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Wem gehört die Obermarktpassage? Cerberus, ein Gigant im Schatten

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Die Obermarktpassage in Minden gehört – wenn man die Kette an ihr Ende verfolgt– dem US-Investor Cerberus. „Cerberus“, das ist der Höllenhund. - © Alex Lehn/mt
Die Obermarktpassage in Minden gehört – wenn man die Kette an ihr Ende verfolgt– dem US-Investor Cerberus. „Cerberus“, das ist der Höllenhund. (© Alex Lehn/mt)

Minden (mt). Der Name „Cerberus“ ist irreführend. Kerberos, das ist der Höllenhund – der mit den vielen Köpfen, ein mythisches Biest. Doch ein Monster wäre greifbar, verstehbar, sein Handeln eindimensional, sein Platz und Zweck in der der Welt klar.

Das ist bei einem international agierenden Investmentfonds-Managemetunternehmen mit dem 1992 bewusst gewählten gleichen Namen anders, zumal wenn es sich weitgehend in Schweigen hüllt. Er kommt zwar in Schlagzeilen vor wie „Aktiencrash: Bawag-Hauptaktionär [Cerberus] verkauft“ (Mai 2019) oder „Deutsche-Bank-Aktionär Cerberus unterstützt mögliche Übernahme der Commerzbank“ (Handelsblatt, Februar 2019). Aber da scheint „Cerberus“ nur eine von diesen Firmen zu sein, die mit Aktien und Anteilen handeln, so wie Menschen Brötchen oder ein Auto kaufen. Falsch. „Neben der nötigen Brutalität und einem Sinn für günstige Gelegenheiten bringen die neuen Eigentümer noch eine dritte Eigenheit mit, die deutsche Bankmanager gründlich verloren haben: Risikohunger. Abgesichert durch notorisch hohe Einlagen [...] trauen sie sich ein größeres Rad zu als die deutschen Wettbewerber“, schreibt Lukas Zdrzalek in der Mai-Ausgabe von „Capital“ über Cerberus und die Deutschen Banken.

Wenig war in der Vergangenheit über den amerikanischen Giganten zu lesen, das meiste stand als kurze Notiz auf hinteren Seiten von Fachzeitungen. Doch spätestens seit Cerberus nach und nach Banken in Deutschland, aber auch Österreich, aufzukaufen begann, wuchs das Interesse.

Das Unternehmen bleibt schwer zu greifen. Das ist kein Zufall, sondern Ansage des Chefs Stephen Feinberg. Auch darum zeigt der US-Investor wenig mehr von sich als das, was in Börsennachrichten zu lesen ist; kommentiert wird schon mal überhaupt nicht. Verschwiegenheit ist Unternehmensprinzip. Presseanfragen werden ignoriert – nicht nur die des Mindener Tageblatts, auch die von anderen, großen Zeitungen, wie Kollegen bestätigen. Berichte beziehen sich darum in der Regel immer auf dieselben Quellen, in denen Fachjournalisten über Cerberus' Aktivitäten berichten. Dennis Kremer (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. April 2019), zählt auf: „Cerberus erhielt „im vergangenen Jahr beispielsweise den Zuschlag für die Privatisierung der HSH Nordbank, sie sind auch an den beiden bekanntesten deutschen Banken beteiligt: Fünf Prozent der Commerzbank-Aktien gehören ihnen und drei Prozent der Deutschen Bank.“ Kein Großaktionär, aber ausreichend, um mitzureden.

Geschickt sei der US-Investor vorgegangen, um nicht als ruchloser Finanzhai zu erscheinen, schreibt die FAZ weiter. „Die Cerberus-Leute kombinieren analytische Schärfe beim Blick auf potenzielle Investments mit hervorragenden politischen Kontakten.“ Tim Bartz berichtet im Manager-Magazin (November 2017), dass Cerberus-Gründer und Chef Stephen Feinberg den US-Präsidenten Donald Trump mit einer Wahlkampfspende von 678.0000 US-Dollar unterstützt hat. Inzwischen hat er einen Beraterposten im Weißen Haus, hat Dennis Kremer (FAZ) recherchiert.

Meike Schreiber hat sich als Wirtschaftsexpertin bei der Süddeutschen Zeitung immer wieder mit Cerberus befasst. Sie schildert, wie das deutsche Gesicht des US-Investors auftritt. David Knower, der Leiter der deutschen Niederlassung, finde man am Wochenende „oft in der Frankfurter Commerzbank-Arena“, (27. November 2018). „Unten auf dem Rasen kämpfen die Spieler der Eintracht gegen die Bayern oder Bremen, oben auf der Tribüne schlendert er von Loge zu Loge, begrüßt Politiker und Manager, schüttelt Hände, quatscht sich fest.“ Er sei genauso auf dem Frankfurter Opernball beim Netzwerken zu finden: „Keine Feier ohne David.“

Lange sei Cerberus in Deutschland weitgehend unbeachtet geblieben. Die Firma habe Immobilien, Einkaufszentren, „auch einmal einen Autozulieferer“ gekauft. Insgesamt, so Schreiber, verwalte das Unternehmen in mehreren Anlagefonds rund 35 Milliarden Dollar. In Deutschland ging es vor allem um Banken. „Ein Jahr nach Beginn der Deutschland-Offensive steht fest: Ohne oder gegen Cerberus läuft kaum noch etwas auf dem hiesigen Bankenmarkt.“

Feinberg investiere in alles, was Gewinn verspricht. Zeitweise besaß Cerberus auch einen der größten US-Waffenhersteller (heute „Remington Outdoors“). Schreiber: Dessen Verkaufsschlager sei das Sturmgewehr AR-15, in den USA häufig in Verbindung mit Amokläufen gebracht. „Als Cerberus' Investoren zum Verkauf des Waffenproduzenten drängten, übernahmen Feinberg und seine Partner die Firma kurzerhand selbst.“

Tim Bartz war einer der wenigen, die persönlich in der New Yorker Zentrale waren, Er schreibt (Manager Magazin, November 2018) „Im Ausland sorgen prominente Zeitarbeiter für Zugang zu Entscheidern in Politik und Aufsicht (...) In Deutschland standen unter anderem der frühere West-LB-Chef Thomas Fischer, Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe und Rudolf Scharping, ehedem SPD-Chef, im Sold der Höllenhunde.“

Lukas Zdrzalek berichtet in der Mai-Ausgabe von „Capital“ über Cerberus und die Deutschen Banken. Alle hätten im Frühjahr 2019 nach Frankfurt geblickt, wegen der Fusionspläne von Deutscher Bank und Commerzbank. „Doch jenseits von Frankfurt haben mächtige US-Investoren schon vor einiger Zeit losgelegt: mit der Südwestbank in Stuttgart, der Bremer Kreditbank, der Oldenburgischen Landesbank (OLB), jüngst der HSH Nordbank. Die US-Private-Equity-Fonds Cerberus und Apollo kaufen in der Provinz eine deutsche Bank nach der anderen.“ Und etwas später: „Weitgehend unbemerkt entsteht so unter dem Dach der OLB (Oldenburgische Landesbank) eine Bankengruppe mit mehr als 20 Milliarden. Euro Bilanzsumme und fast einer Million Kunden im Land.“

Zerberus, der mit den vielen Köpfen, stand vor den Toren der Hölle. Jeder wusste das, seine Rolle war klar umrissen. Orpheus besiegte ihn mit Lyraspiel und Gesang, Psyche mit Honigkuchen.

Cerberus, der Finanzinvestor, ist überall, seine Agenda ist undurchsichtig, komplex, verflochten. Und er ist real.

Anfrage zur Obermarktpassage: "Gespräche laufen"

Da es ja mit David Knower ein Deutsches Gesicht des US-Investors gibt, sollte man diesen Mann doch auch nach der Zukunft der Mindener Obermarktpassage fragen können. Denn die Promontoria – eine niederländische Immobiliengesellschaft im Besitz von Cerberus – antwortet seit Jahren auf keine MT-Anfragen.

An Knower gingen darum nun diese Fragen: „Was wird Cerberus tun, um die leerstehende Immobilie „Obermarktpassage“ in Minden/Westfalen in eine Zukunft zu führen, von der die Innenstadt und die Bewohner der Region profitieren? Wie kommt es dazu, dass Sie/Cerberus als Besitzer sich um dieses Objekt nicht so kümmern, dass es Gewinne bringt? Warum kommunizieren Sie nicht mit den hiesigen Behörden, um Perspektiven für das Objekt zu entwickeln? Welche Bedeutung hat für Sie solch ein Besitz in einer Mittelstadt? Unter welchen Bedingungen könnte sich Cerberus vorstellen, diese Passage in Kooperation mit Akteuren dieser Stadt zu einem Modell für die Entwicklung neuer Innenstädte zu machen, und das auch als Sponsor zu begleiten?“ Diese Mail ist am 15. Mai rausgegangen und blieb unbeantwortet.

Allerdings: Aktuell gibt es wieder Gespräche zu einem Verkauf der Passage, „jedoch noch keine spruchreifen Ergebnisse“, wie Peter Lausmann bestätigt. Er ist Sprecher des Beratungsunternehmens für Immobilien, Jones Lang LaSalle, das im Auftrag von Cerberus die Vermarktung des Objekts betreut. Gespräche gab es jedoch häufig, Ergebnisse keine.

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MindenWem gehört die Obermarktpassage? Cerberus, ein Gigant im SchattenMinden (mt). Der Name „Cerberus“ ist irreführend. Kerberos, das ist der Höllenhund – der mit den vielen Köpfen, ein mythisches Biest. Doch ein Monster wäre greifbar, verstehbar, sein Handeln eindimensional, sein Platz und Zweck in der der Welt klar. Das ist bei einem international agierenden Investmentfonds-Managemetunternehmen mit dem 1992 bewusst gewählten gleichen Namen anders, zumal wenn es sich weitgehend in Schweigen hüllt. Er kommt zwar in Schlagzeilen vor wie „Aktiencrash: Bawag-Hauptaktionär [Cerberus] verkauft“ (Mai 2019) oder „Deutsche-Bank-Aktionär Cerberus unterstützt mögliche Übernahme der Commerzbank“ (Handelsblatt, Februar 2019). Aber da scheint „Cerberus“ nur eine von diesen Firmen zu sein, die mit Aktien und Anteilen handeln, so wie Menschen Brötchen oder ein Auto kaufen. Falsch. „Neben der nötigen Brutalität und einem Sinn für günstige Gelegenheiten bringen die neuen Eigentümer noch eine dritte Eigenheit mit, die deutsche Bankmanager gründlich verloren haben: Risikohunger. Abgesichert durch notorisch hohe Einlagen [...] trauen sie sich ein größeres Rad zu als die deutschen Wettbewerber“, schreibt Lukas Zdrzalek in der Mai-Ausgabe von „Capital“ über Cerberus und die Deutschen Banken. Wenig war in der Vergangenheit über den amerikanischen Giganten zu lesen, das meiste stand als kurze Notiz auf hinteren Seiten von Fachzeitungen. Doch spätestens seit Cerberus nach und nach Banken in Deutschland, aber auch Österreich, aufzukaufen begann, wuchs das Interesse. Das Unternehmen bleibt schwer zu greifen. Das ist kein Zufall, sondern Ansage des Chefs Stephen Feinberg. Auch darum zeigt der US-Investor wenig mehr von sich als das, was in Börsennachrichten zu lesen ist; kommentiert wird schon mal überhaupt nicht. Verschwiegenheit ist Unternehmensprinzip. Presseanfragen werden ignoriert – nicht nur die des Mindener Tageblatts, auch die von anderen, großen Zeitungen, wie Kollegen bestätigen. Berichte beziehen sich darum in der Regel immer auf dieselben Quellen, in denen Fachjournalisten über Cerberus' Aktivitäten berichten. Dennis Kremer (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14. April 2019), zählt auf: „Cerberus erhielt „im vergangenen Jahr beispielsweise den Zuschlag für die Privatisierung der HSH Nordbank, sie sind auch an den beiden bekanntesten deutschen Banken beteiligt: Fünf Prozent der Commerzbank-Aktien gehören ihnen und drei Prozent der Deutschen Bank.“ Kein Großaktionär, aber ausreichend, um mitzureden. Geschickt sei der US-Investor vorgegangen, um nicht als ruchloser Finanzhai zu erscheinen, schreibt die FAZ weiter. „Die Cerberus-Leute kombinieren analytische Schärfe beim Blick auf potenzielle Investments mit hervorragenden politischen Kontakten.“ Tim Bartz berichtet im Manager-Magazin (November 2017), dass Cerberus-Gründer und Chef Stephen Feinberg den US-Präsidenten Donald Trump mit einer Wahlkampfspende von 678.0000 US-Dollar unterstützt hat. Inzwischen hat er einen Beraterposten im Weißen Haus, hat Dennis Kremer (FAZ) recherchiert. Meike Schreiber hat sich als Wirtschaftsexpertin bei der Süddeutschen Zeitung immer wieder mit Cerberus befasst. Sie schildert, wie das deutsche Gesicht des US-Investors auftritt. David Knower, der Leiter der deutschen Niederlassung, finde man am Wochenende „oft in der Frankfurter Commerzbank-Arena“, (27. November 2018). „Unten auf dem Rasen kämpfen die Spieler der Eintracht gegen die Bayern oder Bremen, oben auf der Tribüne schlendert er von Loge zu Loge, begrüßt Politiker und Manager, schüttelt Hände, quatscht sich fest.“ Er sei genauso auf dem Frankfurter Opernball beim Netzwerken zu finden: „Keine Feier ohne David.“ Lange sei Cerberus in Deutschland weitgehend unbeachtet geblieben. Die Firma habe Immobilien, Einkaufszentren, „auch einmal einen Autozulieferer“ gekauft. Insgesamt, so Schreiber, verwalte das Unternehmen in mehreren Anlagefonds rund 35 Milliarden Dollar. In Deutschland ging es vor allem um Banken. „Ein Jahr nach Beginn der Deutschland-Offensive steht fest: Ohne oder gegen Cerberus läuft kaum noch etwas auf dem hiesigen Bankenmarkt.“ Feinberg investiere in alles, was Gewinn verspricht. Zeitweise besaß Cerberus auch einen der größten US-Waffenhersteller (heute „Remington Outdoors“). Schreiber: Dessen Verkaufsschlager sei das Sturmgewehr AR-15, in den USA häufig in Verbindung mit Amokläufen gebracht. „Als Cerberus' Investoren zum Verkauf des Waffenproduzenten drängten, übernahmen Feinberg und seine Partner die Firma kurzerhand selbst.“ Tim Bartz war einer der wenigen, die persönlich in der New Yorker Zentrale waren, Er schreibt (Manager Magazin, November 2018) „Im Ausland sorgen prominente Zeitarbeiter für Zugang zu Entscheidern in Politik und Aufsicht (...) In Deutschland standen unter anderem der frühere West-LB-Chef Thomas Fischer, Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe und Rudolf Scharping, ehedem SPD-Chef, im Sold der Höllenhunde.“ Lukas Zdrzalek berichtet in der Mai-Ausgabe von „Capital“ über Cerberus und die Deutschen Banken. Alle hätten im Frühjahr 2019 nach Frankfurt geblickt, wegen der Fusionspläne von Deutscher Bank und Commerzbank. „Doch jenseits von Frankfurt haben mächtige US-Investoren schon vor einiger Zeit losgelegt: mit der Südwestbank in Stuttgart, der Bremer Kreditbank, der Oldenburgischen Landesbank (OLB), jüngst der HSH Nordbank. Die US-Private-Equity-Fonds Cerberus und Apollo kaufen in der Provinz eine deutsche Bank nach der anderen.“ Und etwas später: „Weitgehend unbemerkt entsteht so unter dem Dach der OLB (Oldenburgische Landesbank) eine Bankengruppe mit mehr als 20 Milliarden. Euro Bilanzsumme und fast einer Million Kunden im Land.“ Zerberus, der mit den vielen Köpfen, stand vor den Toren der Hölle. Jeder wusste das, seine Rolle war klar umrissen. Orpheus besiegte ihn mit Lyraspiel und Gesang, Psyche mit Honigkuchen. Cerberus, der Finanzinvestor, ist überall, seine Agenda ist undurchsichtig, komplex, verflochten. Und er ist real. Anfrage zur Obermarktpassage: "Gespräche laufen" Da es ja mit David Knower ein Deutsches Gesicht des US-Investors gibt, sollte man diesen Mann doch auch nach der Zukunft der Mindener Obermarktpassage fragen können. Denn die Promontoria – eine niederländische Immobiliengesellschaft im Besitz von Cerberus – antwortet seit Jahren auf keine MT-Anfragen. An Knower gingen darum nun diese Fragen: „Was wird Cerberus tun, um die leerstehende Immobilie „Obermarktpassage“ in Minden/Westfalen in eine Zukunft zu führen, von der die Innenstadt und die Bewohner der Region profitieren? Wie kommt es dazu, dass Sie/Cerberus als Besitzer sich um dieses Objekt nicht so kümmern, dass es Gewinne bringt? Warum kommunizieren Sie nicht mit den hiesigen Behörden, um Perspektiven für das Objekt zu entwickeln? Welche Bedeutung hat für Sie solch ein Besitz in einer Mittelstadt? Unter welchen Bedingungen könnte sich Cerberus vorstellen, diese Passage in Kooperation mit Akteuren dieser Stadt zu einem Modell für die Entwicklung neuer Innenstädte zu machen, und das auch als Sponsor zu begleiten?“ Diese Mail ist am 15. Mai rausgegangen und blieb unbeantwortet. Allerdings: Aktuell gibt es wieder Gespräche zu einem Verkauf der Passage, „jedoch noch keine spruchreifen Ergebnisse“, wie Peter Lausmann bestätigt. Er ist Sprecher des Beratungsunternehmens für Immobilien, Jones Lang LaSalle, das im Auftrag von Cerberus die Vermarktung des Objekts betreut. Gespräche gab es jedoch häufig, Ergebnisse keine.