Minden

Menschen am Rand der Gesellschaft finden kaum Wohnungen

Monika Jäger

Minden (mt). Gleich drei Menschen in seinem Leben hilft Ernst Müller (Name geändert) als Bevollmächtigter: Aber wenn es bei ihnen ums Wohnen geht, weiß der streitbare Rentner auch nicht mehr weiter: „Der Wohnungsmarkt ist zu.“

Menschen am Rand der Gesellschaft haben kaum eine Chance, eine Wohnung zu finden. - © Alex Lehn/mt
Menschen am Rand der Gesellschaft haben kaum eine Chance, eine Wohnung zu finden. (© Alex Lehn/mt)

Als sich bei einem seiner Schützlinge die Lebenssituation änderte, war die Wohnung der jungen Frau plötzlich zu groß und zu teuer. Als Sozialhilfeempfängerin ist sie an Vorgaben des grundsicherungsrelevanten Mietspiegels gebunden. „Was uns dann günstig angeboten wurde, waren Gammelwohnungen, wo man wirklich nicht einziehen kann, mit Schimmel an den Wänden“, sagt der Rentner. Wohnungen mit Garage kamen eben so wenig in Frage wie solche mit unabschätzbar hohen Nebenkosten. Manche Vermieter machten für Keller extra Verträge, so dass die beim Amt eingereichten Mietverträge den verlangten Kriterien entsprächen, sagt Müller. Das Wohngeld reiche da natürlich nicht, „den Rest müsste sich meine Betreute vom Munde absparen“ – und Mieterhöhungen seien kleine Katastrophen.

Solche Situationen gehören für die Fachberatungsstellen zum Alltag. „Wohnen ist ja gerade so ein Hype-Thema“, sagt Stella Giseler vom Arbeits Lebens Zentrum. „Alle reden drüber.“ Aber Menschen am Rande der Gesellschaft kommen aus ihrer Sicht in allen aktuellen Diskussionen zu kurz. „Die haben überhaupt keine Chance, an Wohnungen zu kommen. Und kaum einer sieht, dass das ein Problem ist.“ Darum hat sie sich im November mit anderen wie Elke Entgelmeier (Wohnungslosenhilfe) und Susanne Leimbach (Caritas) zusammengetan. Gemeinsam, so die Hoffnung, können sie eine Lobby schaffen für jene, denen sonst keiner hilft.

Doch Lobbyarbeit für wen genau – das ist eine der Fragen, die es den Aktiven so schwer macht. Denn es handelt sich nicht um eine homogene Gruppe. Da sind zum Beispiel ältere Menschen, die keine Mietverträge mehr bekommen. „Wenn jemand 75 oder 80 ist, dann heißt es oft vom Vermieter 'Das lohnt nicht mehr'“, berichtet Leimbach. Dabei seien da nicht wenige, die gerne nach dem Tod des Partners in eine kleinere Wohnung ziehen würden, aber keine finden. Manche von diesen kommen dann in die Wärmestube zum Essen oder gehen zur Tafel, weil ihre Rente nicht für Miete und Essen reicht. „Viele schämen sich. Das ist schwer für sie.“

„Auch, wer einen Schufa-Eintrag hat, hat keine Chance, von Vermietern genommen zu werden, so sehr er oder sie sich auch um Schuldentilgung bemüht“, sagt Gieseler. Menschen mit sehr niedrigem Lohn könnten vielleicht die Miete bezahlen, werden dann aber von jährlichen Nebenkostenabrechnungen aus der Bahn geworfen. Wer Sozialhilfe bezieht, hat es schwer, wenn sich die Lebenssituation ändert. Dann ist plötzlich die Wohnung zu groß und zu teuer. Umziehen ist nicht möglich, wenn kleinere günstigere Wohnungen fehlen.

Überhaupt das Berechnen der tatsächlichen Kosten fürs Wohnen: Längst nicht jeder versteht, dass es mit der Mietzahlung noch lange nicht getan ist. Die Folge: Schulden. Androhung von Zwangsräumung. Wer nicht rechtzeitig Hilfe sucht, kann da schon mal auf der Straße enden. „Für viele stellt sich erst nach der ersten Abrechnung heraus, dass die Kosten für die Wohnung zu hoch sind.“

Nun sind manche von denen, um die es den Beraterinnen geht, auch nicht immer einfache Mitbewohner. „Viele haben das Wohnen verlernt oder von den Eltern gar nicht erst gelernt“, berichtet Susanne Leimbach. „Das ist eine Generation, bei der selbst die Eltern schon nicht mehr wissen, wie das geht: Wohnen.“ Was daran so schwer sein soll, wird schnell klar, als Leimbach aufzählt: Müll trennen, die richtige Tonne raus stellen, Gelbe Säcke nicht einfach im Flur lagern. Schnee fegen, Treppenwoche einhalten, Rücksicht nehmen „und vor allem: Lüften“ . . . die Liste ist lang für jemanden, der im Leben keine Struktur kennengelernt hat. „Familien haben heute noch mal immer einen gemeinsamen Esstisch.“

Auch Elke Entgelmeier würde gern vor allem den eher jungen Männern helfen, die im Rudolf-Winzer-Haus untergekommen sind. Sie erlebt auch, dass einige Vermieter versuchen, maximalen Gewinn aus deren Situation zu schlagen. „Da werden zum Beispiel Räume doppelt vermietet.“

Die Beraterinnen sind aber auch sicher: Wohnen kann man lernen. Mit Geduld und Begleitung. Wenn die Nachbarn ein bisschen Verständnis haben. Und vielleicht erst einmal in besonderen Trainingswohnungen. „Wenn man sich regelmäßig und gut kümmert, lernen die das.“

Wem gehört Minden?

Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden auch über interessante Beispiele berichten.

Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Ver-mieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen.

Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org).

www.wem-gehoert-minden.de

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Das Wohngeld reiche da natürlich nicht, „den Rest müsste sich meine Betreute vom Munde absparen“ – und Mieterhöhungen seien kleine Katastrophen. Solche Situationen gehören für die Fachberatungsstellen zum Alltag. „Wohnen ist ja gerade so ein Hype-Thema“, sagt Stella Giseler vom Arbeits Lebens Zentrum. „Alle reden drüber.“ Aber Menschen am Rande der Gesellschaft kommen aus ihrer Sicht in allen aktuellen Diskussionen zu kurz. „Die haben überhaupt keine Chance, an Wohnungen zu kommen. Und kaum einer sieht, dass das ein Problem ist.“ Darum hat sie sich im November mit anderen wie Elke Entgelmeier (Wohnungslosenhilfe) und Susanne Leimbach (Caritas) zusammengetan. Gemeinsam, so die Hoffnung, können sie eine Lobby schaffen für jene, denen sonst keiner hilft. Doch Lobbyarbeit für wen genau – das ist eine der Fragen, die es den Aktiven so schwer macht. Denn es handelt sich nicht um eine homogene Gruppe. Da sind zum Beispiel ältere Menschen, die keine Mietverträge mehr bekommen. „Wenn jemand 75 oder 80 ist, dann heißt es oft vom Vermieter 'Das lohnt nicht mehr'“, berichtet Leimbach. Dabei seien da nicht wenige, die gerne nach dem Tod des Partners in eine kleinere Wohnung ziehen würden, aber keine finden. Manche von diesen kommen dann in die Wärmestube zum Essen oder gehen zur Tafel, weil ihre Rente nicht für Miete und Essen reicht. „Viele schämen sich. Das ist schwer für sie.“ „Auch, wer einen Schufa-Eintrag hat, hat keine Chance, von Vermietern genommen zu werden, so sehr er oder sie sich auch um Schuldentilgung bemüht“, sagt Gieseler. Menschen mit sehr niedrigem Lohn könnten vielleicht die Miete bezahlen, werden dann aber von jährlichen Nebenkostenabrechnungen aus der Bahn geworfen. Wer Sozialhilfe bezieht, hat es schwer, wenn sich die Lebenssituation ändert. Dann ist plötzlich die Wohnung zu groß und zu teuer. Umziehen ist nicht möglich, wenn kleinere günstigere Wohnungen fehlen. Überhaupt das Berechnen der tatsächlichen Kosten fürs Wohnen: Längst nicht jeder versteht, dass es mit der Mietzahlung noch lange nicht getan ist. Die Folge: Schulden. Androhung von Zwangsräumung. Wer nicht rechtzeitig Hilfe sucht, kann da schon mal auf der Straße enden. „Für viele stellt sich erst nach der ersten Abrechnung heraus, dass die Kosten für die Wohnung zu hoch sind.“ Nun sind manche von denen, um die es den Beraterinnen geht, auch nicht immer einfache Mitbewohner. „Viele haben das Wohnen verlernt oder von den Eltern gar nicht erst gelernt“, berichtet Susanne Leimbach. „Das ist eine Generation, bei der selbst die Eltern schon nicht mehr wissen, wie das geht: Wohnen.“ Was daran so schwer sein soll, wird schnell klar, als Leimbach aufzählt: Müll trennen, die richtige Tonne raus stellen, Gelbe Säcke nicht einfach im Flur lagern. Schnee fegen, Treppenwoche einhalten, Rücksicht nehmen „und vor allem: Lüften“ . . . die Liste ist lang für jemanden, der im Leben keine Struktur kennengelernt hat. „Familien haben heute noch mal immer einen gemeinsamen Esstisch.“ Auch Elke Entgelmeier würde gern vor allem den eher jungen Männern helfen, die im Rudolf-Winzer-Haus untergekommen sind. Sie erlebt auch, dass einige Vermieter versuchen, maximalen Gewinn aus deren Situation zu schlagen. „Da werden zum Beispiel Räume doppelt vermietet.“ Die Beraterinnen sind aber auch sicher: Wohnen kann man lernen. Mit Geduld und Begleitung. Wenn die Nachbarn ein bisschen Verständnis haben. Und vielleicht erst einmal in besonderen Trainingswohnungen. „Wenn man sich regelmäßig und gut kümmert, lernen die das.“ Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden auch über interessante Beispiele berichten. Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Ver-mieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen. Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org). www.wem-gehoert-minden.de