Minden

Die Büchertauschbörse in Kutenhausen ist geschlossen und soll verschwinden

Stefan Koch

Das Obergeschoss des Spritzenhauses ist mit Büchern gut gefüllt. Der Vorstand des Heimatvereins findet, dass es zu viele sind. MT- - © Foto: S. Koch
Das Obergeschoss des Spritzenhauses ist mit Büchern gut gefüllt. Der Vorstand des Heimatvereins findet, dass es zu viele sind. MT- (© Foto: S. Koch)

Minden (mt). Nach fast zehnjährigem Bestehen ist die Büchertauschbörse im ehemaligen Spritzenhaus des Gebäudeensembles um das Heimathaus Kutenhausen stillgelegt. Dem gingen massive Auseinandersetzungen zwischen dem Betreiber und dem Vorstand des Heimatvereins voraus. Letzterer ist Hausherr der Ortsbild prägenden Immobilien im Eigentum der Stadt Minden. Er beruft sich auf die Baugesetzgebung, wonach das Bücherangebot im ersten Obergeschoss drastisch schrumpfen muss. Darauf will sich der Bücherfreund aber nicht einlassen. Der Knatsch begann Anfang des Jahres, als sich die Nachfolgefrage zur Betreuung der Schmöker stellte. Dabei geht um mehr als den bloßen Lesestoff:

„Wir sind auch ein Kulturbetrieb“, macht Rolf Biere deutlich, der 2009 die Büchertauschbörse Kutenhausen zusammen mit seiner Frau Gisela ins Lebens rief und danach betreute. Vier bis fünfmal im Jahr kämen Gäste aus Minden und der weiteren Umgebung zu Lesungen mit zum Teil renommierten Autoren nach Kutenhausen. Die Zahl der Bücher unterschiedlicher Sachbereiche stieg im Laufe der Jahre bis einer Stückzahl von 20.000. Die Nutzerzahl beziffert Biere auf 1.700 bis 1.800. Alle können die Exemplare kostenlos und ohne Einhalten von Fristen entleihen. Wer Bücher aus seinem Besitz benötigt, kann sie zur Lektüre für andere abgeben. Eingebunden sei das Ganze auch in ein Netzwerk, das andere Einrichtungen versorge.

Angefangen hatte die Geschichte der Bücherstube, als im Spritzenhaus ein Internet-Café mit zwei PCs überflüssig wurde. Die Bieres richteten dort ihre Entleihstelle mit einem Grundstock von 500 Exemplaren ein. Durch weitere Sachspenden in den Folgejahren wuchs die Zahl der Schmöker kontinuierlich an und die Betreiber der Tauschbörse belegten weitere Kapazitäten in einem Gang und einem Abstellraum. Zuletzt nutzen sie auch noch einen ausgeräumten und zugigen Dachboden zur Lagerung und Sortierung des Materials. Als im Januar Rolf Biere angab, aus Altersgründen einen Nachfolger für sein Projekt unter der Regie des Heimatvereins finden zu müssen, war es mit der Freude am Lesen vorbei.

André Gerling, Vorsitzender des Heimatvereins Kutenhausen: „Bei der Nachfolgefrage musste wir die ganze Sache auf rechtssichere Füße stellen.“ Über Jahre habe der Vorstand die Ausdehnung der Büchertauschbörse in den Räumlichkeiten des Feuerwehrgerätehauses zugelassen ohne an die baurechtlichen Konsequenzen zu denken. „Wir ließen das zu, weil wir die Idee gut fanden.“ Jeder freie Zentimeter sei im Obergeschoss in Beschlag genommen worden. „Wir mussten schließlich dem Betreiber mitteilen, dass er nur den ehemaligen PC-Arbeitsraum und den Gang nutzen kann.“ Biere sei der 30. September als Frist gesetzt worden, um die Bücher entsprechend den Vorgaben auszuräumen.

Als dieser im Frühjahr zunehmenden Widerstand zeigte, kam es zum offenen Konflikt. Der Vorstand des Heimatvereins bestand auf der Herausgabe der Schlüssel und untersagte die weitere Nutzung der Räume durch Bücherfreunde, die bislang montags die Räume aufgesucht hatten. Biere verlangte auch Einsicht in die Bauunterlagen.

Warum er sich nicht mit dem Angebot des Heimatvereins begnügen wollte? „Dann hätte ich nur noch 5.000 bis 6.000 Bücher aufstellen können und die Bücherei wäre tot“, sagt Biere. Diese Kapazität hätte nur für Krimis gereicht, was viel zu einseitig gewesen wäre. Der Bücherfreund macht deutlich, dass die Entscheidung zum Exodus des Lesestoffs auch nur vom Vorstand des Heimatvereins ausgegangen sei – dieser hätte eigentliche seine Mitglieder befragen müssen. Nach MT-Informationen sind das rund 360 Personen.

Dazu Gerling: „Eine Mitgliederentscheidung über derartige Dinge hat es bislang nicht gegeben. Da steht immer der Vorstand in der Verantwortung.“

Die Einsichtnahme in die Bauunterlagen liegt in der Hand der Gebäudewirtschaft der Stadt Minden. Am Samstag wird Biere dazu die Gelegenheit haben. Sein Kommentar: „Ich bin darauf vorbereitet, dass wir nicht bleiben werden aber noch nicht davon überzeugt, dass wir gehen müssen.“ Er empfinde es jedenfalls befremdlich, dass er nach fast zehn Jahren die Auskunft erhalte, dass die Bücher gegen das Baugesetz verstießen.

Ob er schon neue Räume bis zum Auszug spätestens am 30. September gefunden hat? Biere erklärt, dass es dazu schon viele Überlegungen gebe. „Wenn ich woanders in einem besser geordneten Umfeld eine neue Bleibe finden kann, dann bin ich weg.“

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MindenDie Büchertauschbörse in Kutenhausen ist geschlossen und soll verschwindenStefan KochMinden (mt). Nach fast zehnjährigem Bestehen ist die Büchertauschbörse im ehemaligen Spritzenhaus des Gebäudeensembles um das Heimathaus Kutenhausen stillgelegt. Dem gingen massive Auseinandersetzungen zwischen dem Betreiber und dem Vorstand des Heimatvereins voraus. Letzterer ist Hausherr der Ortsbild prägenden Immobilien im Eigentum der Stadt Minden. Er beruft sich auf die Baugesetzgebung, wonach das Bücherangebot im ersten Obergeschoss drastisch schrumpfen muss. Darauf will sich der Bücherfreund aber nicht einlassen. Der Knatsch begann Anfang des Jahres, als sich die Nachfolgefrage zur Betreuung der Schmöker stellte. Dabei geht um mehr als den bloßen Lesestoff: „Wir sind auch ein Kulturbetrieb“, macht Rolf Biere deutlich, der 2009 die Büchertauschbörse Kutenhausen zusammen mit seiner Frau Gisela ins Lebens rief und danach betreute. Vier bis fünfmal im Jahr kämen Gäste aus Minden und der weiteren Umgebung zu Lesungen mit zum Teil renommierten Autoren nach Kutenhausen. Die Zahl der Bücher unterschiedlicher Sachbereiche stieg im Laufe der Jahre bis einer Stückzahl von 20.000. Die Nutzerzahl beziffert Biere auf 1.700 bis 1.800. Alle können die Exemplare kostenlos und ohne Einhalten von Fristen entleihen. Wer Bücher aus seinem Besitz benötigt, kann sie zur Lektüre für andere abgeben. Eingebunden sei das Ganze auch in ein Netzwerk, das andere Einrichtungen versorge. Angefangen hatte die Geschichte der Bücherstube, als im Spritzenhaus ein Internet-Café mit zwei PCs überflüssig wurde. Die Bieres richteten dort ihre Entleihstelle mit einem Grundstock von 500 Exemplaren ein. Durch weitere Sachspenden in den Folgejahren wuchs die Zahl der Schmöker kontinuierlich an und die Betreiber der Tauschbörse belegten weitere Kapazitäten in einem Gang und einem Abstellraum. Zuletzt nutzen sie auch noch einen ausgeräumten und zugigen Dachboden zur Lagerung und Sortierung des Materials. Als im Januar Rolf Biere angab, aus Altersgründen einen Nachfolger für sein Projekt unter der Regie des Heimatvereins finden zu müssen, war es mit der Freude am Lesen vorbei. André Gerling, Vorsitzender des Heimatvereins Kutenhausen: „Bei der Nachfolgefrage musste wir die ganze Sache auf rechtssichere Füße stellen.“ Über Jahre habe der Vorstand die Ausdehnung der Büchertauschbörse in den Räumlichkeiten des Feuerwehrgerätehauses zugelassen ohne an die baurechtlichen Konsequenzen zu denken. „Wir ließen das zu, weil wir die Idee gut fanden.“ Jeder freie Zentimeter sei im Obergeschoss in Beschlag genommen worden. „Wir mussten schließlich dem Betreiber mitteilen, dass er nur den ehemaligen PC-Arbeitsraum und den Gang nutzen kann.“ Biere sei der 30. September als Frist gesetzt worden, um die Bücher entsprechend den Vorgaben auszuräumen. Als dieser im Frühjahr zunehmenden Widerstand zeigte, kam es zum offenen Konflikt. Der Vorstand des Heimatvereins bestand auf der Herausgabe der Schlüssel und untersagte die weitere Nutzung der Räume durch Bücherfreunde, die bislang montags die Räume aufgesucht hatten. Biere verlangte auch Einsicht in die Bauunterlagen. Warum er sich nicht mit dem Angebot des Heimatvereins begnügen wollte? „Dann hätte ich nur noch 5.000 bis 6.000 Bücher aufstellen können und die Bücherei wäre tot“, sagt Biere. Diese Kapazität hätte nur für Krimis gereicht, was viel zu einseitig gewesen wäre. Der Bücherfreund macht deutlich, dass die Entscheidung zum Exodus des Lesestoffs auch nur vom Vorstand des Heimatvereins ausgegangen sei – dieser hätte eigentliche seine Mitglieder befragen müssen. Nach MT-Informationen sind das rund 360 Personen. Dazu Gerling: „Eine Mitgliederentscheidung über derartige Dinge hat es bislang nicht gegeben. Da steht immer der Vorstand in der Verantwortung.“ Die Einsichtnahme in die Bauunterlagen liegt in der Hand der Gebäudewirtschaft der Stadt Minden. Am Samstag wird Biere dazu die Gelegenheit haben. Sein Kommentar: „Ich bin darauf vorbereitet, dass wir nicht bleiben werden aber noch nicht davon überzeugt, dass wir gehen müssen.“ Er empfinde es jedenfalls befremdlich, dass er nach fast zehn Jahren die Auskunft erhalte, dass die Bücher gegen das Baugesetz verstießen. Ob er schon neue Räume bis zum Auszug spätestens am 30. September gefunden hat? Biere erklärt, dass es dazu schon viele Überlegungen gebe. „Wenn ich woanders in einem besser geordneten Umfeld eine neue Bleibe finden kann, dann bin ich weg.“