Minden

MT-Interview mit Dr. Khalid Murafi: Wenn Eltern sich prügeln, leiden die Kinder

Ilja Regier

Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen. Die Kinder leiden auch darunter, wenn bei den Eltern die Hand ausrutscht, meint der Experte. Symbolfoto: Maurizio Gambarini/dpa - © (c) Copyright 2016, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Eine Frau versucht, sich vor der Gewalt eines Mannes zu schützen. Die Kinder leiden auch darunter, wenn bei den Eltern die Hand ausrutscht, meint der Experte. Symbolfoto: Maurizio Gambarini/dpa (© (c) Copyright 2016, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten)

Minden (mt). Gewalt in Beziehungen schadet auch den Kindern. Davon ist Dr. med. Khalid Murafi überzeugt. Der Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie Walstedde (Kreis Warendorf) hält am Montag ab 14.30 Uhr im Kreishaus einen Vortrag zum Thema „Miterlebte Partnergewalt“. Im MT-Interview erklärt der Experte, was mit Kindern geschieht, die Gewalt erleben.

Dr. Khalid Murafi. - © Foto: pr
Dr. Khalid Murafi. (© Foto: pr)

Hierzulande werden jährlich Tausende Kinder Opfer von Gewalt. Was genau versteht man unter miterlebter Partnergewalt?

Die Kinder sind anwesend und erleben mit, wenn sich die Eltern angreifen. In den meisten Fällen sind es Männer, die ihre Hand gegen Frauen erheben. Die Kinder befinden sich dann im Nebenraum und bekommen die Folgen wie die Verletzungen oder die emotionale Betroffenheit der Mutter mit. In der kindlichen Position sind sie in einer besonderen Rolle. Körperlich wird den Kindern selbst teilweise nichts angetan, die erlebte Gewalt hat aber Einfluss auf das seelische Befinden und die Identität.

Laut einer Studie erleben Kinder in Familien mit Migrationshintergrund mehr Gewalt. Warum ist das der Fall?

Wir müssen davon ausgehen, dass es in solchen Familien eine höhere Bereitschaft gibt, Gewalt anzuwenden. Das hat kulturelle Gründe und mit der Sozialisierung zu tun, weil diese Menschen ihre Kinder anders erziehen. Natürlich wollen wir uns alle politisch korrekt verhalten und auf solche voreiligen Stereotype verzichten. Das kann aber dazu führen, dass man zu unsensibel für den Fakt ist, dass es ein höheres Risiko gibt.

Wie kann unterbunden werden, dass Kinder Partnergewalt erleben?

Das ist schwierig und hat mit einem Tabu zu tun. Hören Nachbarn, dass es nebenan ständig knallt, sollten sie das beim Jugendamt oder an einer anderen Stelle melden. Genau das geschieht zu selten. Viele glauben dann, dass sie sich in die Familien einmischen und etwas falsch machen. Sie wollen sich aus dem Privaten heraushalten. Im Notfall kann aber auch die Polizei gerufen werden. Die sollte wiederum auch das Jugendamt informieren – nicht nur, wenn Eltern ihre Kinder direkt vernachlässigen oder schlagen.

Was können Sozialarbeiter tun?

Hilfreich kann eine frühzeitige, aber keine anklagende Ansprache sein. Die Familien selbst schämen sich dafür. Frauen haben Angst vor den Konsequenzen und nehmen häufig alles zurück. Diese Familien müssen aber mit konkreten Ideen unterstützt werden. Sie müssen lernen, wie sie Konflikte ohne Gewalt lösen.

Wie häufig hören Sie noch den Spruch „Ein Klaps auf den Hintern hat noch niemanden geschadet“?

Den höre ich noch oft. Das Problem ist, dass wir eine kulturelle Veränderung haben. Alle Kinder haben ein Gefühl dafür, dass der Klaps nicht richtig ist. Es entspricht nicht der Idee unserer Gesellschaft, dass Gewalt in der Erziehung eine Rolle spielt. Deswegen hat der Klaps heute eine stärkere, erniedrigende und noch einmal mehr beschämendere Bedeutung als früher – und ist nicht zu bagatellisieren. Damals haben ja noch die Kinder in der Schule einen Klaps bekommen. Da war die psychologische Betroffenheit eine andere, weil es mehrere Kinder betraf.

Derzeit muss sich eine Frau aus Raddestorf vor Gericht verantworten. Sie soll ihr Baby totgeschüttelt haben. Behandeln Sie Kinder, die solch ein Trauma überlebt und Gewalt als Säuglinge erlebt haben?

Ihre Organe und Psyche können beschädigt werden. Hirnverletzungen haben natürlich langfristige Folgen für das Kind. Wir behandeln auch Kinder, die beinahe von ihren Eltern umgebracht worden sind. Meistens gab es da schwerwiegende psychiatrische oder wahnhafte Erkrankungen bei den Eltern. Dann kommt es auf den individuellen Fall an. Häufig sind diese Kinder in sozialen Kontexten groß geworden, die allgemein schwierig sind, weil die Eltern zum Beispiel überfordert gewesen sind. Diese Eltern vernachlässigen auch die Kinder emotional. Das geht über das Trauma hinaus.

Wie gehen Sie in Ihrer Klinik mit Kindern um, die aus ihren Heimatländern geflüchtet sind?

Viele der unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge erlitten während der Flucht ein Trauma. Auch der Anlass für die Flucht kann dafür verantwortlich sein. Wir merken aber, dass diese Menschen sehr offen für Traumatherapien sind, weil sie häufig in stabilen Familien aufgewachsen sind und dann mit den Kriegserlebnissen Traumata dazukamen. Anders ist das oftmals bei traumatisierten Jugendlichen in Deutschland, die schwierige, familiäre Umstände haben. Das potenziert sich dann.

Seit acht Jahren Chefarzt

Khalid Murafi wurde 1969 am Niederrhein geboren. Er studierte Philosophie, Psychologie und Sozialwissenschaften in Hagen und Humanmedizin in Essen.

Danach arbeitete er als Assistenzarzt in Marl-Sinsen und Essen. 2005 wurde er Ärztlicher Direktor der LWL Klinik Hamm, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik. Seit 2011 ist er Chefarzt der Klinik Walstedde.

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