Minden

"Keine Höchstgewinne durch Mieten" - MT-Interview mit GSW-Chef Bernd Hausmann

Stefan Koch

Während in Großstädten wie München lange Wartelisten für die Aufnahme in einer Wohnungsbaugenossenschaft existieren, sieht für die GSW Minden die Lage entspannt aus. Für jeden gibt es noch einen Platz. MT-Fotos: Stefan Koch
Während in Großstädten wie München lange Wartelisten für die Aufnahme in einer Wohnungsbaugenossenschaft existieren, sieht für die GSW Minden die Lage entspannt aus. Für jeden gibt es noch einen Platz. MT-Fotos: Stefan Koch

Minden (mt). Nicht Mieter, sondern Mitglied einer Genossenschaft sein: Dieses Modell des Wohnens ist nicht neu und hat sich über Jahrzehnte bewährt. Dennoch spielt es in der Wohnungspolitik eher eine untergeordnete Rolle. Die Förderung sozialen Wohnungsbaus oder die Mietpreisdeckelung sind derzeit die beherrschenden Themen, wenn es darum geht, Möglichkeiten zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum zu finden. Mit 2.300 Wohnungen ist die Genossenschaft für Siedlungsbau und Wohnen (GSW) in Minden ein Schwergewicht auf dem heimischen Immobilienmarkt. Das MT sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Hausmann über die Perspektiven.

Bernd Hausmann, GSW-Vorstandsvorsitzender.
Bernd Hausmann, GSW-Vorstandsvorsitzender.

Herr Hausmann, was halten Sie von dem fünfjährigen Mietenstopp, den Berlin Anfang kommenden Jahres einführen will?

Der fünfjährige Mietenstopp trifft gerade die Unternehmen und auch Genossenschaften, die in den vergangenen Jahren maßvoll Mieterhöhungen ausgesprochen haben. Deren Ziel war es nicht, die höchstmögliche am Markt zu erzielende Miete zu verlangen. Mit der Beschränkung fehlt den Unternehmen Kapital für weitere Investitionen in den Bestand. Die Folge, die Bausubstanz verfällt.

In welcher Relation bewegen sich die Wohnungsmieten der GSW zum Mietspiegel in Minden?

Die Mieten laut Mietspiegel der Stadt Minden bewegen sich je nach Lage, Größe und Baujahr zwischen 3,70 und 8,84 Euro. Im Verhältnis dazu beträgt die durchschnittliche Miete der GSW 5,10 Euro.

Ist das jetzt günstiger?

Teilweise werden gegenüber den ortsüblichen Vergleichsmieten acht bis zehn Prozent geringere Bestandsmieten gefordert. Bei Neuvermietungen sind die Unterschiede zu den Angebotsmieten bei der GSW noch erheblich höher.

Ist da das genossenschaftliche Wohnen ein Ausweg für den Mieter aus einem Wohnungsmarkt mit ständig steigenden Mieten?

Das ist der Fall. Die Genossenschaften vermieten Wohnungen unter der Prämisse des wirtschaftlich Notwendigen, ohne eine maximale gewinnorientierte Miete erzielen zu wollen. Erhebliche Geldmittel werden in die Instandhaltung und Modernisierung der Gebäude investiert. Was an Überschüssen erwirtschaftet wird, bleibt in der Genossenschaft und wird in den Bestand investiert. Der zentrale Auftrag von Genossenschaften ist die Förderung ihrer Mitglieder.

Dann müssten wohl in Minden die Wohnungen der GSW einen riesigen Ansturm erleben.

Es ist nicht so, dass Wohnungssuchende jetzt in Scharen zu uns wollen, um Mitglieder bei der GSW zu werden. Dazu ist der Markt in Minden nicht so angespannt wie in Großstädten. Laut einer Statistik hat es in Minden im vergangenen Jahr 5.000 Umzüge gegeben. Das zeigt, dass es einen Wohnungsbestand gibt, der noch viel Spielraum lässt.

Wie wird man eigentlich Mitglied einer Wohnungsbaugenossenschaft?

Mit Unterzeichnung einer Beitrittserklärung und Zulassung der Mitgliedschaft durch den Vorstand erwirbt man die Mitgliedschaft in der Genossenschaft. Entsprechend der Satzung ist ein Geschäftsanteil zu erwerben. Sodann ist das Mitglied Teilhaber der Genossenschaft und hat ein Mitbestimmungsrecht gemäß Satzung erworben. Mit Abschluss eines Dauernutzungsvertrages bei der Genossenschaft erwirbt das Mitglied ein lebenslanges Wohnrecht. Gleichzeitig aber auch die Flexibilität einer jederzeit dreimonatigen Kündigungsfrist im Bedarfsfall zum Beispiel bei einem Wohnortwechsel.

Gibt es bei der Mindener GSW Wartelisten so wie bei Wohnungsgenossenschaften in München oder kann noch jeder unterkommen?

Sicherlich gibt es für bestimmte Wohnungen je nach Lage und Größe Vormerklisten. Allerdings ist zunächst jeder Wohnungsinteressent willkommen.

Welcher Typ von Mieter wäre für Sie das ideale Mitglied einer Wohnungsgenossenschaft?

Der ideale Miete, beziehungsweise das ideale Genossenschaftsmitglied wäre sicherlich derjenige, der möglichst zeitlebens in der Wohnung wohnt und als Mitglied in der Vertreterversammlung, Aufsichtsrat und Vorstand in ihren Aufgaben unterstützt. Andererseits sind junge Menschen gern gesehen, da gerade in einer alternden Gesellschaft in der Hausgemeinschaft eine Durchmischung von Alt und Jung sehr förderlich ist.

Ist die alternde Gesellschaft etwa ein Problem auch für die GSW?

Auch wir sind von der Alterung betroffen. Durch Auszüge von älteren Mietern, die in der Regel sehr lange in unseren Wohnungen gelebt haben, ist mit dem Auszug häufig eine umfangreiche Modernisierung der Wohnung verbunden.

Was passiert mit dem Nutzungsrecht, wenn die Mitglieder beispielsweise ins Heim kommen?

Mit dem Auszug eines Mieters – unabhängig davon, ob ein Umzug in ein Seniorenheim oder ähnliches erfolgt – endet das Dauernutzungsverhältnis. Die frei werdende Wohnung wird sodann erneut zur Vermietung angeboten.

Wie stellt sich derzeit die Neubautätigkeit der GSW dar und was ist in Zukunft geplant?

Die GSW hat in 2017 acht Wohnungen in Petershagen-Lahde und in 2018 zehn Wohnungen in Petershagen barierefrei neu erstellt. Für 2019 sind weitere 22 Neubauwohnungen in der Immenstraßen in Minden in der Planung.

Alle Artikel zum Thema "Wem gehört Minden" auf MT.de

Wem gehört Minden?

Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden auch über interessante Beispiele berichten.

Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen.

Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org).

wem-gehoert-minden.de

Lesen Sie zu diesem Thema auch "Wechselvolle Geschichte: 92 Jahre Genossenschaft für Siedlungsbau und Wohnen"

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Minden"Keine Höchstgewinne durch Mieten" - MT-Interview mit GSW-Chef Bernd HausmannStefan KochMinden (mt). Nicht Mieter, sondern Mitglied einer Genossenschaft sein: Dieses Modell des Wohnens ist nicht neu und hat sich über Jahrzehnte bewährt. Dennoch spielt es in der Wohnungspolitik eher eine untergeordnete Rolle. Die Förderung sozialen Wohnungsbaus oder die Mietpreisdeckelung sind derzeit die beherrschenden Themen, wenn es darum geht, Möglichkeiten zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum zu finden. Mit 2.300 Wohnungen ist die Genossenschaft für Siedlungsbau und Wohnen (GSW) in Minden ein Schwergewicht auf dem heimischen Immobilienmarkt. Das MT sprach mit dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Hausmann über die Perspektiven. Herr Hausmann, was halten Sie von dem fünfjährigen Mietenstopp, den Berlin Anfang kommenden Jahres einführen will? Der fünfjährige Mietenstopp trifft gerade die Unternehmen und auch Genossenschaften, die in den vergangenen Jahren maßvoll Mieterhöhungen ausgesprochen haben. Deren Ziel war es nicht, die höchstmögliche am Markt zu erzielende Miete zu verlangen. Mit der Beschränkung fehlt den Unternehmen Kapital für weitere Investitionen in den Bestand. Die Folge, die Bausubstanz verfällt. In welcher Relation bewegen sich die Wohnungsmieten der GSW zum Mietspiegel in Minden? Die Mieten laut Mietspiegel der Stadt Minden bewegen sich je nach Lage, Größe und Baujahr zwischen 3,70 und 8,84 Euro. Im Verhältnis dazu beträgt die durchschnittliche Miete der GSW 5,10 Euro. Ist das jetzt günstiger? Teilweise werden gegenüber den ortsüblichen Vergleichsmieten acht bis zehn Prozent geringere Bestandsmieten gefordert. Bei Neuvermietungen sind die Unterschiede zu den Angebotsmieten bei der GSW noch erheblich höher. Ist da das genossenschaftliche Wohnen ein Ausweg für den Mieter aus einem Wohnungsmarkt mit ständig steigenden Mieten? Das ist der Fall. Die Genossenschaften vermieten Wohnungen unter der Prämisse des wirtschaftlich Notwendigen, ohne eine maximale gewinnorientierte Miete erzielen zu wollen. Erhebliche Geldmittel werden in die Instandhaltung und Modernisierung der Gebäude investiert. Was an Überschüssen erwirtschaftet wird, bleibt in der Genossenschaft und wird in den Bestand investiert. Der zentrale Auftrag von Genossenschaften ist die Förderung ihrer Mitglieder. Dann müssten wohl in Minden die Wohnungen der GSW einen riesigen Ansturm erleben. Es ist nicht so, dass Wohnungssuchende jetzt in Scharen zu uns wollen, um Mitglieder bei der GSW zu werden. Dazu ist der Markt in Minden nicht so angespannt wie in Großstädten. Laut einer Statistik hat es in Minden im vergangenen Jahr 5.000 Umzüge gegeben. Das zeigt, dass es einen Wohnungsbestand gibt, der noch viel Spielraum lässt. Wie wird man eigentlich Mitglied einer Wohnungsbaugenossenschaft? Mit Unterzeichnung einer Beitrittserklärung und Zulassung der Mitgliedschaft durch den Vorstand erwirbt man die Mitgliedschaft in der Genossenschaft. Entsprechend der Satzung ist ein Geschäftsanteil zu erwerben. Sodann ist das Mitglied Teilhaber der Genossenschaft und hat ein Mitbestimmungsrecht gemäß Satzung erworben. Mit Abschluss eines Dauernutzungsvertrages bei der Genossenschaft erwirbt das Mitglied ein lebenslanges Wohnrecht. Gleichzeitig aber auch die Flexibilität einer jederzeit dreimonatigen Kündigungsfrist im Bedarfsfall zum Beispiel bei einem Wohnortwechsel. Gibt es bei der Mindener GSW Wartelisten so wie bei Wohnungsgenossenschaften in München oder kann noch jeder unterkommen? Sicherlich gibt es für bestimmte Wohnungen je nach Lage und Größe Vormerklisten. Allerdings ist zunächst jeder Wohnungsinteressent willkommen. Welcher Typ von Mieter wäre für Sie das ideale Mitglied einer Wohnungsgenossenschaft? Der ideale Miete, beziehungsweise das ideale Genossenschaftsmitglied wäre sicherlich derjenige, der möglichst zeitlebens in der Wohnung wohnt und als Mitglied in der Vertreterversammlung, Aufsichtsrat und Vorstand in ihren Aufgaben unterstützt. Andererseits sind junge Menschen gern gesehen, da gerade in einer alternden Gesellschaft in der Hausgemeinschaft eine Durchmischung von Alt und Jung sehr förderlich ist. Ist die alternde Gesellschaft etwa ein Problem auch für die GSW? Auch wir sind von der Alterung betroffen. Durch Auszüge von älteren Mietern, die in der Regel sehr lange in unseren Wohnungen gelebt haben, ist mit dem Auszug häufig eine umfangreiche Modernisierung der Wohnung verbunden. Was passiert mit dem Nutzungsrecht, wenn die Mitglieder beispielsweise ins Heim kommen? Mit dem Auszug eines Mieters – unabhängig davon, ob ein Umzug in ein Seniorenheim oder ähnliches erfolgt – endet das Dauernutzungsverhältnis. Die frei werdende Wohnung wird sodann erneut zur Vermietung angeboten. Wie stellt sich derzeit die Neubautätigkeit der GSW dar und was ist in Zukunft geplant? Die GSW hat in 2017 acht Wohnungen in Petershagen-Lahde und in 2018 zehn Wohnungen in Petershagen barierefrei neu erstellt. Für 2019 sind weitere 22 Neubauwohnungen in der Immenstraßen in Minden in der Planung. Alle Artikel zum Thema "Wem gehört Minden" auf MT.de Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden auch über interessante Beispiele berichten. Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen. Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org). wem-gehoert-minden.de Lesen Sie zu diesem Thema auch "Wechselvolle Geschichte: 92 Jahre Genossenschaft für Siedlungsbau und Wohnen"