Minden

Impfpflicht gegen Masern? Mindener Mediziner plädiert eher für Aufklärung

Christine Riechmann

Das Kreuz im Impfpass könnte bald über die Aufnahme in einer Kita entscheiden. Ob das Gesetz so kommt, ist allerdings offen. Mindener Einrichtugnen halten sich mit einer Einschätzung zurück. Foto: Marius Becker/dpa - © (c) Copyright 2017, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
Das Kreuz im Impfpass könnte bald über die Aufnahme in einer Kita entscheiden. Ob das Gesetz so kommt, ist allerdings offen. Mindener Einrichtugnen halten sich mit einer Einschätzung zurück. Foto: Marius Becker/dpa (© (c) Copyright 2017, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten)

Minden (mt). Kita-Ausschluss und Geldbußen: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will eine Masernimpfpflicht per Gesetz. Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, sollen demnach Strafen bis zu 2.500 Euro zahlen. So will Spahn die Impfrate in Deutschland deutlich steigern. Denn laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) müssten 95 Prozent der Bevölkerung über eine ausreichende Immunität gegen Masern verfügen, um die hochansteckende Virenerkrankung zu eliminieren. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts liegt die Quote in Deutschland bei 93 Prozent.

Im Kreis Minden-Lübbecke hatten 2018 94,1 Prozent der Schulanfänger bei der Einschulungsuntersuchung die zweite Masernimpfung, 2010 waren es noch 92,8 Prozent. „Das Gesundheitsamt des Kreises prüft den Impfschutz aller Schulanfänger im Kreisgebiet im Rahmen der Einschulungsuntersuchungen“, erklärt Sabine Ohnesorge, Pressesprecherin beim Kreis Minden-Lübbecke. Darüber hinaus empfehle das Gesundheitsamt auch allen Eltern anhand des Impfausweises ihrer Kinder zu überprüfen, ob das eigene Kind gegen Masern geimpft ist.

Auch der Mindener Kinderarzt Henry Boss sieht eine Masern-Impfung als einzige Möglichkeit, die gefürchteten Komplikationen, die durch Masern auftreten können, zu vermeiden. „Dabei geht es um sehr schwerwiegende Erkrankungen, wie eine Gehirnentzündung, die zu einer dauernden Hirnschädigung führen kann, oder auch um Komplikationen, die wirklich zum Tod führen können“, so Boss.

Trotzdem ist der Kinderarzt eher skeptisch, was die Durchsetzung einer allgemeinen Impfpflicht angeht. Auch gebe es Untersuchungen, wonach Eltern im Falle einer Masern-impfpflicht auf die ebenfalls empfohlenen Impfungen gegen Mumps, Röteln und Windpocken eher verzichten würden. „Und das ist dann auch nicht sinnvoll.“

In seiner Praxis setzt Boss auf Aufklärung. Da nach seiner Erfahrung die wenigsten Eltern echte Impfgegner sind, ließen sich viele verunsicherte Mütter und Väter durch gezielte und umfassende Informationen beruhigen und zu einer Impfung bewegen. Zusätzlich würden ein rigoroses Bestellsystem und ein geschultes Personal, das an anstehende Impftermine erinnert, dazu führen, dass es in seiner Praxis eine sehr hohe Durchimpfungsrate gebe.

Echte Impfgegner seien seiner Meinung nach nicht mit einer Strafe von 2.500 Euro davon abzubringen, ihr Kind nicht zu impfen. „Wer überzeugt ist, dass der Wirkstoff seinem Kind Schaden zufügt, der impft auch nicht“, glaubt der Mediziner. Sinnvoll findet Henry Boss, dass eine kommunale Kindereinrichtung das Recht haben sollte, nicht geimpfte Kinder abzulehnen, um andere zu schützen, die nicht geimpft werden dürfen.

Im Falle einer Masernimpfpflicht, nicht geimpfte Kinder ablehnen zu müssen, würde Gaby Fleary, Leiterin der Kindertageseinrichtung Goebenstraße in Minden missfallen. Den Eltern gegenüber spreche sie aber eine Empfehlung zum Impfen aus. „Und dazu, sich zu informieren.“

Eine Empfehlung müsse Ilona Hoffman, Leiterin in der Kita Marienkäfer, nicht geben. „Der absolute Großteil unserer Kinder ist geimpft“, sagt die Erzieherin. Auch dort setze man auf Aufklärung und Information. „Wir raten den Eltern, sich beraten zu lassen.“ An den Mindener Grundschulen ist die Impfpflicht bisher kein Thema. Dort wird man sich damit erst beschäftigen müssen, wenn das Gesetz beschlossene Sache ist, ist es aus Grundschulkreisen zu hören.

Infos zu Masern

Die Masern sind eine hochansteckende Virenerkrankung. Das Virus befällt die oberen Atemwege. Neben den typischen roten Hautflecken ruft die Erkrankung Fieber und einen erheblich geschwächten Allgemeinzustand hervor. Ihr Verlauf kann, vor allem bei ohnehin abwehrgeschwächten Menschen, zu schweren Komplikationen wie Lungen- oder Hirnhautentzündungen führen.

Die Ansteckung verläuft meist über das Einatmen von infektiösen Tröpfchen, die Erkrankte beim Sprechen, Husten oder Niesen ausstoßen. Bis erste Symptome auftreten, vergehen in der Regel acht bis 14 Tage. Schon drei bis fünf Tage vor dem Auftreten von Symptomen können Infizierte die Krankheit weiter verbreiten – ohne zu wissen, dass sie selbst erkrankt sind.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) steigt der Anteil von Erkrankten, die älter als zehn Jahre sind. Gerade bei Erwachsenen verläuft die Erkrankung oft mit schweren Krankheitssymptomen und Komplikationen.

Die ständige Impfkommission empfiehlt zwei Impfungen bis zum Ende des zweiten Lebensjahres, damit die Kinder bereits in der Kita geschützt sind. Durch die erste Impfung wird bei 90 bis 95 Prozent der Kinder ein Schutz erreicht; die restlichen fünf bis zehn Prozent sollen durch die zweite Impfung geschützt werden.

Unter Erwachsenen gibt es Impflücken gerade bei denjenigen, die nach 1970 geboren wurden. Im Zweifelsfall schadet es weder Kindern noch Erwachsenen, noch mal nachzuimpfen, rät das Gesundheitsamt. Eltern, die unsicher sind, ob das Kind geimpft wurde oder bereits an Masern erkrankt war – was wie eine Impfung einen lebenslangen Schutz zur Folge hätte – sollten ihr Kind sicherheitshalber zusätzlich impfen lassen. (cs)

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenImpfpflicht gegen Masern? Mindener Mediziner plädiert eher für AufklärungChristine RiechmannMinden (mt). Kita-Ausschluss und Geldbußen: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will eine Masernimpfpflicht per Gesetz. Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, sollen demnach Strafen bis zu 2.500 Euro zahlen. So will Spahn die Impfrate in Deutschland deutlich steigern. Denn laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) müssten 95 Prozent der Bevölkerung über eine ausreichende Immunität gegen Masern verfügen, um die hochansteckende Virenerkrankung zu eliminieren. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts liegt die Quote in Deutschland bei 93 Prozent. Im Kreis Minden-Lübbecke hatten 2018 94,1 Prozent der Schulanfänger bei der Einschulungsuntersuchung die zweite Masernimpfung, 2010 waren es noch 92,8 Prozent. „Das Gesundheitsamt des Kreises prüft den Impfschutz aller Schulanfänger im Kreisgebiet im Rahmen der Einschulungsuntersuchungen“, erklärt Sabine Ohnesorge, Pressesprecherin beim Kreis Minden-Lübbecke. Darüber hinaus empfehle das Gesundheitsamt auch allen Eltern anhand des Impfausweises ihrer Kinder zu überprüfen, ob das eigene Kind gegen Masern geimpft ist. Auch der Mindener Kinderarzt Henry Boss sieht eine Masern-Impfung als einzige Möglichkeit, die gefürchteten Komplikationen, die durch Masern auftreten können, zu vermeiden. „Dabei geht es um sehr schwerwiegende Erkrankungen, wie eine Gehirnentzündung, die zu einer dauernden Hirnschädigung führen kann, oder auch um Komplikationen, die wirklich zum Tod führen können“, so Boss. Trotzdem ist der Kinderarzt eher skeptisch, was die Durchsetzung einer allgemeinen Impfpflicht angeht. Auch gebe es Untersuchungen, wonach Eltern im Falle einer Masern-impfpflicht auf die ebenfalls empfohlenen Impfungen gegen Mumps, Röteln und Windpocken eher verzichten würden. „Und das ist dann auch nicht sinnvoll.“ In seiner Praxis setzt Boss auf Aufklärung. Da nach seiner Erfahrung die wenigsten Eltern echte Impfgegner sind, ließen sich viele verunsicherte Mütter und Väter durch gezielte und umfassende Informationen beruhigen und zu einer Impfung bewegen. Zusätzlich würden ein rigoroses Bestellsystem und ein geschultes Personal, das an anstehende Impftermine erinnert, dazu führen, dass es in seiner Praxis eine sehr hohe Durchimpfungsrate gebe. Echte Impfgegner seien seiner Meinung nach nicht mit einer Strafe von 2.500 Euro davon abzubringen, ihr Kind nicht zu impfen. „Wer überzeugt ist, dass der Wirkstoff seinem Kind Schaden zufügt, der impft auch nicht“, glaubt der Mediziner. Sinnvoll findet Henry Boss, dass eine kommunale Kindereinrichtung das Recht haben sollte, nicht geimpfte Kinder abzulehnen, um andere zu schützen, die nicht geimpft werden dürfen. Im Falle einer Masernimpfpflicht, nicht geimpfte Kinder ablehnen zu müssen, würde Gaby Fleary, Leiterin der Kindertageseinrichtung Goebenstraße in Minden missfallen. Den Eltern gegenüber spreche sie aber eine Empfehlung zum Impfen aus. „Und dazu, sich zu informieren.“ Eine Empfehlung müsse Ilona Hoffman, Leiterin in der Kita Marienkäfer, nicht geben. „Der absolute Großteil unserer Kinder ist geimpft“, sagt die Erzieherin. Auch dort setze man auf Aufklärung und Information. „Wir raten den Eltern, sich beraten zu lassen.“ An den Mindener Grundschulen ist die Impfpflicht bisher kein Thema. Dort wird man sich damit erst beschäftigen müssen, wenn das Gesetz beschlossene Sache ist, ist es aus Grundschulkreisen zu hören. Infos zu Masern Die Masern sind eine hochansteckende Virenerkrankung. Das Virus befällt die oberen Atemwege. Neben den typischen roten Hautflecken ruft die Erkrankung Fieber und einen erheblich geschwächten Allgemeinzustand hervor. Ihr Verlauf kann, vor allem bei ohnehin abwehrgeschwächten Menschen, zu schweren Komplikationen wie Lungen- oder Hirnhautentzündungen führen. Die Ansteckung verläuft meist über das Einatmen von infektiösen Tröpfchen, die Erkrankte beim Sprechen, Husten oder Niesen ausstoßen. Bis erste Symptome auftreten, vergehen in der Regel acht bis 14 Tage. Schon drei bis fünf Tage vor dem Auftreten von Symptomen können Infizierte die Krankheit weiter verbreiten – ohne zu wissen, dass sie selbst erkrankt sind. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) steigt der Anteil von Erkrankten, die älter als zehn Jahre sind. Gerade bei Erwachsenen verläuft die Erkrankung oft mit schweren Krankheitssymptomen und Komplikationen. Die ständige Impfkommission empfiehlt zwei Impfungen bis zum Ende des zweiten Lebensjahres, damit die Kinder bereits in der Kita geschützt sind. Durch die erste Impfung wird bei 90 bis 95 Prozent der Kinder ein Schutz erreicht; die restlichen fünf bis zehn Prozent sollen durch die zweite Impfung geschützt werden. Unter Erwachsenen gibt es Impflücken gerade bei denjenigen, die nach 1970 geboren wurden. Im Zweifelsfall schadet es weder Kindern noch Erwachsenen, noch mal nachzuimpfen, rät das Gesundheitsamt. Eltern, die unsicher sind, ob das Kind geimpft wurde oder bereits an Masern erkrankt war – was wie eine Impfung einen lebenslangen Schutz zur Folge hätte – sollten ihr Kind sicherheitshalber zusätzlich impfen lassen. (cs)