Glosse: Man(n) wird älter... - Oder: Keine Zeit zum Ausschlafen

Sebastian Radermacher

Früher war alles besser, heißt es doch so schön. Stimmt das wirklich? Nun ja, was das Thema Schlaf angeht, war ich als junger Spund definitiv in einer komfortablen Lage. Was waren das für Zeiten, als die Nächte an den Wochenenden erst mittags endeten... Und trotzdem störte es den gerade Volljährigen, als er gegen 12.30 Uhr aus dem Schlaf gerissen wurde. Verantwortlich dafür war die Mutter: Sie hatte mehrmals den Staubsauger gegen die Zimmertür gerammt. „Aus Versehen“, versteht sich.

Wie schön waren auch die entspannten Stunden nach der Schule: Mittagessen, Hausaufgaben (oft hatte man „nichts auf“), anschließend Freunde treffen oder chillen, wie es damals hieß.

Für ausgiebige Partyabende hatten die Eltern nur selten Verständnis – aus heutiger Sicht nachvollziehbar. Dabei konnte es für sie doch auch etwas Gutes haben, wenn der Sohnemann aus der Disco heimkehrte, als draußen bereits die Sonne aufging. In diesem Zusammenhang ist die Geschichte eines Bekannten besonders in Erinnerung geblieben: Inmitten der lauten Feiermeute erhielt er an einem Sonntagmorgen um 7 Uhr einen Anruf auf dem Handy: Der Herr des Hauses erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden. Gut gelaunt klang anders. Deutlicher ausgedrückt: Der Vater machte ihm klar, besser jetzt als gleich den Heimweg anzutreten. Eine Schlussbemerkung durfte dabei aber nicht fehlen: „Und bring' Brötchen vom Bäcker mit!“

Wie sich die Zeiten ändern: Heute als Mittdreißiger freue ich mich über jede Minute Schlaf. Als junger Familienvater nimmt man erst recht, was man kriegen kann. Und lernt es sehr zu schätzen, fünf, sechs Stunden am Stück zu schlummern. Zum Glück dauert es noch einige Jahre, bis die Kinder das Partyleben für sich entdecken werden. Ich bringe trotzdem sicherheitshalber schon mal den Staubsauger in Stellung.

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Glosse: Man(n) wird älter... - Oder: Keine Zeit zum AusschlafenSebastian RadermacherFrüher war alles besser, heißt es doch so schön. Stimmt das wirklich? Nun ja, was das Thema Schlaf angeht, war ich als junger Spund definitiv in einer komfortablen Lage. Was waren das für Zeiten, als die Nächte an den Wochenenden erst mittags endeten... Und trotzdem störte es den gerade Volljährigen, als er gegen 12.30 Uhr aus dem Schlaf gerissen wurde. Verantwortlich dafür war die Mutter: Sie hatte mehrmals den Staubsauger gegen die Zimmertür gerammt. „Aus Versehen“, versteht sich. Wie schön waren auch die entspannten Stunden nach der Schule: Mittagessen, Hausaufgaben (oft hatte man „nichts auf“), anschließend Freunde treffen oder chillen, wie es damals hieß. Für ausgiebige Partyabende hatten die Eltern nur selten Verständnis – aus heutiger Sicht nachvollziehbar. Dabei konnte es für sie doch auch etwas Gutes haben, wenn der Sohnemann aus der Disco heimkehrte, als draußen bereits die Sonne aufging. In diesem Zusammenhang ist die Geschichte eines Bekannten besonders in Erinnerung geblieben: Inmitten der lauten Feiermeute erhielt er an einem Sonntagmorgen um 7 Uhr einen Anruf auf dem Handy: Der Herr des Hauses erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden. Gut gelaunt klang anders. Deutlicher ausgedrückt: Der Vater machte ihm klar, besser jetzt als gleich den Heimweg anzutreten. Eine Schlussbemerkung durfte dabei aber nicht fehlen: „Und bring' Brötchen vom Bäcker mit!“ Wie sich die Zeiten ändern: Heute als Mittdreißiger freue ich mich über jede Minute Schlaf. Als junger Familienvater nimmt man erst recht, was man kriegen kann. Und lernt es sehr zu schätzen, fünf, sechs Stunden am Stück zu schlummern. Zum Glück dauert es noch einige Jahre, bis die Kinder das Partyleben für sich entdecken werden. Ich bringe trotzdem sicherheitshalber schon mal den Staubsauger in Stellung.