Minden

Krankt das System Rettungsdienst?

Thomas Lieske

Krankt das System Rettungsdienst im Mühlenkreis? Immer wieder gibt es offenbar Notfälle, für die kein Rettungsmittel zur Verfügung steht oder bei dem Rettungswagen aus Nachbarkommunen aushelfen müssen. Foto: Nicolas Armer/dpa - © Nicolas Armer
Krankt das System Rettungsdienst im Mühlenkreis? Immer wieder gibt es offenbar Notfälle, für die kein Rettungsmittel zur Verfügung steht oder bei dem Rettungswagen aus Nachbarkommunen aushelfen müssen. Foto: Nicolas Armer/dpa (© Nicolas Armer)

Minden (mt). Besinnungslos liegt ein Mann vor einer Kneipe in Minden. Er hat gerade einen Faustschlag unters Auge bekommen. Die Wunde blutet stark. Ein paar Minuten braucht der Mann, bis er wieder bei vollem Bewusstsein ist. Bis er realisiert, dass er einen Rettungswagen braucht. Weil ihm andere nicht helfen wollen, wählt er schließlich selbst die 112. Was dann folgt, kann er nicht fassen: „Die Rettungsleitstelle hat mir gesagt, dass sie derzeit keinen Rettungswagen schicken können, weil parallel der Großeinsatz wegen des vermissten Taiwanesen an der Weser und des von der Brücke gesprungenen Mannes lief." Doch der Verletzte muss ins Krankenhaus, er ruft sich ein Taxi auf eigene Kosten – immerhin 33 Euro, sagt er. „Darüber war der Mann in der Rettungsleitstelle sehr dankbar."

Ein Einzelfall? Erst vor wenigen Wochen berichtete das MT über einen Notfall in Eisbergen, zu dem ein Rettungswagen aus Minden und später auch ein Notarzt eilen mussten, weil in Porta kein Rettungswagen zur Verfügung stand. Kein Einzelfall also im Mühlenkreis. Nach dem ersten Bericht melden sich mehrere Informanten beim MT.

Information
Der Rettungsdienstbedarfsplan: Hilfsfristen, Fahrzeuge, Standorte
  • Der sogenannte Bedarfsplan für den Rettungsdienst im Mühlenkreis regelt auf gesetzlicher Grundlage, wie viele Rettungsmittel in den jeweiligen Wachen stationiert werden müssen und wie schnell die Retter vor Ort sein müssen.
  • Die Hilfsfrist, also die Zeit, in der eine Besatzung den Notfallort erreichen soll, liegt bei zwölf Minuten. Die wird laut Kreis in fast 90 Prozent der Einsätze auf eingehalten.
  • In Porta Westfalica sind derzeit zwei Rettungswagen rund um die Uhr und ein Krankentransportwagen von 7.30 bis 16 Uhr stationiert.
  • In Minden stehen drei RTW rund um die Uhr, ein KTW für acht Stunden pro Tag, ein Notarztauto sowie ein Löschfahrzeug als First-Responder-Wagen zur Verfügung.
  • Die Stadt Bad Oeynhausen hält derzeit vier RTW, einen Intensivtransportwagen, ein Notarztfahrzeug und einen KTW bereit.
  • In Petershagen nimmt der DRK-Ortsverein Lahde die Aufgabe im Auftrag des Kreises wahr. Dort stehen drei RTW zur Verfügung.
  • Für die kreiseigenen Rettungswachen in Lübbecke mit Außenstelle in Hille sowie Rahden mit Außenstelle in Stemwede stehen drei Notarztfahrzeuge, sieben Rettungswagen und zwei KTW in einem Pool für alle zur Verfügung.

Eine Spur der Informanten führt nach Bad Oeynhausen. Die Rettungswache Porta müsse dort „ständig aushelfen, weil sie Personalprobleme haben". Kein Wunder sei es also, dass dann am eigentlichen Standort keine Rettungswagen mehr zur Verfügung stehen. Das sei schon seit Jahren so. Außerdem, erklärt ein Informant und Insider aus dem Rettungsdienst, würden ständig Fahrzeuge aus Bad Oeynhausen bei der Leitstelle abgemeldet. Auch das, weil kein Personal für alle Rettungsmittel zur Verfügung stehe. Eine heiße Spur?

Das MT geht selbst auf Spurensuche und wird bei Volker Müller-Ulrich, dem Pressereferenten der Stadt Bad Oeynhausen, fündig. „Wir haben Personalmangel, das kann man nicht wegdiskutieren", erklärt er auf Nachfrage. Und ja, es komme vor, dass bei Krankmeldungen gegenüber der Kreisleitstelle Rettungsfahrzeuge, die eigentlich eingeplant sind, abgemeldet werden müssten. Über Häufigkeiten spricht er nicht. Vier Rettungswagen müssen dort tagsüber bereitstehen, dazu ein Intensivtransportwagen, ein Notarztfahrzeug und ein Krankentransportwagen.

Müller-Ulrich ist sich sicher, dass überall mal Fahrzeuge abgemeldet würden. Aus seiner Sicht ist das kein spezielles Problem in Bad Oeynhausen. Dennoch sieht sich die Stadt offenbar gezwungen, gegen den Personalmangel anzugehen. „In Stellenausschreibungen schaffen wir verschiedene Anreize", gibt Müller-Ulrich zu. Die Stadt habe etwa die Besoldungsgruppe erhöht. Mehr Geld also für potenzielles Personal.

„Außerdem erhoffen wir uns Entspannung, wenn ab dem 1. Juli die Aufgaben der Leitstelle in Bad Oeynhausen an die Kreisleitstelle in Minden übergehen", sagt der Pressesprecher. Dann landen Anrufer, die im Stadtgebiet von bad Oeynhausen die 112 wählen, in Minden. In der am 1. Juli auslaufenden Leitstelle seien bisher „ganz normale Feuerwehrleute und Menschen aus dem Rettungsdienst" beschäftigt, die eigentlich im Einsatzdienst tätig seien. „Wenn die Aufgabe übergeht, wird Personal für unseren eigenen Rettungsdienst frei", betont Müller-Ulrich. Mit einer Einschränkung: Ein paar der in Bad Oeynhausen beschäftigten Leitstellendisponenten wechseln „auf eigenen Wunsch" in die Kreisleitstelle. Gleichzeitig bilde die Feuerwehr- und Rettungswache Bad Oeynhausen ständig Nachwuchs aus. Aktuell: sieben Feuerwehrleute und sechs Rettungssanitäter.

Aber was ist mit den Einsätzen, die andere Rettungswachen für Bad Oeynhausen fahren sollen? „Das ist doch überall so", sagt Müller-Ulrich. „Wir helfen auch in Löhne aus." Eine Zahl, wie oft es vorkommt, dass in Bad Oeynhausen ausgeholfen werden muss, habe er nicht. Und verweist auf den Kreis als Betreiber der Leitstelle.

Beim Kreis geht die Spurensuche weiter: Die fällt, was die Zahl der Aushilfsdienste in anderen Städten angeht, genauso ernüchternd aus. „Zurzeit hat der Kreis keine Möglichkeit, die Entsendung von Rettungswagen in andere Kommunen statistisch zu erfassen", erklärt Sprecherin Sabine Ohnesorge auf Nachfrage. Eine Stelle, an der es kribbelig wird, den Rettungsdienstbedarfsplan zu überwachen. Das ist Aufgabe des Kreises als zuständigem Träger. Der überwacht auch die Rettungsdienste, die direkt von Hauptamtlichen Feuerwachen unterhalten werden. Das ist in Minden, Porta Westfalica und Bad Oeynhausen der Fall. Doch wie streng und genau kann die Kontrolle sein, wenn Auswärtseinsätze etwa der Portaner Wache in bad Oeynhausen nicht statistisch erfasst werden? Und dadurch wiederum in Porta ausgeholfen werden muss, sich Hilfsfristen verlängern? Eine Lücke im System, die mehrere Insider bereits gegenüber dem MT bemängelt haben und die für die aus ihrer Sicht misslichen Zustände bei der Versorgung durch den Rettungsdienst verantwortlich ist.

Zurück zum Fall des K.o.-geschlagenen Mannes vor der Kneipe. Was ist dran an seinen Vorwürfen? Standen tatsächlich keine Rettungsmittel während des Großeinsatzes an der Weser zur Verfügung, um andere Notfälle abzuarbeiten? Wie viele Notfälle gab es parallel? „Während dieser Phase wurden 67 Notrufe bearbeitet", erklärt Ohnesorge. Dementsprechend sei die Lage „angespannt" gewesen. Ob es Phasen gegeben habe, in denen in Minden kein Rettungswagen zur Verfügung gestanden habe, „ist nicht definitiv zu beantworten". Nicht beantworten kann der Kreis zudem, wie viele dieser 67 Notrufe tatsächlich auch als Notfall abgearbeitet wurden. Womöglich fällt der des Mannes vor der Kneipe genau unter die, die nicht abgearbeitet wurden.

Für den Fall, dass kreisweit kein Rettungswagen mehr zur Verfügung gestanden hätte, hätte die Leitstelle einen überörtlichen Alarm auslösen müssen, bei dem dann Hilfe aus Nachbarkreisen gekommen wäre. „Da dies nicht geschah, ist davon auszugehen, dass immer Rettungsmittel für Notfälle zur Verfügung standen", betont Ohnesorge. Die letzte Sicherheit fehlt aber an dieser Stelle.

Krankt das System an Personalmangel und Lücken in der Überwachung? „Die Leidtragenden sind die Sanitäter und die Patienten, die nicht oder erst zu spät versorgt werden können", sagt einer der Informanten. Eine andere zitterejedes Mal, wenn sich die Leitstelle mit einem Einsatz meldet. Weil kein Fahrzeug zur Verfügung stehe, um den Einsatz anzusteuern. Oder nicht genügend Personal. Und dann passiert es, dass verletzte Menschen vor einer Kneipe liegen bleiben, mit dem Taxi ins Krankenhaus gebracht werden müssen.

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MindenKrankt das System Rettungsdienst?Thomas LieskeMinden (mt). Besinnungslos liegt ein Mann vor einer Kneipe in Minden. Er hat gerade einen Faustschlag unters Auge bekommen. Die Wunde blutet stark. Ein paar Minuten braucht der Mann, bis er wieder bei vollem Bewusstsein ist. Bis er realisiert, dass er einen Rettungswagen braucht. Weil ihm andere nicht helfen wollen, wählt er schließlich selbst die 112. Was dann folgt, kann er nicht fassen: „Die Rettungsleitstelle hat mir gesagt, dass sie derzeit keinen Rettungswagen schicken können, weil parallel der Großeinsatz wegen des vermissten Taiwanesen an der Weser und des von der Brücke gesprungenen Mannes lief." Doch der Verletzte muss ins Krankenhaus, er ruft sich ein Taxi auf eigene Kosten – immerhin 33 Euro, sagt er. „Darüber war der Mann in der Rettungsleitstelle sehr dankbar." Ein Einzelfall? Erst vor wenigen Wochen berichtete das MT über einen Notfall in Eisbergen, zu dem ein Rettungswagen aus Minden und später auch ein Notarzt eilen mussten, weil in Porta kein Rettungswagen zur Verfügung stand. Kein Einzelfall also im Mühlenkreis. Nach dem ersten Bericht melden sich mehrere Informanten beim MT. Eine Spur der Informanten führt nach Bad Oeynhausen. Die Rettungswache Porta müsse dort „ständig aushelfen, weil sie Personalprobleme haben". Kein Wunder sei es also, dass dann am eigentlichen Standort keine Rettungswagen mehr zur Verfügung stehen. Das sei schon seit Jahren so. Außerdem, erklärt ein Informant und Insider aus dem Rettungsdienst, würden ständig Fahrzeuge aus Bad Oeynhausen bei der Leitstelle abgemeldet. Auch das, weil kein Personal für alle Rettungsmittel zur Verfügung stehe. Eine heiße Spur? Das MT geht selbst auf Spurensuche und wird bei Volker Müller-Ulrich, dem Pressereferenten der Stadt Bad Oeynhausen, fündig. „Wir haben Personalmangel, das kann man nicht wegdiskutieren", erklärt er auf Nachfrage. Und ja, es komme vor, dass bei Krankmeldungen gegenüber der Kreisleitstelle Rettungsfahrzeuge, die eigentlich eingeplant sind, abgemeldet werden müssten. Über Häufigkeiten spricht er nicht. Vier Rettungswagen müssen dort tagsüber bereitstehen, dazu ein Intensivtransportwagen, ein Notarztfahrzeug und ein Krankentransportwagen. Müller-Ulrich ist sich sicher, dass überall mal Fahrzeuge abgemeldet würden. Aus seiner Sicht ist das kein spezielles Problem in Bad Oeynhausen. Dennoch sieht sich die Stadt offenbar gezwungen, gegen den Personalmangel anzugehen. „In Stellenausschreibungen schaffen wir verschiedene Anreize", gibt Müller-Ulrich zu. Die Stadt habe etwa die Besoldungsgruppe erhöht. Mehr Geld also für potenzielles Personal. „Außerdem erhoffen wir uns Entspannung, wenn ab dem 1. Juli die Aufgaben der Leitstelle in Bad Oeynhausen an die Kreisleitstelle in Minden übergehen", sagt der Pressesprecher. Dann landen Anrufer, die im Stadtgebiet von bad Oeynhausen die 112 wählen, in Minden. In der am 1. Juli auslaufenden Leitstelle seien bisher „ganz normale Feuerwehrleute und Menschen aus dem Rettungsdienst" beschäftigt, die eigentlich im Einsatzdienst tätig seien. „Wenn die Aufgabe übergeht, wird Personal für unseren eigenen Rettungsdienst frei", betont Müller-Ulrich. Mit einer Einschränkung: Ein paar der in Bad Oeynhausen beschäftigten Leitstellendisponenten wechseln „auf eigenen Wunsch" in die Kreisleitstelle. Gleichzeitig bilde die Feuerwehr- und Rettungswache Bad Oeynhausen ständig Nachwuchs aus. Aktuell: sieben Feuerwehrleute und sechs Rettungssanitäter. Aber was ist mit den Einsätzen, die andere Rettungswachen für Bad Oeynhausen fahren sollen? „Das ist doch überall so", sagt Müller-Ulrich. „Wir helfen auch in Löhne aus." Eine Zahl, wie oft es vorkommt, dass in Bad Oeynhausen ausgeholfen werden muss, habe er nicht. Und verweist auf den Kreis als Betreiber der Leitstelle. Beim Kreis geht die Spurensuche weiter: Die fällt, was die Zahl der Aushilfsdienste in anderen Städten angeht, genauso ernüchternd aus. „Zurzeit hat der Kreis keine Möglichkeit, die Entsendung von Rettungswagen in andere Kommunen statistisch zu erfassen", erklärt Sprecherin Sabine Ohnesorge auf Nachfrage. Eine Stelle, an der es kribbelig wird, den Rettungsdienstbedarfsplan zu überwachen. Das ist Aufgabe des Kreises als zuständigem Träger. Der überwacht auch die Rettungsdienste, die direkt von Hauptamtlichen Feuerwachen unterhalten werden. Das ist in Minden, Porta Westfalica und Bad Oeynhausen der Fall. Doch wie streng und genau kann die Kontrolle sein, wenn Auswärtseinsätze etwa der Portaner Wache in bad Oeynhausen nicht statistisch erfasst werden? Und dadurch wiederum in Porta ausgeholfen werden muss, sich Hilfsfristen verlängern? Eine Lücke im System, die mehrere Insider bereits gegenüber dem MT bemängelt haben und die für die aus ihrer Sicht misslichen Zustände bei der Versorgung durch den Rettungsdienst verantwortlich ist. Zurück zum Fall des K.o.-geschlagenen Mannes vor der Kneipe. Was ist dran an seinen Vorwürfen? Standen tatsächlich keine Rettungsmittel während des Großeinsatzes an der Weser zur Verfügung, um andere Notfälle abzuarbeiten? Wie viele Notfälle gab es parallel? „Während dieser Phase wurden 67 Notrufe bearbeitet", erklärt Ohnesorge. Dementsprechend sei die Lage „angespannt" gewesen. Ob es Phasen gegeben habe, in denen in Minden kein Rettungswagen zur Verfügung gestanden habe, „ist nicht definitiv zu beantworten". Nicht beantworten kann der Kreis zudem, wie viele dieser 67 Notrufe tatsächlich auch als Notfall abgearbeitet wurden. Womöglich fällt der des Mannes vor der Kneipe genau unter die, die nicht abgearbeitet wurden. Für den Fall, dass kreisweit kein Rettungswagen mehr zur Verfügung gestanden hätte, hätte die Leitstelle einen überörtlichen Alarm auslösen müssen, bei dem dann Hilfe aus Nachbarkreisen gekommen wäre. „Da dies nicht geschah, ist davon auszugehen, dass immer Rettungsmittel für Notfälle zur Verfügung standen", betont Ohnesorge. Die letzte Sicherheit fehlt aber an dieser Stelle. Krankt das System an Personalmangel und Lücken in der Überwachung? „Die Leidtragenden sind die Sanitäter und die Patienten, die nicht oder erst zu spät versorgt werden können", sagt einer der Informanten. Eine andere zitterejedes Mal, wenn sich die Leitstelle mit einem Einsatz meldet. Weil kein Fahrzeug zur Verfügung stehe, um den Einsatz anzusteuern. Oder nicht genügend Personal. Und dann passiert es, dass verletzte Menschen vor einer Kneipe liegen bleiben, mit dem Taxi ins Krankenhaus gebracht werden müssen.