Standpunkt zum Thema "Der Pfarrer und das AfD-Plakat": Im Netz der Demagogen

veröffentlicht

Von Benjamin Piel

Der Pfarrer der Mindener St. Lukas-Gemeinde hat sich ungewollt zu einem Spitzen-Wahlkampfhelfer der rechtsnationalen Partei Alternative für Deutschland (AfD) gemacht. Das liegt mit einiger Sicherheit so gar nicht im Interesse des Theologen. Doch das zählt nicht.

Denn wer der AfD derart naiv ins Netz geht, darf sich über die Folgen nicht wundern. Vor allem nicht darüber, der Partei mächtig Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Pfarrer ist im Internet zum nationalen Klickwunder im Europa-Wahlkampf geworden. Sollte er tatsächlich in der Absicht gehandelt haben, das Wahlplakat abzuhängen – was, anders als es die Partei darstellt, übrigens keineswegs bewiesen ist –, so hat er die entscheidende Rechnung nicht gemacht. Dass ein Plakat höchstens ein paar hundert Menschen wahrnehmen, die Geschichte des angeblich plakatschändenden Pfarrers dagegen viele Zehn-, wenn nicht gar Hunderttausend.

Wahlplakate abzuhängen, zu beschmieren oder zu beschädigen, ist verboten. Trotzdem passiert es im Wahlkampf tausend- und abertausendfach. Der eine Politiker bekommt einen Bart gemalt, der nächste seinen Namen verballhornt, das Schild des Übernächsten verschwindet gleich ganz in der Mülltonne. So weit, so unschön zwar, aber so normal.

Das hat es schon immer gegeben und nie wäre eine Partei auf den – nervigen, aber in Zeiten der Sozialen Netzwerke und angesichts der Erregungsgesellschaft gewinnversprechenden – Gedanken gekommen, diese unschöne Normalität zu nutzen, um sich als Opfer zu stilisieren.

Dass der Mindener Pfarrer auch noch ermöglicht hat, dass sich die Rechtsnationalisten nun konkret als Opfer der Evangelischen Kirche stilisieren können, ist besonders bedauerlich. Denn das bietet den Mindener AfD-Demagögchen und den Berliner Chef-Agitatoren besonders willkommene Gestaltungsspielräume, die Botschaft süffisant und scheinerregt an den potenziellen Wähler zu bringen: „Seht her, alle behandeln uns unfair – nun sogar die ach so moralische Kirche, die bereit ist, ihre eigenen Regeln zu brechen, sobald es um die AfD geht.“

Genau so wünscht sich die Partei das. Sie stellt es nach außen so dar, als sei sie zufälligerweise auf jemanden gestoßen, der ihr Unrecht getan habe. Plötzlich stand da ein Pfarrer auf der Leiter und hantierte an einem Plakat. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass die AfD-Leute genau dieses Szenario heraufbeschworen, gewollt und genussvoll ausgeschlachtet haben.

Das geht ganz einfach: Man nehme einen Pfarrer, der nicht gerade als AfD-Sympathisant bekannt ist und hänge ihm ein Plakat direkt vor seine Kirche und mithin unmittelbar vor die Nase. Man postiere sich mit Fotoapparat in der Nähe des Plakats und warte ab. Man stürme, sobald sich der Pfarrer tatsächlich am Plakat zu schaffen macht, herbei, beginne einen Streit und fotografiere den Mann mit Leiter unter dem Arm. Man schreibe einen flotten Text, der vor Entsetzensbekundungen und Opferhaltungsübungen nur so strotzt. Man werfe ihn der skandaldarbenden Anhängerschar zum Fraß vor und reibe sich die Hände. Fertig ist die Brühe, aus der populistischer Wahlkampf ist. Inzwischen hat die AfD gleich noch ein zweites Plakat vor die Kirche gehängt – um die Situation fein am köcheln zu halten.

Man könnte der AfD dieses Vorgehen zur Last legen, aber das wäre billig. Sie tut bloß, was sie am besten kann. Weil das nicht unbedingt das parteiprogrammatische Arbeiten ist, wählt sie eine andere Strategie und hat Erfolg damit. Man kann das wahlweise geschickt, traurig oder ekelhaft finden, aber das ändert nichts daran, dass in einem freien Land Populismus nicht verboten und zumindest im Sinne des nicht von der Hand zu weisenden Umfrage-Erfolgs nachvollziehbar ist. „Unser Posting geht ab wie eine Rakete“, schreibt die AfD Minden-Lübbecke auf ihrer Facebook-Seite. Genau, und um nichts anderes geht es.

Man darf sich nicht darüber wundern, dass Demagogen tun, was sie am besten können. Darüber, dass ein Pfarrer ihnen so unbedarft ins ausgeworfene Netz schwimmt, schon.

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Standpunkt zum Thema "Der Pfarrer und das AfD-Plakat": Im Netz der DemagogenVon Benjamin Piel Der Pfarrer der Mindener St. Lukas-Gemeinde hat sich ungewollt zu einem Spitzen-Wahlkampfhelfer der rechtsnationalen Partei Alternative für Deutschland (AfD) gemacht. Das liegt mit einiger Sicherheit so gar nicht im Interesse des Theologen. Doch das zählt nicht. Denn wer der AfD derart naiv ins Netz geht, darf sich über die Folgen nicht wundern. Vor allem nicht darüber, der Partei mächtig Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Pfarrer ist im Internet zum nationalen Klickwunder im Europa-Wahlkampf geworden. Sollte er tatsächlich in der Absicht gehandelt haben, das Wahlplakat abzuhängen – was, anders als es die Partei darstellt, übrigens keineswegs bewiesen ist –, so hat er die entscheidende Rechnung nicht gemacht. Dass ein Plakat höchstens ein paar hundert Menschen wahrnehmen, die Geschichte des angeblich plakatschändenden Pfarrers dagegen viele Zehn-, wenn nicht gar Hunderttausend. Wahlplakate abzuhängen, zu beschmieren oder zu beschädigen, ist verboten. Trotzdem passiert es im Wahlkampf tausend- und abertausendfach. Der eine Politiker bekommt einen Bart gemalt, der nächste seinen Namen verballhornt, das Schild des Übernächsten verschwindet gleich ganz in der Mülltonne. So weit, so unschön zwar, aber so normal. Das hat es schon immer gegeben und nie wäre eine Partei auf den – nervigen, aber in Zeiten der Sozialen Netzwerke und angesichts der Erregungsgesellschaft gewinnversprechenden – Gedanken gekommen, diese unschöne Normalität zu nutzen, um sich als Opfer zu stilisieren. Dass der Mindener Pfarrer auch noch ermöglicht hat, dass sich die Rechtsnationalisten nun konkret als Opfer der Evangelischen Kirche stilisieren können, ist besonders bedauerlich. Denn das bietet den Mindener AfD-Demagögchen und den Berliner Chef-Agitatoren besonders willkommene Gestaltungsspielräume, die Botschaft süffisant und scheinerregt an den potenziellen Wähler zu bringen: „Seht her, alle behandeln uns unfair – nun sogar die ach so moralische Kirche, die bereit ist, ihre eigenen Regeln zu brechen, sobald es um die AfD geht.“ Genau so wünscht sich die Partei das. Sie stellt es nach außen so dar, als sei sie zufälligerweise auf jemanden gestoßen, der ihr Unrecht getan habe. Plötzlich stand da ein Pfarrer auf der Leiter und hantierte an einem Plakat. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass die AfD-Leute genau dieses Szenario heraufbeschworen, gewollt und genussvoll ausgeschlachtet haben. Das geht ganz einfach: Man nehme einen Pfarrer, der nicht gerade als AfD-Sympathisant bekannt ist und hänge ihm ein Plakat direkt vor seine Kirche und mithin unmittelbar vor die Nase. Man postiere sich mit Fotoapparat in der Nähe des Plakats und warte ab. Man stürme, sobald sich der Pfarrer tatsächlich am Plakat zu schaffen macht, herbei, beginne einen Streit und fotografiere den Mann mit Leiter unter dem Arm. Man schreibe einen flotten Text, der vor Entsetzensbekundungen und Opferhaltungsübungen nur so strotzt. Man werfe ihn der skandaldarbenden Anhängerschar zum Fraß vor und reibe sich die Hände. Fertig ist die Brühe, aus der populistischer Wahlkampf ist. Inzwischen hat die AfD gleich noch ein zweites Plakat vor die Kirche gehängt – um die Situation fein am köcheln zu halten. Man könnte der AfD dieses Vorgehen zur Last legen, aber das wäre billig. Sie tut bloß, was sie am besten kann. Weil das nicht unbedingt das parteiprogrammatische Arbeiten ist, wählt sie eine andere Strategie und hat Erfolg damit. Man kann das wahlweise geschickt, traurig oder ekelhaft finden, aber das ändert nichts daran, dass in einem freien Land Populismus nicht verboten und zumindest im Sinne des nicht von der Hand zu weisenden Umfrage-Erfolgs nachvollziehbar ist. „Unser Posting geht ab wie eine Rakete“, schreibt die AfD Minden-Lübbecke auf ihrer Facebook-Seite. Genau, und um nichts anderes geht es. Man darf sich nicht darüber wundern, dass Demagogen tun, was sie am besten können. Darüber, dass ein Pfarrer ihnen so unbedarft ins ausgeworfene Netz schwimmt, schon.