Minden

Paul Alexander Lipinski legt sein Amt als ehrenamtlicher Vorstand im Club 74 nieder

Nadine Conti

Minden (mt). Er geht nicht in Rente, das will Paul Alexander Lipinski, noch klargestellt haben. Nicht dass ihn jemand für alt hält. Er wird weiter als Krankenhausseelsorger in Lübbecke wirken, zusätzlich seit einiger Zeit auch in Schloss Haldem, der forensischen Psychiatrie für Straftäter. Nur aus seinem Amt als ehrenamtlicher Vorstand (und später Aufsichtsrat) des Clubs 74 ist er im März ausgeschieden. Heute wird er feierlich verabschiedet. Nach 30 turbulenten Jahren, in denen sich der Club 74 vom Angehörigenverein zum regionalen Großanbieter für die Betreuung und Wiedereingliederung psychisch kranker und behinderter Menschen gemausert hat. Zu einem Anbieter, der – nach eigenen Angaben – sechs Millionen Euro im Jahr umsetzt und eine Bilanzsumme von 13 Millionen Euro ausweist. Und über eine der schönsten Immobilien der Stadt verfügt.

Paul Alexander Lipinksi bleibt dem Club 74 weiterhin verbunden. MT- - © Foto: Nadine Conti
Paul Alexander Lipinksi bleibt dem Club 74 weiterhin verbunden. MT- (© Foto: Nadine Conti)

Als Lipinski 1988 anfing, drohte der Verein an Schulden von vergleichsweise lächerlichen 140.000 DM zu ersticken. Der Verein betrieb damals drei Patientenclubs oder Begegnungsstätten in Lübbecke, Bad Oeynhausen und Minden, sowie ein Übergangswohnheim in Lübbecke. Dieses war chronisch unterbelegt, wohl auch, weil die Verantwortlichen sich im Gesundheitswesen zu wenig auskannten und der Kontakt zur abgebenden Psychiatrie nicht gut war, erzählt Lipinski. Der Klinikseelsorger sollte helfen – und wurde gleich zum Vorsitzenden gewählt. Der neue Vorstand versuchte, das Ruder herum zu reißen und stellte Hartmut Fuhrmann als Geschäftsführer ein.

Mit dem bildet Lipinski bis heute ein Gespann, das kaum auseinander zu bekommen ist. Auch beim Abschiedsgespräch mit dem MT wird Fuhrmann die ganze Zeit mit am Tisch sitzen. Das alte Volkslied „Was macht der Fuhrmann? Der Fuhrmann spannt den Wagen an“ singe er jedes Mal, wenn Fuhrmann einen runden Geburtstag feiere, erzählt Lipinski lachend.

Gemeinsam haben sie nicht nur das Ruder herumgerissen, sondern aus einem Kahn einen Dampfer gemacht. Immer wieder wurden die Konzepte angepasst, an das, was im Bereich der psychiatrischen Versorgung gerade gefordert war und durch die Krankenkassen und Rentenversicherungsträger gefördert wurde. Mit Hilfe von zusätzlich eingeworbenen Stiftungsgeldern wurden weitere Angebote geschaffen. Auch um den Preis immer wieder im öffentlichen Kreuzfeuer der Kritik zu stehen, sich heftigen Vorwürfen ausgesetzt zu sehen und harsche Kontrollen erdulden zu müssen.

Er habe bitteres Lehrgeld bezahlt, sagt Lipinski und große menschliche Enttäuschungen erlebt – aber auf seinen Fuhrmann lässt er nichts kommen. Die Wörtchen „trotzdem“ oder „jetzt erst recht“ spielen überhaupt eine nicht ganz unwesentliche Rolle in seinem Handeln. Das gilt für den Ton und Blick, mit dem er „mein Mann“ sagt, wenn er von seinem Partner Jochen Mühlbach spricht – genauso wie für die Haltung, mit der er sich vehement für den Kauf des schönen alten Offizierskasinos an der Johansenstraße eingesetzt hat.

Es beherbergt heute die Verwaltung des Clubs 74, dazu eine Reha-Einrichtung für psychisch Kranke und das Café Prinz Friedrich. Bei der Einweihungsfeier soll ein Ratsherr zu seinem Tischnachbarn gesagt haben: „Warum müssen eigentlich die Verrückten in Minden das schönste Gebäude kriegen?“ Genau darum, würde Lipinski sagen. Weil es darum geht, ein Zeichen zu setzen, die unantastbare Würde des Menschen zu verteidigen.

Es war allerdings nicht nur der Erwerb des historischen Gebäudes, der in der Stadt Wellen schlug. Gestartet war der Club 74 hier auch mit einem ehrgeizigen gastronomischen Angebot, das nach fünf Jahren in einer öffentlich ausgefochtenen Schlammschlacht baden ging. Der Spagat zwischen hochklassigem Restaurant und Integrationsmaßnahme für psychisch Kranke funktionierte nicht recht. Es kam zum Zerwürfnis zwischen den Geschäftsführern der eigens gegründeten Tochtergesellschaft und dem Club 74, gegenseitigen Schuldzuweisungen und juristischen Auseinandersetzungen – am Ende mussten Fördergelder zurück gezahlt werden.

„Wir waren zu naiv, zu blauäugig“, sagt Lipinski heute, das Ganze sei bösartig vor die Wand gefahren worden. Für ihn hätte das durchaus ins Auge gehen können: Als verantwortlicher Vorstand hätte er auch mit seinem Privatvermögen gehaftet. „Ich war damals froh, dass ich wenigstens keine Familie zu versorgen hatte“, betont er. Den „Prinz Friedrich“ gibt es immer noch, in abgespeckter Version, nur noch als Café an fünf Tagen in der Woche. Zu einer ähnlich heftigen und hässlichen öffentlichen Auseinandersetzung kam es als vor drei Jahren ehemalige Mitarbeiter öffentlich über das Arbeitsklima und den Führungsstil Fuhrmanns klagten. „Bösartig“ nennt Lipinski auch dies. Von „Erbstreitigkeiten“, befeuert durch Menschen, die die Macht im Verein hätten übernehmen wollen, spricht Fuhrmann.

Immerhin, vermerkt Lipinski leise triumphierend, haben all die dadurch veranlassten Überprüfungen – durch die Heimaufsicht, die Rentenversicherung, das Finanzamt – nie etwas ergeben. Obwohl es einmal sogar eine Hausdurchsuchung bei ihm gegeben habe – weil ihn jemand der Unterschlagung bezichtigte.

Nun soll der Club 74 wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen. Man bereite intensiv die Überführung in eine Stiftung vor, erklären beide. Damit sollen die zahlreichen Angebote von den Begegnungsstätten übers betreute Wohnen, der Reha-Einrichtung und der frisch gegründeten „Unabhängigen Teilhabeberatung“ abgesichert werden. Denn das Finanzvolumen, das hier bewegt wird, sprengt längst den Rahmen eines eingetragenen Vereins, der der Club 74 offiziell immer noch ist. Langfristig wolle auch er sich zurückziehen, erklärt Fuhrmann, der Vorstand wurde schon um Marina Carozzo erweitert, Renate Hahn werde das operative Geschäft übernehmen.

So ganz Abschied nehmen vom Club 74 wird Lipinski aber nicht, in der Stiftung soll er Mitglied des Kuratoriums werden. Und auch diese neuen Weichenstellungen entsprechen wohl seinem Naturell: Nach vorne denken, Entscheidungen treffen, Zeichen setzen, jetzt erst recht. „Ich bin nicht der Typ, der vorne bei der Sau stehen bleibt, die da durchs Dorf getrieben wird. Das ist ja ohnehin jedes Mal eine andere. Da kommt man zu nichts. Und der Stall wird auch nicht ausgemistet.“

Zur Peron: Paul Alexander Lipinski

- Geboren 1955 in Dortmund, Studium der Theologie in Bethel, Tübingen und Münster

- Vikariat in der Petri-Kirche Dortmund und im Augusta-Krankenhauses Bochum, danach Pfarrer am Psychiatrischen Landeskrankenhaus Dortmund-Aplerbeck

- ab 1987 erster Krankenhauspfarrer des Kirchenkreises Lübbecke, Schwerpunkt Seelsorge in der Psychiatrie

- ab 1988 ehrenamtlicher Vorstand des Club 74 e.V., damals eine Selbsthilfeorganisation für psychisch Kranke mit sieben Mitarbeitern

- ab 1990 Ausbau des Betreuten Wohnens in Bad Oeynhausen und Lübbecke

- 1994 Errichtung einer Tagesstätte für psychisch Kranke in Minden

- 1994 Übergangswohnheim Lübbecke wird zur Reha-Einrichtung

- 1998 Neues Wohnheim Lübbecke

- 1999 Eröffnung des gastronomischen Integrationsbetriebes „Prinz Friedrich“ und Umzug der Reha-Einrichtung ins Offizierscasino an der Johansenstraße

- ab 2005 Aufsichtsratsvorsitzender des Club 74

- 2009 Weiteres Wohnhaus auf dem Gelände in der Johansenstraße

- 2010 ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstorden

- 2012 Ausweitung des Reha-Zentrums um Jugend-Reha und ein weiteres Bettenhaus

- 2019 Rückzug als Aufsichtratsvorsitzender, Nachfolger wird Holger Box

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MindenPaul Alexander Lipinski legt sein Amt als ehrenamtlicher Vorstand im Club 74 niederNadine ContiMinden (mt). Er geht nicht in Rente, das will Paul Alexander Lipinski, noch klargestellt haben. Nicht dass ihn jemand für alt hält. Er wird weiter als Krankenhausseelsorger in Lübbecke wirken, zusätzlich seit einiger Zeit auch in Schloss Haldem, der forensischen Psychiatrie für Straftäter. Nur aus seinem Amt als ehrenamtlicher Vorstand (und später Aufsichtsrat) des Clubs 74 ist er im März ausgeschieden. Heute wird er feierlich verabschiedet. Nach 30 turbulenten Jahren, in denen sich der Club 74 vom Angehörigenverein zum regionalen Großanbieter für die Betreuung und Wiedereingliederung psychisch kranker und behinderter Menschen gemausert hat. Zu einem Anbieter, der – nach eigenen Angaben – sechs Millionen Euro im Jahr umsetzt und eine Bilanzsumme von 13 Millionen Euro ausweist. Und über eine der schönsten Immobilien der Stadt verfügt. Als Lipinski 1988 anfing, drohte der Verein an Schulden von vergleichsweise lächerlichen 140.000 DM zu ersticken. Der Verein betrieb damals drei Patientenclubs oder Begegnungsstätten in Lübbecke, Bad Oeynhausen und Minden, sowie ein Übergangswohnheim in Lübbecke. Dieses war chronisch unterbelegt, wohl auch, weil die Verantwortlichen sich im Gesundheitswesen zu wenig auskannten und der Kontakt zur abgebenden Psychiatrie nicht gut war, erzählt Lipinski. Der Klinikseelsorger sollte helfen – und wurde gleich zum Vorsitzenden gewählt. Der neue Vorstand versuchte, das Ruder herum zu reißen und stellte Hartmut Fuhrmann als Geschäftsführer ein. Mit dem bildet Lipinski bis heute ein Gespann, das kaum auseinander zu bekommen ist. Auch beim Abschiedsgespräch mit dem MT wird Fuhrmann die ganze Zeit mit am Tisch sitzen. Das alte Volkslied „Was macht der Fuhrmann? Der Fuhrmann spannt den Wagen an“ singe er jedes Mal, wenn Fuhrmann einen runden Geburtstag feiere, erzählt Lipinski lachend. Gemeinsam haben sie nicht nur das Ruder herumgerissen, sondern aus einem Kahn einen Dampfer gemacht. Immer wieder wurden die Konzepte angepasst, an das, was im Bereich der psychiatrischen Versorgung gerade gefordert war und durch die Krankenkassen und Rentenversicherungsträger gefördert wurde. Mit Hilfe von zusätzlich eingeworbenen Stiftungsgeldern wurden weitere Angebote geschaffen. Auch um den Preis immer wieder im öffentlichen Kreuzfeuer der Kritik zu stehen, sich heftigen Vorwürfen ausgesetzt zu sehen und harsche Kontrollen erdulden zu müssen. Er habe bitteres Lehrgeld bezahlt, sagt Lipinski und große menschliche Enttäuschungen erlebt – aber auf seinen Fuhrmann lässt er nichts kommen. Die Wörtchen „trotzdem“ oder „jetzt erst recht“ spielen überhaupt eine nicht ganz unwesentliche Rolle in seinem Handeln. Das gilt für den Ton und Blick, mit dem er „mein Mann“ sagt, wenn er von seinem Partner Jochen Mühlbach spricht – genauso wie für die Haltung, mit der er sich vehement für den Kauf des schönen alten Offizierskasinos an der Johansenstraße eingesetzt hat. Es beherbergt heute die Verwaltung des Clubs 74, dazu eine Reha-Einrichtung für psychisch Kranke und das Café Prinz Friedrich. Bei der Einweihungsfeier soll ein Ratsherr zu seinem Tischnachbarn gesagt haben: „Warum müssen eigentlich die Verrückten in Minden das schönste Gebäude kriegen?“ Genau darum, würde Lipinski sagen. Weil es darum geht, ein Zeichen zu setzen, die unantastbare Würde des Menschen zu verteidigen. Es war allerdings nicht nur der Erwerb des historischen Gebäudes, der in der Stadt Wellen schlug. Gestartet war der Club 74 hier auch mit einem ehrgeizigen gastronomischen Angebot, das nach fünf Jahren in einer öffentlich ausgefochtenen Schlammschlacht baden ging. Der Spagat zwischen hochklassigem Restaurant und Integrationsmaßnahme für psychisch Kranke funktionierte nicht recht. Es kam zum Zerwürfnis zwischen den Geschäftsführern der eigens gegründeten Tochtergesellschaft und dem Club 74, gegenseitigen Schuldzuweisungen und juristischen Auseinandersetzungen – am Ende mussten Fördergelder zurück gezahlt werden. „Wir waren zu naiv, zu blauäugig“, sagt Lipinski heute, das Ganze sei bösartig vor die Wand gefahren worden. Für ihn hätte das durchaus ins Auge gehen können: Als verantwortlicher Vorstand hätte er auch mit seinem Privatvermögen gehaftet. „Ich war damals froh, dass ich wenigstens keine Familie zu versorgen hatte“, betont er. Den „Prinz Friedrich“ gibt es immer noch, in abgespeckter Version, nur noch als Café an fünf Tagen in der Woche. Zu einer ähnlich heftigen und hässlichen öffentlichen Auseinandersetzung kam es als vor drei Jahren ehemalige Mitarbeiter öffentlich über das Arbeitsklima und den Führungsstil Fuhrmanns klagten. „Bösartig“ nennt Lipinski auch dies. Von „Erbstreitigkeiten“, befeuert durch Menschen, die die Macht im Verein hätten übernehmen wollen, spricht Fuhrmann. Immerhin, vermerkt Lipinski leise triumphierend, haben all die dadurch veranlassten Überprüfungen – durch die Heimaufsicht, die Rentenversicherung, das Finanzamt – nie etwas ergeben. Obwohl es einmal sogar eine Hausdurchsuchung bei ihm gegeben habe – weil ihn jemand der Unterschlagung bezichtigte. Nun soll der Club 74 wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen. Man bereite intensiv die Überführung in eine Stiftung vor, erklären beide. Damit sollen die zahlreichen Angebote von den Begegnungsstätten übers betreute Wohnen, der Reha-Einrichtung und der frisch gegründeten „Unabhängigen Teilhabeberatung“ abgesichert werden. Denn das Finanzvolumen, das hier bewegt wird, sprengt längst den Rahmen eines eingetragenen Vereins, der der Club 74 offiziell immer noch ist. Langfristig wolle auch er sich zurückziehen, erklärt Fuhrmann, der Vorstand wurde schon um Marina Carozzo erweitert, Renate Hahn werde das operative Geschäft übernehmen. So ganz Abschied nehmen vom Club 74 wird Lipinski aber nicht, in der Stiftung soll er Mitglied des Kuratoriums werden. Und auch diese neuen Weichenstellungen entsprechen wohl seinem Naturell: Nach vorne denken, Entscheidungen treffen, Zeichen setzen, jetzt erst recht. „Ich bin nicht der Typ, der vorne bei der Sau stehen bleibt, die da durchs Dorf getrieben wird. Das ist ja ohnehin jedes Mal eine andere. Da kommt man zu nichts. Und der Stall wird auch nicht ausgemistet.“ Zur Peron: Paul Alexander Lipinski - Geboren 1955 in Dortmund, Studium der Theologie in Bethel, Tübingen und Münster - Vikariat in der Petri-Kirche Dortmund und im Augusta-Krankenhauses Bochum, danach Pfarrer am Psychiatrischen Landeskrankenhaus Dortmund-Aplerbeck - ab 1987 erster Krankenhauspfarrer des Kirchenkreises Lübbecke, Schwerpunkt Seelsorge in der Psychiatrie - ab 1988 ehrenamtlicher Vorstand des Club 74 e.V., damals eine Selbsthilfeorganisation für psychisch Kranke mit sieben Mitarbeitern - ab 1990 Ausbau des Betreuten Wohnens in Bad Oeynhausen und Lübbecke - 1994 Errichtung einer Tagesstätte für psychisch Kranke in Minden - 1994 Übergangswohnheim Lübbecke wird zur Reha-Einrichtung - 1998 Neues Wohnheim Lübbecke - 1999 Eröffnung des gastronomischen Integrationsbetriebes „Prinz Friedrich“ und Umzug der Reha-Einrichtung ins Offizierscasino an der Johansenstraße - ab 2005 Aufsichtsratsvorsitzender des Club 74 - 2009 Weiteres Wohnhaus auf dem Gelände in der Johansenstraße - 2010 ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstorden - 2012 Ausweitung des Reha-Zentrums um Jugend-Reha und ein weiteres Bettenhaus - 2019 Rückzug als Aufsichtratsvorsitzender, Nachfolger wird Holger Box