Minden

MT-Interview mit Daniel Westermann von der DLRG Minden: „Ertrinkende winken nicht mit den Armen“

Nadine Schwan

Wer eine Person im Wasser retten will, sollte einen Rettungsring werfen. Selbst ins Wasser springen ist gefährlich. Foto: Ralf Hirschberger/dpa - © Ralf Hirschberger
Wer eine Person im Wasser retten will, sollte einen Rettungsring werfen. Selbst ins Wasser springen ist gefährlich. Foto: Ralf Hirschberger/dpa (© Ralf Hirschberger)
Daniel Westermann, Geschäftsführer von der DRLG Minden. - © Foto: bp
Daniel Westermann, Geschäftsführer von der DRLG Minden. (© Foto: bp)

Minden (mt). Das Schwimmen in der Weser ist nicht verboten, aber hochgefährlich. Im MT-Interview erklärt Daniel Westermann, Geschäftsführer der DLRG Minden, was im Notfall zu tun ist und warum die Rettungskräfte den Vermissten nicht finden.

Wie gefährlich ist es, in der Weser schwimmen zu gehen?

Die Weser ist ein Fließgewässer. Hierdurch entstehen je nach Bereich Gebiete mit stärkerer und weniger starker Strömung. Gefahren entstehen vor allem durch Buhnen und Hindernisse im Wasser wie zum Beispiel Steine, Sandbänke, Untiefen oder die Schiffmühle. Auch Veränderungen des Pegels – zum Beispiel Hochwasser – oder auch die Schifffahrt sind gefährlich. Hinzu kommt, dass einige Menschen ihre eigenen Kräfte überschätzen, Alkohol im Blut haben oder Kreislaufprobleme durch zu große Temperaturunterschiede bekommen. Da auch geübte Schwimmer beim Schwimmen gegen die Strömung schnell ermüden, sollte man sich nur in Strömungsrichtung fortbewegen, auch wenn dies der längere Weg zum Ufer ist. Die Weser ist auch nicht mit einem bewachten Badebereich zu vergleichen, hier kann viel schneller Hilfe geleistet werden.

Was sollte man tun, wenn jemand im Wasser ist und Hilfe braucht?

Sofort einen Notruf absetzen, damit die Rettungskette anlaufen kann. Unbedingt den Eigenschutz beachten – im schlimmsten Fall benötigen sonst zwei Personen Hilfe. Dem ermüdeten Schwimmer sollte man stattdessen einen schwimmfähigen Gegenstand zuwerfen, zum Beispiel einen Rettungsring. Wichtig ist: Die eigene Sicherheit geht vor Hilfeleistung!

Woran erkenne ich, dass jemand im Wasser zu ertrinken droht?

Die meisten Menschen können nur für kurze Zeit die Luft anhalten. Der Körper wird jetzt nur noch über Reflexe gesteuert, es kommt zu einem reflexartigen Einatmen. Dabei gelangt Wasser in die Lungen, was zu Krämpfen und Bewusstlosigkeit und schließlich zum Tod führen kann. Kleinkinder zeigen beim Ertrinkungsunfall in der Regel kein Abwehrverhalten, allenfalls gleicht das Bewegungsmuster einem Spielverhalten. Sie winken nicht mit den Armen und schreien nicht um Hilfe, da sie instinktiv Wassereintritt in den Mund-Rachenraum vermeiden wollen. Auch bei Erwachsenen kann deshalb das Abwehrverhalten ohne Hilferuf und Armzeichen ablaufen. Er benutzt die Arme, um den Kopf über Wasser zu halten, dadurch ist kontrolliertes Schwimmen kaum noch möglich. In einem solchen Fall kann man sich rund 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche halten, bevor man untergeht.

Warum finden die Rettungskräfte den vermissten Jugendlichen nicht?

Anders als in einem stehenden Gewässer ist die Suche in einem Fluss sehr komplex. Insbesondere durch die Strömung und Hindernisse ist es sehr schwer. Da ein Ertrunkener bereits nach kurzer Zeit unter der Wasseroberfläche treibt, ist ein Finden oft nur mit Hilfsmittel wie Booten, Sonargerät, Tauchern und Rettungshunden möglich.

Badetote 2018

2018 sind in Deutschland laut Angaben der DLRG mindestens 504 Menschen ertrunken. Das sind 100 mehr als im Vorjahr. Mit 435 Personen (86 Prozent) verlor ein Großteil der Opfer in Flüssen, Bächen, Seen und Kanälen das Leben.

Den Anstieg um fast 20 Prozent mit dem heißen Sommer zu erklären, sei zu einfach, sagte DLRG-Präsident Achim Haag. Es könnten leider nicht alle Menschen schwimmen, viele überschätzten sich oder unterschätzten die Gefahren.

407 der Badetote waren männlich, 92 weiblich. Bei den übrigen Fällen konnte die DLRG das Geschlecht nicht klären. „Ertrinken scheint ein männliches Problem zu sein", so Wiese.

2017 ertranken in NRW 55 Menschen, 2018 waren es 63. In Minden kommen solche Einsätze zum Glück selten vor, so Daniel Westermann von der DLRG Minden.

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