Minden

Nach 44 Jahren schließt Jörg Gausmann Jeans- und US-Shop an der Marienstraße

Anja Peper

Nach 44 Jahren ist Schluss: „Beratungsdiebstahl“ ist für Inhaber Jörg Gausmann das entscheidende Argument, den Shop an der Marienstraße zu schließen. MT-Foto: Anja Peper - © Anja Peper
Nach 44 Jahren ist Schluss: „Beratungsdiebstahl“ ist für Inhaber Jörg Gausmann das entscheidende Argument, den Shop an der Marienstraße zu schließen. MT-Foto: Anja Peper (© Anja Peper)

Minden (mt). Weder krank noch pleite: Das massiv geänderte Einkaufsverhalten – in erster Linie der Frust über Beratungsdiebstahl – ist der Grund für Jörg Gausmann (55), seinen Jeans-Laden an der Marienstraße endgültig zu schließen. Der Räumungsverkauf läuft bereits. Spätestens bis zur zweiten Oktoberwoche soll das 120 Quadratmeter große Geschäft leer sein. Damit geht die Ära von Jeans Gausmann nach 44 Jahren zu Ende. Alles muss raus. Auch der kleine US-Shop gleich nebenan wird geschlossen.

Seine Stammkunden haben die Info von der bevorstehenden Schließung per Post bekommen. Viele hat die Nachricht schockiert, denn Jörg Gausmann und sein kleines Team haben sich über die Jahrzehnte einen guten Ruf in Sachen Beratung erworben. „Wir messen bei allen Kunden die Bundweite und spätestens die zweite Jeans passt“, ist der Slogan des Shops. „Es gibt also kein zu dick, zu dünn, zu groß oder zu klein.“

Viele Leute testen gerne verschiedene Modelle. Kompetenz und Service wissen sie zu schätzen und lassen sich gerne ausführlich beraten. Was Jörg Gausmann – und vielen anderen Einzelhändlern – dann aber richtig zu schaffen macht: „Sie klauen das Etikett oder fotografieren es ab, um exakt das Modell anschließend online zu bestellen.“ Oft genug sei er den Kunden später begegnet. Manche haben sogar mit ihrem „Internet-Schnäppchen“ vor ihm geprahlt. Jörg Gausmann, der eine Ausbildung zum Einzelhändler gemacht hat, nennt diese Unsitte „Beratungsdiebstahl“. Das ist ein Grund, warum viele kleine Geschäfte sterben.

Hinzu kommt: „Die Konsumenten sind völlig übersättigt“, meint Gausmann. Beispiel in Sachen Jeans: Wenn eine Jeans online in sechs Waschungen angeboten wird, erwarten die Kunden diese Auswahl auch in den Geschäften vor Ort. Das ist für die Einzelhändler nicht machbar.

Und auch die Jeans-Hersteller tragen seiner Meinung nach zum Niedergang bei. Denn egal ob es die Traditionsmarken sind wie Wrangler und Levi Strauss (Levi's) oder trend-orientierte Hersteller wie Buena Vista: Sie haben auch noch ihre eigenen Shops, bieten ständig Rabatte an (Pre-Sale, Midseason-Sale, Aftersale, Beetween-Sale) und graben den Händlern vor Ort so ebenfalls das Wasser ab. Denn die Händler vor Ort können ihre Waren nicht mehr zum regulären Preis verkaufen. Dass Jörg Gausmann jetzt entnervt den Schlussstrich zieht, hängt mit all' diesen Faktoren zusammen, wobei der Beratungsdiebstahl der entscheidende ist.

Und dann? „Ich schreibe Bewerbungen“, sagt er, „wie meine Mädels auch.“ Damit meint er sein kleines Team: Eine Festangestellte, zwei Teilzeitkräfte, eine Mini-Jobberin. Die Entscheidung sei gemeinsam mit der Familie getroffen worden, seine Eltern haben das Geschäft in Minden gegründet. Die Entscheidung ist bitter: „Ich hätte gerne weitergemacht.“ Aber nach langem Überlegen hat er sich durchgerungen, den Mietvertrag nicht zu verlängern.

Jeans Gausmann eröffnete 1975 auf einer Fläche von 40 Quadratmetern. Damals bestand das Sortiment aus Nietenhosen, Parka und diverser Bundeswehrkleidung. Das war in den 70er Jahren in den US-Shops so üblich. Über die Jahre kamen neue Jeansmarken hinzu. Bald reichte der Platz nicht mehr aus, die Regale wurden bis unter die Decke gebaut. 1990 eröffnete die Familie im Nachbargebäude separat einen US-Shop. Auf die heutige Größe von 120 Quadratmetern wurde das Geschäft im März 1991 vergrößert.

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MindenNach 44 Jahren schließt Jörg Gausmann Jeans- und US-Shop an der MarienstraßeAnja PeperMinden (mt). Weder krank noch pleite: Das massiv geänderte Einkaufsverhalten – in erster Linie der Frust über Beratungsdiebstahl – ist der Grund für Jörg Gausmann (55), seinen Jeans-Laden an der Marienstraße endgültig zu schließen. Der Räumungsverkauf läuft bereits. Spätestens bis zur zweiten Oktoberwoche soll das 120 Quadratmeter große Geschäft leer sein. Damit geht die Ära von Jeans Gausmann nach 44 Jahren zu Ende. Alles muss raus. Auch der kleine US-Shop gleich nebenan wird geschlossen. Seine Stammkunden haben die Info von der bevorstehenden Schließung per Post bekommen. Viele hat die Nachricht schockiert, denn Jörg Gausmann und sein kleines Team haben sich über die Jahrzehnte einen guten Ruf in Sachen Beratung erworben. „Wir messen bei allen Kunden die Bundweite und spätestens die zweite Jeans passt“, ist der Slogan des Shops. „Es gibt also kein zu dick, zu dünn, zu groß oder zu klein.“ Viele Leute testen gerne verschiedene Modelle. Kompetenz und Service wissen sie zu schätzen und lassen sich gerne ausführlich beraten. Was Jörg Gausmann – und vielen anderen Einzelhändlern – dann aber richtig zu schaffen macht: „Sie klauen das Etikett oder fotografieren es ab, um exakt das Modell anschließend online zu bestellen.“ Oft genug sei er den Kunden später begegnet. Manche haben sogar mit ihrem „Internet-Schnäppchen“ vor ihm geprahlt. Jörg Gausmann, der eine Ausbildung zum Einzelhändler gemacht hat, nennt diese Unsitte „Beratungsdiebstahl“. Das ist ein Grund, warum viele kleine Geschäfte sterben. Hinzu kommt: „Die Konsumenten sind völlig übersättigt“, meint Gausmann. Beispiel in Sachen Jeans: Wenn eine Jeans online in sechs Waschungen angeboten wird, erwarten die Kunden diese Auswahl auch in den Geschäften vor Ort. Das ist für die Einzelhändler nicht machbar. Und auch die Jeans-Hersteller tragen seiner Meinung nach zum Niedergang bei. Denn egal ob es die Traditionsmarken sind wie Wrangler und Levi Strauss (Levi's) oder trend-orientierte Hersteller wie Buena Vista: Sie haben auch noch ihre eigenen Shops, bieten ständig Rabatte an (Pre-Sale, Midseason-Sale, Aftersale, Beetween-Sale) und graben den Händlern vor Ort so ebenfalls das Wasser ab. Denn die Händler vor Ort können ihre Waren nicht mehr zum regulären Preis verkaufen. Dass Jörg Gausmann jetzt entnervt den Schlussstrich zieht, hängt mit all' diesen Faktoren zusammen, wobei der Beratungsdiebstahl der entscheidende ist. Und dann? „Ich schreibe Bewerbungen“, sagt er, „wie meine Mädels auch.“ Damit meint er sein kleines Team: Eine Festangestellte, zwei Teilzeitkräfte, eine Mini-Jobberin. Die Entscheidung sei gemeinsam mit der Familie getroffen worden, seine Eltern haben das Geschäft in Minden gegründet. Die Entscheidung ist bitter: „Ich hätte gerne weitergemacht.“ Aber nach langem Überlegen hat er sich durchgerungen, den Mietvertrag nicht zu verlängern. Jeans Gausmann eröffnete 1975 auf einer Fläche von 40 Quadratmetern. Damals bestand das Sortiment aus Nietenhosen, Parka und diverser Bundeswehrkleidung. Das war in den 70er Jahren in den US-Shops so üblich. Über die Jahre kamen neue Jeansmarken hinzu. Bald reichte der Platz nicht mehr aus, die Regale wurden bis unter die Decke gebaut. 1990 eröffnete die Familie im Nachbargebäude separat einen US-Shop. Auf die heutige Größe von 120 Quadratmetern wurde das Geschäft im März 1991 vergrößert.