Häverstädt

Zwei Frauen sorgen im Klinikum für Lesestoff

Gisela Burmester

Ein eingespieltes Team: Christine Schneidewind (rechts) und Birgit Trautmann.?MT- - © Foto: Alex Lehn
Ein eingespieltes Team: Christine Schneidewind (rechts) und Birgit Trautmann.?MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden-Häverstädt (mt). Ein Aufenthalt im Krankenhaus kann sehr, sehr langweilig sein. Ein Rezept dagegen haben Christine Schneidewind und ihr Team: Sie kümmern sich um die Bücherei im Johannes-Wesling-Klinikum, bieten in dem Raum an der Südtangente kostenlos rund 6.000 Bücher für Jugendliche und Erwachsene sowie DVD und Hörbücher an. Ein Bücherwagen zieht von Krankenzimmer zu Krankenzimmer, und auch die Mitarbeiter des Klinikums dürfen sich bedienen.

„Die Patientinnen wählen gern Krimis und heitere Lektüre aus, die Männer mögen Fußballerbiografien, Comics und Sachbücher, während bei den Angestellten besonders Hörbücher für die Heimfahrten gefragt sind“, sagt Christine Schneidewind, seit September 2017 mit fünf Stunden pro Woche hauptamtliche Büchereileiterin. Unterstützt wird sie von den Ehrenamtlichen Birgit Trautmann, Heidi Bierbaum und Enne Friedmann – die Letzteren schieben den Bücherwagen durch die Stationen –, Sigrun Röckemann und Monika Orthmann.

Einen Etat für den Medienkauf gibt es am neuen Standort des Krankenhauses nicht mehr, was Christine Schneidewind zwar schade findet, doch für sie kein Grund zum Klagen ist. „Patienten, Besucher und Mitarbeiter spenden uns Bücher, auch Titel aus der Büchertauschbörse in unserer Physiotherapie landen bei uns.“ Zweimal jährlich veranstalten sie einen zweitägigen Bücherflohmarkt, außerdem verkaufen sie ständig aussortierte Bücher für 50 Cent das Stück. Allein das letzte Angebot bringe monatlich bis zu 70 Euro in die Kasse.

Ein Bick auf die Buchrücken zeigt, dass es die Krankenhausbibliothek mit jeder anderen Bücherei aufnehmen kann, denn „olle Kamellen“ sucht man hier vergeblich: Die gespendeten Bücher müssen nicht nur gut erhalten, sondern dürfen auch nicht älter als zehn Jahre alt sein. Und so steht Dörte Hansens „Mittagsstunde“ neben anderen Bestsellern wie einem Krimi von Adler Olsen und Michelle Obamas Autobiografie. Diese Aktualität ist für manchen Patienten oder Besucher so verlockend – von der Auslage vor der kleinen Bibliothek wurden kürzlich Gregor Gysis Biografie und Elena Uhligs „Qualle vor Malle“ gestohlen. Oder vom Bücherwagen ausgeliehene Lektüre findet nicht den Weg zurück in die Südtangente. Doch nicht immer steckt Absicht dahinter. „Wenn Schwestern für einen entlassenen Patienten die Tasche packen, wird auch das Buch eingesteckt. Manchmal schicken sie es dann zurück, manchmal aber auch nicht“, sagt Christine Schneidewind, die betont: „Es ist nicht Aufgabe des Personals, die ausgeliehenen Titel wieder bei uns abzugeben.“

Da bei der Ausleihe die Personalien auf der Buchkarte notiert werden, kontaktiert das Büchereiteam die ehemaligen Patienten – häufig mit Erfolg.

Wie nützlich ihre Arbeit ist, können die Mitarbeiterinnen auch an etwas anderem messen: An den Schokoladetafeln, Pralinen und Keksen sowie den Geldspenden, die dankbare Leser bei ihnen abgeben. Und das ist nicht wenig. Die Süßigkeiten werden gerecht geteilt, das Geld wandert in die Kasse.

Christine Schneidewind ist zuständig für den Lektürenachschub, schlendert dafür durch Buchhandlungen, liest Rezensionen und blättert in Verlagskatalogen. „Neue Titel bestelle ich in einer Buchhandlung vor Ort, gebrauchte bei einem Online-Versand.“ Weil auch viele Patienten mit ausländischen Wurzeln im Klinikum behandelt werden, gibt es Bücher in englisch, italienisch, türkisch und anderen Fremdsprachen. Die Büchereileiterin und ihre Mitstreiterinnen sind ein eingeschworenes Team, das nicht nur seine Bücher liebt, sondern auch deren Leser. „Wir bekommen hier so viel zurück, haben gute Gespräche und treffen freundliche Menschen, hören Leidensgeschichten und spüren Dankbarkeit fürs Zuhören.“

Noch mehr Patientenkontakt haben jene Frauen, die mit dem Buchwagen unterwegs sind. Heidi Bierbaum und Enne Friedmann könnten aber Verstärkung gebrauchen, sagt Christine Schneidewind. „Wir suchen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, über Einfühlungsvermögen verfügen und gefestigt sind, denn sie treffen auch auf Schwerkranke.“ Wer Interesse hat, kann sich bei ihr donnerstags ab 10 Uhr unter der Telefonnummer (0571) 7 90 28 45 melden.

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HäverstädtZwei Frauen sorgen im Klinikum für LesestoffGisela BurmesterMinden-Häverstädt (mt). Ein Aufenthalt im Krankenhaus kann sehr, sehr langweilig sein. Ein Rezept dagegen haben Christine Schneidewind und ihr Team: Sie kümmern sich um die Bücherei im Johannes-Wesling-Klinikum, bieten in dem Raum an der Südtangente kostenlos rund 6.000 Bücher für Jugendliche und Erwachsene sowie DVD und Hörbücher an. Ein Bücherwagen zieht von Krankenzimmer zu Krankenzimmer, und auch die Mitarbeiter des Klinikums dürfen sich bedienen. „Die Patientinnen wählen gern Krimis und heitere Lektüre aus, die Männer mögen Fußballerbiografien, Comics und Sachbücher, während bei den Angestellten besonders Hörbücher für die Heimfahrten gefragt sind“, sagt Christine Schneidewind, seit September 2017 mit fünf Stunden pro Woche hauptamtliche Büchereileiterin. Unterstützt wird sie von den Ehrenamtlichen Birgit Trautmann, Heidi Bierbaum und Enne Friedmann – die Letzteren schieben den Bücherwagen durch die Stationen –, Sigrun Röckemann und Monika Orthmann. Einen Etat für den Medienkauf gibt es am neuen Standort des Krankenhauses nicht mehr, was Christine Schneidewind zwar schade findet, doch für sie kein Grund zum Klagen ist. „Patienten, Besucher und Mitarbeiter spenden uns Bücher, auch Titel aus der Büchertauschbörse in unserer Physiotherapie landen bei uns.“ Zweimal jährlich veranstalten sie einen zweitägigen Bücherflohmarkt, außerdem verkaufen sie ständig aussortierte Bücher für 50 Cent das Stück. Allein das letzte Angebot bringe monatlich bis zu 70 Euro in die Kasse. Ein Bick auf die Buchrücken zeigt, dass es die Krankenhausbibliothek mit jeder anderen Bücherei aufnehmen kann, denn „olle Kamellen“ sucht man hier vergeblich: Die gespendeten Bücher müssen nicht nur gut erhalten, sondern dürfen auch nicht älter als zehn Jahre alt sein. Und so steht Dörte Hansens „Mittagsstunde“ neben anderen Bestsellern wie einem Krimi von Adler Olsen und Michelle Obamas Autobiografie. Diese Aktualität ist für manchen Patienten oder Besucher so verlockend – von der Auslage vor der kleinen Bibliothek wurden kürzlich Gregor Gysis Biografie und Elena Uhligs „Qualle vor Malle“ gestohlen. Oder vom Bücherwagen ausgeliehene Lektüre findet nicht den Weg zurück in die Südtangente. Doch nicht immer steckt Absicht dahinter. „Wenn Schwestern für einen entlassenen Patienten die Tasche packen, wird auch das Buch eingesteckt. Manchmal schicken sie es dann zurück, manchmal aber auch nicht“, sagt Christine Schneidewind, die betont: „Es ist nicht Aufgabe des Personals, die ausgeliehenen Titel wieder bei uns abzugeben.“ Da bei der Ausleihe die Personalien auf der Buchkarte notiert werden, kontaktiert das Büchereiteam die ehemaligen Patienten – häufig mit Erfolg. Wie nützlich ihre Arbeit ist, können die Mitarbeiterinnen auch an etwas anderem messen: An den Schokoladetafeln, Pralinen und Keksen sowie den Geldspenden, die dankbare Leser bei ihnen abgeben. Und das ist nicht wenig. Die Süßigkeiten werden gerecht geteilt, das Geld wandert in die Kasse. Christine Schneidewind ist zuständig für den Lektürenachschub, schlendert dafür durch Buchhandlungen, liest Rezensionen und blättert in Verlagskatalogen. „Neue Titel bestelle ich in einer Buchhandlung vor Ort, gebrauchte bei einem Online-Versand.“ Weil auch viele Patienten mit ausländischen Wurzeln im Klinikum behandelt werden, gibt es Bücher in englisch, italienisch, türkisch und anderen Fremdsprachen. Die Büchereileiterin und ihre Mitstreiterinnen sind ein eingeschworenes Team, das nicht nur seine Bücher liebt, sondern auch deren Leser. „Wir bekommen hier so viel zurück, haben gute Gespräche und treffen freundliche Menschen, hören Leidensgeschichten und spüren Dankbarkeit fürs Zuhören.“ Noch mehr Patientenkontakt haben jene Frauen, die mit dem Buchwagen unterwegs sind. Heidi Bierbaum und Enne Friedmann könnten aber Verstärkung gebrauchen, sagt Christine Schneidewind. „Wir suchen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten, über Einfühlungsvermögen verfügen und gefestigt sind, denn sie treffen auch auf Schwerkranke.“ Wer Interesse hat, kann sich bei ihr donnerstags ab 10 Uhr unter der Telefonnummer (0571) 7 90 28 45 melden.