. Darüber hinaus haben wir schon Ende der 90er-Jahre mit anderen Unternehmern die Bildungspartner Minden gegründet. Wir haben damals angefangen, Streetworker für soziale Brennpunkte zu finanzieren, später dafür gesorgt, dass Kinder aus benachteiligten Familien Mittagessen und Nachmittagsbetreuung bekommen. Das ist ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit, die ich in unserer Heimatstadt fördern möchte und wir haben mit den Bildungspartnern in gut zehn Jahren mit über einer Million Euro über 1.000 Kindern in Minden geholfen. Außerdem arbeiten in den meisten unserer 22 Geschäfte Menschen mit Behinderungen, denn auch sie gehören mitten in die Gesellschaft. Als ich mit dem Projekt begonnen habe, haben einige das belächelt, aber es läuft sehr gut. Neben weiteren sozialen Projekten fördern wir zahlreiche kulturelle und sportliche Projekte und Institutionen und zwar nicht nur in Minden, sondern an allen unseren Standorten, auch wenn der Schwerpunkt unserer Förderung in Minden am Sitz des Unternehmens liegt. Das ist, was ich mit sozialem Kapitalismus meine: dass Unternehmer sich einbringen in die Gesellschaft und Projekte an ihrem Standort unterstützen und damit positiv in die Gesellschaft vor Ort hineinwirken. Wenn das alle Unternehmer dem Betriebsergebnis angemessen täten, dann sähe es in Deutschland anders aus.

Wie steht es um ihre persönliche Zukunft?

Ich werde demnächst 60 Jahre alt und neben der Entwicklung unseres Unternehmens bereite ich den Generationenwechsel vor. Meine Tochter zieht seit einigen Jahren ihre Kreise durch die Branche in Theorie und Praxis. Eines Tages wird sie die Leitung des Unternehmens übernehmen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Minden„Ich bin ein sozialer Kapitalist“ - Wez-Chef Karl-Stefan Preuß im Interview"Benjamin PielMinden (mt). Karl-Stefan Preuß ist ein ungewöhnlicher Unternehmer. Während andere Firmenchefs nur über ihr Geschäft reden möchten, ist das bei Preuß gar nicht so einfach. Denn der spricht am liebsten über Philosophie, Gesellschaftsprozesse und das Leben als solches. Woher kommt Ihr Interesse an der Philosophie? Es war schon seit meiner Jugend mein Anspruch, etwas von der Welt zu entdecken und zu verstehen und ein breites Wissen aufzubauen. Der Philosoph sollte sich allerdings nicht fragen, wie er mit der Philosophie seine Familie ernähren kann, sonst ist er kein Philosoph. Das unterscheidet Sie von einem Philosophen. Für mich war es eine sehr reizvolle Perspektive, unternehmerisch tätig zu sein. Ich kam ja aus einer Leistungsverweigerer-Generation. Aber die Aufgabe war faszinierend und insofern sind die Geisteswissenschaften, Literatur, Musik und Kultur im Allgemeinen dann mein lebenslanges Hobby geworden und nicht mein Beruf. Für mich ist das auch wichtig in der Hinsicht, die man heute Work-Life-Balance nennt, als bereichernder Ausgleich. Reicht Ihnen das? Innerhalb meines bürgerlichen Berufs als Kaufmann sehe ich die Verantwortung, meinen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Das hat Auswirkungen und wenn an mir überhaupt etwas interessant ist, dann mein unternehmerisches Selbstverständnis. Wie sieht das in einem Satz aus? Ich bin ein sozialer Kapitalist. Was bedeutet das? Das ist ein Ansatz, der eine Lösung für gesellschaftliche Aufgaben bedeuten könnte, mit denen wir konfrontiert sind. Denn es ist ja ganz klar, dass unsere Gesellschaft ein Verteilungsproblem hat. Ungleichheit ist in vielen Teilen der Gesellschaft virulent und das verursacht viele Probleme. Die Vermögen verteilen sich immer ungleicher. Angesichts dieser Entwicklung fühlen sich mehr und mehr Menschen ohnmächtig und wer sich ohnmächtig fühlt, fängt an zu schreien und schlägt um sich. Dafür ist auch die Politik verantwortlich, die zu verhindern versäumt hat, dass internationale Konzerne ihre Steuern minimieren und ihre Gewinne maximieren. Diese Ungleichbehandlung zwischen Konzernen und Mittelstand schreit zum Himmel und ist eine Wettbewerbsverzerrung. Wenn uns die Marktwirtschaft nicht irgendwann um die Ohren fliegen soll, dann müssen wir da etwas tun – der Staat muss eingreifen. Es gibt allerdings auch Bedenken, was staatliche Eingriffe angeht. Ist nicht die Freiheit bedroht, sobald der Staat in massiverer Weise eingreift? Zum Begriff der Freiheit fordere ich eine Ergänzung. In den meisten Verfassungen wird die Freiheit geschützt und das ist richtig und gut. Aber was ist mit der Verantwortung? Sie wird nicht in gleichem Maße eingefordert, wie die Freiheit garantiert wird. Das hat auch Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Tonfall. Zuerst ist er unangemessen geworden, dann unverschämt, inzwischen ist er nicht selten unanständig. Jeder fordert seine Rechte ein und seine Freiheit. Aber Freiheit und Rechte ohne Verantwortung und Pflichten – das geht nicht. Das meinte schon Kant mit seinem kategorischen Imperativ und der sollte im Übrigen für Unternehmen ebenso gelten wie für Bürger. Inwiefern sehen Sie Unternehmer in der Verantwortung? Sie können durch eine dezidierte unternehmerische Ethik fruchtreich in die Gesellschaft hineinwirken. Unternehmer sind auch Vorbilder. Wenn die aggressiv auf den eigenen Nutzen ausgerichtet handeln, dann darf sich niemand wundern, wenn ihre Mitarbeiter davon geprägt werden. Pestalozzi hat gesagt, dass Erziehung zwei Dinge bedeutet: Liebe und Vorbild. Das gilt auch für Unternehmer, die in ihrer Führung und ihrer Übernahme von Verantwortung Vorbilder sein sollten. Nähmen alle Unternehmer diese Verantwortung wahr, wirkte sich das in konzentrischen Kreisen aus – in der Familie, im Unternehmen, auf die Mitarbeiter und die Kunden und in die ganze Gesellschaft hinein. Letztendlich geht es um den sozialen Frieden. Denn Unternehmer haben nichts davon, wenn der in Gefahr ist. Im Gegenteil, sie müssten eigentlich größtes Interesse daran haben, dass der gesellschaftlich Friede gewahrt bleibt, denn nur innerhalb stabiler Gesellschaften sind stabile Geschäfte möglich. Auf der anderen Seite sind Unternehmen aber wirtschaftlichen Zwängen unterlegen, die im Wirtschaftssystem Kapitalismus nun einmal gelten. Ohne Profitorientierung geht es nicht. Natürlich, das Unternehmen muss gesund sein. Das ist schließlich auch ein Teil der Verantwortung, die ich für meine Mitarbeiter übernehme. Diese Verantwortung muss ein Unternehmer übrigens auch genießen können. Das kann nicht jeder, es ist ein Geschenk. Ich selbst habe die Verantwortung nie als Belastung erlebt, auch nicht in Zeiten, in denen es wirtschaftlich mal schwieriger war als im Moment. Kommunist nennen Sie sich aber offenbar ganz bewusst nicht und das wäre als Unternehmer ja auch durchaus merkwürdig. Gleichverteilungsmodelle wie der Kommunismus sind nachweislich und endgültig gescheitert. Ich bin ja auch Volkswirt und an diese Gesellschaftskonzepte glaube ich nicht. Ein sozialer Kapitalismus in Kombination mit stabiler Demokratie scheint mir die beste Gesellschaftsform zu sein. Allerdings nehme ich wahr, dass viele Unternehmer-Kollegen im Diskurs zu Verteilung und Verantwortung eine andere Haltung einnehmen. Was aber bedeutet sozialer Kapitalismus für Sie persönlich? Zunächst einmal das Wohl meiner Mitarbeiter und unserer Kunden. Darüber hinaus haben wir schon Ende der 90er-Jahre mit anderen Unternehmern die Bildungspartner Minden gegründet. Wir haben damals angefangen, Streetworker für soziale Brennpunkte zu finanzieren, später dafür gesorgt, dass Kinder aus benachteiligten Familien Mittagessen und Nachmittagsbetreuung bekommen. Das ist ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit, die ich in unserer Heimatstadt fördern möchte und wir haben mit den Bildungspartnern in gut zehn Jahren mit über einer Million Euro über 1.000 Kindern in Minden geholfen. Außerdem arbeiten in den meisten unserer 22 Geschäfte Menschen mit Behinderungen, denn auch sie gehören mitten in die Gesellschaft. Als ich mit dem Projekt begonnen habe, haben einige das belächelt, aber es läuft sehr gut. Neben weiteren sozialen Projekten fördern wir zahlreiche kulturelle und sportliche Projekte und Institutionen und zwar nicht nur in Minden, sondern an allen unseren Standorten, auch wenn der Schwerpunkt unserer Förderung in Minden am Sitz des Unternehmens liegt. Das ist, was ich mit sozialem Kapitalismus meine: dass Unternehmer sich einbringen in die Gesellschaft und Projekte an ihrem Standort unterstützen und damit positiv in die Gesellschaft vor Ort hineinwirken. Wenn das alle Unternehmer dem Betriebsergebnis angemessen täten, dann sähe es in Deutschland anders aus. Wie steht es um ihre persönliche Zukunft? Ich werde demnächst 60 Jahre alt und neben der Entwicklung unseres Unternehmens bereite ich den Generationenwechsel vor. Meine Tochter zieht seit einigen Jahren ihre Kreise durch die Branche in Theorie und Praxis. Eines Tages wird sie die Leitung des Unternehmens übernehmen.