Minden

Nachruf: Pfarrer Heinz-Wilhelm Weber und seine Frau starben auf Madeira

Nina Könemann

Für das Ehepaar Weber war das Pfarramt immer eine Aufgabe für zwei: Erst als Beruf, später als Hobby. - © Foto: privat
Für das Ehepaar Weber war das Pfarramt immer eine Aufgabe für zwei: Erst als Beruf, später als Hobby. (© Foto: privat)

Minden (mt). Ricarda Weber wollte immer eine große Party haben, wenn sie mal gehen muss – irgendwann. Die 60-Jährige hatte sich das vermutlich später vorgestellt, so in 30 bis 40 Jahren, wenn der Körper langsam alt und müde wird. Jetzt müssen ihre Töchter dafür sorgen, dass sie genau diese Party bekommt, nur leider schon viel früher: Ricarda Weber starb am vergangenen Mittwoch gemeinsam mit ihrem Mann Heinz-Wilhelm (66) in einem Bus auf Madeira. 29 Menschen kamen bei dem tragischen Unglück auf der Ferieninsel ums Leben, für die Familie des Mindener Ehepaars herrscht seitdem Ausnahmezustand.

Und dabei waren die Webers zwei von der Sorte, die sich nie aus der Ruhe bringen ließen. Menschen, die anpackten, nicht Probleme wälzten. 20 Jahre lang war Heinz-Wilhelm Weber Pfarrer der Kirchengemeinde Leteln und Aminghausen – am Heiligabend 1991 trat er seinen Dienst in der Weserstadt an, seine älteste Tochter war da gerade geboren. Vom ersten Tag an verschrieben sich beide – er und seine Frau – mit ganzer Leidenschaft dem Pfarramt. „Dazu gehören eben immer zwei", sagt seine Tochter im Rückblick. Ob auf der Straße, am Telefon oder an der Haustür: Ihr Vater habe für die Menschen immer ein offenes Ohr gehabt. Nur wenn die Webers mal wirklich Ruhe brauchten, flüchteten sie mit dem Wohnwagen und den beiden Töchtern: Meistens reichte schon die Fahrt nach Porta Westfalica oder Espelkamp aus. Hauptsache kurz raus und durchatmen.

Information
Vita

Heinz-Wilhelm Weber wurde am 25. Mai 1952 in Liems im Kreis Lippe geboren. Nach dem Abitur im Mai 1971 studierte er evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Bethel und den Universitäten Marbung und Tübingen.

Nach seinem Examen arbeitete er bis zum 12. September 1981 als Pastor in der Kirchengemeinde Nierenhof (Kirchenkreis Hattingen-Witten), wo er auch seine spätere Frau Ricarda kennenlernte. Bis Ende 1991 war er Pfarrer in Lüdenscheid.

Im Juni 1982 heiratete Heinz-Wilhelm Weber Ricarda Tessmann. Sie brachte später die gemeinsamen Kinder Carina und Violetta zur Welt.

Seinen Dienst in Minden begann Weber am Heiligabend 1991 in der Markuskirche. 20 Jahre war er als Pfarrer für die Kirchengemeinde in Leteln und Aminghausen tätig, bevor er am 31. Oktober 2011 in den Vorruhestand ging.

Der Gemeindearbeit kehrte er jedoch nie den Rücken: Weber war noch häufig als Referent in Männerkreisen und bei der Frauenhilfe aktiv, leitete mit seiner Frau Freizeiten und predigte in mehreren Gemeinden. Heinz-Wilhelm Weber wurde 66 Jahre alt.

Ricarda Tessmann arbeitete für die Diakonie Stiftung Salem, zunächst in der ambulanten Pflege, später im Seniorenpflegeheim in Hille. Sie wurde 60 Jahre alt.
20 Jahre war Weber Pfarrer in St. Markus. Auch im Ruhestand war er oft in Leteln. - © Foto: MT-Archiv
20 Jahre war Weber Pfarrer in St. Markus. Auch im Ruhestand war er oft in Leteln. (© Foto: MT-Archiv)

Viel Zeit dafür blieb den beiden sonst nicht. Heinz-Wilhelm Weber liebte die Gemeindearbeit und trennte nur selten zwischen Privatem und Arbeit, seine Frau unterstützte ihn tatkräftig: Jungschar, Konfi-Freizeiten, Kinderbibelwochen – meistens sah man das Ehepaar gemeinsam. Ricarda Weber liebte außerdem die Musik, spielte in zahlreichen Gottesdiensten Flöte oder Gitarre, stimmte die Kyrie an. „Man hörte immer, wenn Mama in der Kirche war", sagt die Tochter. Ihr sechs Jahre älterer Mann engagierte sich außerdem als Vorsitzender der Volks- und Schriftenmission Lemgo-Lieme, die sein Großvater mit aufgebaut hatte.

2011 entschied sich das Ehepaar dann für mehr Freizeit und weniger Arbeit. Heinz-Wilhelm Weber ging in den Vorruhestand, seine Frau arbeitete weiter als Dauernachtwache im Seniorenheim in Hille. Mehr als ein halbes Dutzend Langeoog-Freizeiten leitete das Ehepaar ehrenamtlich für die Kirchengemeinde Lerbeck, Meißen, Neesen. Er kümmerte sich um den theologischen Teil, sie um die Kreativ- und Sportangebote. „Die Freizeiten hatten immer schon eine Warteliste, wenn das Datum noch gar nicht feststand", erinnert sich die Tochter. Die nächste Freizeit war noch für dieses Jahr geplant. Weber leitete außerdem den Männerkreis Lerbeck, beim Seniorenkreis waren beide aktiv. „Letztlich haben sie seinen Beruf zu ihrer beider Hobby gemacht", sagt die Tochter.

Parallel verwirklichten die Webers einen Traum: Nach 30 Jahren in Pfarrwohnungen bauten sie beim Eintritt in den Ruhestand ein Haus in Minderheide ganz nach ihren Vorstellungen. Die Stadt zu verlassen kam für beide nicht in Frage, zu tief waren die Wurzeln.

Weber, der bisher eher ein Mann der Schrift und Sprache gewesen war, entdeckte das Handwerkern für sich und übernahm Teile des Hausbaus selbst. Seine Frau widmete sich unterdessen gemeinsam mit den Töchtern dem Tierschutz. Zwei Hunde nahm das Paar bei sich auf, außerdem diverse Katzen. Heinz-Wilhelm Weber war zwar kein brennender Tierretter, ließ „seine Frauen" aber machen, sagt die Tochter. Bei gleich drei Frauen im Haus sei er ohnehin chancenlos gewesen. Ricarda Weber startete parallel eine Weiterbildung zur Pflegedienstleitung: Stillstand war nicht ihre Art.

Vor zwei Jahren entdeckten die beiden dann die Europareisen für sich. Sizilien, Algarve, Irland: Stets flog das Ehepaar an einen interessanten Ort und machte dort Bustouren. Besonders liebten beide das Meer, dekorierten auch ihr Haus maritim, verbrachten, wann immer es ging, Zeit am Wasser.

Am Dienstag vergangener Woche brach das Ehepaar nach Madeira auf, um die Insel mit dem Bus zu erkunden. Noch am Abend tauschten sie sich mit der Familie über Hotel und Essen aus. Den letzten Kontakt gab es am Mittwochmorgen über die Versorgung der Hunde, die während des Urlaubs bei einer der beiden Töchter unterkamen. Am Abend verunglückten Heinz-Wilhelm und Ricarda Weber nahe der Hauptstadt Funchal. Dass es sich um die beiden Mindener handelt, bestätigte das Auswärtige Amt am Dienstag gegenüber der Familie.

Im Kirchenkreis Minden, den Gemeinden Leteln und Aminghausen und der Nachbarschaft herrscht seitdem tiefste Bestürzung. „Wir sind geschockt und traurig", teilte das Presbyterium von St. Markus mit. Auch Superintendent Jürgen Tiemann zeigte sich bestürzt. Er will am Sonntag beim Gottesdienst in Leteln ein paar Worte zur Aussegnung der Webers sagen. Auch ein Bild der beiden soll dann in der Kirche aufgestellt werden. Die Verabschiedung von Pfarrerin Esther Constanze Pippig, die sich derzeit im Mutterschutz befindet und danach nicht an ihre alte Pfarrstelle in Leteln zurückkehren wird, wird nach Auskunft des Kirchenkreises aber nicht verschoben. „Wir werden beides angemessen vereinen", sagte Tiemann gestern gegenüber dem MT.

Wann die Trauerfeier für das Ehepaar Weber stattfinden kann, steht noch nicht fest. Die Familie will den Zeitpunkt noch in einer Anzeige mitteilen. Da noch nicht alle Opfer des Unglücks zweifelsfrei identifiziert sind, gibt es noch keinen Termin für die Überführung. Die Trauerfeier soll aber in Minderheide stattfinden, so hatten es sich beide gewünscht. Und die „Party" für das Paar soll es dann auch geben. Ganz so, wie sie es wollten.

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MindenNachruf: Pfarrer Heinz-Wilhelm Weber und seine Frau starben auf MadeiraNina KönemannMinden (mt). Ricarda Weber wollte immer eine große Party haben, wenn sie mal gehen muss – irgendwann. Die 60-Jährige hatte sich das vermutlich später vorgestellt, so in 30 bis 40 Jahren, wenn der Körper langsam alt und müde wird. Jetzt müssen ihre Töchter dafür sorgen, dass sie genau diese Party bekommt, nur leider schon viel früher: Ricarda Weber starb am vergangenen Mittwoch gemeinsam mit ihrem Mann Heinz-Wilhelm (66) in einem Bus auf Madeira. 29 Menschen kamen bei dem tragischen Unglück auf der Ferieninsel ums Leben, für die Familie des Mindener Ehepaars herrscht seitdem Ausnahmezustand. Und dabei waren die Webers zwei von der Sorte, die sich nie aus der Ruhe bringen ließen. Menschen, die anpackten, nicht Probleme wälzten. 20 Jahre lang war Heinz-Wilhelm Weber Pfarrer der Kirchengemeinde Leteln und Aminghausen – am Heiligabend 1991 trat er seinen Dienst in der Weserstadt an, seine älteste Tochter war da gerade geboren. Vom ersten Tag an verschrieben sich beide – er und seine Frau – mit ganzer Leidenschaft dem Pfarramt. „Dazu gehören eben immer zwei", sagt seine Tochter im Rückblick. Ob auf der Straße, am Telefon oder an der Haustür: Ihr Vater habe für die Menschen immer ein offenes Ohr gehabt. Nur wenn die Webers mal wirklich Ruhe brauchten, flüchteten sie mit dem Wohnwagen und den beiden Töchtern: Meistens reichte schon die Fahrt nach Porta Westfalica oder Espelkamp aus. Hauptsache kurz raus und durchatmen. Viel Zeit dafür blieb den beiden sonst nicht. Heinz-Wilhelm Weber liebte die Gemeindearbeit und trennte nur selten zwischen Privatem und Arbeit, seine Frau unterstützte ihn tatkräftig: Jungschar, Konfi-Freizeiten, Kinderbibelwochen – meistens sah man das Ehepaar gemeinsam. Ricarda Weber liebte außerdem die Musik, spielte in zahlreichen Gottesdiensten Flöte oder Gitarre, stimmte die Kyrie an. „Man hörte immer, wenn Mama in der Kirche war", sagt die Tochter. Ihr sechs Jahre älterer Mann engagierte sich außerdem als Vorsitzender der Volks- und Schriftenmission Lemgo-Lieme, die sein Großvater mit aufgebaut hatte. 2011 entschied sich das Ehepaar dann für mehr Freizeit und weniger Arbeit. Heinz-Wilhelm Weber ging in den Vorruhestand, seine Frau arbeitete weiter als Dauernachtwache im Seniorenheim in Hille. Mehr als ein halbes Dutzend Langeoog-Freizeiten leitete das Ehepaar ehrenamtlich für die Kirchengemeinde Lerbeck, Meißen, Neesen. Er kümmerte sich um den theologischen Teil, sie um die Kreativ- und Sportangebote. „Die Freizeiten hatten immer schon eine Warteliste, wenn das Datum noch gar nicht feststand", erinnert sich die Tochter. Die nächste Freizeit war noch für dieses Jahr geplant. Weber leitete außerdem den Männerkreis Lerbeck, beim Seniorenkreis waren beide aktiv. „Letztlich haben sie seinen Beruf zu ihrer beider Hobby gemacht", sagt die Tochter. Parallel verwirklichten die Webers einen Traum: Nach 30 Jahren in Pfarrwohnungen bauten sie beim Eintritt in den Ruhestand ein Haus in Minderheide ganz nach ihren Vorstellungen. Die Stadt zu verlassen kam für beide nicht in Frage, zu tief waren die Wurzeln. Weber, der bisher eher ein Mann der Schrift und Sprache gewesen war, entdeckte das Handwerkern für sich und übernahm Teile des Hausbaus selbst. Seine Frau widmete sich unterdessen gemeinsam mit den Töchtern dem Tierschutz. Zwei Hunde nahm das Paar bei sich auf, außerdem diverse Katzen. Heinz-Wilhelm Weber war zwar kein brennender Tierretter, ließ „seine Frauen" aber machen, sagt die Tochter. Bei gleich drei Frauen im Haus sei er ohnehin chancenlos gewesen. Ricarda Weber startete parallel eine Weiterbildung zur Pflegedienstleitung: Stillstand war nicht ihre Art. Vor zwei Jahren entdeckten die beiden dann die Europareisen für sich. Sizilien, Algarve, Irland: Stets flog das Ehepaar an einen interessanten Ort und machte dort Bustouren. Besonders liebten beide das Meer, dekorierten auch ihr Haus maritim, verbrachten, wann immer es ging, Zeit am Wasser. Am Dienstag vergangener Woche brach das Ehepaar nach Madeira auf, um die Insel mit dem Bus zu erkunden. Noch am Abend tauschten sie sich mit der Familie über Hotel und Essen aus. Den letzten Kontakt gab es am Mittwochmorgen über die Versorgung der Hunde, die während des Urlaubs bei einer der beiden Töchter unterkamen. Am Abend verunglückten Heinz-Wilhelm und Ricarda Weber nahe der Hauptstadt Funchal. Dass es sich um die beiden Mindener handelt, bestätigte das Auswärtige Amt am Dienstag gegenüber der Familie. Im Kirchenkreis Minden, den Gemeinden Leteln und Aminghausen und der Nachbarschaft herrscht seitdem tiefste Bestürzung. „Wir sind geschockt und traurig", teilte das Presbyterium von St. Markus mit. Auch Superintendent Jürgen Tiemann zeigte sich bestürzt. Er will am Sonntag beim Gottesdienst in Leteln ein paar Worte zur Aussegnung der Webers sagen. Auch ein Bild der beiden soll dann in der Kirche aufgestellt werden. Die Verabschiedung von Pfarrerin Esther Constanze Pippig, die sich derzeit im Mutterschutz befindet und danach nicht an ihre alte Pfarrstelle in Leteln zurückkehren wird, wird nach Auskunft des Kirchenkreises aber nicht verschoben. „Wir werden beides angemessen vereinen", sagte Tiemann gestern gegenüber dem MT. Wann die Trauerfeier für das Ehepaar Weber stattfinden kann, steht noch nicht fest. Die Familie will den Zeitpunkt noch in einer Anzeige mitteilen. Da noch nicht alle Opfer des Unglücks zweifelsfrei identifiziert sind, gibt es noch keinen Termin für die Überführung. Die Trauerfeier soll aber in Minderheide stattfinden, so hatten es sich beide gewünscht. Und die „Party" für das Paar soll es dann auch geben. Ganz so, wie sie es wollten.