Minden

Hilfsstellen finden fast keine Wohnungen für junge Obdachlose in Minden

Kerstin Rickert

Die Beratungsstelle „Wohin“ kann das Problem allein nicht bewältigen. Foto: Kerstin Rickert - © Kerstin Rickert
Die Beratungsstelle „Wohin“ kann das Problem allein nicht bewältigen. Foto: Kerstin Rickert (© Kerstin Rickert)

Minden (kr). Elke Entgelmeiers Worte sind klar, aber dramatisch: Die Wohnungslosenhilfe allein schafft es nicht, allen obdachlosen Jugendlichen in Minden ein Dach über dem Kopf zu verschaffen. Kurz und bündig machte sie das zusammen mit ihrer Kollegin Ute Pietschmann-Arendt den Mitgliedern des des Sozialausschusses in dessen jüngster Sitzung klar.

„Im Zeitraum von November bis März sind 53 junge Menschen bei der Fachstelle „Wohin“ vorstellig geworden, 39 Hilfesuchende ohne Wohnraum kamen zu uns ins Rudolf-Winzer-Haus“, berichtete Entgelmeier. Lediglich drei der 39 jungen Wohnungslosen hätten in stationären und ambulanten Einrichtungen untergebracht werden können. „Die Problematik ist von der Wohnungslosenhilfe nicht mehr zu bewältigen“, sagte sie ganz deutlich.

Vor ziemlich genau einem Jahr hatte sie deshalb einen „Handlungsfahrplan Junge Wohnungslose“ mitinitiiert und erste Gespräche mit Sozial- und Jugendämtern geführt. „Es zeigte sich, dass im Rudolf-Winzer-Haus und bei der Fachstelle „Wohin“ Hilfesuchende auftauchten, bei den Jugendämtern allerdings kaum.“

Inzwischen hat sich die Lage noch verschärft: Im letzten Winter haben sich acht junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren offiziell obdachlos gemeldet, nannte Peter Schwarze, stellvertretender Bereichsleiter Soziales bei der Stadt Minden, konkrete Zahlen. Zum einen fehle es an geeignetem Wohnraum, zum anderen sei gerade für diese jungen Menschen aus meist schwierigen familiären Verhältnissen „eine Menge fachlicher Unterstützung nötig“, so Entgelmeier.

Bei einer Infoveranstaltung zum Wohnungsmarkt-Recherche-Projekt „Wem gehört Minden“ hatten Nicola von der Ahe (Ambulant betreutes Wohnen, Hexenhaus Espelkamp) und Elke Entgelmeier (Wohnungslosenhilfe, Diakonie Stiftung Salem) Anfang März von mehr als 50 jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren berichtet, die in den vergangenen Wintermonaten in Minden obdachlos waren. Allerdings: Es waren offenbar noch viel mehr junge Menschen ohne Dach über dem Kopf in der Stadt.

Besondere Schwierigkeiten tun sich offenbar auf, wenn es um Hilfen für 18- bis 21-Jährige geht, wie Pietschmann-Arendt berichtete. Zuständig seien dann in der Regel zunächst noch die Jugendämter. Um tätig werden zu können stelle die Fachstelle einen Antrag bei ihrem Träger LWL, parallel beim Jugendamt. Das Problem: „Das Jugendamt muss schriftlich ablehnen und der Betroffene muss schriftlich Widerspruch einlegen.“ Das sei eine Hürde, die für diese jungen Menschen in ihrer verzweifelten Situation ohne Unterstützung kaum zu bewältigen sei. „Wer zu uns kommt, hat schon einiges hinter sich“, verdeutlichte Pietschmann-Arendt, dass die Fachstelle für viele oft einer der letzte Auswege ist.

Ihrer und Elke Entgelmeiers Einschätzung nach dürfte die tatsächliche Zahl der wohnungslosen jungen Menschen in Minden noch viel höher liegen. Ein Kollege von ihr komme aus der Jugendhilfe und sei in der Szene sehr bekannt, sagt Entgelmeier. „Er wird häufig angesprochen und hält die Dunkelziffer für nicht unbeachtlich.“ Umso dringender sei der Handlungsbedarf. Die Jugendhilfe stelle hohe Ansprüche an die Mitarbeit der Betroffenen, die Wohnungslosenhilfe setze da niedriger an. „18- bis 21-Jährige brauchen zudem etwas Anderes, als die Eingliederung vorsieht“, so Entgelmeier. „Andere Kommunen haben das Problem auch und Antworten und Lösungen gefunden“, sagt sie und führt ein Bespiel an. „Herford hat 2006 reagiert und eine Clearingeinrichtung ins Leben gerufen, um junge Menschen wieder aufzufangen.“ Auf dem freien Wohnungsmarkt hätten sie oft keine Chancen. „Die Wohnungsbaugesellschaften nehmen häufig gar keine Mieter unter 25“, so die Erfahrung von Ute Pietschmann-Arendt. „Kommen noch Schulden hinzu, ist der Ofen aus.“

Neben den Schwierigkeiten, überhaupt eine Wohnung zu finden, sieht Achim Hermening, Bereichsleiter Soziales, auch noch ein anderes Problem: „Es muss bei diesen jungen Menschen die Wohnfähigkeit wieder hergestellt werden.“ So sei es etwa in den städtischen Obdachlosenunterkünften in der Bruchstraße schon zu Schwierigkeiten mit problematischen Personen gekommen, „die innerhalb von drei Tagen eine renovierte Wohnung komplett zerstört haben“. Einen Vermieter zu finden, der ein solches Risiko eingehe, sei schwierig. Das Problem junger Wohnungsloser könne nur gemeinsam gelöst werden.

Wie eine solche Lösung aussehen kann, soll laut Doris Steinmann, Vorsitzende des Sozialausschusses, nun weiter auf verscheiden Ebenen thematisiert werden. Auch der Jugendhilfeausschuss befasse sich schon länger damit, sich mehr um junge Erwachsene zu kümmern.

Wem gehört Minden?

Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und berichten auch über interessante Beispiele berichten.

Unter wem-gehoert-minden.de kann noch bis Ende Juni jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen.

Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org).

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Vor ziemlich genau einem Jahr hatte sie deshalb einen „Handlungsfahrplan Junge Wohnungslose“ mitinitiiert und erste Gespräche mit Sozial- und Jugendämtern geführt. „Es zeigte sich, dass im Rudolf-Winzer-Haus und bei der Fachstelle „Wohin“ Hilfesuchende auftauchten, bei den Jugendämtern allerdings kaum.“ Inzwischen hat sich die Lage noch verschärft: Im letzten Winter haben sich acht junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren offiziell obdachlos gemeldet, nannte Peter Schwarze, stellvertretender Bereichsleiter Soziales bei der Stadt Minden, konkrete Zahlen. Zum einen fehle es an geeignetem Wohnraum, zum anderen sei gerade für diese jungen Menschen aus meist schwierigen familiären Verhältnissen „eine Menge fachlicher Unterstützung nötig“, so Entgelmeier. Bei einer Infoveranstaltung zum Wohnungsmarkt-Recherche-Projekt „Wem gehört Minden“ hatten Nicola von der Ahe (Ambulant betreutes Wohnen, Hexenhaus Espelkamp) und Elke Entgelmeier (Wohnungslosenhilfe, Diakonie Stiftung Salem) Anfang März von mehr als 50 jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren berichtet, die in den vergangenen Wintermonaten in Minden obdachlos waren. Allerdings: Es waren offenbar noch viel mehr junge Menschen ohne Dach über dem Kopf in der Stadt. Besondere Schwierigkeiten tun sich offenbar auf, wenn es um Hilfen für 18- bis 21-Jährige geht, wie Pietschmann-Arendt berichtete. Zuständig seien dann in der Regel zunächst noch die Jugendämter. Um tätig werden zu können stelle die Fachstelle einen Antrag bei ihrem Träger LWL, parallel beim Jugendamt. Das Problem: „Das Jugendamt muss schriftlich ablehnen und der Betroffene muss schriftlich Widerspruch einlegen.“ Das sei eine Hürde, die für diese jungen Menschen in ihrer verzweifelten Situation ohne Unterstützung kaum zu bewältigen sei. „Wer zu uns kommt, hat schon einiges hinter sich“, verdeutlichte Pietschmann-Arendt, dass die Fachstelle für viele oft einer der letzte Auswege ist. Ihrer und Elke Entgelmeiers Einschätzung nach dürfte die tatsächliche Zahl der wohnungslosen jungen Menschen in Minden noch viel höher liegen. Ein Kollege von ihr komme aus der Jugendhilfe und sei in der Szene sehr bekannt, sagt Entgelmeier. „Er wird häufig angesprochen und hält die Dunkelziffer für nicht unbeachtlich.“ Umso dringender sei der Handlungsbedarf. Die Jugendhilfe stelle hohe Ansprüche an die Mitarbeit der Betroffenen, die Wohnungslosenhilfe setze da niedriger an. „18- bis 21-Jährige brauchen zudem etwas Anderes, als die Eingliederung vorsieht“, so Entgelmeier. „Andere Kommunen haben das Problem auch und Antworten und Lösungen gefunden“, sagt sie und führt ein Bespiel an. „Herford hat 2006 reagiert und eine Clearingeinrichtung ins Leben gerufen, um junge Menschen wieder aufzufangen.“ Auf dem freien Wohnungsmarkt hätten sie oft keine Chancen. „Die Wohnungsbaugesellschaften nehmen häufig gar keine Mieter unter 25“, so die Erfahrung von Ute Pietschmann-Arendt. „Kommen noch Schulden hinzu, ist der Ofen aus.“ Neben den Schwierigkeiten, überhaupt eine Wohnung zu finden, sieht Achim Hermening, Bereichsleiter Soziales, auch noch ein anderes Problem: „Es muss bei diesen jungen Menschen die Wohnfähigkeit wieder hergestellt werden.“ So sei es etwa in den städtischen Obdachlosenunterkünften in der Bruchstraße schon zu Schwierigkeiten mit problematischen Personen gekommen, „die innerhalb von drei Tagen eine renovierte Wohnung komplett zerstört haben“. Einen Vermieter zu finden, der ein solches Risiko eingehe, sei schwierig. Das Problem junger Wohnungsloser könne nur gemeinsam gelöst werden. Wie eine solche Lösung aussehen kann, soll laut Doris Steinmann, Vorsitzende des Sozialausschusses, nun weiter auf verscheiden Ebenen thematisiert werden. Auch der Jugendhilfeausschuss befasse sich schon länger damit, sich mehr um junge Erwachsene zu kümmern. Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und berichten auch über interessante Beispiele berichten. Unter wem-gehoert-minden.de kann noch bis Ende Juni jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen. Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org). wem-gehoert-minden.de