Minden

Es wummert am Mittellandkanal: Anwohner beschweren sich

Ilja Regier

Legt ein Binnenschiff an, kann der Kapitän entweder die Stromsäulen an Land oder eigene Dieselaggregate nutzen. MT- - © Foto: Archiv
Legt ein Binnenschiff an, kann der Kapitän entweder die Stromsäulen an Land oder eigene Dieselaggregate nutzen. MT- (© Foto: Archiv)

Minden (mt). Das Fenster muss die Frau schließen. Sonst zieht der Gestank der Dieselmotoren ins Zimmer – und das drei Monate alte Baby soll die Gase nicht einatmen. Das ist aber nicht alles. Die junge Familie hört regelmäßig das Brodeln und Blubbern – auch nachts. „Das macht uns verrückt. Manchmal trauen wir uns nicht auf den Balkon", sagt die Mutter. Der Geruch und die Geräusche stammen vom Mittellandkanal nebenan. Dort legen Binnenschiffe an und ihre Kapitäne entscheiden, woher sie Energie beziehen. Sie können zum Kochen oder Heizen die Stromsäulen an Land nutzen oder ihre Aggregate laufen lassen. Das bleibt ihnen frei überlassen. Und genau das ist ein Problem.

Wenige Meter von der Kanaluferstraße entfernt kennen sich die meisten Nachbarn, weil sie ehemalige Kollegen sind. In dieser Ecke Mindens wohnen viele, die jahrzehntelang selbst auf Schiffen in ganz Europa unterwegs waren und mittlerweile Rentner sind. Eigentlich müssten sie Verständnis für die Binnenschiffe haben, doch ihr Geduldsfaden ist gerissen. Ein Anwohner, der wie alle anderen anonym bleiben möchte, berichtet, dass ein Schiff aus Polen den Motor zwei Wochen lang im Winter rund um die Uhr laufen ließ. „Vermutlich war der Kapitän gar nicht an Board", sagt der Mann. Vor allem die ausländischen Schiffe würden die Stromsäulen ignorieren. Das hätte sie sich nicht getraut, ergänzt eine Anwohnerin, die früher selbst im Binnenschiffgewerbe war. „Damals stoppten wir aus Respekt dort, wo keine Wohngegend in der Nähe war." Am Melittabad wäre solch eine Stelle.

Will der Binnenschiffer die Stromsäulen benutzen, benötigt er eine Karte vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. MT- - © Foto: Ilja Regier
Will der Binnenschiffer die Stromsäulen benutzen, benötigt er eine Karte vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt. MT- (© Foto: Ilja Regier)

Eine einheitliche Regel existiert aber nicht. Im Bundeswasserstraßengesetz ist kein Anschlusszwang an Stromsäulen für festliegende Frachtschiffe verankert. „Wir können nichts machen. Uns sind die Hände gebunden", sagt Henning Buchholz, der Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Minden.

Auch in Berlin ist das fehlende Gesetz ein Thema. In Spandau kritisieren die Bürger, dass die Schiffe wie in Minden ihre Dieselmotoren und Generatoren dauernd laufen lassen. Damit erzeugen sie Emissionen, Kohlendioxid und Feinstaub. „Der Bass klingt wie die Stimme des Sängers der Band Scooter", vergleicht ein am Havelweg lebender Lehrer das Geräusch in Minden.

Die Menschen, die am Kanal wohnen, kennen die Gesetzeslage. Sie wissen, dass die Schiffe Geräusche produzieren – das können und wollen sie nicht verhindern. Sie fordern jedoch, dass die Behörden eingreifen und einen Kompromiss finden. „Schilder könnten darauf hinweisen, dass ab 22 Uhr die Dieselmotoren ausgestellt werden müssen", sagt ein Anwohner. Auch das sei laut Buchholz nicht möglich und Aufgabe des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI).

Dazu stellte Minister Andreas Scheuer am Dienstag einen Masterplan für die Binnenschifffahrt vor. Darin heißt es, dass Schiffe auf dem Rhein seit Juni 2018 ihren gesamten Bedarf an elektrischer Energie ausschließlich über einen Landstromanschluss decken müssen. Dieses Modell soll auch für die Mosel, die Donau und die Wasserstraßen übernommen werden. Die örtlichen Behörden wären dann für die Liegestellen verantwortlich. Außerdem setzt die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes derzeit im Auftrag des BMVI ein Pilotprojekt um. Landstromtankstellen für Binnenschiffe sollen im Westdeutschen Kanalnetz gebaut werden (siehe Infokasten).

Neben dem fehlenden Gesetz gibt es noch einen weiteren Punkt, der bei den Bürgern an der Kanaluferstraße für Irritation sorgt. Für die Stromsäulen in Minden benötigen die Schiffer eine Karte, die sie nur beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Minden erhalten. Das hat am Donnerstag bis 15 Uhr und am Freitag bis 13 Uhr geöffnet. Insofern können Schiffer, die am Abend anlegen und keine Karten haben, die Säulen nicht nutzen. Immerhin, haben sie vorher zum Beispiel in Hildesheim und damit im Bereich des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Braunschweig eine Karte gekauft, funktioniert sie auch in Minden. „Noch suchen wir eine Lösung für das Problem", sagt Buchholz.

Das war vorher besser geregelt. Weil die Schifffahrtsabgaben auf den Bundeswasserstraßen seit diesem Jahr entfallen, ist die Hebestelle in Minden überflüssig. Dort wurden Fahrscheine ausgestellt und Abgaben eingesammelt, aber auch rund um die Uhr Schlüssel für die Stromsäulen verteilt. Eine weitere Hürde: Auch die Säulen unterscheiden sich bei den Anlegestellen. Ältere Schiffe benötigen Adapter. Hinzu kommt der Preis. In Minden zahlen die Schiffer 30 Cent pro Kilowatt und verbrauchen pro Tag etwa 15 Euro. Schalten sie ihre Dieselaggregate ein, sparen sie Geld.

Ernst-Joachim Gerhardt kennt diese ganzen Hindernisse. Er ist seit 60 Jahren in der Branche und mit seinem Schiff derzeit in Frankreich unterwegs. Der Mindener wundert sich zwar, dass sich die Anwohner am Kanal nach jahrelangem Schweigen plötzlich beschweren, sagt aber: „Die Deutschen können von den Holländern lernen." In den Niederlanden herrsche ein Anschlusszwang. Mit einem Anruf und der Kreditkarte sei das Schiff direkt am Netz angeschlossen. Nutzen die Schiffer ihre Aggregate und nicht die Stromsäulen, bekommen sie Probleme mit den Anwohnern – und der Wasserschutzpolizei. Diese Vorschrift aus dem Nachbarland wünschen sich auch die Mindener am Kanal.

Höchste Zeit für Digitales

Kommentar von Ilja Regier

Ohne ihr Gerät gehen viele nicht mehr aus dem Haus, sonst fehlt ein wichtiger Assistent in der Hosentasche. Was ihre Handys einmal leisten werden, hätten nur die wenigsten vor 15 Jahren erahnt. Längst ähneln Smartphones unverzichtbaren Schweizer Taschenmessern mit hilfreichen Werkzeugen. Sie navigieren, organisieren, fotografieren und bezahlen. Äußerst bequem ist auch, dass sich mit dem Handy von überall jede Menge buchen lässt – Mietwagen, Urlaub und die Karten fürs Theater. Das spart Zeit und sorgt für kürzere Wege.
Längere Wege und mehr Zeit dagegen benötigen die Binnenschiffer, wenn sie ihr Schiff am Kanal in Minden festmachen und Strom beziehen wollen. Für die Säulen brauchen sie eine Karte, die sie nur bis zum Nachmittag beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Minden erhalten. Alternativ dürfen sie Dieselmotoren laufen lassen. Das ist für sie – zugegeben – die bequemere Variante, bringt aber die Anwohner auf die Palme.
In einer digitalen Welt schwebt mir vor, dass die Kapitäne die Schiffe anschließen, mit dem Handy Strom über eine App bestellen, der dann aus den Säulen schießt. Das ist keine Utopie, sondern Realität am Duisburger Hafen, wo jüngst drei solche Ladesäulen installiert wurden. Dadurch sollen Schadstoffe reduziert und die Umwelt entlastet werden – was zu begrüßen ist. Langsam bewegt sich auch die Politik in Berlin, die mit dem Bau einheitlicher Stromtankstellen nachhaltiger handeln will. Minden hat noch keine Lösung gefunden und erinnert mit dem benutzerunfreundlichen System an die analoge Ära. Als man noch ohne Handy aus dem Haus ging. Höchste Zeit, dass sich was ändert.

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MindenEs wummert am Mittellandkanal: Anwohner beschweren sichIlja RegierMinden (mt). Das Fenster muss die Frau schließen. Sonst zieht der Gestank der Dieselmotoren ins Zimmer – und das drei Monate alte Baby soll die Gase nicht einatmen. Das ist aber nicht alles. Die junge Familie hört regelmäßig das Brodeln und Blubbern – auch nachts. „Das macht uns verrückt. Manchmal trauen wir uns nicht auf den Balkon", sagt die Mutter. Der Geruch und die Geräusche stammen vom Mittellandkanal nebenan. Dort legen Binnenschiffe an und ihre Kapitäne entscheiden, woher sie Energie beziehen. Sie können zum Kochen oder Heizen die Stromsäulen an Land nutzen oder ihre Aggregate laufen lassen. Das bleibt ihnen frei überlassen. Und genau das ist ein Problem. Wenige Meter von der Kanaluferstraße entfernt kennen sich die meisten Nachbarn, weil sie ehemalige Kollegen sind. In dieser Ecke Mindens wohnen viele, die jahrzehntelang selbst auf Schiffen in ganz Europa unterwegs waren und mittlerweile Rentner sind. Eigentlich müssten sie Verständnis für die Binnenschiffe haben, doch ihr Geduldsfaden ist gerissen. Ein Anwohner, der wie alle anderen anonym bleiben möchte, berichtet, dass ein Schiff aus Polen den Motor zwei Wochen lang im Winter rund um die Uhr laufen ließ. „Vermutlich war der Kapitän gar nicht an Board", sagt der Mann. Vor allem die ausländischen Schiffe würden die Stromsäulen ignorieren. Das hätte sie sich nicht getraut, ergänzt eine Anwohnerin, die früher selbst im Binnenschiffgewerbe war. „Damals stoppten wir aus Respekt dort, wo keine Wohngegend in der Nähe war." Am Melittabad wäre solch eine Stelle. Eine einheitliche Regel existiert aber nicht. Im Bundeswasserstraßengesetz ist kein Anschlusszwang an Stromsäulen für festliegende Frachtschiffe verankert. „Wir können nichts machen. Uns sind die Hände gebunden", sagt Henning Buchholz, der Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Minden. Auch in Berlin ist das fehlende Gesetz ein Thema. In Spandau kritisieren die Bürger, dass die Schiffe wie in Minden ihre Dieselmotoren und Generatoren dauernd laufen lassen. Damit erzeugen sie Emissionen, Kohlendioxid und Feinstaub. „Der Bass klingt wie die Stimme des Sängers der Band Scooter", vergleicht ein am Havelweg lebender Lehrer das Geräusch in Minden. Die Menschen, die am Kanal wohnen, kennen die Gesetzeslage. Sie wissen, dass die Schiffe Geräusche produzieren – das können und wollen sie nicht verhindern. Sie fordern jedoch, dass die Behörden eingreifen und einen Kompromiss finden. „Schilder könnten darauf hinweisen, dass ab 22 Uhr die Dieselmotoren ausgestellt werden müssen", sagt ein Anwohner. Auch das sei laut Buchholz nicht möglich und Aufgabe des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Dazu stellte Minister Andreas Scheuer am Dienstag einen Masterplan für die Binnenschifffahrt vor. Darin heißt es, dass Schiffe auf dem Rhein seit Juni 2018 ihren gesamten Bedarf an elektrischer Energie ausschließlich über einen Landstromanschluss decken müssen. Dieses Modell soll auch für die Mosel, die Donau und die Wasserstraßen übernommen werden. Die örtlichen Behörden wären dann für die Liegestellen verantwortlich. Außerdem setzt die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes derzeit im Auftrag des BMVI ein Pilotprojekt um. Landstromtankstellen für Binnenschiffe sollen im Westdeutschen Kanalnetz gebaut werden (siehe Infokasten). Neben dem fehlenden Gesetz gibt es noch einen weiteren Punkt, der bei den Bürgern an der Kanaluferstraße für Irritation sorgt. Für die Stromsäulen in Minden benötigen die Schiffer eine Karte, die sie nur beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Minden erhalten. Das hat am Donnerstag bis 15 Uhr und am Freitag bis 13 Uhr geöffnet. Insofern können Schiffer, die am Abend anlegen und keine Karten haben, die Säulen nicht nutzen. Immerhin, haben sie vorher zum Beispiel in Hildesheim und damit im Bereich des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Braunschweig eine Karte gekauft, funktioniert sie auch in Minden. „Noch suchen wir eine Lösung für das Problem", sagt Buchholz. Das war vorher besser geregelt. Weil die Schifffahrtsabgaben auf den Bundeswasserstraßen seit diesem Jahr entfallen, ist die Hebestelle in Minden überflüssig. Dort wurden Fahrscheine ausgestellt und Abgaben eingesammelt, aber auch rund um die Uhr Schlüssel für die Stromsäulen verteilt. Eine weitere Hürde: Auch die Säulen unterscheiden sich bei den Anlegestellen. Ältere Schiffe benötigen Adapter. Hinzu kommt der Preis. In Minden zahlen die Schiffer 30 Cent pro Kilowatt und verbrauchen pro Tag etwa 15 Euro. Schalten sie ihre Dieselaggregate ein, sparen sie Geld. Ernst-Joachim Gerhardt kennt diese ganzen Hindernisse. Er ist seit 60 Jahren in der Branche und mit seinem Schiff derzeit in Frankreich unterwegs. Der Mindener wundert sich zwar, dass sich die Anwohner am Kanal nach jahrelangem Schweigen plötzlich beschweren, sagt aber: „Die Deutschen können von den Holländern lernen." In den Niederlanden herrsche ein Anschlusszwang. Mit einem Anruf und der Kreditkarte sei das Schiff direkt am Netz angeschlossen. Nutzen die Schiffer ihre Aggregate und nicht die Stromsäulen, bekommen sie Probleme mit den Anwohnern – und der Wasserschutzpolizei. Diese Vorschrift aus dem Nachbarland wünschen sich auch die Mindener am Kanal. Höchste Zeit für Digitales Kommentar von Ilja Regier Ohne ihr Gerät gehen viele nicht mehr aus dem Haus, sonst fehlt ein wichtiger Assistent in der Hosentasche. Was ihre Handys einmal leisten werden, hätten nur die wenigsten vor 15 Jahren erahnt. Längst ähneln Smartphones unverzichtbaren Schweizer Taschenmessern mit hilfreichen Werkzeugen. Sie navigieren, organisieren, fotografieren und bezahlen. Äußerst bequem ist auch, dass sich mit dem Handy von überall jede Menge buchen lässt – Mietwagen, Urlaub und die Karten fürs Theater. Das spart Zeit und sorgt für kürzere Wege.Längere Wege und mehr Zeit dagegen benötigen die Binnenschiffer, wenn sie ihr Schiff am Kanal in Minden festmachen und Strom beziehen wollen. Für die Säulen brauchen sie eine Karte, die sie nur bis zum Nachmittag beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Minden erhalten. Alternativ dürfen sie Dieselmotoren laufen lassen. Das ist für sie – zugegeben – die bequemere Variante, bringt aber die Anwohner auf die Palme.In einer digitalen Welt schwebt mir vor, dass die Kapitäne die Schiffe anschließen, mit dem Handy Strom über eine App bestellen, der dann aus den Säulen schießt. Das ist keine Utopie, sondern Realität am Duisburger Hafen, wo jüngst drei solche Ladesäulen installiert wurden. Dadurch sollen Schadstoffe reduziert und die Umwelt entlastet werden – was zu begrüßen ist. Langsam bewegt sich auch die Politik in Berlin, die mit dem Bau einheitlicher Stromtankstellen nachhaltiger handeln will. Minden hat noch keine Lösung gefunden und erinnert mit dem benutzerunfreundlichen System an die analoge Ära. Als man noch ohne Handy aus dem Haus ging. Höchste Zeit, dass sich was ändert.