Minden

Unsichtbare Gefahr: Legionellen bleiben ein Problem in der Obermarktpassage

Sebastian Radermacher

Etwa 70 Wohnungen gehören zum Gebäudekomplex an der Obermarktstraße 37 bis 47. Die Legionellenbelastung im Trinkwasser ist dort weiterhin viel zu hoch. Das Gesundheitsamt des Kreises ist eingeschaltet. MT- - © Foto: Hans-Georg Gottfried Dittmann
Etwa 70 Wohnungen gehören zum Gebäudekomplex an der Obermarktstraße 37 bis 47. Die Legionellenbelastung im Trinkwasser ist dort weiterhin viel zu hoch. Das Gesundheitsamt des Kreises ist eingeschaltet. MT- (© Foto: Hans-Georg Gottfried Dittmann)

Minden (mt). Es ist eine Geschichte, die kein Ende zu nehmen scheint: Die Bewohner der rund 70 Wohnungen im Gebäudekomplex Obermarkstraße 37 bis 47 können ihr Leitungswasser nach wie vor nicht uneingeschränkt nutzen. Der Grund: Der zulässige Grenzwert für Legionellen ist immer noch deutlich überschritten. In der vergangenen Woche wurden die Bewohner in einem Schreiben aufgefordert, Schutzmaßnahmen gegen die Bakterien zu ergreifen. Sie müssen zum Beispiel alle zwei bis drei Tage aus jedem Hahn in ihrer Wohnung bis zu zehn Liter Wasser laufen lassen – zuerst heiß, dann kalt. Wer in den Urlaub fährt, muss eine Vertretung mit dem Spülen der Leitungen beauftragen. Außerdem sollen die Bewohner Duschköpfe und Perlatoren an den Wasserhähnen reinigen oder ersetzen.

Legionellen sind eine unsichtbare Gefahr im Wasser. Die Bakterien vermehren sich sprunghaft, wenn zum Beispiel Wasser bei lauwarmen Temperaturen in den Leitungen steht. Wer sie über Sprühnebel beim Duschen oder während des Inhalierens einatmet, kann sich infizieren. Legionellen können zum Beispiel Lungenentzündungen mit einem schweren Verlauf verursachen. Im Obermarktkomplex wird die Ansiedlung von Legionellen begünstigt, da ein Großteil der Gewerbeimmobilien mittlerweile leer steht und somit auch der Wasserkreislauf mitunter zum Stehen kommt. Auch in Sporthallen bereiten Legionellen mitunter Probleme, zum Beispiel nach längeren Schließungen in den Ferien.

In dem Gebäude an der Obermarktstraße hatte die IRN Immobilienservices Rhein-Neckar GmbH aus Leipzig, die mit der Untersuchung des Trinkwassers beauftragt worden war, bereits im Oktober 2018 einen zu hohen „technischen Maßnahmenwert“ als meldepflichtigen Grenzwert für Legionellen festgestellt. Daraufhin seien „Maßnahmen zur Beseitigung“ veranlasst worden, heißt es in dem Brief an die Bewohner. Bei einer Nachuntersuchung Ende März sei dann der maximal gemessene Messwert erneut zu hoch gewesen – er liege bei 3.900 koloniebildenden Einheiten (KBE) pro 100 Milliliter Wasser. Von einer akuten Gesundheitsgefahr gehe man ab 10.000 KBE/100 ml aus.

Die Prüfer sind ihrer Pflicht nachgekommen und haben unverzüglich das Gesundheitsamt des Kreises Minden-Lübbecke informiert. Janine Küchhold von der Pressestelle der Kreisverwaltung bestätigt auf MT-Anfrage, dass der Obermarktkomplex in der Vergangenheit bereits mehrfach durch Legionellenbefall negativ in Erscheinung getreten ist. Ab einer Überschreitung von 100 KBE/100 ml seien die Werte dem Gesundheitsamt mitzuteilen – im Gebäude an der Obermarktstraße ist der Wert also um das 39-Fache erhöht. Eigentümer beziehungsweise Verwaltung und Gesundheitsamt erstellen laut Küchhold einen Plan zur Bekämpfung der Bakterien, das Amt legt dafür Fristen und Zeiträume fest. „In der Regel sperrt das Gesundheitsamt die entsprechende Wasserversorgungsstelle/-Anlage bis zum Nachweis einer Legionellenfreiheit“, erklärt Küchhold. „Falls erforderlich, werden Strafen und Bußgelder bei Zuwiderhandlung festgelegt.“ Im Obermarktkomplex ist die Wasserversorgungsanlage bislang nicht gesperrt worden.

Verwalter des Gebäudes ist die Firma Treureal aus Mannheim. Ein Unternehmenssprecher hatte im Oktober angekündigt, künftig die Gewerbeimmobilien von der gemeinsamen Wasserversorgung abzukoppeln, um das Legionellenproblem in den Griff zu bekommen. Die Eigentümer müssten dieses Vorhaben noch beschließen, davon hänge das weitere Vorgehen zunächst ab. Zur aktuellen Entwicklung bezieht das Unternehmen am Mittwoch auf MT-Anfrage keine Stellung.

Den Eigentümern in der Obermarktpassage sei das Legionellenproblem bekannt, berichtet Janine Küchhold. Alle geforderten Maßnahmen würden umgesetzt. „Es ist dort überwiegend ein bauliches und ein Leerstandsproblem“, sagt die Kreissprecherin. Dass nun Bewegung in die Sache kommt, bestätigt auch ein Sprecher der IRN. Die technische Lösung sei nach der Messung im vergangenen Herbst bereits konzipiert worden. Allerdings sei die Planung aufwendig und komplex, weshalb sich die Umsetzung verzögert habe. Nach MT-Informationen will eine Fachfirma in den nächsten Tagen die Umbauarbeiten in Angriff nehmen. Die Bewohner sollen kurzfristig über den genauen Zeitpunkt informiert werden. Sie hoffen, dass das Legionellenproblem dann endgültig gelöst sein wird.

Legionellenproblematik

- Legionellen vermehren sich vor allem in Warmwasserleitungen, da die dortigen Temperaturen für sie idealen Nährboden darstellen. Bereits beim Bau von Wasseranlagen, auch im Haushalt, sollte man darauf achten, dass es keine Leitungen gibt, in denen Wasser lange steht.

- Bei wiederholtem Überschreiten des Maßnahmewertes müssen Eigentümer tätig werden und zum Beispiel eine thermische Desinfektion, also die Erwärmung des Warmwassers, veranlassen. Bei einer Temperatur von mehr als 70 Grad Celsius werden Legionellen abgetötet. In einigen Fällen ist auch der Umbau der Wasserversorgungsanlage notwendig.

- 2018 wurden dem Gesundheitsamt des Kreises Minden-Lübbecke vier Fälle von Legionellen-Erkrankungen gemeldet, ohne Bezug zur Obermarktpassage. 2019 gab es bisher keine Erkrankungen. Wie viele Überschreitungen des Maßnahmewertes pro Jahr mitgeteilt werden, kann der Kreis aktuell nicht sagen. In der Vergangenheit waren es im Schnitt 20 bis 25 Meldungen jährlich, dieser Wert sei aber mit Übergang der Meldepflicht auf die Labore angestiegen.?(Quelle: Kreis Minden-Lübbecke/Pressestelle)

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Die Bakterien vermehren sich sprunghaft, wenn zum Beispiel Wasser bei lauwarmen Temperaturen in den Leitungen steht. Wer sie über Sprühnebel beim Duschen oder während des Inhalierens einatmet, kann sich infizieren. Legionellen können zum Beispiel Lungenentzündungen mit einem schweren Verlauf verursachen. Im Obermarktkomplex wird die Ansiedlung von Legionellen begünstigt, da ein Großteil der Gewerbeimmobilien mittlerweile leer steht und somit auch der Wasserkreislauf mitunter zum Stehen kommt. Auch in Sporthallen bereiten Legionellen mitunter Probleme, zum Beispiel nach längeren Schließungen in den Ferien. In dem Gebäude an der Obermarktstraße hatte die IRN Immobilienservices Rhein-Neckar GmbH aus Leipzig, die mit der Untersuchung des Trinkwassers beauftragt worden war, bereits im Oktober 2018 einen zu hohen „technischen Maßnahmenwert“ als meldepflichtigen Grenzwert für Legionellen festgestellt. Daraufhin seien „Maßnahmen zur Beseitigung“ veranlasst worden, heißt es in dem Brief an die Bewohner. Bei einer Nachuntersuchung Ende März sei dann der maximal gemessene Messwert erneut zu hoch gewesen – er liege bei 3.900 koloniebildenden Einheiten (KBE) pro 100 Milliliter Wasser. Von einer akuten Gesundheitsgefahr gehe man ab 10.000 KBE/100 ml aus. Die Prüfer sind ihrer Pflicht nachgekommen und haben unverzüglich das Gesundheitsamt des Kreises Minden-Lübbecke informiert. Janine Küchhold von der Pressestelle der Kreisverwaltung bestätigt auf MT-Anfrage, dass der Obermarktkomplex in der Vergangenheit bereits mehrfach durch Legionellenbefall negativ in Erscheinung getreten ist. Ab einer Überschreitung von 100 KBE/100 ml seien die Werte dem Gesundheitsamt mitzuteilen – im Gebäude an der Obermarktstraße ist der Wert also um das 39-Fache erhöht. Eigentümer beziehungsweise Verwaltung und Gesundheitsamt erstellen laut Küchhold einen Plan zur Bekämpfung der Bakterien, das Amt legt dafür Fristen und Zeiträume fest. „In der Regel sperrt das Gesundheitsamt die entsprechende Wasserversorgungsstelle/-Anlage bis zum Nachweis einer Legionellenfreiheit“, erklärt Küchhold. „Falls erforderlich, werden Strafen und Bußgelder bei Zuwiderhandlung festgelegt.“ Im Obermarktkomplex ist die Wasserversorgungsanlage bislang nicht gesperrt worden. Verwalter des Gebäudes ist die Firma Treureal aus Mannheim. Ein Unternehmenssprecher hatte im Oktober angekündigt, künftig die Gewerbeimmobilien von der gemeinsamen Wasserversorgung abzukoppeln, um das Legionellenproblem in den Griff zu bekommen. Die Eigentümer müssten dieses Vorhaben noch beschließen, davon hänge das weitere Vorgehen zunächst ab. Zur aktuellen Entwicklung bezieht das Unternehmen am Mittwoch auf MT-Anfrage keine Stellung. Den Eigentümern in der Obermarktpassage sei das Legionellenproblem bekannt, berichtet Janine Küchhold. Alle geforderten Maßnahmen würden umgesetzt. „Es ist dort überwiegend ein bauliches und ein Leerstandsproblem“, sagt die Kreissprecherin. Dass nun Bewegung in die Sache kommt, bestätigt auch ein Sprecher der IRN. Die technische Lösung sei nach der Messung im vergangenen Herbst bereits konzipiert worden. Allerdings sei die Planung aufwendig und komplex, weshalb sich die Umsetzung verzögert habe. Nach MT-Informationen will eine Fachfirma in den nächsten Tagen die Umbauarbeiten in Angriff nehmen. Die Bewohner sollen kurzfristig über den genauen Zeitpunkt informiert werden. Sie hoffen, dass das Legionellenproblem dann endgültig gelöst sein wird. Legionellenproblematik - Legionellen vermehren sich vor allem in Warmwasserleitungen, da die dortigen Temperaturen für sie idealen Nährboden darstellen. Bereits beim Bau von Wasseranlagen, auch im Haushalt, sollte man darauf achten, dass es keine Leitungen gibt, in denen Wasser lange steht. - Bei wiederholtem Überschreiten des Maßnahmewertes müssen Eigentümer tätig werden und zum Beispiel eine thermische Desinfektion, also die Erwärmung des Warmwassers, veranlassen. Bei einer Temperatur von mehr als 70 Grad Celsius werden Legionellen abgetötet. In einigen Fällen ist auch der Umbau der Wasserversorgungsanlage notwendig. - 2018 wurden dem Gesundheitsamt des Kreises Minden-Lübbecke vier Fälle von Legionellen-Erkrankungen gemeldet, ohne Bezug zur Obermarktpassage. 2019 gab es bisher keine Erkrankungen. Wie viele Überschreitungen des Maßnahmewertes pro Jahr mitgeteilt werden, kann der Kreis aktuell nicht sagen. In der Vergangenheit waren es im Schnitt 20 bis 25 Meldungen jährlich, dieser Wert sei aber mit Übergang der Meldepflicht auf die Labore angestiegen.?(Quelle: Kreis Minden-Lübbecke/Pressestelle)