Minden/Berlin

Fachkräftemangel trifft den Mühlenkreis hart

Henning Wandel

Minden/Berlin (mt). Der Fachkräftemangel ist seit Jahren eines der beherrschenden Themen auf dem Arbeitsmarkt. In den regelmäßigen Umfragen der Industrie- und Handelskammern (IHK) zählt er nach Einschätzung der Arbeitgeber spätestens seit 2014 zu den größten wirtschaftlichen Risiken – Tendenz steigend. In einer gemeinsamen Kooperation von CORRECTIV und dem Mindener Tageblatt liegen jetzt Zahlen vor, wonach der Kreis Minden-Lübbecke zumindest statistisch gesehen davon in besonderem Maße betroffen ist.

- © Grafik: Jörg Barner/Correctiv
(© Grafik: Jörg Barner/Correctiv)

Im Durchschnitt des vergangenen Jahres kamen im Mühlenkreis auf jede offene Stelle 1,63 arbeitssuchende Fachkräfte, das ist der zweitniedrigste Wert in Nordrhein-Westfalen. Lediglich in Mülheim an der Ruhr sind es mit 1,14 Personen noch weniger. Die Definition orientiert an der Berufsklassifikation der Agentur für Arbeit (BA). Die Fachkräfte entsprechen demnach dem Anforderungsniveau zwei, das als Qualifikation in der Regel eine klassische duale Ausbildung vorsieht. Unter dem Strich bedeutet das, dass die Unternehmen deutlich weniger Bewerber finden.


Für die Arbeitgeber im Kreis ist diese Erkenntnis nicht überraschend. „Der Fachkräftemangel hier ist recht stark", sagt Robert Falch, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Minden-Lübbecke und geschäftsführender Gesellschafter des Maschinenbauunternehmens Minda. Gerade in den sogenannten Mint-Berufen, die also mit Mathematik Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu tun habe, steige die Nachfrage nach Mitarbeitern stärker als die Studentenzahlen in den entsprechenden Fächern.


Hinzu kommt, dass Ostwestfalen und auch der Mühlenkreis gewerblich-industriell geprägt sind. Regionen, die hier gut aufgestellt seien, spürten den Fachkräftemangel besonders stark, sagt Arne Potthoff, der bei der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld für volkswirtschaftliche Themen zuständig ist und sich daher auch um Arbeitsmarktfragen kümmert. Die leichte Eintrübung der Konjunktur in diesem Frühjahr verschaffe hier sogar etwas Entlastung, so Potthoff, weil der Beschäftigungsaufbau nicht mehr so dynamisch sei wie in den vergangenen Jahren. Trotzdem ist der Fachkräftemangel für 52 Prozent der ostwestfälischen Unternehmen ein Problem – wenn auch nicht mehr das größte.

Der Mangel an Fachkräften ist die Kehrseite einer Entwicklung, von der besonders ungelernte Arbeitnehmer profitieren. In dieser Kategorie kamen im Kreis Minden-Lübbecke im vergangenen Jahr 5,18 Bewerber auf eine freie Stelle. Zum Vergleich: Im benachbarten Kreis Schaumburg lag der Wert bei 20. Der deutliche Unterschied liegt vor allem an dem wesentlich größeren Angebot an Arbeitsplätzen im Mindener Land. So lag in Schaumburg der Bereich Lagerwirtschaft mit 30 offenen Stellen an der Spitze, in Minden gab es in diesem Bereich, zu dem auch Post, Zustellung und Güterumschlag zählen, davon 179.


Ein etwas genauerer Blick auf Angebot und Nachfrage zeigt aber auch hier deutliche Unterschiede. So liegt die Lagerwirtschaft mit 1006 auch bei den Stellengesuchen auf Platz zwei und damit weit vorne, die Quote von 5,62 Gesuchen pro offener Stelle entspricht in etwa dem Gesamtdurchschnitt. Noch mehr Bewerber gab es mit 1311 nur noch für Reinigungstätigkeiten – hier gab es aber nur 60 offene Stellen. Die Quote liegt 21,85. Noch deutlicher wird das bei einem erneuten Blick über die Landesgrenze: Hier liegt die Lagerwirtschaft bei den Gesuchen auf Platz eins, auf die genannten 30 offenen Stellen kommen aber 958 Interessenten, als fast 32 potenzielle Bewerber pro Stelle.

In den vergangenen Jahren ist das Verhältnis von arbeitssuchenden Menschen pro Stelle kontinuierlich kleiner geworden. 2011 lag die Quote im Kreis Minden-Lübbecke noch bei 8,04, vier Jahre später bei 7,64 und zuletzt bei nur noch 5,45. Landesweit lag in Nordrhein-Westfalen nur noch der Kreis Höxter mit 4,79 Arbeitssuchenden pro Stelle darunter.

Die Arbeitsagentur geht in ihrer Kategorisierung über den Begriff der Fachkräfte hinaus. Insgesamt unterscheidet die BA vier Gruppen, neben den Helfertätigkeiten und Fachkräften auch Spezialisten und Experten. So verfügen Spezialisten über zusätzliche Fach- oder Führungsfähigkeiten, Experten finden sich beispielsweise in Forschung und Entwicklung, Wissenschaft und Lehre. oder auch in Spitzenpositionen. In Minden-Lübbecke entspannt sich die Situation mit steigender Qualifikation leicht. So kommen bei den Spezialisten 2,03 Arbeitssuchenden auf jede offenen Stelle, auch Angebot und Nachfrage passen relativ gut. So liegt der Bereich Einkauf und Vertrieb auf beiden Seiten auf Platz eins, hier kommen 67 potenzielle Mitarbeiter auf 37 Stellen. Und während im Expertenbereich sogar 2,53 Gesuche auf jede offene Stelle kommen, zeigt sich der Mangel hier besonders: In der Erziehung und Sozialarbeit gab es im Jahresverlauf durchschnittlich 179 offenen Experten-Stellen, denen aber nur 31 Gesuche gegenüberstanden. Ein gutes Beispiel dafür, dass der bloße Blick auf die Zahlen nicht das ganze Bild zeigen kann.


Für die Zukunft setzen die Unternehmen verstärkt auf die Ausbildung. Doch auch der künftige Nachwuchs will gewonnen werden. Eine gute Ausbildung und die Aussicht auf eine Übernahme im Anschluss reiche inzwischen nicht mehr aus, sagt der AGV-Vorsitzende Robert Falch. Auch darüber hinaus müssten die Unternehmen eine Perspektive geben, zum Beispiel berufsbegleitende Weiterbildungen zum Techniker oder Meister. Auch ein Bachelor-Studium ist neben der Arbeit möglich. Früher haben die Mitarbeiter dafür meist den Betrieb verlassen, heute haben die Firmen ein hohes Interesse daran, diese jungen Menschen an ihren Betrieb zu binden. „Die Zeit, dass sich Mitarbeiter bei den Unternehmen bewerben, ist vorbei", sagt Falch. heute bewerben sich die Unternehmen bei den Mitarbeiten.

Die Mindener Wago-Gruppe hat dafür schon vor Jahren ein Format geschaffen: Mit dem Tag der Ausbildung wendet sich das Elektrotechnik-Unternehmen gezielt an Berufsanfänger, um über die Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. Das nächste Mal wieder am Samstag, 29.Juni. Allein am Mindener Stammsitz beschäftigt Wago fast 3.000 Mitarbeiter, in der Gruppe gibt es knapp 300 Auszubildende und duale Studenten und zwölf Ausbildungsberufen und sechs Studiengängen. Jedes Jahr werden also knapp 100 Nachwuchskräfte gesucht. Damit will Wago auch für Technik begeistern – aber auch für das Unternehmen selbst: „Dafür ist es im ersten Schritt wichtig, auf uns als interessanten Ausbildungsbetrieb aufmerksam zu machen, um genügend Bewerber zu bekommen", sagt Ausbildungsleiter Thomas Heimann. Auch die Nähe zur Fachhochschule sei wichtig: Die Praxisnähe, die das duale Studium am Campus Minden biete, komme gut bei den jungen Menschen an.


Ausbildung allein werde das Problem des Fachkräftemangels nicht lösen, sagt der Leiter der Mindener IHK-Zweigstelle Karl-Ernst Hunting: „Es gibt nicht das eine Allheilmittel." Neben Aus- und Weiterbildung gehe es auch darum, Mitarbeiter länger im Unternehmen zu halten, sagt Hunting. Die abschlagsfreie Rente mit 63 sei in dieser Hinsicht kontraproduktiv gewesen. Schließlich müssten auch Studienabbrecher in Richtung einer Ausbildung beraten werden: „Den größten Fachkräftebedarf gibt es nicht bei Akademikern."

Luft nach oben

Kommentar von Henning Wandel

Die Angst vor dem Fachkräftemangel fehlt seit Jahren in keinem Gespräch über Wirtschaftsthemen – meistens bleiben die Warnungen aber eher diffus. Die Zahl der geeigneten Bewerber nimmt zwar seit Jahren ab, trotzdem konnten die meisten Unternehmen dann doch ihre Stellen irgendwie besetzen, obwohl immer mehr Jobs geschaffen werden. Die Zahlen, die das Recherchenetzwerk Correctiv zusammengetragen hat, machen das Problem für den Mühlenkreis jetzt greifbar. Gut ausgebildete Facharbeiter sind rar, rein statistisch könnten die Firmen froh sein, wenn sie zwischen zwei Bewerbern auswählen können.

Natürlich hat diese Medaille auch eine positive Seite: Die Chance auf einen Job ist für Bewerber gut – zumindest in der Theorie. Denn oft passen die offenen Stellen nicht zu den Vorstellungen der Interessenten. Je nach Branche gibt es also teils dramatische Unterschiede. Es gibt also auch Bereiche, in denen das Personalangebot schon jetzt unter dem tatsächlichen Bedarf liegt.

Die eine einfache Lösung für das Problem gibt es nicht. Es ist leicht, nach zusätzlichen Ausbildungsplätzen zu rufen, aber durchaus schwer, auch diese Plätze zu füllen. Auch hier wird dass Angebot dünner. Und wenn die jungen Menschen ihren Abschluss erstmal in der Tasche haben, müssen sie längst nicht hier bleiben. Auch außerhalb des Mühlenkreises sind die Karrierechancen groß. Und wer hier zur Schule gegangen ist und einen Beruf gelernt hat, will vielleicht auch erstmal die große weite Welt entdecken.

Die Unternehmen suchen schon lange nach jeder möglichen Stellschraube, um die eigene Zukunft abzusichern. Das ist nicht betriebswirtschaftlich vernünftig, sondern auch wichtig für den Standort. Der Kämmerer kann ein Lied davon singen, was passiert, wenn die Steuereinnahmen mal weniger üppig ausfallen. Und genau an dieser Schnittstelle gibt es noch deutliches Potenzial. Arbeitgeber können sich nicht an Grenzen orientieren, schon gar nicht zwischen Städten und Kreisen, aber auch nicht zwischen Bundesländern. Die Suche nach interkommunalen Gewerbegebieten kann deshalb nur ein erster Schritt sein. Wer den Standort Minden sichern will, muss auch die Nachbarstädte stärken. Mehr Zusammenarbeit und weniger bürokratische Instanzen – da ist noch Luft nach oben.

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Die Fachkräfte entsprechen demnach dem Anforderungsniveau zwei, das als Qualifikation in der Regel eine klassische duale Ausbildung vorsieht. Unter dem Strich bedeutet das, dass die Unternehmen deutlich weniger Bewerber finden. Für die Arbeitgeber im Kreis ist diese Erkenntnis nicht überraschend. „Der Fachkräftemangel hier ist recht stark", sagt Robert Falch, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Minden-Lübbecke und geschäftsführender Gesellschafter des Maschinenbauunternehmens Minda. Gerade in den sogenannten Mint-Berufen, die also mit Mathematik Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu tun habe, steige die Nachfrage nach Mitarbeitern stärker als die Studentenzahlen in den entsprechenden Fächern. Hinzu kommt, dass Ostwestfalen und auch der Mühlenkreis gewerblich-industriell geprägt sind. Regionen, die hier gut aufgestellt seien, spürten den Fachkräftemangel besonders stark, sagt Arne Potthoff, der bei der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld für volkswirtschaftliche Themen zuständig ist und sich daher auch um Arbeitsmarktfragen kümmert. Die leichte Eintrübung der Konjunktur in diesem Frühjahr verschaffe hier sogar etwas Entlastung, so Potthoff, weil der Beschäftigungsaufbau nicht mehr so dynamisch sei wie in den vergangenen Jahren. Trotzdem ist der Fachkräftemangel für 52 Prozent der ostwestfälischen Unternehmen ein Problem – wenn auch nicht mehr das größte. Der Mangel an Fachkräften ist die Kehrseite einer Entwicklung, von der besonders ungelernte Arbeitnehmer profitieren. In dieser Kategorie kamen im Kreis Minden-Lübbecke im vergangenen Jahr 5,18 Bewerber auf eine freie Stelle. Zum Vergleich: Im benachbarten Kreis Schaumburg lag der Wert bei 20. Der deutliche Unterschied liegt vor allem an dem wesentlich größeren Angebot an Arbeitsplätzen im Mindener Land. So lag in Schaumburg der Bereich Lagerwirtschaft mit 30 offenen Stellen an der Spitze, in Minden gab es in diesem Bereich, zu dem auch Post, Zustellung und Güterumschlag zählen, davon 179. Ein etwas genauerer Blick auf Angebot und Nachfrage zeigt aber auch hier deutliche Unterschiede. So liegt die Lagerwirtschaft mit 1006 auch bei den Stellengesuchen auf Platz zwei und damit weit vorne, die Quote von 5,62 Gesuchen pro offener Stelle entspricht in etwa dem Gesamtdurchschnitt. Noch mehr Bewerber gab es mit 1311 nur noch für Reinigungstätigkeiten – hier gab es aber nur 60 offene Stellen. Die Quote liegt 21,85. Noch deutlicher wird das bei einem erneuten Blick über die Landesgrenze: Hier liegt die Lagerwirtschaft bei den Gesuchen auf Platz eins, auf die genannten 30 offenen Stellen kommen aber 958 Interessenten, als fast 32 potenzielle Bewerber pro Stelle. In den vergangenen Jahren ist das Verhältnis von arbeitssuchenden Menschen pro Stelle kontinuierlich kleiner geworden. 2011 lag die Quote im Kreis Minden-Lübbecke noch bei 8,04, vier Jahre später bei 7,64 und zuletzt bei nur noch 5,45. Landesweit lag in Nordrhein-Westfalen nur noch der Kreis Höxter mit 4,79 Arbeitssuchenden pro Stelle darunter. Die Arbeitsagentur geht in ihrer Kategorisierung über den Begriff der Fachkräfte hinaus. Insgesamt unterscheidet die BA vier Gruppen, neben den Helfertätigkeiten und Fachkräften auch Spezialisten und Experten. So verfügen Spezialisten über zusätzliche Fach- oder Führungsfähigkeiten, Experten finden sich beispielsweise in Forschung und Entwicklung, Wissenschaft und Lehre. oder auch in Spitzenpositionen. In Minden-Lübbecke entspannt sich die Situation mit steigender Qualifikation leicht. So kommen bei den Spezialisten 2,03 Arbeitssuchenden auf jede offenen Stelle, auch Angebot und Nachfrage passen relativ gut. So liegt der Bereich Einkauf und Vertrieb auf beiden Seiten auf Platz eins, hier kommen 67 potenzielle Mitarbeiter auf 37 Stellen. Und während im Expertenbereich sogar 2,53 Gesuche auf jede offene Stelle kommen, zeigt sich der Mangel hier besonders: In der Erziehung und Sozialarbeit gab es im Jahresverlauf durchschnittlich 179 offenen Experten-Stellen, denen aber nur 31 Gesuche gegenüberstanden. Ein gutes Beispiel dafür, dass der bloße Blick auf die Zahlen nicht das ganze Bild zeigen kann. Für die Zukunft setzen die Unternehmen verstärkt auf die Ausbildung. Doch auch der künftige Nachwuchs will gewonnen werden. Eine gute Ausbildung und die Aussicht auf eine Übernahme im Anschluss reiche inzwischen nicht mehr aus, sagt der AGV-Vorsitzende Robert Falch. Auch darüber hinaus müssten die Unternehmen eine Perspektive geben, zum Beispiel berufsbegleitende Weiterbildungen zum Techniker oder Meister. Auch ein Bachelor-Studium ist neben der Arbeit möglich. Früher haben die Mitarbeiter dafür meist den Betrieb verlassen, heute haben die Firmen ein hohes Interesse daran, diese jungen Menschen an ihren Betrieb zu binden. „Die Zeit, dass sich Mitarbeiter bei den Unternehmen bewerben, ist vorbei", sagt Falch. heute bewerben sich die Unternehmen bei den Mitarbeiten. Die Mindener Wago-Gruppe hat dafür schon vor Jahren ein Format geschaffen: Mit dem Tag der Ausbildung wendet sich das Elektrotechnik-Unternehmen gezielt an Berufsanfänger, um über die Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. Das nächste Mal wieder am Samstag, 29.Juni. Allein am Mindener Stammsitz beschäftigt Wago fast 3.000 Mitarbeiter, in der Gruppe gibt es knapp 300 Auszubildende und duale Studenten und zwölf Ausbildungsberufen und sechs Studiengängen. Jedes Jahr werden also knapp 100 Nachwuchskräfte gesucht. Damit will Wago auch für Technik begeistern – aber auch für das Unternehmen selbst: „Dafür ist es im ersten Schritt wichtig, auf uns als interessanten Ausbildungsbetrieb aufmerksam zu machen, um genügend Bewerber zu bekommen", sagt Ausbildungsleiter Thomas Heimann. Auch die Nähe zur Fachhochschule sei wichtig: Die Praxisnähe, die das duale Studium am Campus Minden biete, komme gut bei den jungen Menschen an. Ausbildung allein werde das Problem des Fachkräftemangels nicht lösen, sagt der Leiter der Mindener IHK-Zweigstelle Karl-Ernst Hunting: „Es gibt nicht das eine Allheilmittel." Neben Aus- und Weiterbildung gehe es auch darum, Mitarbeiter länger im Unternehmen zu halten, sagt Hunting. Die abschlagsfreie Rente mit 63 sei in dieser Hinsicht kontraproduktiv gewesen. Schließlich müssten auch Studienabbrecher in Richtung einer Ausbildung beraten werden: „Den größten Fachkräftebedarf gibt es nicht bei Akademikern." Luft nach oben Kommentar von Henning Wandel Die Angst vor dem Fachkräftemangel fehlt seit Jahren in keinem Gespräch über Wirtschaftsthemen – meistens bleiben die Warnungen aber eher diffus. Die Zahl der geeigneten Bewerber nimmt zwar seit Jahren ab, trotzdem konnten die meisten Unternehmen dann doch ihre Stellen irgendwie besetzen, obwohl immer mehr Jobs geschaffen werden. Die Zahlen, die das Recherchenetzwerk Correctiv zusammengetragen hat, machen das Problem für den Mühlenkreis jetzt greifbar. Gut ausgebildete Facharbeiter sind rar, rein statistisch könnten die Firmen froh sein, wenn sie zwischen zwei Bewerbern auswählen können. Natürlich hat diese Medaille auch eine positive Seite: Die Chance auf einen Job ist für Bewerber gut – zumindest in der Theorie. Denn oft passen die offenen Stellen nicht zu den Vorstellungen der Interessenten. Je nach Branche gibt es also teils dramatische Unterschiede. Es gibt also auch Bereiche, in denen das Personalangebot schon jetzt unter dem tatsächlichen Bedarf liegt. Die eine einfache Lösung für das Problem gibt es nicht. Es ist leicht, nach zusätzlichen Ausbildungsplätzen zu rufen, aber durchaus schwer, auch diese Plätze zu füllen. Auch hier wird dass Angebot dünner. Und wenn die jungen Menschen ihren Abschluss erstmal in der Tasche haben, müssen sie längst nicht hier bleiben. Auch außerhalb des Mühlenkreises sind die Karrierechancen groß. Und wer hier zur Schule gegangen ist und einen Beruf gelernt hat, will vielleicht auch erstmal die große weite Welt entdecken. Die Unternehmen suchen schon lange nach jeder möglichen Stellschraube, um die eigene Zukunft abzusichern. Das ist nicht betriebswirtschaftlich vernünftig, sondern auch wichtig für den Standort. Der Kämmerer kann ein Lied davon singen, was passiert, wenn die Steuereinnahmen mal weniger üppig ausfallen. Und genau an dieser Schnittstelle gibt es noch deutliches Potenzial. Arbeitgeber können sich nicht an Grenzen orientieren, schon gar nicht zwischen Städten und Kreisen, aber auch nicht zwischen Bundesländern. Die Suche nach interkommunalen Gewerbegebieten kann deshalb nur ein erster Schritt sein. Wer den Standort Minden sichern will, muss auch die Nachbarstädte stärken. Mehr Zusammenarbeit und weniger bürokratische Instanzen – da ist noch Luft nach oben.