Minden

24 Stunden in Minden: Hier begegnet uns Europa jeden Tag

Ilja Regier

Minden (mt). Seit Michael Schmidt denken kann, lebt er in Minden. Er ist 54 Jahre alt und mit Sabine verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder. Man kann den Familienvater als Otto Normalverbraucher bezeichnen. Er und seine Familie existieren nicht wirklich – es sind ausgedachte Figuren. Aber in jeder Mindener, Portaner, Hiller oder Petershäger Familie könnte es genau so zugehen wie bei der fiktiven Familie Schmidt.

Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa - © Jens Büttner
Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa (© Jens Büttner)

Mit ihr lässt sich der Satz „Europa betrifft mich nicht" vor der Wahl am Sonntag entkräften. Die Europäische Union begegnet den Menschen in Minden-Lübbecke vielmals am Tag. Ob sie mit den Entscheidungen glücklich sind oder mit ihnen hadern – das muss jeder für sich beantworten: Die Beurteilung der Beschlüsse geht oft sehr weit auseinander.

6:00

Michael Schmidt haut auf den schrillenden Wecker und stöhnt auf. Beim Aufstehen zwickt der Rücken und das hat einen Grund. Zusammen mit Freunden war der 56-Jährige gestern im Teutoburger Wald wandern. Schmidt verbucht das als gutes Training für eine längere Strecke auf dem Wittekindsweg.

Foto: Bernd Weissbrod - © (c) Copyright 2018, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Foto: Bernd Weissbrod (© (c) Copyright 2018, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten)

Demnächst startet er mit der Truppe gemeinsam am Rathaus in Osnabrück und will nach drei Tagen und 95 Kilometern am Kaiser-Wilhelm-Denkmal ankommen. Die EU fördert das Projekt „Zukunftsfit Wandern", das die Wanderwege in Ostwestfalen-Lippe und den Wittekindsweg verbessern soll. Auch die Stadt Porta Westfalica und der Kreis Minden-Lübbecke sind Projektpartner. Schmidt denkt an den Rücken und die passende Medizin: Ein frischgebrühtes Getränk sollte die müden Knochen wieder auf Trab bringen.

6:15

Schmidt füllt die Kaffeemaschine mit Wasser und schüttet für sich und seine Frau Pulver in den Filter. Auf der Verpackung fällt ihm zum ersten Mal ein grünes Symbol auf – das Bio-Siegel. Bislang wusste er noch nicht, dass sein Lieblingskaffee die Normen der EU-Vorschriften für den ökologischen Landbau erfüllt. Das harmoniert mit der energieeffizienten Kaffeemaschine, die sich automatisch abschaltet, weil die EU-Energiesparregeln das vorgeben. Schmidt weiß manchmal nicht so richtig, was er davon halten soll. Eigentlich findet er es gut, dass auf dem Weg etwas für die Umwelt getan und Energie gespart wird. Hin und wieder hat er aber auch das Gefühl, dass ihn die automatische Schaltung ein kleines Stückchen in seinem Alltag entmündigt. Eigentlich würde er sich lieber selbst fürs Energiesparen entscheiden – ganz ohne Zeitschaltuhr. Aber würde er tatsächlich daran denken?

7:00

Foto: Monika Skolimowska/ZB/dpa - © (c) ZB
Foto: Monika Skolimowska/ZB/dpa (© (c) ZB)

Vor der Arbeit will Michael Schmidt noch etwas für die Körperhygiene tun und springt unter die Dusche. Draußen ist es noch dunkel. Er schaltet das Licht an und erinnert sich, als er an die Decke schaut. Vor sieben Jahren hätte da noch eine Glühbirne geleuchtet, die die EU aber 2012 verboten hat.
Zuerst hatte er sich über diese Entscheidung geärgert. Keine Glühbirnen mehr? Das ging an seine Gewohnheiten. Und die Vorstellung, auf Altbewährtes verzichten zu müssen, auf Verordnung von oben, störte ihn. Inzwischen hat er sich an die hellere LED-Lampe gewöhnt. Das warme Licht der Glühbirne hat ihm mehr behagt, aber es gibt Schlimmeres. Und irgendwo hat er gelesen, dass mit dem Verzicht auf Glühbirnen der jährliche Stromverbrauch in Deutschland um die Kapazität von zwei Atomkraftwerken reduziert wurde.

Schmidt stellt das Wasser wärmer und nutzt damit die umweltfreundliche, 14 Kilometer lange Fernwärmeleitung von Energieservice Westfalen Weser. Sie wurde Ende 2018 fertiggestellt. Mit der neuen Verbindung zwischen dem Heizkraftwerk Minden Nord an der Ringstraße und dem Stadtteil Bärenkämpen können mehr Haushalte auf die Fernwärme zugreifen. EU und Land haben das Projekt mit insgesamt einer Million Euro gefördert.

7:30

Michael Schmidt trifft im Flur auf seine müde Tochter Hanna. Sie greift sich noch schnell ein Brötchen und muss dann zur Schule. Normalerweise ist ihre Motivation nicht sonderlich groß, heute allerdings freut sie sich. Die Talentwerkstatt MINTMobil baut einen Parcours in ihrer Schule auf und will den Jugendlichen Lust aufs Tüfteln und Bauen machen. Hanna ist gespannt auf die technischen Experimente und mathematischen Aufgaben. Was sie einmal werden will, weiß sie noch nicht. Vielleicht ist sie nach diesem Tag schlauer.
Ziel des Mobils ist, dass sich Schüler für die naturwissenschaftlichen und technische Bildungsangebote und Fächer wie Mathematik, Informatik und Technik begeistern. Ein „zdi-MINTlab" befindet sich auch am Mindener Leo-Sympher-Berufskolleg. Dort werden Schüler auf den Einstieg in lukrative MINT-Ausbildungsberufe und -Studiengänge vorbereitet. Dabei bringen sich lokale Unternehmen in die Projekte ein. Die EU fördert die Labore an den technischen Berufskollegs im Kreis mit insgesamt 115.000 Euro.

7:45

Schmidt wünscht Hanna einen schönen Tag und schwingt sich aufs Rad. Er ist spät dran und muss schneller in die Pedale treten, um pünktlich auf der Arbeit zu sein. Auf dem Weg kommt er an einem Feld vorbei, das einem Freund gehört. Der Landwirt schimpft immer noch über den vergangenen Hitzesommer, weil er ihm die Ernte ruinierte. Und manchmal schimpft er auch über die EU. Deren Subventionen sind wichtig für die Landwirtschaft.

- © Grafik: Alex Lehn
(© Grafik: Alex Lehn)

Auf der anderen Seite sieht er, wie die Trockenheit seiner Branche zusetzt und findet es gut, dass die EU gegen den Klimawandel angehen will. Sie unterstützt die Umwelt im Kreis mit einem Landschaftsprogramm und hat dafür im Jahr 2018 390.000 Euro ausgeschüttet. Das Geld erhalten Landwirte, die ihre Äcker fünf Jahre lang naturschutzgerecht nutzen.

Demnächst plant die EU das Projekt „LiRC". Der Mühlenkreis ist einer von neun Partnern in NRW und erhält von der EU einen Anteil von 92.000 Euro. Das Projekt soll regionale Konzepte für die Klima-Anpassung entwickeln. Schmidts Freund, der Landwirt, könnte davon profitieren. Er weiß aber noch nicht, ob er es schaffen wird, sich durch die vielen Seiten langen Anträge zu arbeiten. Mal sehen.

8:00

Gerade noch geschafft – Michael Schmidt kommt pünktlich in sein Büro. Er arbeitet beim Jobcenter in Minden und unterstützt junge Menschen dabei, Ausbildungsplätze oder Arbeit zu finden. Die EU finanziert Schmidts Stelle mit unterschiedlichen Programmen wie „Mühlenkreis integriert" und „Öffentlich geförderte Beschäftigung NRW". Die Fördermittel stammen aus dem Europäischen Sozialfonds.

12:30

In der Mittagspause ruft Schmidt seinen Sohn Fabian an. Er ist gerade Erasmus-Student auf der spanischen Insel Gran Canaria. Das EU-Förderprogramm Erasmus finanziert seit 1987 Auslandsaufenthalte für Studenten und Auszubildende in 33 Ländern.

Michael Schmidt freut sich beim Wählen, dass die Zeiten von horrenden Telefonrechnungen seit 2017 vorbei sind. Inzwischen werden auch die Gebühren für Telefonate aus dem Heimatland ins EU-Ausland gedeckelt. 
19 Cent pro Minute sind nun maximal fällig. Das hat die EU entschieden. Das war eine Entscheidung, mit der er nicht gehadert hat.

Fabian geht ans Handy und berichtet vom guten Wetter auf den Kanaren. Gleichzeitig klagt er sein Leid, weil er klamm ist: „Ich hab zu viel gefeiert." Zuerst ärgert sich der Vater, aber dann überweist er seinem Sohn doch 200 Euro. Die Internationalen Bankkontonummer (IBAN), die die EU eingeführt hat, hat Schmidt anfangs genervt. Was für eine elende Zahlenkolonne! Aber dank der ist das Geld schneller bei Fabian und die Überweisung im Europäischen Zahlungsraum (SEPA) kostet genauso viel wie innerhalb Deutschlands.

17:00

Endlich Feierabend, aber Schmidts Frau hat Aufgaben für ihn. Bei der Post muss er ein Paket abholen, Sabine hat Kleidung bestellt, sie findet immer mehr Gefallen am Shoppen im Internet. Das ist nicht nur bequem, sondern auch einfacher geworden. Die EU hat festgelegt, dass alle Waren und Güter innerhalb von 
14 Tagen zurückgeben werden können.

17:20

Schmidt muss noch in den Supermarkt – der Kühlschrank ist leer. Er schaut sich die Produkte an und denkt an Werbeslogans, die sich in seinem Kopf festgebrannt haben: „Actimel aktiviert die Abwehrkräfte". Die EU-Kommission hat solche irreführende Aussagen bei Lebensmitteln verboten.

Schmidt liebt Fleisch und entscheidet sich für den Westfälischen Knochenschinken und die Nürnberger Rostbratwurst. Die EU schützt die Herkunftsbezeichnung vieler Produkte mit einem Siegel. Die Lebensmittel dürfen nur in den jeweiligen Regionen produziert werden.

18:00

Schmidt entschließt sich mit seiner Frau das gute Wetter für einen Spaziergang zu nutzen. Beide fahren ins Naturschutzgebiet Hiller Moor. Die EU fördert das Gebiet, das zum Schutzgebietsnetz Natura 2000 gehört. Sie möchte, dass die natürlichen Lebensräume für wildlebende Pflanzen- und Tierarten erhalten bleiben. Die EU unterstützt auch das Vogelschutzgebiet „Weseraue", das sich zwischen Petershagen-Lahde und Schlüsselburg befindet.

20:00

Nun legt Michael Schmidt endlich die Füße hoch. Er zappt durch das Fernsehprogramm und langweilt sich. Dann bleibt er beim Deutsch-französischen Kultursender ARTE hängen und inspiziert die Mediathek. Der 56-Jährige freut sich, dass das Internet nicht streikt. Das könnte am Breitbandausbau liegen, den die EU im Mühlenkreis finanziell unterstützt.

Letztlich entscheidet er sich für den Film „Liebe" von Michael Haneke, der einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann. Für die Produktion wurde der Film mit 600.000 Euro aus einem Europäischen Fonds gefördert. Schmidt weiß nicht so recht, ob das sein muss. Auf der einen Seite findet er, dass so viel Geld anderswo sinnvoller eingesetzt werden könnte. Für die Bildung vielleicht? Auf der anderen Seite ist so ein Film ja auch eine Investition in Bildung.

Und während Schmidt noch darüber nachdenkt, schläft er nach einem langen Tag mitten im Film ein.

EU kostet 50 Cent pro Tag

Das Budget der EU beträgt rund 140 Milliarden Euro pro Jahr. Pro Kopf macht das laut www.debatingeurope.eu rund 187 Euro im Jahr. Die EU kostet den Bürger 50 Cent pro Tag. Eine Zigarette kostet dagegen inzwischen im Durchschnitt 30 Cent.

Insgesamt hat der Kreis Minden-Lübbecke in der laufenden Förderperiode rund 6,36 Millionen Euro an EU-Mittel aus den Europäischen Struktur- und Investitionsfonds erhalten, rund 9,99 Millionen Euro betragen die Bewilligungen, laut dem Land NRW.

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Minden24 Stunden in Minden: Hier begegnet uns Europa jeden TagIlja RegierMinden (mt). Seit Michael Schmidt denken kann, lebt er in Minden. Er ist 54 Jahre alt und mit Sabine verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder. Man kann den Familienvater als Otto Normalverbraucher bezeichnen. Er und seine Familie existieren nicht wirklich – es sind ausgedachte Figuren. Aber in jeder Mindener, Portaner, Hiller oder Petershäger Familie könnte es genau so zugehen wie bei der fiktiven Familie Schmidt. Mit ihr lässt sich der Satz „Europa betrifft mich nicht" vor der Wahl am Sonntag entkräften. Die Europäische Union begegnet den Menschen in Minden-Lübbecke vielmals am Tag. Ob sie mit den Entscheidungen glücklich sind oder mit ihnen hadern – das muss jeder für sich beantworten: Die Beurteilung der Beschlüsse geht oft sehr weit auseinander. 6:00 Michael Schmidt haut auf den schrillenden Wecker und stöhnt auf. Beim Aufstehen zwickt der Rücken und das hat einen Grund. Zusammen mit Freunden war der 56-Jährige gestern im Teutoburger Wald wandern. Schmidt verbucht das als gutes Training für eine längere Strecke auf dem Wittekindsweg. Demnächst startet er mit der Truppe gemeinsam am Rathaus in Osnabrück und will nach drei Tagen und 95 Kilometern am Kaiser-Wilhelm-Denkmal ankommen. Die EU fördert das Projekt „Zukunftsfit Wandern", das die Wanderwege in Ostwestfalen-Lippe und den Wittekindsweg verbessern soll. Auch die Stadt Porta Westfalica und der Kreis Minden-Lübbecke sind Projektpartner. Schmidt denkt an den Rücken und die passende Medizin: Ein frischgebrühtes Getränk sollte die müden Knochen wieder auf Trab bringen. 6:15 Schmidt füllt die Kaffeemaschine mit Wasser und schüttet für sich und seine Frau Pulver in den Filter. Auf der Verpackung fällt ihm zum ersten Mal ein grünes Symbol auf – das Bio-Siegel. Bislang wusste er noch nicht, dass sein Lieblingskaffee die Normen der EU-Vorschriften für den ökologischen Landbau erfüllt. Das harmoniert mit der energieeffizienten Kaffeemaschine, die sich automatisch abschaltet, weil die EU-Energiesparregeln das vorgeben. Schmidt weiß manchmal nicht so richtig, was er davon halten soll. Eigentlich findet er es gut, dass auf dem Weg etwas für die Umwelt getan und Energie gespart wird. Hin und wieder hat er aber auch das Gefühl, dass ihn die automatische Schaltung ein kleines Stückchen in seinem Alltag entmündigt. Eigentlich würde er sich lieber selbst fürs Energiesparen entscheiden – ganz ohne Zeitschaltuhr. Aber würde er tatsächlich daran denken? 7:00 Vor der Arbeit will Michael Schmidt noch etwas für die Körperhygiene tun und springt unter die Dusche. Draußen ist es noch dunkel. Er schaltet das Licht an und erinnert sich, als er an die Decke schaut. Vor sieben Jahren hätte da noch eine Glühbirne geleuchtet, die die EU aber 2012 verboten hat.Zuerst hatte er sich über diese Entscheidung geärgert. Keine Glühbirnen mehr? Das ging an seine Gewohnheiten. Und die Vorstellung, auf Altbewährtes verzichten zu müssen, auf Verordnung von oben, störte ihn. Inzwischen hat er sich an die hellere LED-Lampe gewöhnt. Das warme Licht der Glühbirne hat ihm mehr behagt, aber es gibt Schlimmeres. Und irgendwo hat er gelesen, dass mit dem Verzicht auf Glühbirnen der jährliche Stromverbrauch in Deutschland um die Kapazität von zwei Atomkraftwerken reduziert wurde. Schmidt stellt das Wasser wärmer und nutzt damit die umweltfreundliche, 14 Kilometer lange Fernwärmeleitung von Energieservice Westfalen Weser. Sie wurde Ende 2018 fertiggestellt. Mit der neuen Verbindung zwischen dem Heizkraftwerk Minden Nord an der Ringstraße und dem Stadtteil Bärenkämpen können mehr Haushalte auf die Fernwärme zugreifen. EU und Land haben das Projekt mit insgesamt einer Million Euro gefördert. 7:30 Michael Schmidt trifft im Flur auf seine müde Tochter Hanna. Sie greift sich noch schnell ein Brötchen und muss dann zur Schule. Normalerweise ist ihre Motivation nicht sonderlich groß, heute allerdings freut sie sich. Die Talentwerkstatt MINTMobil baut einen Parcours in ihrer Schule auf und will den Jugendlichen Lust aufs Tüfteln und Bauen machen. Hanna ist gespannt auf die technischen Experimente und mathematischen Aufgaben. Was sie einmal werden will, weiß sie noch nicht. Vielleicht ist sie nach diesem Tag schlauer.Ziel des Mobils ist, dass sich Schüler für die naturwissenschaftlichen und technische Bildungsangebote und Fächer wie Mathematik, Informatik und Technik begeistern. Ein „zdi-MINTlab" befindet sich auch am Mindener Leo-Sympher-Berufskolleg. Dort werden Schüler auf den Einstieg in lukrative MINT-Ausbildungsberufe und -Studiengänge vorbereitet. Dabei bringen sich lokale Unternehmen in die Projekte ein. Die EU fördert die Labore an den technischen Berufskollegs im Kreis mit insgesamt 115.000 Euro.7:45 Schmidt wünscht Hanna einen schönen Tag und schwingt sich aufs Rad. Er ist spät dran und muss schneller in die Pedale treten, um pünktlich auf der Arbeit zu sein. Auf dem Weg kommt er an einem Feld vorbei, das einem Freund gehört. Der Landwirt schimpft immer noch über den vergangenen Hitzesommer, weil er ihm die Ernte ruinierte. Und manchmal schimpft er auch über die EU. Deren Subventionen sind wichtig für die Landwirtschaft. Auf der anderen Seite sieht er, wie die Trockenheit seiner Branche zusetzt und findet es gut, dass die EU gegen den Klimawandel angehen will. Sie unterstützt die Umwelt im Kreis mit einem Landschaftsprogramm und hat dafür im Jahr 2018 390.000 Euro ausgeschüttet. Das Geld erhalten Landwirte, die ihre Äcker fünf Jahre lang naturschutzgerecht nutzen. Demnächst plant die EU das Projekt „LiRC". Der Mühlenkreis ist einer von neun Partnern in NRW und erhält von der EU einen Anteil von 92.000 Euro. Das Projekt soll regionale Konzepte für die Klima-Anpassung entwickeln. Schmidts Freund, der Landwirt, könnte davon profitieren. Er weiß aber noch nicht, ob er es schaffen wird, sich durch die vielen Seiten langen Anträge zu arbeiten. Mal sehen. 8:00 Gerade noch geschafft – Michael Schmidt kommt pünktlich in sein Büro. Er arbeitet beim Jobcenter in Minden und unterstützt junge Menschen dabei, Ausbildungsplätze oder Arbeit zu finden. Die EU finanziert Schmidts Stelle mit unterschiedlichen Programmen wie „Mühlenkreis integriert" und „Öffentlich geförderte Beschäftigung NRW". Die Fördermittel stammen aus dem Europäischen Sozialfonds. 12:30 In der Mittagspause ruft Schmidt seinen Sohn Fabian an. Er ist gerade Erasmus-Student auf der spanischen Insel Gran Canaria. Das EU-Förderprogramm Erasmus finanziert seit 1987 Auslandsaufenthalte für Studenten und Auszubildende in 33 Ländern. Michael Schmidt freut sich beim Wählen, dass die Zeiten von horrenden Telefonrechnungen seit 2017 vorbei sind. Inzwischen werden auch die Gebühren für Telefonate aus dem Heimatland ins EU-Ausland gedeckelt. 
19 Cent pro Minute sind nun maximal fällig. Das hat die EU entschieden. Das war eine Entscheidung, mit der er nicht gehadert hat. Fabian geht ans Handy und berichtet vom guten Wetter auf den Kanaren. Gleichzeitig klagt er sein Leid, weil er klamm ist: „Ich hab zu viel gefeiert." Zuerst ärgert sich der Vater, aber dann überweist er seinem Sohn doch 200 Euro. Die Internationalen Bankkontonummer (IBAN), die die EU eingeführt hat, hat Schmidt anfangs genervt. Was für eine elende Zahlenkolonne! Aber dank der ist das Geld schneller bei Fabian und die Überweisung im Europäischen Zahlungsraum (SEPA) kostet genauso viel wie innerhalb Deutschlands. 17:00 Endlich Feierabend, aber Schmidts Frau hat Aufgaben für ihn. Bei der Post muss er ein Paket abholen, Sabine hat Kleidung bestellt, sie findet immer mehr Gefallen am Shoppen im Internet. Das ist nicht nur bequem, sondern auch einfacher geworden. Die EU hat festgelegt, dass alle Waren und Güter innerhalb von 
14 Tagen zurückgeben werden können. 17:20 Schmidt muss noch in den Supermarkt – der Kühlschrank ist leer. Er schaut sich die Produkte an und denkt an Werbeslogans, die sich in seinem Kopf festgebrannt haben: „Actimel aktiviert die Abwehrkräfte". Die EU-Kommission hat solche irreführende Aussagen bei Lebensmitteln verboten. Schmidt liebt Fleisch und entscheidet sich für den Westfälischen Knochenschinken und die Nürnberger Rostbratwurst. Die EU schützt die Herkunftsbezeichnung vieler Produkte mit einem Siegel. Die Lebensmittel dürfen nur in den jeweiligen Regionen produziert werden. 18:00 Schmidt entschließt sich mit seiner Frau das gute Wetter für einen Spaziergang zu nutzen. Beide fahren ins Naturschutzgebiet Hiller Moor. Die EU fördert das Gebiet, das zum Schutzgebietsnetz Natura 2000 gehört. Sie möchte, dass die natürlichen Lebensräume für wildlebende Pflanzen- und Tierarten erhalten bleiben. Die EU unterstützt auch das Vogelschutzgebiet „Weseraue", das sich zwischen Petershagen-Lahde und Schlüsselburg befindet. 20:00 Nun legt Michael Schmidt endlich die Füße hoch. Er zappt durch das Fernsehprogramm und langweilt sich. Dann bleibt er beim Deutsch-französischen Kultursender ARTE hängen und inspiziert die Mediathek. Der 56-Jährige freut sich, dass das Internet nicht streikt. Das könnte am Breitbandausbau liegen, den die EU im Mühlenkreis finanziell unterstützt. Letztlich entscheidet er sich für den Film „Liebe" von Michael Haneke, der einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann. Für die Produktion wurde der Film mit 600.000 Euro aus einem Europäischen Fonds gefördert. Schmidt weiß nicht so recht, ob das sein muss. Auf der einen Seite findet er, dass so viel Geld anderswo sinnvoller eingesetzt werden könnte. Für die Bildung vielleicht? Auf der anderen Seite ist so ein Film ja auch eine Investition in Bildung. Und während Schmidt noch darüber nachdenkt, schläft er nach einem langen Tag mitten im Film ein.EU kostet 50 Cent pro Tag Das Budget der EU beträgt rund 140 Milliarden Euro pro Jahr. Pro Kopf macht das laut www.debatingeurope.eu rund 187 Euro im Jahr. Die EU kostet den Bürger 50 Cent pro Tag. Eine Zigarette kostet dagegen inzwischen im Durchschnitt 30 Cent. Insgesamt hat der Kreis Minden-Lübbecke in der laufenden Förderperiode rund 6,36 Millionen Euro an EU-Mittel aus den Europäischen Struktur- und Investitionsfonds erhalten, rund 9,99 Millionen Euro betragen die Bewilligungen, laut dem Land NRW.