Minden

Verein als Vermieter: CVJM in Hahlen hilft Menschen, die es schwer haben auf dem Wohnungsmarkt

Sebastian Radermacher

Vorsitzender Thomas Darlath steht vor dem Jugendhaus „Dornbusch“ des CVJM Teestubenarbeit an der Hahler Straße in Minden. Im Obergeschoss des ehemaligen Sparkassengebäudes befindet sich eine 120-Quadratmeter-Wohnung, die der Verein vermietet. MT- - © Foto: Sebastian Radermacher
Vorsitzender Thomas Darlath steht vor dem Jugendhaus „Dornbusch“ des CVJM Teestubenarbeit an der Hahler Straße in Minden. Im Obergeschoss des ehemaligen Sparkassengebäudes befindet sich eine 120-Quadratmeter-Wohnung, die der Verein vermietet. MT- (© Foto: Sebastian Radermacher)

Minden (mt). Wenn Thomas Darlath an einem Montagabend das CVJM-Jugendhaus „Dornbusch“ an der Hahler Straße betritt, wird ihm jedes Mal klar, warum er dieses ehrenamtliche Engagement auf keinen Fall aufgeben möchte. Bis zu 50 junge Leute tummeln sich dann in den ehemaligen Räumen der Sparkasse, spielen Billard, kickern oder kochen gemeinsam. „Das ist einfach schön, da geht mir das Herz auf“, sagt der 42-jährige Mindener.

Seit der Gründung 1992 unterstützt Darlath ehrenamtlich den CVJM Teestubenarbeit. Zusammen mit der evangelischen Kirchengemeinde Hartum-Holzhausen bietet der Christliche Verein Junger Menschen in Hahlen ein umfangreiches Angebot im Rahmen der offenen Jugendarbeit, organisiert Aktivitäten, Gottesdienste und Freizeiten. Der Name hat seinen Ursprung in der Bezeichnung des wöchentlichen Jugendgottesdienstes des Vereins, der in den 90er Jahren den Namen „Teestube“ trug. Seit 1997 ist Darlath im Vorstand aktiv, seit zehn Jahren ist er dessen Sprecher. Und nebenbei übernimmt er in seiner Freizeit die Verwaltung der beiden vereinseigenen Immobilien. Vier Wohnungen vermietet der CVJM Teestubenarbeit in Hahlen, drei im ehemaligen Jugendhaus an der Königstraße 328, eine im neuen Domizil an der Hahler Straße 239, das er im Herbst 2018 eröffnet hat.

Für Darlath ist dieses Ehrenamt aus zwei Gründen lohnenswert. „Zum einen bieten wir Menschen eine Chance, für die es sonst schwierig ist, auf dem Markt einen Wohnung zu finden. Zum anderen können Teile der Kaltmiete zur Finanzierung unserer Jugendarbeit beitragen“, erklärt er. „Damit werden wir unserer sozialen Verantwortung gerecht.“

Das Haus an der Königstraße ist mehr als 100 Jahre alt, es verfügt über einfache Altbauwohnungen mit 85 bis 150 Quadratmeter Wohnfläche. Durch die Lage direkt an der Straße ist es recht lärmempfindlich. Aber, so betont Darlath, dementsprechend niedrig seien deshalb die Kosten für die Bewohner. „Die Kaltmieten liegen zwischen 3,30 und 5,30 Euro pro Quadratmeter und damit unter dem Mindener Mietspiegel.“ Das Haus an der Hahler Straße ist erst rund 20 Jahre alt, hier beträgt die Kaltmiete für die Wohnung 4,60 Euro pro Quadratmeter.

Was unterscheidet einen Verein wie den CVJM Teestubenarbeit von anderen Vermietern? „Wir erklären von Anfang an, wer wir sind, was unsere Philosophie ist und was mit Überschüssen passiert“, betont Darlath. „Letztlich kommen alle Einnahmen unserer Jugendarbeit zugute.“ Wichtig sei ihm außerdem, dass sich die Mieter mit der Arbeit des CVJM identifizieren – „und wenn ihnen klar wird, dass ihr Vermieter nicht an maximalem Gewinn interessiert ist, sondern dass das Geld dem Gemeinwohl zugute kommt, ist das eine gute Basis.“ Zurzeit habe der Verein noch Verbindlichkeiten von mehr als 200.000 Euro aus dem Kauf der Immobilien. Wenn die Schulden irgendwann abbezahlt sind, könnte er Rücklagen bilden. „Dann müssen wir aber nachweisen, wofür das Geld verwendet werden soll. Das Finanzamt prüft regelmäßig, ob alles dem Vereinszweck dient“, erklärt Darlath.

Beim Zustand der vereinseigenen Immobilien ist es dem Verein wichtig, dass alle Basisfunktionen wie Heizung, Wasser und Strom einwandfrei funktionieren. „Sollte es Probleme geben, werden wir sofort tätig und leiten die Reparaturen ein.“ Anders sieht es bei „Schönheitsreparaturen“ aus, die nicht zwingend notwendig sind. Quietscht das Fenster? Schleift die Tür über den Boden? Wackelt der Toilettendeckel? In solchen Fällen bittet Darlath die Mieter, selbst aktiv zu werden und die Reparatur zu übernehmen. Die Kosten für Anschaffungen würden zeitnah erstattet.

Viele „Problemchen“ lassen sich auf diese Weise schnell und unbürokratisch lösen – meist reicht eine kurze Nachricht auf dem Handy und die Dinge nehmen ihren Lauf, erzählt Darlath. Mit dieser Umgangsform hat der Verein in den vergangenen Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. „Mängel per Brief melden? Das gibt es bei uns zum Glück nicht. Wir besprechen solche Dinge persönlich“, sagt der Vorstandssprecher.

Letztendlich trägt Darlath die Verantwortung, wie die Menschen in den CVJM-Wohnungen leben. Das belastet ihn zwar nicht, „ich spüre das aber schon“, gibt er zu. Und was passiert, sollte es bald neue Regeln und Gesetze geben, die diese unbürokratische Art der Vermietung einschränken? Darlath ist ehrlich: „Dann müssten wir als Verein ernsthaft überlegen, ob wir das noch ehrenamtlich leisten können.“

Natürlich hatte auch der CVJM in Hahlen in den vergangenen Jahren mit Problemen zu kämpfen, die jeder Vermieter kennt. Zum Beispiel mit Mietschulden, die bis heute nicht beglichen wurden, oder mit Beschädigungen in den Wohnungen. Solche Missstände sorgen für Frust, auch bei Darlath und seinen ehrenamtlichen Mitstreitern. Es ist für sie aber kein Grund, ihr Engagement zurückzuschrauben oder gar einzustellen. „Es kann immer zu Problemen kommen. Bei uns sind das aber Ausnahmen, die auch schon länger zurückliegen. Insgesamt kann ich sagen, dass die Situation ein Gewinn für beide Seiten ist.“

Thomas Darlath, der während seiner Ausbildung selbst in einer der Wohneinheiten, die als WG genutzt wird, gelebt hat, wird sich als erster Ansprechpartner für die Mieter auch in den nächsten Jahren („mindestens, bis ich 50 bin“) um die Häuser kümmern. Er hat durch diese Aufgabe in der Vergangenheit viel gelernt im Umgang mit Menschen. „Ich lege Wert auf Ehrlichkeit, Offenheit und Kommunikation – das kommt bei den Mietern gut an, und deswegen funktioniert das auch so gut“, sagt der Vater von zwei Kindern, dessen Frau Sarah die Kuhlenkampschule in Minden leitet.

Wie viel Zeit er pro Woche für den CVJM im Einsatz ist, kann Darlath nicht sagen. Es ist auch nicht sein einziges Ehrenamt, denn der Berufsfeuerwehrmann engagiert sich auch freiwillig in der Kommunalpolitik, sitzt für die SPD im Kreistag. Viel Zeit für andere Dinge bleibt da nicht mehr. Trotzdem ist der 42-Jährige zufrieden. Und sollten doch Zweifel aufkommen, ob dieser ganze Einsatz noch Sinn macht, reicht ein Besuch am Montagabend im „Dornbusch“. Die Jugendlichen dort beim Kickern, Billard, Kochen sowie in der Gemeinschaft im Glauben zu erleben – und die Motivation ist wieder da.

Wem gehört Minden?

Mit diesem Projekt wollen wir mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen. Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer Eigentümer seiner Mietwohnung ist. Es ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org).

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Der Name hat seinen Ursprung in der Bezeichnung des wöchentlichen Jugendgottesdienstes des Vereins, der in den 90er Jahren den Namen „Teestube“ trug. Seit 1997 ist Darlath im Vorstand aktiv, seit zehn Jahren ist er dessen Sprecher. Und nebenbei übernimmt er in seiner Freizeit die Verwaltung der beiden vereinseigenen Immobilien. Vier Wohnungen vermietet der CVJM Teestubenarbeit in Hahlen, drei im ehemaligen Jugendhaus an der Königstraße 328, eine im neuen Domizil an der Hahler Straße 239, das er im Herbst 2018 eröffnet hat. Für Darlath ist dieses Ehrenamt aus zwei Gründen lohnenswert. „Zum einen bieten wir Menschen eine Chance, für die es sonst schwierig ist, auf dem Markt einen Wohnung zu finden. Zum anderen können Teile der Kaltmiete zur Finanzierung unserer Jugendarbeit beitragen“, erklärt er. „Damit werden wir unserer sozialen Verantwortung gerecht.“ Das Haus an der Königstraße ist mehr als 100 Jahre alt, es verfügt über einfache Altbauwohnungen mit 85 bis 150 Quadratmeter Wohnfläche. Durch die Lage direkt an der Straße ist es recht lärmempfindlich. Aber, so betont Darlath, dementsprechend niedrig seien deshalb die Kosten für die Bewohner. „Die Kaltmieten liegen zwischen 3,30 und 5,30 Euro pro Quadratmeter und damit unter dem Mindener Mietspiegel.“ Das Haus an der Hahler Straße ist erst rund 20 Jahre alt, hier beträgt die Kaltmiete für die Wohnung 4,60 Euro pro Quadratmeter. Was unterscheidet einen Verein wie den CVJM Teestubenarbeit von anderen Vermietern? „Wir erklären von Anfang an, wer wir sind, was unsere Philosophie ist und was mit Überschüssen passiert“, betont Darlath. „Letztlich kommen alle Einnahmen unserer Jugendarbeit zugute.“ Wichtig sei ihm außerdem, dass sich die Mieter mit der Arbeit des CVJM identifizieren – „und wenn ihnen klar wird, dass ihr Vermieter nicht an maximalem Gewinn interessiert ist, sondern dass das Geld dem Gemeinwohl zugute kommt, ist das eine gute Basis.“ Zurzeit habe der Verein noch Verbindlichkeiten von mehr als 200.000 Euro aus dem Kauf der Immobilien. Wenn die Schulden irgendwann abbezahlt sind, könnte er Rücklagen bilden. „Dann müssen wir aber nachweisen, wofür das Geld verwendet werden soll. Das Finanzamt prüft regelmäßig, ob alles dem Vereinszweck dient“, erklärt Darlath. Beim Zustand der vereinseigenen Immobilien ist es dem Verein wichtig, dass alle Basisfunktionen wie Heizung, Wasser und Strom einwandfrei funktionieren. „Sollte es Probleme geben, werden wir sofort tätig und leiten die Reparaturen ein.“ Anders sieht es bei „Schönheitsreparaturen“ aus, die nicht zwingend notwendig sind. Quietscht das Fenster? Schleift die Tür über den Boden? Wackelt der Toilettendeckel? In solchen Fällen bittet Darlath die Mieter, selbst aktiv zu werden und die Reparatur zu übernehmen. Die Kosten für Anschaffungen würden zeitnah erstattet. Viele „Problemchen“ lassen sich auf diese Weise schnell und unbürokratisch lösen – meist reicht eine kurze Nachricht auf dem Handy und die Dinge nehmen ihren Lauf, erzählt Darlath. Mit dieser Umgangsform hat der Verein in den vergangenen Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht. „Mängel per Brief melden? Das gibt es bei uns zum Glück nicht. Wir besprechen solche Dinge persönlich“, sagt der Vorstandssprecher. Letztendlich trägt Darlath die Verantwortung, wie die Menschen in den CVJM-Wohnungen leben. Das belastet ihn zwar nicht, „ich spüre das aber schon“, gibt er zu. Und was passiert, sollte es bald neue Regeln und Gesetze geben, die diese unbürokratische Art der Vermietung einschränken? Darlath ist ehrlich: „Dann müssten wir als Verein ernsthaft überlegen, ob wir das noch ehrenamtlich leisten können.“ Natürlich hatte auch der CVJM in Hahlen in den vergangenen Jahren mit Problemen zu kämpfen, die jeder Vermieter kennt. Zum Beispiel mit Mietschulden, die bis heute nicht beglichen wurden, oder mit Beschädigungen in den Wohnungen. Solche Missstände sorgen für Frust, auch bei Darlath und seinen ehrenamtlichen Mitstreitern. Es ist für sie aber kein Grund, ihr Engagement zurückzuschrauben oder gar einzustellen. „Es kann immer zu Problemen kommen. Bei uns sind das aber Ausnahmen, die auch schon länger zurückliegen. Insgesamt kann ich sagen, dass die Situation ein Gewinn für beide Seiten ist.“ Thomas Darlath, der während seiner Ausbildung selbst in einer der Wohneinheiten, die als WG genutzt wird, gelebt hat, wird sich als erster Ansprechpartner für die Mieter auch in den nächsten Jahren („mindestens, bis ich 50 bin“) um die Häuser kümmern. Er hat durch diese Aufgabe in der Vergangenheit viel gelernt im Umgang mit Menschen. „Ich lege Wert auf Ehrlichkeit, Offenheit und Kommunikation – das kommt bei den Mietern gut an, und deswegen funktioniert das auch so gut“, sagt der Vater von zwei Kindern, dessen Frau Sarah die Kuhlenkampschule in Minden leitet. Wie viel Zeit er pro Woche für den CVJM im Einsatz ist, kann Darlath nicht sagen. Es ist auch nicht sein einziges Ehrenamt, denn der Berufsfeuerwehrmann engagiert sich auch freiwillig in der Kommunalpolitik, sitzt für die SPD im Kreistag. Viel Zeit für andere Dinge bleibt da nicht mehr. Trotzdem ist der 42-Jährige zufrieden. Und sollten doch Zweifel aufkommen, ob dieser ganze Einsatz noch Sinn macht, reicht ein Besuch am Montagabend im „Dornbusch“. Die Jugendlichen dort beim Kickern, Billard, Kochen sowie in der Gemeinschaft im Glauben zu erleben – und die Motivation ist wieder da. Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen. Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer Eigentümer seiner Mietwohnung ist. Es ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org). Hier finden Sie alle Artikel zum Projekt "Wem gehört Minden?"