Minden

Großeltern künftig bei Fridays for Future dabei? - 78-Jährige sucht Gleichgesinnte für den Klimaschutz

Jan Henning Rogge

Klara Ahlert hat sich noch nie politisch engagiert. Nun will die 78-Jährige andere Großeltern aktivieren, für die Zukunft ihrer Enkel einzutreten. MT- - © Foto: Jan Henning Rogge
Klara Ahlert hat sich noch nie politisch engagiert. Nun will die 78-Jährige andere Großeltern aktivieren, für die Zukunft ihrer Enkel einzutreten. MT- (© Foto: Jan Henning Rogge)

Minden (mt). Am Dienstag war es so weit – da reichte es Klara Ahlert. Nächtelang hatte sie wach gelegen und mit sich gerungen. „Ich habe immer wieder gedacht: Lass es! Lass es!" Doch dann fasste sie sich ein Herz und meldete sich in der MT-Redaktion. An jedem Tag, an dem sie mit dem Fahrrad in den Feldern rund um Stemmer unterwegs ist, hat sie die Veränderungen der Tier- und Pflanzenwelt vor Augen, nimmt Folgen des Klimawandels wahr. Und dann liest sie in der Zeitung über die jungen Menschen,die sich der Fridays-for-future-Bewegung (Englisch, Freitage für die Zukunft) anschließen, die für ihre Zukunft demonstrieren, über die Jugendlichen, die auch in Minden auf die Straße gehen. Sie fasst sich ein Herz, fragt nach einem Termin in der Redaktion. Denn sie will nicht länger zusehen, sondern handeln: „Wir Großeltern haben Zeit und wir dürfen demonstrieren. Deshalb möchte ich, dass wir die Jungen auf Dauer ablösen – und es ist mir sehr ernst damit!", sagt sie. Nun will sie Gleichgesinnte versammeln.

Es war nie Klara Ahlerts Art, sich einzumischen. „Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der man gehorcht hat. Kinder haben am Tisch gesprochen, wenn sie gefragt wurden, sonst hatten sie still zu sein." Aber nun will sie sich etwas tun. „Die Jungen müssen uns Alte darauf hinweisen, was wir für Fehler gemacht haben – da habe ich innerlich meinen Kopf vor neigen müssen." Die Kritik vieler Erwachsener an den Kindern und Jugendlichen ärgert sie, denn deren Sorgen sollten ernst genommen werden. „Ich höre oft, die würden nur schwänzen und einander nachmachen – das finde ich sehr überheblich."

Im Gegenteil: „Ich bewundere den Mut der Schüler", sagt sie, „ich habe in meinem Leben nie Mut gehabt. Ich war nie politisch tätig." Während sich ihr Mann, der 2000 verstorbene ehemalige Ortsvorsteher von Stemmer, in der Mindener Lokalpolitik engagierte, zog es sie nicht in die Öffentlichkeit. Doch die Enkelgeneration hat das nun geändert. „Ich beobachte das gewaltige Vogel- und Insektensterben schon lange. Wann sieht man denn noch einen Kiebitz, eine Feldlerche oder einen Bussard?" Wenn sie an ihre Kindheit und Jugend im Münsterland denkt, dann erinnert sie sich, wie es früher war: „Was gab es da an Vögeln, Schmetterlingen und anderen Insekten – die sind alle weg. Das erschüttert mich sehr, dass bewegt mich. Ich bin ganz erschrocken."

Und nicht zuletzt deshalb will sie nun aktiv werden, weil ihr die Politik zu wenig tut. „An sich schätze ich Frau Merkel sehr", sagt sie. „Aber ich kreide ihr an, dass sie sich so wenig für den Klimaschutz einsetzt."Als dreifache Großmutter fühlt sie sich nun in die Pflicht genommen. „Ich werde das überstehen", sagt sie mit Blick auf ihr Alter. „Aber für meine Enkelkinder muss ich das tun, die sind mir das Wichtigste. Ich hoffe, dass die Politiker endlich handeln!" Dass die Eltern der Kinder und Jugendlichen nicht auf die Straße gehen, kann sie verstehen. „Die müssen ja arbeiten. Aber sie stehen ja wohl hinter ihren Kindern – sonst würden sie das Streiken ja verbieten." Deshalb sollen nun die Alten ran.

Über das Mindener Tageblatt hat sie nun zunächst Kontakt zu den Organisatoren der Mindener Fridays-for-Future-Demonstrationen aufgenommen. „Es kann ja sein, dass die das gar nicht wollen, dass wir Alten dabei sind!" Doch tatsächlich begrüßen die jungen Aktivisten den unverhofften Rückenwind. Und so hofft Klara Ahlert nun, auch andere Großeltern dazu zu bewegen, sich den Protesten der Jugendlichen anzuschließen. Dabei setzt sie besonders auf diesen Artikel: „Wir älteren Leute lesen ja mehr Zeitung, deshalb ist dieser Artikel so wichtig, um auch andere Großeltern zu erreichen." Ihr Plan ist nun, gemeinsam mit anderen Senioren die nächste Demonstration der Jugendlichen zu verstärken und sich dort zu vernetzen. Die jungen Demonstranten planen am 17. Mai eine Müllsammelaktion auf Kanzlers Weide – Informationen werden vorab im MT veröffentlicht.

Mit ihrem Anliegen ist Klara Ahlert übrigens nicht alleine: In Münster unterstützt unter anderem der Seniorenbeirat die streikenden Schüler und Studenten, in einigen bayrischen Kommunen sind Oldies for Future unterwegs, in Horneburg im Landkreis Stade haben sich die „Methusalems for future" gegründet. Wenn es nach Klara Ahlert geht, ist das noch lange nicht alles: „Wäre das nicht toll, wenn wir uns im ganzen Land zusammentun würden – für unsere Enkel?"

Fridays for Future in Minden

Die erste Fridays-for-Future-Demo in Minden fand am 22. Februar mit rund 150 Teilnehmern statt. Es folgten Demonstrationen am 15. März mit bis zu 1.200 und am 12. April mit rund 200 Teilnehmern.

Die Aktionen werden von den Schülern selbst organisiert. Sie gehen auf den von Greta Thunberg in Stockholm am 20. August 2018 begonnenen Schulstreik zurück.

Der Schulstreik richtet sich gegen das aus Sicht der Streikenden Versagen der politisch Verantwortlichen gegenüber dem menschengemachten Klimawandel.

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

1 Kommentar

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenGroßeltern künftig bei Fridays for Future dabei? - 78-Jährige sucht Gleichgesinnte für den KlimaschutzJan Henning RoggeMinden (mt). Am Dienstag war es so weit – da reichte es Klara Ahlert. Nächtelang hatte sie wach gelegen und mit sich gerungen. „Ich habe immer wieder gedacht: Lass es! Lass es!" Doch dann fasste sie sich ein Herz und meldete sich in der MT-Redaktion. An jedem Tag, an dem sie mit dem Fahrrad in den Feldern rund um Stemmer unterwegs ist, hat sie die Veränderungen der Tier- und Pflanzenwelt vor Augen, nimmt Folgen des Klimawandels wahr. Und dann liest sie in der Zeitung über die jungen Menschen,die sich der Fridays-for-future-Bewegung (Englisch, Freitage für die Zukunft) anschließen, die für ihre Zukunft demonstrieren, über die Jugendlichen, die auch in Minden auf die Straße gehen. Sie fasst sich ein Herz, fragt nach einem Termin in der Redaktion. Denn sie will nicht länger zusehen, sondern handeln: „Wir Großeltern haben Zeit und wir dürfen demonstrieren. Deshalb möchte ich, dass wir die Jungen auf Dauer ablösen – und es ist mir sehr ernst damit!", sagt sie. Nun will sie Gleichgesinnte versammeln. Es war nie Klara Ahlerts Art, sich einzumischen. „Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der man gehorcht hat. Kinder haben am Tisch gesprochen, wenn sie gefragt wurden, sonst hatten sie still zu sein." Aber nun will sie sich etwas tun. „Die Jungen müssen uns Alte darauf hinweisen, was wir für Fehler gemacht haben – da habe ich innerlich meinen Kopf vor neigen müssen." Die Kritik vieler Erwachsener an den Kindern und Jugendlichen ärgert sie, denn deren Sorgen sollten ernst genommen werden. „Ich höre oft, die würden nur schwänzen und einander nachmachen – das finde ich sehr überheblich." Im Gegenteil: „Ich bewundere den Mut der Schüler", sagt sie, „ich habe in meinem Leben nie Mut gehabt. Ich war nie politisch tätig." Während sich ihr Mann, der 2000 verstorbene ehemalige Ortsvorsteher von Stemmer, in der Mindener Lokalpolitik engagierte, zog es sie nicht in die Öffentlichkeit. Doch die Enkelgeneration hat das nun geändert. „Ich beobachte das gewaltige Vogel- und Insektensterben schon lange. Wann sieht man denn noch einen Kiebitz, eine Feldlerche oder einen Bussard?" Wenn sie an ihre Kindheit und Jugend im Münsterland denkt, dann erinnert sie sich, wie es früher war: „Was gab es da an Vögeln, Schmetterlingen und anderen Insekten – die sind alle weg. Das erschüttert mich sehr, dass bewegt mich. Ich bin ganz erschrocken." Und nicht zuletzt deshalb will sie nun aktiv werden, weil ihr die Politik zu wenig tut. „An sich schätze ich Frau Merkel sehr", sagt sie. „Aber ich kreide ihr an, dass sie sich so wenig für den Klimaschutz einsetzt."Als dreifache Großmutter fühlt sie sich nun in die Pflicht genommen. „Ich werde das überstehen", sagt sie mit Blick auf ihr Alter. „Aber für meine Enkelkinder muss ich das tun, die sind mir das Wichtigste. Ich hoffe, dass die Politiker endlich handeln!" Dass die Eltern der Kinder und Jugendlichen nicht auf die Straße gehen, kann sie verstehen. „Die müssen ja arbeiten. Aber sie stehen ja wohl hinter ihren Kindern – sonst würden sie das Streiken ja verbieten." Deshalb sollen nun die Alten ran. Über das Mindener Tageblatt hat sie nun zunächst Kontakt zu den Organisatoren der Mindener Fridays-for-Future-Demonstrationen aufgenommen. „Es kann ja sein, dass die das gar nicht wollen, dass wir Alten dabei sind!" Doch tatsächlich begrüßen die jungen Aktivisten den unverhofften Rückenwind. Und so hofft Klara Ahlert nun, auch andere Großeltern dazu zu bewegen, sich den Protesten der Jugendlichen anzuschließen. Dabei setzt sie besonders auf diesen Artikel: „Wir älteren Leute lesen ja mehr Zeitung, deshalb ist dieser Artikel so wichtig, um auch andere Großeltern zu erreichen." Ihr Plan ist nun, gemeinsam mit anderen Senioren die nächste Demonstration der Jugendlichen zu verstärken und sich dort zu vernetzen. Die jungen Demonstranten planen am 17. Mai eine Müllsammelaktion auf Kanzlers Weide – Informationen werden vorab im MT veröffentlicht. Mit ihrem Anliegen ist Klara Ahlert übrigens nicht alleine: In Münster unterstützt unter anderem der Seniorenbeirat die streikenden Schüler und Studenten, in einigen bayrischen Kommunen sind Oldies for Future unterwegs, in Horneburg im Landkreis Stade haben sich die „Methusalems for future" gegründet. Wenn es nach Klara Ahlert geht, ist das noch lange nicht alles: „Wäre das nicht toll, wenn wir uns im ganzen Land zusammentun würden – für unsere Enkel?" Fridays for Future in Minden Die erste Fridays-for-Future-Demo in Minden fand am 22. Februar mit rund 150 Teilnehmern statt. Es folgten Demonstrationen am 15. März mit bis zu 1.200 und am 12. April mit rund 200 Teilnehmern. Die Aktionen werden von den Schülern selbst organisiert. Sie gehen auf den von Greta Thunberg in Stockholm am 20. August 2018 begonnenen Schulstreik zurück. Der Schulstreik richtet sich gegen das aus Sicht der Streikenden Versagen der politisch Verantwortlichen gegenüber dem menschengemachten Klimawandel.