Standpunkt zum Thema Geschlechtergerechte Sprache: Bitte keine Sterne

veröffentlicht

Von Monika Jäger

Wir wollten „unter der Hand“ geschlechtergerechte Sprache ins MT schmuggeln, mutmaßte neulich ein Kommentator auf Facebook. Sein Zorn entzündete sich am Wort „Mitarbeitende“. Er schrieb: „Mitarbeiter arbeiten nicht nur mit, sie schmeißen den Laden, man sollte sie daher nicht zu Mitarbeitenden degradieren.“

Das trifft zumindest in einem Punkt zu: Sprache wirkt. Doch wie sie wirkt und vielleicht auch beeinflusst, da stoßen schnell Überzeugungen aufeinander. Besonders bei geschlechtergerechter Sprache.

Für mich ist die Sache ganz einfach. Jeder soll die Texte verstehen, die ich schreibe, und das Lesen soll niemandem Mühe machen. Darum versuche ich, Worthülsen und Behördensprachgetüme zu vermeiden – dazu gehören „Maßnahmen zur Durchführung gelangen lassen“ ebenso wie „Petrus hatte ein Einsehen“. Darum bemühe ich mich, flüssig zu formulieren und keine Stolperstellen in meinen Artikeln zu haben – wie Abkürzungen (bzw.) oder Akronyme, deren Bedeutung nicht alle kennen (DGzRS). Neue Gedanken bekommen neue Absätze. Die Aufreihung der Gedanken folgt einer natürlichen Logik. Der Stil soll klar, aber auch ein klein wenig anspruchsvoll sein.

Das ist manchmal einfach. Dann zum Beispiel, wenn ein langer Satz in mehrere kurze geteilt werden kann. Wenn ich einfach das Verb vorziehe, das im Sprechen eigentlich hinter einen Nebensatz gestellt würde. Oder ich mich am Anfang eines Textes frage: „Was würde ich darüber meiner Tochter als Kurznachricht schreiben?“, und damit dann meinen Artikel beginne, damit alle gleich mitten im Thema sind.

Auch die Bestrebungen zu „einfacher Sprache“ finde ich außerordentlich wichtig. Behördenschreiben, Gebrauchsanweisungen und Beipackzettel würden von dem Versuch, barriereärmer zu formulieren, extrem profitieren. Ebenso gehört das Nennen aller Geschlechter in offizielle Formulare und alle Anschreiben und sollte bei Formulierungen in Politik und Verwaltung selbstverständlich sein.

Doch: Zeitungsartikel sind keine Beipackzettel. Zeitungsartikel sind eine eigene, einzigartige Textform. Sie sollten klar sein, aber es sollte auch Freude machen, sie zu lesen. Sie sollten darum auch sprachlich leuchten – zumindest ein klein wenig. So ein Leuchten (wir reden gerade nur über Stil, nicht über Inhalt) kommt auch durch Abwechslung in Satzbau und Satzlänge sowie interessante, auch mal überraschende Wortwahl. Hier schreiben nämlich keine Roboter. Hier schreiben kreative Menschen. Und das sollten die Leser ruhig merken. Die Leserinnen selbstverständlich auch.

Und weil all das so ist, darum bin ich auch gegen geschlechtergerechte Sprache in meinen Texten. Das Binnen-I und das Gender-Sternchen sind Stolperstellen für LeserInnen und Leser*innen. Die konstante Mitnennung aller Geschlechter macht Texte unnötig umständlich und steht für mich darum auf einer Stufe mit den „Maßnahmen“ und „Petrus“.

Ja, ich weiß, dass viele Leserinnen und Leser und auch viele Kolleginnen und Kollegen da anderer Ansicht sind. Aber den sanften Druck, bitte nicht alle irgendwie „mitzumeinen“, sondern alle ausdrücklich zu benennen, dem mag ich mich nicht beugen. Auch, weil es ein Missverständnis ist, dass beispielsweise “Rauch-er“ nur Männer meint. Mitnichten: Raucher meint sprachwissenschaftlich gesehen auch Männer NICHT, weil der Anhang -er nur das sprachliche Signal dafür ist, dass hier jemand das tut, was das Verb davor bezeichnet.

Einem Kollegen verdanke ich ein weiteres Beispiel: Wenn man Mitnennung konsequent durchzieht, gibt es am Ende Wörter wie dieses: Bürgerinnenundbürgermeisterinnenundmeister (gemeint sind mehrere Stadtoberhäupter).

In vielen Fällen gibt es zum Glück den Mittelweg wie „Lehrende“ oder „Mitarbeitende“. Und wenn lauter Lehrerinnen sich fortbilden, dann muss das natürlich eine „Lehrerinnenfortbildung“ sein.

Es sind nicht Sterne, die Frauen in der Gesellschaft stark machen. Das kann nur wahre, konsequente Gerechtigkeit im eigenen und im politischen Handeln erreichen.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

4 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Standpunkt zum Thema Geschlechtergerechte Sprache: Bitte keine SterneVon Monika Jäger Wir wollten „unter der Hand“ geschlechtergerechte Sprache ins MT schmuggeln, mutmaßte neulich ein Kommentator auf Facebook. Sein Zorn entzündete sich am Wort „Mitarbeitende“. Er schrieb: „Mitarbeiter arbeiten nicht nur mit, sie schmeißen den Laden, man sollte sie daher nicht zu Mitarbeitenden degradieren.“ Das trifft zumindest in einem Punkt zu: Sprache wirkt. Doch wie sie wirkt und vielleicht auch beeinflusst, da stoßen schnell Überzeugungen aufeinander. Besonders bei geschlechtergerechter Sprache. Für mich ist die Sache ganz einfach. Jeder soll die Texte verstehen, die ich schreibe, und das Lesen soll niemandem Mühe machen. Darum versuche ich, Worthülsen und Behördensprachgetüme zu vermeiden – dazu gehören „Maßnahmen zur Durchführung gelangen lassen“ ebenso wie „Petrus hatte ein Einsehen“. Darum bemühe ich mich, flüssig zu formulieren und keine Stolperstellen in meinen Artikeln zu haben – wie Abkürzungen (bzw.) oder Akronyme, deren Bedeutung nicht alle kennen (DGzRS). Neue Gedanken bekommen neue Absätze. Die Aufreihung der Gedanken folgt einer natürlichen Logik. Der Stil soll klar, aber auch ein klein wenig anspruchsvoll sein. Das ist manchmal einfach. Dann zum Beispiel, wenn ein langer Satz in mehrere kurze geteilt werden kann. Wenn ich einfach das Verb vorziehe, das im Sprechen eigentlich hinter einen Nebensatz gestellt würde. Oder ich mich am Anfang eines Textes frage: „Was würde ich darüber meiner Tochter als Kurznachricht schreiben?“, und damit dann meinen Artikel beginne, damit alle gleich mitten im Thema sind. Auch die Bestrebungen zu „einfacher Sprache“ finde ich außerordentlich wichtig. Behördenschreiben, Gebrauchsanweisungen und Beipackzettel würden von dem Versuch, barriereärmer zu formulieren, extrem profitieren. Ebenso gehört das Nennen aller Geschlechter in offizielle Formulare und alle Anschreiben und sollte bei Formulierungen in Politik und Verwaltung selbstverständlich sein. Doch: Zeitungsartikel sind keine Beipackzettel. Zeitungsartikel sind eine eigene, einzigartige Textform. Sie sollten klar sein, aber es sollte auch Freude machen, sie zu lesen. Sie sollten darum auch sprachlich leuchten – zumindest ein klein wenig. So ein Leuchten (wir reden gerade nur über Stil, nicht über Inhalt) kommt auch durch Abwechslung in Satzbau und Satzlänge sowie interessante, auch mal überraschende Wortwahl. Hier schreiben nämlich keine Roboter. Hier schreiben kreative Menschen. Und das sollten die Leser ruhig merken. Die Leserinnen selbstverständlich auch. Und weil all das so ist, darum bin ich auch gegen geschlechtergerechte Sprache in meinen Texten. Das Binnen-I und das Gender-Sternchen sind Stolperstellen für LeserInnen und Leser*innen. Die konstante Mitnennung aller Geschlechter macht Texte unnötig umständlich und steht für mich darum auf einer Stufe mit den „Maßnahmen“ und „Petrus“. Ja, ich weiß, dass viele Leserinnen und Leser und auch viele Kolleginnen und Kollegen da anderer Ansicht sind. Aber den sanften Druck, bitte nicht alle irgendwie „mitzumeinen“, sondern alle ausdrücklich zu benennen, dem mag ich mich nicht beugen. Auch, weil es ein Missverständnis ist, dass beispielsweise “Rauch-er“ nur Männer meint. Mitnichten: Raucher meint sprachwissenschaftlich gesehen auch Männer NICHT, weil der Anhang -er nur das sprachliche Signal dafür ist, dass hier jemand das tut, was das Verb davor bezeichnet. Einem Kollegen verdanke ich ein weiteres Beispiel: Wenn man Mitnennung konsequent durchzieht, gibt es am Ende Wörter wie dieses: Bürgerinnenundbürgermeisterinnenundmeister (gemeint sind mehrere Stadtoberhäupter). In vielen Fällen gibt es zum Glück den Mittelweg wie „Lehrende“ oder „Mitarbeitende“. Und wenn lauter Lehrerinnen sich fortbilden, dann muss das natürlich eine „Lehrerinnenfortbildung“ sein. Es sind nicht Sterne, die Frauen in der Gesellschaft stark machen. Das kann nur wahre, konsequente Gerechtigkeit im eigenen und im politischen Handeln erreichen.