Standpunkt zum Thema Immobilien in der Stadt: Sanfter Druck, bitte

Monika Jäger

„Ich kann Ihnen sagen, wem Minden gehört", sagte der Vermieter-Vertreter zum Start unseres Crowd-Recherche-Projektes „Wem gehört die Stadt": „Den Mindenern". Das mag für die Häuser stimmen, in denen Mindener wohnen. Eigenheime, in denen sie es sich nett machen, wo sie sich wohlfühlen wollen. Für die Geschäftshäuser in der Innenstadt gilt das definitiv nicht. Die nämlich gehören zum größten Teil nicht „den Mindenern."

Amsterdam, Luxemburg, Berlin, München, Lübbecke, Osnabrück: Das sind einige der Orte, in denen Besitzer von Häusern an der Bäckerstraße residieren. Mal sind es Einzelpersonen, oft Erbengemeinschaften oder Immobilienfonds. Für diese sind die Häuser Mittel zum Geld verdienen. Das ist verständlich und auch nicht verwerflich. Aber es ist nicht immer gut für die Stadt. Und darum wird es höchste Zeit, bei den Diskussionen um „Eigentum" sehr viel genauer als bisher zu differenzieren.

Für Fondsmanager sind Geschäftshäuser in beliebigen Innenstädten eine Geldanlage. Wie unterschiedlich sie „Eigentum" begreifen, ist in Minden an zwei Beispielen zu sehen: Am „Haus Hill" und an der Obermarktpassage. Das eine ist ein prachtvolles Bürgerhaus in guter Lage, langfristig vermietet, überhaupt nur gekauft, weil es respektabel ist und Erträge bringt. Hier kümmert sich der Fondsmanager. Das andere ist eine runtergewirtschaftete Spezialimmobilie, entstanden in einer Zeit, da die Welt noch heile war, als Innenstädte wuchsen und Stadtväter große Pläne schmieden konnten. Die Obermarktpassage steht heute nicht nur deswegen leer, weil am Ende der Kette von Vermarktern und Verwaltern ein amerikanisches Investmentfonds-Managementunternehmen als Besitzer steht. Sondern weil sie zu groß, zu verbaut und schlecht zu erreichen ist: Monument einer grundsätzlich verfehlten Innenstadtplanung mit dem Glauben an unbegrenztes Wachstum. Dennoch muss etwas passieren. Aber die Stadt hat keine Handhabe, den Eigentümer zu Gesprächen über Entwicklungen und Diskussionen über Alternativen zu motivieren.

Auch Teileigentümer und Erbengemeinschaften mit Mindener Wurzeln können problematisch sein, weil für sie ihr Eigentum vor allem eine Geldanlage ist, von der sie oft weit entfernt wohnen und leben. Beispiele dafür sind ehemals Hertie/Karstadt und der Deilmann-Bau/Stadtverwaltung. Jahrelang verhandelten am Wesertor verschiedene Interessenten, um alles in einer Hand zusammenzuführen. Ein Teileigentümer lebte sogar auf der anderen Seite der Erdkugel. Und auch Mindens Stadtkämmerer brauchte Jahre, Geduld und Geld, als er mit den Teileigentümern, die unten im Stadthaus Geschäfte hatten, am Verhandlungstisch saß.

Wäre alles leichter, wenn Menschen einfach so enteignet werden könnten? Das zu glauben ist naiv – mal ganz abgesehen von juristischen oder historischen Implikationen. Sind Instrumente nötig, Fern-Besitzer aller Art mit sanftem Druck dazu zu bringen, sich für das Wohl einer Stadt zu engagieren? Definitiv. Und darum ist „Eigentum" irgendwie nicht gleich „Eigentum". Die differenzierte Diskussion darüber ist lange überfällig.

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Standpunkt zum Thema Immobilien in der Stadt: Sanfter Druck, bitteMonika Jäger„Ich kann Ihnen sagen, wem Minden gehört", sagte der Vermieter-Vertreter zum Start unseres Crowd-Recherche-Projektes „Wem gehört die Stadt": „Den Mindenern". Das mag für die Häuser stimmen, in denen Mindener wohnen. Eigenheime, in denen sie es sich nett machen, wo sie sich wohlfühlen wollen. Für die Geschäftshäuser in der Innenstadt gilt das definitiv nicht. Die nämlich gehören zum größten Teil nicht „den Mindenern." Amsterdam, Luxemburg, Berlin, München, Lübbecke, Osnabrück: Das sind einige der Orte, in denen Besitzer von Häusern an der Bäckerstraße residieren. Mal sind es Einzelpersonen, oft Erbengemeinschaften oder Immobilienfonds. Für diese sind die Häuser Mittel zum Geld verdienen. Das ist verständlich und auch nicht verwerflich. Aber es ist nicht immer gut für die Stadt. Und darum wird es höchste Zeit, bei den Diskussionen um „Eigentum" sehr viel genauer als bisher zu differenzieren. Für Fondsmanager sind Geschäftshäuser in beliebigen Innenstädten eine Geldanlage. Wie unterschiedlich sie „Eigentum" begreifen, ist in Minden an zwei Beispielen zu sehen: Am „Haus Hill" und an der Obermarktpassage. Das eine ist ein prachtvolles Bürgerhaus in guter Lage, langfristig vermietet, überhaupt nur gekauft, weil es respektabel ist und Erträge bringt. Hier kümmert sich der Fondsmanager. Das andere ist eine runtergewirtschaftete Spezialimmobilie, entstanden in einer Zeit, da die Welt noch heile war, als Innenstädte wuchsen und Stadtväter große Pläne schmieden konnten. Die Obermarktpassage steht heute nicht nur deswegen leer, weil am Ende der Kette von Vermarktern und Verwaltern ein amerikanisches Investmentfonds-Managementunternehmen als Besitzer steht. Sondern weil sie zu groß, zu verbaut und schlecht zu erreichen ist: Monument einer grundsätzlich verfehlten Innenstadtplanung mit dem Glauben an unbegrenztes Wachstum. Dennoch muss etwas passieren. Aber die Stadt hat keine Handhabe, den Eigentümer zu Gesprächen über Entwicklungen und Diskussionen über Alternativen zu motivieren. Auch Teileigentümer und Erbengemeinschaften mit Mindener Wurzeln können problematisch sein, weil für sie ihr Eigentum vor allem eine Geldanlage ist, von der sie oft weit entfernt wohnen und leben. Beispiele dafür sind ehemals Hertie/Karstadt und der Deilmann-Bau/Stadtverwaltung. Jahrelang verhandelten am Wesertor verschiedene Interessenten, um alles in einer Hand zusammenzuführen. Ein Teileigentümer lebte sogar auf der anderen Seite der Erdkugel. Und auch Mindens Stadtkämmerer brauchte Jahre, Geduld und Geld, als er mit den Teileigentümern, die unten im Stadthaus Geschäfte hatten, am Verhandlungstisch saß. Wäre alles leichter, wenn Menschen einfach so enteignet werden könnten? Das zu glauben ist naiv – mal ganz abgesehen von juristischen oder historischen Implikationen. Sind Instrumente nötig, Fern-Besitzer aller Art mit sanftem Druck dazu zu bringen, sich für das Wohl einer Stadt zu engagieren? Definitiv. Und darum ist „Eigentum" irgendwie nicht gleich „Eigentum". Die differenzierte Diskussion darüber ist lange überfällig. Lesen Sie auch Verkaufte Schönheit - Haus an der Bäckerstraße 45 gehört heute einer Invest-Gesellschaft