Minden

Warum am Dämmen kein Weg vorbei führt

Jan Henning Rogge

Wie dick ist die Wand? Lassen sich die Zwischenräume dämmen oder nicht? Diplomingenieurin Barbara Brendel rückt dem alten Haus mit Zollstock und Fachwissen zu Leibe. MT- - © Foto: Jan Henning Rogge
Wie dick ist die Wand? Lassen sich die Zwischenräume dämmen oder nicht? Diplomingenieurin Barbara Brendel rückt dem alten Haus mit Zollstock und Fachwissen zu Leibe. MT- (© Foto: Jan Henning Rogge)

Minden (mt). Im hinteren Winkel des Daches wird Barbara Brendel fündig. „Hier kann man die Dämmung fühlen", sagt sie. Es ist die einzige Lücke zwischen den sonst fast überall verputzten sogenannten Sauerkrautplatten, mit denen der Dachstuhl von innen seit fast 70 Jahren verkleidet ist. Die Energieberaterin ist im Auftrag der Verbraucherberatung hier. Der Hausbesitzer hat eine Energie- und zusätzlich eine Solarberatung gebucht. Das alte Haus wird auf Herz und Nieren geprüft, vom Keller bis zum Dach. Wo gibt es Energiespar-Potenzial, wo kann mit kleinem Aufwand viel erreicht werden – und wo bedarf es aufwendigerer Maßnahmen? 60 Euro kostet eine solche rund 90-minütige unabhängige Beratung, das Land fördert sie mit mehr als dem doppelten Betrag. Die Hausbesitzer erhalten in diesem Fall eine Einschätzung, ob und wenn ja welche Energiesparmaßnahmen Sinn machen. „Uns ist eine neutrale Beratung besonders wichtig – ohne dass uns jemand etwas verkaufen will", sagt der Familienvater, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Die Bestandsaufnahme

Barbara Brendel geht systematisch vor. Zunächst erhebt sie die Daten – und das ist bei einem älteren Gebäude wie diesem nicht so einfach. Das Haus wurde in den 50er-Jahren auf dem ehemaligen Nebengebäude eines Handwerksbetriebes von 1903 gebaut. Während die alten Mauern gut 50 Zentimeter dick sind, sind die neueren Wände deutlich dünner. Vor etwa 16 Jahren dämmte der Vorbesitzer das Dach und die Kellerdecke und baute einen nach damaligem Standard perfekt gedämmten Anbau an die Seite. Doch wie genau und wie stark wo gedämmt wurde – das war bislang unklar.

Die verschiedenen Bauepochen und Wandstärken notiert sich Barbara Brendel genau. Mit dem Zollstock misst sie die Wandstärken, stellt jede Menge Fragen. Bis wohin geht die alte, dicke Wand? Wie ist das Dach gedämmt? Was für Fenster sind verbaut? Auf viele, aber nicht auf jede Frage weiß der Familienvater eine Antwort. Dann versucht die Diplom-Ingenieurin der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Die Informationen des Eigentümers, die sichtbaren Schwachstellen, Messergebnisse und insbesondere die große Erfahrung ergeben ein Resultat. Zum Beispiel auf dem ausgebauten Dachboden. Die heute noch gebräuchlichen mit Beton versetzten Holzwolleplatten – auch Sauerkrautplatten genannt – sind hier größtenteils verputzt worden. Nur an einer Stelle, in einer kleinen Abstellkammer, fehlt ein Stück der Platte – darüber liegt die Dämmung. Zehn Zentimeter misst Barbara Brendel, sie geht davon aus, dass die Wärmedämmung von außen eingebaut wurde, als vor 15 Jahren das Dach neu gedeckt wurde.

Im Keller kommt die etwa ebenso alte Ölheizung auf den Prüfstand. Die Familie hat zudem einen Ofen mit Wassertasche einbauen lassen, der die Heizanlage regulär unterstützt und zumindest in der Übergangszeit das Haus alleine wärmt. „Uns war es wichtig, möglichst wenig klimaschädliche Energie zu verbrauchen. Die Heizung auszutauschen wäre aber nicht wirtschaftlich gewesen, deswegen haben wir uns dafür entschieden, um zumindest einen Teil der Heizenergie mit nachwachsenden Rohstoffen zu decken", sagt der Hausbesitzer – und ergänzt: „Nicht zuletzt deswegen machen wir ja auch diese Beratung." Für die Berechnung benötigt die Energieberaterin dann noch den Öl- und Holzverbrauch. Schon jetzt steht fest: Das alte Haus ist zwar kein Niedrigenergiehaus, steht aber gar nicht so schlecht da – oder wie die Expertin es formuliert: „Die Qualität der Gebäudehülle hätte einen höheren Verbrauch erwarten lassen."

Die Einschätzung

Schließlich geht es ans Eingemachte: Erste Ratschläge hat Barbara Brendel gleich parat, später wird die Familie auch noch ausführliche Unterlagen zur Beratung per Post bekommen. Dabei unterscheidet die Energieberaterin zwischen Maßnahmen, die zum Teil sofort und ohne großen finanziellen Aufwand umzusetzen sind, sowie mittelfristigen und langfristigen. Empfehlungen. Zu den kurzfristig umsetzbaren Dingen gehört zum Beispiel das Dämmen der ältesten Mauerstücke: Der zweischalige Aufbau erlaubt es, den Hohlraum im Inneren mit Dämmmaterial zu füllen – eine verhältnismäßig günstige Maßnahme. Für die Außenmauer empfiehlt sie eine Dämmung mit einem Wärmedämmverbundsystem. Da die Familie aus ökologischen Gründen keinesfalls mit Styropor arbeiten will, rät sie zu Alternativmaterialien wie Mineralwolle oder besser einer auf Naturfasern basierenden Dämmung.

Finanziell würde sich die Maßnahme derzeit für diese Familie kaum lohnen, da die Energieeinsparung zu gering ist. Ist aber zum Beispiel ein neuer Anstrich des Hauses geplant, rechnet sich die Dämmung wieder, weil Kosten für Gerüst und Malerarbeiten dann nicht doppelt anfallen, erklärt die Beraterin. Zudem gebe es Fördergelder der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Spätestens wenn die Ölheizung das Zeitliche segnen sollte und ein anderes Heizsystem her muss, spielt die Isolierung eine größere Rolle: „Wenn Sie hier mit einer Wärmepumpe effektiv arbeiten wollen, geht das sinnvoll nur, wenn das Haus gut gedämmt ist", sagt Barbara Brendel. Und außerdem wäre es eine Investition in die Zukunft: „Wenn Sie etwas fürs Klima tun wollen, führt am Dämmen kein Weg vorbei!"

Außerdem gibt es Tipps zu kleinen Verbesserungen. Dazu gehört die Option, einzelne Wände von innen zu dämmen und den Raum, in dem die Wäsche zum Trocken aufgehängt wird, mit einer Lüftung zu versehen. Ebenfalls weit oben auf der Liste: eine vorhandene Dachgaube dämmen und die alten Dachflächenfenster austauschen. „Es gibt für jedes Haus eine individuelle Lösung, da stets sehr unterschiedliche Voraussetzungen vom Gebäude, den zwischenzeitlichen Um- oder Einbauten oder auch sowieso angedachten Maßnahmen gegeben sind." Der Weg zum energieeffizienteren Haus ist gar nicht so weit – und nun gibt es einen Fahrplan.

Die Solarberatung

Die Solarberatung gehört nicht zum normalen Energieberatungs-Paket und muss extra gebucht werden. Da sie derzeit vom Land NRW noch stärker gefördert wird, kostet sie vorübergehend 30 statt 60 Euro. Um zu errechnen, welche Kapazität es auf dem Hausdach gibt, berechnet Barbara Brendel die zur Verfügung stehende Dachfläche, die Ausrichtung und die Dachneigung. Fenster, die Lage des Schornsteins sowie Verschattungen von umliegenden Gebäuden oder Bäumen kalkuliert sie ebenfalls ein.

Obwohl die Dachflächen im konkreten Fall nach Osten und Westen geneigt sind, könnten auf dem Einfamilienhaus Solarmodule mit einer Spitzenleistung von rund 8,5 Kilowatt (Kilowatt peak) installiert werden. Da die Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz für ins öffentliche Stromnetz eingespeisten Strom jedoch deutlich gesunken ist und weiter sinkt, ist für die Familie der Eigenverbrauch relevant. Dabei ist auch wichtig, wann große Verbraucher wie zum Beispiel die Waschmaschine benutzt werden und was die Kilowattstunde beim gewählten Stromanbieter kostet.

Im Fall der Familie ist der Stromverbrauch verhältnismäßig gering: Dank des Einsatzes von LED-Birnen im gesamten Haus, dem Abschalten von Standby-Geräten und energiesparender Elektrogeräte liegt der Verbrauch bei 2400 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr – zu wenig, um eine Solaranlage rentabel über den Eigenverbrauch zu refinanzieren. Ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt in einem Einfamilienhaus verbraucht laut Stromspiegel rund 4000 kWh pro Jahr. Eine Photovoltaikanlage würde sich also auch über eine Laufzeit von 20 Jahren nicht rentieren. Da die Familie Ökostrom bezieht, ist auch die CO2-Vermeidung kein Argument.

Angesichts des niedrigen Verbrauchs ist Barbara Brendel nicht überrascht, dass sich die Anlage nicht rechnet. „Wenn sie aber in ein paar Jahren doch eine Wärmepumpe einbauen, sieht das schon wieder ganz anders aus: Dann können sie mehr vom selbst erzeugten Strom verbrauchen." Und dann ist da ja auch noch der Faktor Zeit: Vielleicht werden Solaranlagen noch günstiger, vielleicht schafft aber auch der Staat neue Anreize, in eine Anlage zu investieren. (jhr)

Energiewende? Ja, bitte!

Kommentar von Jan Henning Rogge

Wer heute ein Haus energetisch saniert, tut etwas für die Umwelt – und zahlt oft drauf. Mit der stetig sinkenden Einspeisevergütung für Solaranlagen lohnt es sich für Privatpersonen zudem immer seltener, in eine Solaranlage zu investieren. Und doch: Es sollte ein gesellschaftliches Anliegen sein, so viele Hausbesitzer wie möglich dazu zu bringen, Ressourcen und damit CO2 einzusparen und eigenen Strom zu erzeugen.

Viele Gründe sprechen für einen weiteren Ausbau gerade der Solarenergie: Wer Strom vor Ort erzeugt, muss ihn nicht über Hunderte Kilometer transportieren. Die auf viele Schultern verteilte dezentrale Stromversorgung könnte den Ausbau gigantischer Stromautobahnen überflüssig machen, das belegen zum Beispiel Forscher des Fraunhofer-Instituts. Und die Energie, die vor Ort eingespart wird, muss auch nicht transportiert werden.

Eine in mehreren Ländern wie der Schweiz, Schweden und Großbritannien erprobte Methode, das Energiesparen zu unterstützen und gleichzeitig Mittel für den Ausbau regenerativer Energie oder Energiesparmaßnahmen bereitzustellen, ist die CO2-Steuer. Mit ihr können Investitionen in den Klimaschutz gefördert werden, ohne die Bevölkerung zusätzlich zu belasten. Denn zahlen müssen die, die Energie verschwenden –- nicht die, die sie sparen. Ein solches Umlenken der Gelder fordern inzwischen nicht nur Ökonomen, sondern auch Politiker von SPD, Linke und Grünen, ebenso Teile der FDP und der CDU. In Sicht ist das Umsteuern aber nicht, was hauptsächlich am Widerstand konservativer Kreise von CDU und CSU liegt.

Wenn es uns ernst ist mit Klimazielen und Energiewende, ist es an der Zeit, dass sich etwas bewegt. Es ist Zeit, die Politik dazu zu bringen, zu handeln.

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MindenWarum am Dämmen kein Weg vorbei führtJan Henning RoggeMinden (mt). Im hinteren Winkel des Daches wird Barbara Brendel fündig. „Hier kann man die Dämmung fühlen", sagt sie. Es ist die einzige Lücke zwischen den sonst fast überall verputzten sogenannten Sauerkrautplatten, mit denen der Dachstuhl von innen seit fast 70 Jahren verkleidet ist. Die Energieberaterin ist im Auftrag der Verbraucherberatung hier. Der Hausbesitzer hat eine Energie- und zusätzlich eine Solarberatung gebucht. Das alte Haus wird auf Herz und Nieren geprüft, vom Keller bis zum Dach. Wo gibt es Energiespar-Potenzial, wo kann mit kleinem Aufwand viel erreicht werden – und wo bedarf es aufwendigerer Maßnahmen? 60 Euro kostet eine solche rund 90-minütige unabhängige Beratung, das Land fördert sie mit mehr als dem doppelten Betrag. Die Hausbesitzer erhalten in diesem Fall eine Einschätzung, ob und wenn ja welche Energiesparmaßnahmen Sinn machen. „Uns ist eine neutrale Beratung besonders wichtig – ohne dass uns jemand etwas verkaufen will", sagt der Familienvater, der nicht namentlich genannt werden möchte. Die Bestandsaufnahme Barbara Brendel geht systematisch vor. Zunächst erhebt sie die Daten – und das ist bei einem älteren Gebäude wie diesem nicht so einfach. Das Haus wurde in den 50er-Jahren auf dem ehemaligen Nebengebäude eines Handwerksbetriebes von 1903 gebaut. Während die alten Mauern gut 50 Zentimeter dick sind, sind die neueren Wände deutlich dünner. Vor etwa 16 Jahren dämmte der Vorbesitzer das Dach und die Kellerdecke und baute einen nach damaligem Standard perfekt gedämmten Anbau an die Seite. Doch wie genau und wie stark wo gedämmt wurde – das war bislang unklar. Die verschiedenen Bauepochen und Wandstärken notiert sich Barbara Brendel genau. Mit dem Zollstock misst sie die Wandstärken, stellt jede Menge Fragen. Bis wohin geht die alte, dicke Wand? Wie ist das Dach gedämmt? Was für Fenster sind verbaut? Auf viele, aber nicht auf jede Frage weiß der Familienvater eine Antwort. Dann versucht die Diplom-Ingenieurin der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Die Informationen des Eigentümers, die sichtbaren Schwachstellen, Messergebnisse und insbesondere die große Erfahrung ergeben ein Resultat. Zum Beispiel auf dem ausgebauten Dachboden. Die heute noch gebräuchlichen mit Beton versetzten Holzwolleplatten – auch Sauerkrautplatten genannt – sind hier größtenteils verputzt worden. Nur an einer Stelle, in einer kleinen Abstellkammer, fehlt ein Stück der Platte – darüber liegt die Dämmung. Zehn Zentimeter misst Barbara Brendel, sie geht davon aus, dass die Wärmedämmung von außen eingebaut wurde, als vor 15 Jahren das Dach neu gedeckt wurde. Im Keller kommt die etwa ebenso alte Ölheizung auf den Prüfstand. Die Familie hat zudem einen Ofen mit Wassertasche einbauen lassen, der die Heizanlage regulär unterstützt und zumindest in der Übergangszeit das Haus alleine wärmt. „Uns war es wichtig, möglichst wenig klimaschädliche Energie zu verbrauchen. Die Heizung auszutauschen wäre aber nicht wirtschaftlich gewesen, deswegen haben wir uns dafür entschieden, um zumindest einen Teil der Heizenergie mit nachwachsenden Rohstoffen zu decken", sagt der Hausbesitzer – und ergänzt: „Nicht zuletzt deswegen machen wir ja auch diese Beratung." Für die Berechnung benötigt die Energieberaterin dann noch den Öl- und Holzverbrauch. Schon jetzt steht fest: Das alte Haus ist zwar kein Niedrigenergiehaus, steht aber gar nicht so schlecht da – oder wie die Expertin es formuliert: „Die Qualität der Gebäudehülle hätte einen höheren Verbrauch erwarten lassen." Die Einschätzung Schließlich geht es ans Eingemachte: Erste Ratschläge hat Barbara Brendel gleich parat, später wird die Familie auch noch ausführliche Unterlagen zur Beratung per Post bekommen. Dabei unterscheidet die Energieberaterin zwischen Maßnahmen, die zum Teil sofort und ohne großen finanziellen Aufwand umzusetzen sind, sowie mittelfristigen und langfristigen. Empfehlungen. Zu den kurzfristig umsetzbaren Dingen gehört zum Beispiel das Dämmen der ältesten Mauerstücke: Der zweischalige Aufbau erlaubt es, den Hohlraum im Inneren mit Dämmmaterial zu füllen – eine verhältnismäßig günstige Maßnahme. Für die Außenmauer empfiehlt sie eine Dämmung mit einem Wärmedämmverbundsystem. Da die Familie aus ökologischen Gründen keinesfalls mit Styropor arbeiten will, rät sie zu Alternativmaterialien wie Mineralwolle oder besser einer auf Naturfasern basierenden Dämmung. Finanziell würde sich die Maßnahme derzeit für diese Familie kaum lohnen, da die Energieeinsparung zu gering ist. Ist aber zum Beispiel ein neuer Anstrich des Hauses geplant, rechnet sich die Dämmung wieder, weil Kosten für Gerüst und Malerarbeiten dann nicht doppelt anfallen, erklärt die Beraterin. Zudem gebe es Fördergelder der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Spätestens wenn die Ölheizung das Zeitliche segnen sollte und ein anderes Heizsystem her muss, spielt die Isolierung eine größere Rolle: „Wenn Sie hier mit einer Wärmepumpe effektiv arbeiten wollen, geht das sinnvoll nur, wenn das Haus gut gedämmt ist", sagt Barbara Brendel. Und außerdem wäre es eine Investition in die Zukunft: „Wenn Sie etwas fürs Klima tun wollen, führt am Dämmen kein Weg vorbei!" Außerdem gibt es Tipps zu kleinen Verbesserungen. Dazu gehört die Option, einzelne Wände von innen zu dämmen und den Raum, in dem die Wäsche zum Trocken aufgehängt wird, mit einer Lüftung zu versehen. Ebenfalls weit oben auf der Liste: eine vorhandene Dachgaube dämmen und die alten Dachflächenfenster austauschen. „Es gibt für jedes Haus eine individuelle Lösung, da stets sehr unterschiedliche Voraussetzungen vom Gebäude, den zwischenzeitlichen Um- oder Einbauten oder auch sowieso angedachten Maßnahmen gegeben sind." Der Weg zum energieeffizienteren Haus ist gar nicht so weit – und nun gibt es einen Fahrplan. Die Solarberatung Die Solarberatung gehört nicht zum normalen Energieberatungs-Paket und muss extra gebucht werden. Da sie derzeit vom Land NRW noch stärker gefördert wird, kostet sie vorübergehend 30 statt 60 Euro. Um zu errechnen, welche Kapazität es auf dem Hausdach gibt, berechnet Barbara Brendel die zur Verfügung stehende Dachfläche, die Ausrichtung und die Dachneigung. Fenster, die Lage des Schornsteins sowie Verschattungen von umliegenden Gebäuden oder Bäumen kalkuliert sie ebenfalls ein. Obwohl die Dachflächen im konkreten Fall nach Osten und Westen geneigt sind, könnten auf dem Einfamilienhaus Solarmodule mit einer Spitzenleistung von rund 8,5 Kilowatt (Kilowatt peak) installiert werden. Da die Förderung über das Erneuerbare-Energien-Gesetz für ins öffentliche Stromnetz eingespeisten Strom jedoch deutlich gesunken ist und weiter sinkt, ist für die Familie der Eigenverbrauch relevant. Dabei ist auch wichtig, wann große Verbraucher wie zum Beispiel die Waschmaschine benutzt werden und was die Kilowattstunde beim gewählten Stromanbieter kostet. Im Fall der Familie ist der Stromverbrauch verhältnismäßig gering: Dank des Einsatzes von LED-Birnen im gesamten Haus, dem Abschalten von Standby-Geräten und energiesparender Elektrogeräte liegt der Verbrauch bei 2400 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr – zu wenig, um eine Solaranlage rentabel über den Eigenverbrauch zu refinanzieren. Ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt in einem Einfamilienhaus verbraucht laut Stromspiegel rund 4000 kWh pro Jahr. Eine Photovoltaikanlage würde sich also auch über eine Laufzeit von 20 Jahren nicht rentieren. Da die Familie Ökostrom bezieht, ist auch die CO2-Vermeidung kein Argument. Angesichts des niedrigen Verbrauchs ist Barbara Brendel nicht überrascht, dass sich die Anlage nicht rechnet. „Wenn sie aber in ein paar Jahren doch eine Wärmepumpe einbauen, sieht das schon wieder ganz anders aus: Dann können sie mehr vom selbst erzeugten Strom verbrauchen." Und dann ist da ja auch noch der Faktor Zeit: Vielleicht werden Solaranlagen noch günstiger, vielleicht schafft aber auch der Staat neue Anreize, in eine Anlage zu investieren. (jhr) Energiewende? Ja, bitte! Kommentar von Jan Henning Rogge Wer heute ein Haus energetisch saniert, tut etwas für die Umwelt – und zahlt oft drauf. Mit der stetig sinkenden Einspeisevergütung für Solaranlagen lohnt es sich für Privatpersonen zudem immer seltener, in eine Solaranlage zu investieren. Und doch: Es sollte ein gesellschaftliches Anliegen sein, so viele Hausbesitzer wie möglich dazu zu bringen, Ressourcen und damit CO2 einzusparen und eigenen Strom zu erzeugen. Viele Gründe sprechen für einen weiteren Ausbau gerade der Solarenergie: Wer Strom vor Ort erzeugt, muss ihn nicht über Hunderte Kilometer transportieren. Die auf viele Schultern verteilte dezentrale Stromversorgung könnte den Ausbau gigantischer Stromautobahnen überflüssig machen, das belegen zum Beispiel Forscher des Fraunhofer-Instituts. Und die Energie, die vor Ort eingespart wird, muss auch nicht transportiert werden. Eine in mehreren Ländern wie der Schweiz, Schweden und Großbritannien erprobte Methode, das Energiesparen zu unterstützen und gleichzeitig Mittel für den Ausbau regenerativer Energie oder Energiesparmaßnahmen bereitzustellen, ist die CO2-Steuer. Mit ihr können Investitionen in den Klimaschutz gefördert werden, ohne die Bevölkerung zusätzlich zu belasten. Denn zahlen müssen die, die Energie verschwenden –- nicht die, die sie sparen. Ein solches Umlenken der Gelder fordern inzwischen nicht nur Ökonomen, sondern auch Politiker von SPD, Linke und Grünen, ebenso Teile der FDP und der CDU. In Sicht ist das Umsteuern aber nicht, was hauptsächlich am Widerstand konservativer Kreise von CDU und CSU liegt. Wenn es uns ernst ist mit Klimazielen und Energiewende, ist es an der Zeit, dass sich etwas bewegt. Es ist Zeit, die Politik dazu zu bringen, zu handeln.