Minden

Brigitte Bürklin aus Minden ist 94, sieht aber 20 Jahre jünger aus

Benjamin Piel

Das Alter hindert Brigitte Bürklin nicht an einem aktiven Leben. Die 94-Jährige hat dafür ein einfaches Rezept. MT- - © Foto: Benjamin Piel
Das Alter hindert Brigitte Bürklin nicht an einem aktiven Leben. Die 94-Jährige hat dafür ein einfaches Rezept. MT- (© Foto: Benjamin Piel)

Minden (mt). Es hat einen entscheidenden Nachteil, 94 Jahre alt, körperlich fit und geistig hellwach zu sein. Brigitte Bürklin kennt das nur zu gut. Um sie herum sterben die Menschen wie die Fliegen. Sie kann mit einem Wort sagen, wie sie das findet: „Doof.“

Viele von denen, die sie kannte und mit denen sie befreundet war, sind tot. Ihr Mann ist es schon seit 32 Jahren. Während andere in ihrem Alter kaum einen Fuß mehr vor den anderen setzen können, wohnt sie in ihrer Eigentumswohnung im zweiten Stock. Ohne Aufzug und ohne ihre Kinder in der Nähe. Sie lebt allein, versorgt sich allein, erinnert sich klar, fährt Auto. Brigitte Bürklin wirkt als sei sie Mitte 70. Sie trägt Turnschuhe und bewegt sich flink, auf dem Wohnzimmertisch liegt ein iPhone. Das hat sie bekommen als sie 90 wurde. Der Nachrichtendienst WhatsApp? Na klar kennt sie den, sie nutzt ihn doch täglich, um in der Familiengruppe mit ihren beiden Kindern und den drei Enkeln zu schreiben.

Dabei hätte Bürklin einigen Grund zum schnellen Altern gehabt. In Berlin geboren, machte sie als eine der ganz wenigen jungen Frauen das Abitur. Anschließend hätte sie gerne Physik studiert, „um eine zweite Marie Curie zu werden“, aber daraus wurde nichts. Sie landete schließlich mitten im Zweiten Weltkrieg in einem Labor der Rüstungsindustrie in Bayreuth. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen, den Laborleiter.

Nach dem Krieg brachen böse Zeiten für das Paar an: „Wir haben wochenlang gehungert und nichts als Mangold gegessen.“ Bis 1952 lebten sie in einem Behelfsheim - „es war nichts anderes zu bekommen“. Das erste Kind erkrankte nach der Geburt und kam in ein Kinderkrankenhaus. Nach ein paar Tagen stand eine Frau vor der Tür und fragte: „Ist hier Bürklin? Sie können ihr Kind abholen. Es ist heute Morgen gestorben.“ Und dann stand Brigitte Bürklin da. So war das damals – von psychologischer Begleitung keine Spur. Und auch das zweite Kind starb, lag tot in einem See.

Doch die Bürklins gaben nicht auf. Im Jahr darauf bekamen sie ihr drittes Kind und nach vielen Fehlgeburten eine Tochter. Bürklins Mann bekam ein Jobangebot bei Schoppe & Faeser (heute ABB), so kam das Ehepaar nach Minden. Auch dort war der Start bescheiden, damals herrschte wie heute Wohnungsnot, die Familie fand Unterschlupf in einem Siedlungshaus in Haddenhausen. Im ersten Stock bewohnten sie zwei Zimmer. Statt in einer Küche kochte Brigitte Bürklin mal das Essen, mal die Windeln auf einem kleinen Elektroherd mit zwei Platten.

Doch das Paar arbeitete sich langsam empor, es reichte schließlich für die Eigentumswohnung, in der die Seniorin seit 47 Jahren lebt. Sie gestalteten sich das Leben vielseitig und gesellig, mit Tanzen, Segeln, einer Französisch-Runde, dem Literarischen Verein und Autogenem Training. Wenn es überhaupt ein Geheimrezept gibt, das Bürklin verraten kann, dann das: immer neugierig bleiben, lernbereit, wissbegierig, beweglich, sich auf das Gute statt auf das Schlechte konzentrieren. Vorausgesetz es ging ihr so gut wie heute, möchte sie noch viele Jahre leben. Ihr Gospelchor hat ihr schließlich ein Konzert zum 100. versprochen: „Und wenn ich dann eines Morgens aufwache und tot bin, dann bin ich ganz zufrieden.“

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MindenBrigitte Bürklin aus Minden ist 94, sieht aber 20 Jahre jünger ausBenjamin PielMinden (mt). Es hat einen entscheidenden Nachteil, 94 Jahre alt, körperlich fit und geistig hellwach zu sein. Brigitte Bürklin kennt das nur zu gut. Um sie herum sterben die Menschen wie die Fliegen. Sie kann mit einem Wort sagen, wie sie das findet: „Doof.“ Viele von denen, die sie kannte und mit denen sie befreundet war, sind tot. Ihr Mann ist es schon seit 32 Jahren. Während andere in ihrem Alter kaum einen Fuß mehr vor den anderen setzen können, wohnt sie in ihrer Eigentumswohnung im zweiten Stock. Ohne Aufzug und ohne ihre Kinder in der Nähe. Sie lebt allein, versorgt sich allein, erinnert sich klar, fährt Auto. Brigitte Bürklin wirkt als sei sie Mitte 70. Sie trägt Turnschuhe und bewegt sich flink, auf dem Wohnzimmertisch liegt ein iPhone. Das hat sie bekommen als sie 90 wurde. Der Nachrichtendienst WhatsApp? Na klar kennt sie den, sie nutzt ihn doch täglich, um in der Familiengruppe mit ihren beiden Kindern und den drei Enkeln zu schreiben. Dabei hätte Bürklin einigen Grund zum schnellen Altern gehabt. In Berlin geboren, machte sie als eine der ganz wenigen jungen Frauen das Abitur. Anschließend hätte sie gerne Physik studiert, „um eine zweite Marie Curie zu werden“, aber daraus wurde nichts. Sie landete schließlich mitten im Zweiten Weltkrieg in einem Labor der Rüstungsindustrie in Bayreuth. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen, den Laborleiter. Nach dem Krieg brachen böse Zeiten für das Paar an: „Wir haben wochenlang gehungert und nichts als Mangold gegessen.“ Bis 1952 lebten sie in einem Behelfsheim - „es war nichts anderes zu bekommen“. Das erste Kind erkrankte nach der Geburt und kam in ein Kinderkrankenhaus. Nach ein paar Tagen stand eine Frau vor der Tür und fragte: „Ist hier Bürklin? Sie können ihr Kind abholen. Es ist heute Morgen gestorben.“ Und dann stand Brigitte Bürklin da. So war das damals – von psychologischer Begleitung keine Spur. Und auch das zweite Kind starb, lag tot in einem See. Doch die Bürklins gaben nicht auf. Im Jahr darauf bekamen sie ihr drittes Kind und nach vielen Fehlgeburten eine Tochter. Bürklins Mann bekam ein Jobangebot bei Schoppe & Faeser (heute ABB), so kam das Ehepaar nach Minden. Auch dort war der Start bescheiden, damals herrschte wie heute Wohnungsnot, die Familie fand Unterschlupf in einem Siedlungshaus in Haddenhausen. Im ersten Stock bewohnten sie zwei Zimmer. Statt in einer Küche kochte Brigitte Bürklin mal das Essen, mal die Windeln auf einem kleinen Elektroherd mit zwei Platten. Doch das Paar arbeitete sich langsam empor, es reichte schließlich für die Eigentumswohnung, in der die Seniorin seit 47 Jahren lebt. Sie gestalteten sich das Leben vielseitig und gesellig, mit Tanzen, Segeln, einer Französisch-Runde, dem Literarischen Verein und Autogenem Training. Wenn es überhaupt ein Geheimrezept gibt, das Bürklin verraten kann, dann das: immer neugierig bleiben, lernbereit, wissbegierig, beweglich, sich auf das Gute statt auf das Schlechte konzentrieren. Vorausgesetz es ging ihr so gut wie heute, möchte sie noch viele Jahre leben. Ihr Gospelchor hat ihr schließlich ein Konzert zum 100. versprochen: „Und wenn ich dann eines Morgens aufwache und tot bin, dann bin ich ganz zufrieden.“