Minden

Die Vorkosterinnen: Landfrauen Iris Niermeyer und Vanessa Fenn testen die Mindener Gourmetmeile

Anna Strathmeier und Anja Peper

Ravioli gefüllt mit Stippgrütze und Äpfeln, dazu Zanderfilet: Das ungewöhnliche Gericht haben die beiden Landfrauen Iris Niermeyer (links) und Vanessa Fenn fürs MT getestet. MT- - © Foto: Alex Lehn
Ravioli gefüllt mit Stippgrütze und Äpfeln, dazu Zanderfilet: Das ungewöhnliche Gericht haben die beiden Landfrauen Iris Niermeyer (links) und Vanessa Fenn fürs MT getestet. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden (mt). Am Anfang steht die Warnung: Vorsicht, wenn jemand einen „Schwatten" anbietet. Das ist eine heikle Mischung aus Filterkaffee, Korn und Wasser – in diesem Jahr auf der Gourmetmeile. Als echte Kinder vom Lande haben die beiden Landfrauen Iris Niermeyer (58) und Vanessa Fenn (48) mit Schwatten ihre Erfahrung: „Da gibt es viele Leidensgeschichten." Besonders in Pr. Ströhen gelten die Mischungen als hoch gefährlich: Ein Drittel Wasser, ein Drittel Kaffee, ein Drittel Korn: Da werden Erinnerungen wach oder bleiben auf ewig verschüttet. Je nachdem ...

Willkommen auf der Gourmetmeile 2019 (12. bis 14. Juli). Das Motto heißt in diesem Jahr „Heimat – der leckerste Ort der Welt". Über den Begriff Heimat lässt sich natürlich lange philosophieren. Es kann ein bestimmter Ort gemeint sein, eine Region, eine Kultur oder ein Gefühl. Oder auch alles zusammen. Das MT war gestern mit den beiden Landfrauen auf der Gourmetmeile. Als Vorkosterinnen haben sie die Speisekarte unter die Lupe genommen und den ein oder anderen Happen probiert. Mit der klassischen westfälischen Küche kennen sie sich aus: Vanessa Venn ist in Minderheide groß geworden. Iris Niermeyer ist in Hille aufgewachsen, zuhause wurde geschlachtet. Ihre Lieblingsrezepte haben die Landfrauen schon in regionalen Kochbüchern veröffentlicht.

Mindener Gourmetmeile 2019

Wie ticken wir nördlich des Weißwurstäquators? Beide Frauen haben spontan eine ganze Liste von Gerichten im Kopf, die sie sich gut auf einer Gourmetmeile mit Heimat-Motto vorstellen können. „Das sind natürlich vor allem die Klassiker aus der Kindheit." Oft preiswert, aber gut. Schon die Erinnerung zaubert den beiden Frauen ein Lächeln aufs Gesicht. Da wäre die ganze Palette der Eintöpfe. Aktuell denkt Iris Niermeyer an süße Erbsensuppe mit Grießklößchen, wahlweise mit Würstchen oder Mett. Dann gibt es noch eine Kreation, die sie als „Anaballerßel" in Erinnerung hat: Buttermilch, Kartoffeln und Speckwürfel. Oder eine ordentliche Hühnersuppe. Oder eine profane Currywurst.

Alle Gerichte der Mindener Gourmetmeile 2019

Diese Wünsche werden auf der diesjährigen Gourmetmeile zwar nicht erfüllt, dafür aber einige andere: Es gibt zum Beispiel kleine Reibeküchlein mit Apfelkompott („Omas Pickert"). Dafür gibt es Lob. Auch die Idee „Schaumburg-Lipper Zungenragout" schneidet gut ab, weil es Zunge hier in der Region früher oft auf Hochzeiten gab. „Das war Ende der sechziger Jahre", erinnert sich Iris Niermeyer. Kinder mochten es meist nicht, aber das ist eben echte herzhafte westfälische Küche.

Was Kaffee und Bier betrifft, kann man sagen: Mehr Heimat geht nicht. Das Bier kommt von der Privatbrauerei Ernst Barre in Lübbecke, der Kaffee von Melitta aus Minden. Die Preise am Kaffeemobil sind günstig, Latte Macchiato, Cappuccino und Milchkaffee kosten jeweils zwei Euro. Nach eigenen Angaben ist der Kaffee in diesen Produkten zu hundert Prozent Fairtrade-zertifiziert, also aus fairem Handel. Und: Die Einnahmen sollen an das Hospiz in Minden (Volker Pardey Haus) gespendet werden.

Zum Testen suchen sich die Landfrauen Ravioli gefüllt mit Stippgrütze und Äpfeln aus, dazu gibt es Zanderfilet. Das ist eine Kombination, die beide Frauen noch nicht kennen. Stippgrütze ist ein Klassiker, der sie schon lange begleitet: „Auf Graubrot zum Frühstück." Was die Köche des GOP freuen dürfte: Die Kreation schneidet gut ab.

Manchmal müssen die Gastronomen kreativ werden, um ihre jeweiligen Gerichte dem Motto „Heimat" anzupassen. Ein Beispiel ist das Heisterholzer Kutschergulasch, das kein traditionelles Rezept ist, sondern eine eigene Kreation. Unter der Überschrift „Köstlichkeiten aus der Fischerstadt" gibt es Garnelen in Olivenöl. Damit dürfte klar sein, dass nicht die Mindener Fischerstadt gemeint ist. Sei's drum: Wegen vieler regionaler Zutaten – wie die Forellen aus den Hüllhorster Teichen – vergeben die beiden Landfrauen sieben von zehn Heimatpunkten. Ein gutes Gesamtergebnis.

Die beiden teuersten Gerichte sind Rumpsteak-Variationen für jeweils zehn und elf Euro. Die Preise finden die Landfrauen ohne Wenn und Aber angemessen: „Das drückt die Wertschätzung aus, sowohl für gute Lebensmittel als auch für das Personal, das hier im Einsatz ist." Wer mit kleinem Budget auskommen muss, kann sich einen Maiskolben mit Kräuterbutter bestellen, eine Brezel oder Oliven-Focaccia am Stiel, all das ist für 1,50 Euro zu haben.

Die Mindener Gourmetmeile hat viele Fans, darunter auch einige für die das Motto gar nicht so wichtig ist: Gabi und Birgitt, zwei Frauen aus Minden, kommen jedes Jahr. Es ist nicht nur das Essen, welches sie immer wieder dorthin verschlägt, sondern auch die Atmosphäre und das Rahmenprogramm. Sie nehmen vorher die Flyer unter die Lupe und kreuzen an, was sie probieren möchten. Als Stammgäste kennen sie sowohl das Event auf dem Simeonsplatz als auch in der Stadt: „Ich finde den Rundgang hier auf dem Simeonsplatz gut, in der Innenstadt war es einfach zu voll", so Birgitt. Die Preissteigerung der vergangenen Jahre (Bericht im MT) hält sie nicht davon ab wiederzukommen. Die Stimmung war zum Auftakt gestern Nachmittag trotz des Unwetters gut. Viele Besucher fanden unter dem riesigen Schirm in der Mitte ein halbwegs trockenes Plätzchen.

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MindenDie Vorkosterinnen: Landfrauen Iris Niermeyer und Vanessa Fenn testen die Mindener GourmetmeileAnja Peper,Anna StrathmeierMinden (mt). Am Anfang steht die Warnung: Vorsicht, wenn jemand einen „Schwatten" anbietet. Das ist eine heikle Mischung aus Filterkaffee, Korn und Wasser – in diesem Jahr auf der Gourmetmeile. Als echte Kinder vom Lande haben die beiden Landfrauen Iris Niermeyer (58) und Vanessa Fenn (48) mit Schwatten ihre Erfahrung: „Da gibt es viele Leidensgeschichten." Besonders in Pr. Ströhen gelten die Mischungen als hoch gefährlich: Ein Drittel Wasser, ein Drittel Kaffee, ein Drittel Korn: Da werden Erinnerungen wach oder bleiben auf ewig verschüttet. Je nachdem ... Willkommen auf der Gourmetmeile 2019 (12. bis 14. Juli). Das Motto heißt in diesem Jahr „Heimat – der leckerste Ort der Welt". Über den Begriff Heimat lässt sich natürlich lange philosophieren. Es kann ein bestimmter Ort gemeint sein, eine Region, eine Kultur oder ein Gefühl. Oder auch alles zusammen. Das MT war gestern mit den beiden Landfrauen auf der Gourmetmeile. Als Vorkosterinnen haben sie die Speisekarte unter die Lupe genommen und den ein oder anderen Happen probiert. Mit der klassischen westfälischen Küche kennen sie sich aus: Vanessa Venn ist in Minderheide groß geworden. Iris Niermeyer ist in Hille aufgewachsen, zuhause wurde geschlachtet. Ihre Lieblingsrezepte haben die Landfrauen schon in regionalen Kochbüchern veröffentlicht. Wie ticken wir nördlich des Weißwurstäquators? Beide Frauen haben spontan eine ganze Liste von Gerichten im Kopf, die sie sich gut auf einer Gourmetmeile mit Heimat-Motto vorstellen können. „Das sind natürlich vor allem die Klassiker aus der Kindheit." Oft preiswert, aber gut. Schon die Erinnerung zaubert den beiden Frauen ein Lächeln aufs Gesicht. Da wäre die ganze Palette der Eintöpfe. Aktuell denkt Iris Niermeyer an süße Erbsensuppe mit Grießklößchen, wahlweise mit Würstchen oder Mett. Dann gibt es noch eine Kreation, die sie als „Anaballerßel" in Erinnerung hat: Buttermilch, Kartoffeln und Speckwürfel. Oder eine ordentliche Hühnersuppe. Oder eine profane Currywurst. Diese Wünsche werden auf der diesjährigen Gourmetmeile zwar nicht erfüllt, dafür aber einige andere: Es gibt zum Beispiel kleine Reibeküchlein mit Apfelkompott („Omas Pickert"). Dafür gibt es Lob. Auch die Idee „Schaumburg-Lipper Zungenragout" schneidet gut ab, weil es Zunge hier in der Region früher oft auf Hochzeiten gab. „Das war Ende der sechziger Jahre", erinnert sich Iris Niermeyer. Kinder mochten es meist nicht, aber das ist eben echte herzhafte westfälische Küche. Was Kaffee und Bier betrifft, kann man sagen: Mehr Heimat geht nicht. Das Bier kommt von der Privatbrauerei Ernst Barre in Lübbecke, der Kaffee von Melitta aus Minden. Die Preise am Kaffeemobil sind günstig, Latte Macchiato, Cappuccino und Milchkaffee kosten jeweils zwei Euro. Nach eigenen Angaben ist der Kaffee in diesen Produkten zu hundert Prozent Fairtrade-zertifiziert, also aus fairem Handel. Und: Die Einnahmen sollen an das Hospiz in Minden (Volker Pardey Haus) gespendet werden. Zum Testen suchen sich die Landfrauen Ravioli gefüllt mit Stippgrütze und Äpfeln aus, dazu gibt es Zanderfilet. Das ist eine Kombination, die beide Frauen noch nicht kennen. Stippgrütze ist ein Klassiker, der sie schon lange begleitet: „Auf Graubrot zum Frühstück." Was die Köche des GOP freuen dürfte: Die Kreation schneidet gut ab. Manchmal müssen die Gastronomen kreativ werden, um ihre jeweiligen Gerichte dem Motto „Heimat" anzupassen. Ein Beispiel ist das Heisterholzer Kutschergulasch, das kein traditionelles Rezept ist, sondern eine eigene Kreation. Unter der Überschrift „Köstlichkeiten aus der Fischerstadt" gibt es Garnelen in Olivenöl. Damit dürfte klar sein, dass nicht die Mindener Fischerstadt gemeint ist. Sei's drum: Wegen vieler regionaler Zutaten – wie die Forellen aus den Hüllhorster Teichen – vergeben die beiden Landfrauen sieben von zehn Heimatpunkten. Ein gutes Gesamtergebnis. Die beiden teuersten Gerichte sind Rumpsteak-Variationen für jeweils zehn und elf Euro. Die Preise finden die Landfrauen ohne Wenn und Aber angemessen: „Das drückt die Wertschätzung aus, sowohl für gute Lebensmittel als auch für das Personal, das hier im Einsatz ist." Wer mit kleinem Budget auskommen muss, kann sich einen Maiskolben mit Kräuterbutter bestellen, eine Brezel oder Oliven-Focaccia am Stiel, all das ist für 1,50 Euro zu haben. Die Mindener Gourmetmeile hat viele Fans, darunter auch einige für die das Motto gar nicht so wichtig ist: Gabi und Birgitt, zwei Frauen aus Minden, kommen jedes Jahr. Es ist nicht nur das Essen, welches sie immer wieder dorthin verschlägt, sondern auch die Atmosphäre und das Rahmenprogramm. Sie nehmen vorher die Flyer unter die Lupe und kreuzen an, was sie probieren möchten. Als Stammgäste kennen sie sowohl das Event auf dem Simeonsplatz als auch in der Stadt: „Ich finde den Rundgang hier auf dem Simeonsplatz gut, in der Innenstadt war es einfach zu voll", so Birgitt. Die Preissteigerung der vergangenen Jahre (Bericht im MT) hält sie nicht davon ab wiederzukommen. Die Stimmung war zum Auftakt gestern Nachmittag trotz des Unwetters gut. Viele Besucher fanden unter dem riesigen Schirm in der Mitte ein halbwegs trockenes Plätzchen.