Minden

Hellwach am Wasser: Wie Tauschreporterin Lydia Wania-Dreher Minden erlebt

Lydia Wania-Dreher

Annika und Franka sind begeisterte Ruderinnen.
Annika und Franka sind begeisterte Ruderinnen.
Ein herzliches Willkommen in Minden.
Ein herzliches Willkommen in Minden.

Minden (Lyd). Ankommen ist in Minden einfach. Zumindest habe ich das in meiner Woche als Tauschreporterin so erlebt. Kollege Jan Henning Rogge hat mich direkt vom Bahnsteig abgeholt und mich mit nach Hause zum Familienabendessen mitgenommen. Eine herzliche Begegnung, ein guter Start. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich etwas Bammel vor meinem ersten Arbeitstag am neuen Schreibtisch hatte. Vom üppigen Frühstücksbuffet im Hotel konnte ich nur eine Klitzekleinigkeit naschen.

Unbegründet, wie sich wenig später herausstellte. Alle haben mich mit offenen Armen empfangen. „Du bist doch die Tauschreporterin, herzlich willkommen“, habe ich so einige Male gehört. Ja, die Menschen hier sind offener als die Schwaben in meiner Heimat. Viel offener, auch wenn man hier überzeugt ist, dass die Ostwestfalen zum Lachen in den Keller gehen. Das kann ich absolut nicht bestätigen. Wo sollen denn sonst die Schwaben hin? Ins Bergwerk?

Egal ob im Zug oder beim Bäcker: Hier erzählt man gerne und ausführlich einer Wildfremden einen Schwank aus seinem Leben. Und das in rasanter Geschwindigkeit – zumindest für mich.

Mit dem Fahrrad kommt man fast überall hin.
Mit dem Fahrrad kommt man fast überall hin.

Aber diese direkte und offene Art macht es mir auch einfach. Ich fühle mich hier nicht fremd und ungesehen. Ich hoffe, dass es so auch den anderen Menschen geht, die neu in Minden sind. Ein paar von ihnen lerne ich am ersten Abend bei der Auftaktkonferenz zum neuen Integrationskonzept der Stadt im LWL-Preußenmuseum kennen. Und ich stelle fest: Die Herausforderungen sind fast identisch wie bei uns. Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum und der Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln soll auch hier ein Abenteuer sein.

Große Schiffe und weiße Möwen: In Minden fühlt man sich fast wie am Meer. Nach Feierabend an der Weser entlanglaufen, ist wirklich entspannend. Fotos: Lydia Wania-Dreher
Große Schiffe und weiße Möwen: In Minden fühlt man sich fast wie am Meer. Nach Feierabend an der Weser entlanglaufen, ist wirklich entspannend. Fotos: Lydia Wania-Dreher

Noch einer weiteren Gemeinsamkeit vom Kreis Minden-Lübbecke und dem Zollernalbkreis, aus dem ich stamme, begegnete ich am ersten Tag – dem „Willem“. Dessen Denkmal erwanderte ich zu Beginn meiner Tauschwoche. In meiner Heimat war es genau dieser Kaiser Wilhelm I., der das ebenfalls weithin sichtbare Wahrzeichen des Landkreises, die Burg Hohenzollern, am 3. Oktober 1867 höchstpersönlich einweihte.

Am nächsten Tag klappte es mit dem Frühstück schon besser. Allerdings fiel das auch nicht wirklich üppig aus, denn ich musste früh raus. Imker Heinz Sturm, die Familie Held und rund 20.000 Bienen warteten in Costedt auf mich. Ich durfte den Umzug der Insekten begleiten. Das klappte wie am Schnürchen, alles weitere allerdings nicht. Auf dem Heimweg in die Redaktion blieb der Dienstwagen liegen. Nichts ging mehr, die Batterie war leer, der Pannendienst musste im strömenden Regen helfen. Und ich fragte mich: Habe ich dafür irgendwie ein Händchen? Schließlich streikt zu Hause in regelmäßigen Abständen mein altersschwacher Smart – und ich dachte, das liegt an ihm.

Dank eines hellblauen Damenfahrrads von meinem Kollegen war ich in Minden aber trotzdem mobil. Wobei ich bei einer ausgedehnten Feierabendtour gemerkt habe, dass Fahrradfahren hier seine Tücken hat. Mal muss man auf den Fahrradweg, mal auf die Straße und mal darf man sich auch entscheiden. Ziemlich verwirrend hier. Aber die Ballonreifen und Google Maps brachten mich sicher zum Dom, zur Schleuse und auch zu den zwei sympathischen, jungen Ruderinnen Annika und Franka. Die Schülerinnen hievten gerade ihr Boot aus der Weser, als ich vorbeikam und erklärten mir, dass Rudern hier so einer Art Volkssport ist. Für mich als Landratte eine sehr schöne Begegnung. Und ja, Minden hat ein bisschen was von Urlaub am Meer. Mit Möwen.

Am nächsten Morgen nahm ich mir Zeit zum Frühstücken und genoss jede Menge Melitta-Kaffee. Die Erkenntnis vor Neun: Von dem Filterkaffee kann ich locker drei große Tassen trinken ohne zu zittern. Gleichzeitig lernte ich, dass die Mindener noch eine andere große Wachmacher-Quelle haben. Denn hier steht eines der größten Werke für künstliches Koffein auf der ganzen Welt. Mensch, die müssen hellwach sein. Ja, sind sie und sehr herzlich. Nur zwei Gründe, warum ich wahrscheinlich nicht das letzte Mal in Minden war.

Reportertausch

Der Reportertausch ist eine Aktion des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Eine Woche lang tauschen Medienhäuser vom 20. bis 26. Mai ihre Reporterinnen und Reporter. An der Aktion nehmen 60 Redakteurinnen und Redakteure von 30 Zeitungen teil. Die Journalisten lernen Region sowie Medium kennen und geben Einblicke in den Redaktionsalltag. Beim Mindener Tageblatt ist Lydia Wania-Dreher vom Zollern-Alb-Kurier in Balingen (Baden-Württemberg) zu Gast. MT-Redakteurin Nadine Schwan wechselt für eine Woche zur Dithmarschen Landeszeitung nach Heide (Schleswig-Holstein).

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MindenHellwach am Wasser: Wie Tauschreporterin Lydia Wania-Dreher Minden erlebtLydia Wania-DreherMinden (Lyd). Ankommen ist in Minden einfach. Zumindest habe ich das in meiner Woche als Tauschreporterin so erlebt. Kollege Jan Henning Rogge hat mich direkt vom Bahnsteig abgeholt und mich mit nach Hause zum Familienabendessen mitgenommen. Eine herzliche Begegnung, ein guter Start. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich etwas Bammel vor meinem ersten Arbeitstag am neuen Schreibtisch hatte. Vom üppigen Frühstücksbuffet im Hotel konnte ich nur eine Klitzekleinigkeit naschen. Unbegründet, wie sich wenig später herausstellte. Alle haben mich mit offenen Armen empfangen. „Du bist doch die Tauschreporterin, herzlich willkommen“, habe ich so einige Male gehört. Ja, die Menschen hier sind offener als die Schwaben in meiner Heimat. Viel offener, auch wenn man hier überzeugt ist, dass die Ostwestfalen zum Lachen in den Keller gehen. Das kann ich absolut nicht bestätigen. Wo sollen denn sonst die Schwaben hin? Ins Bergwerk? Egal ob im Zug oder beim Bäcker: Hier erzählt man gerne und ausführlich einer Wildfremden einen Schwank aus seinem Leben. Und das in rasanter Geschwindigkeit – zumindest für mich. Aber diese direkte und offene Art macht es mir auch einfach. Ich fühle mich hier nicht fremd und ungesehen. Ich hoffe, dass es so auch den anderen Menschen geht, die neu in Minden sind. Ein paar von ihnen lerne ich am ersten Abend bei der Auftaktkonferenz zum neuen Integrationskonzept der Stadt im LWL-Preußenmuseum kennen. Und ich stelle fest: Die Herausforderungen sind fast identisch wie bei uns. Es gibt zu wenig bezahlbaren Wohnraum und der Weg zur Arbeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln soll auch hier ein Abenteuer sein. Noch einer weiteren Gemeinsamkeit vom Kreis Minden-Lübbecke und dem Zollernalbkreis, aus dem ich stamme, begegnete ich am ersten Tag – dem „Willem“. Dessen Denkmal erwanderte ich zu Beginn meiner Tauschwoche. In meiner Heimat war es genau dieser Kaiser Wilhelm I., der das ebenfalls weithin sichtbare Wahrzeichen des Landkreises, die Burg Hohenzollern, am 3. Oktober 1867 höchstpersönlich einweihte. Am nächsten Tag klappte es mit dem Frühstück schon besser. Allerdings fiel das auch nicht wirklich üppig aus, denn ich musste früh raus. Imker Heinz Sturm, die Familie Held und rund 20.000 Bienen warteten in Costedt auf mich. Ich durfte den Umzug der Insekten begleiten. Das klappte wie am Schnürchen, alles weitere allerdings nicht. Auf dem Heimweg in die Redaktion blieb der Dienstwagen liegen. Nichts ging mehr, die Batterie war leer, der Pannendienst musste im strömenden Regen helfen. Und ich fragte mich: Habe ich dafür irgendwie ein Händchen? Schließlich streikt zu Hause in regelmäßigen Abständen mein altersschwacher Smart – und ich dachte, das liegt an ihm. Dank eines hellblauen Damenfahrrads von meinem Kollegen war ich in Minden aber trotzdem mobil. Wobei ich bei einer ausgedehnten Feierabendtour gemerkt habe, dass Fahrradfahren hier seine Tücken hat. Mal muss man auf den Fahrradweg, mal auf die Straße und mal darf man sich auch entscheiden. Ziemlich verwirrend hier. Aber die Ballonreifen und Google Maps brachten mich sicher zum Dom, zur Schleuse und auch zu den zwei sympathischen, jungen Ruderinnen Annika und Franka. Die Schülerinnen hievten gerade ihr Boot aus der Weser, als ich vorbeikam und erklärten mir, dass Rudern hier so einer Art Volkssport ist. Für mich als Landratte eine sehr schöne Begegnung. Und ja, Minden hat ein bisschen was von Urlaub am Meer. Mit Möwen. Am nächsten Morgen nahm ich mir Zeit zum Frühstücken und genoss jede Menge Melitta-Kaffee. Die Erkenntnis vor Neun: Von dem Filterkaffee kann ich locker drei große Tassen trinken ohne zu zittern. Gleichzeitig lernte ich, dass die Mindener noch eine andere große Wachmacher-Quelle haben. Denn hier steht eines der größten Werke für künstliches Koffein auf der ganzen Welt. Mensch, die müssen hellwach sein. Ja, sind sie und sehr herzlich. Nur zwei Gründe, warum ich wahrscheinlich nicht das letzte Mal in Minden war. Reportertausch Der Reportertausch ist eine Aktion des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Eine Woche lang tauschen Medienhäuser vom 20. bis 26. Mai ihre Reporterinnen und Reporter. An der Aktion nehmen 60 Redakteurinnen und Redakteure von 30 Zeitungen teil. Die Journalisten lernen Region sowie Medium kennen und geben Einblicke in den Redaktionsalltag. Beim Mindener Tageblatt ist Lydia Wania-Dreher vom Zollern-Alb-Kurier in Balingen (Baden-Württemberg) zu Gast. MT-Redakteurin Nadine Schwan wechselt für eine Woche zur Dithmarschen Landeszeitung nach Heide (Schleswig-Holstein).