Minden

Mindener Architektin will weg vom Standard-Wohnen

Sebastian Radermacher

Astrid Engel ist seit 2008 als selbstständige Architektin in Minden tätig. Die 51-Jährige findet, dass ihre Heimatstadt viel Potenzial hat, das aber nicht ausreichend abgerufen wird. MT- - © Foto: Alex Lehn
Astrid Engel ist seit 2008 als selbstständige Architektin in Minden tätig. Die 51-Jährige findet, dass ihre Heimatstadt viel Potenzial hat, das aber nicht ausreichend abgerufen wird. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden (mt). Astrid Engel kann sich keinen besseren Wohnort als ihre Heimatstadt Minden vorstellen. trotzdem sieht die selbstständige Architektin beim Thema Wohnen noch reichlich Luft nach oben . Die die Pläne der Stadt bereiten ihr mitunter Kopfzerbrechen, was sie in ihrem Blog (www.quartierplaner.de) ausführlich beschreibt. Ein Gespräch über bessere Planung, Quartierentwicklung und Häuser der Zukunft.

Frau Engel, wann ist Wohnenfür Sie attraktiv?

Wenn ich ein „Nest" habe, einen Rückzugsort, an dem ich mich wohlfühle. Egal wie groß oder klein er auch sein mag. Immer wenn ich einen solchen Ort der Geborgenheit habe, funktioniert Wohnen gut.

Wie sieht für Sie das Wohnen der Zukunft aus?

Die klassischen Einfamilienhäuser auf kleinen Grundstücken sollten wir abschaffen. Diese Verschwendung von Fläche und Energie können wir uns in Zukunft nicht mehr leisten. So zu wohnen, hat vor allem dazu geführt, dass wir unsere Scholle nicht mehr verlassen. Wir treffen keine Nachbarn mehr und beleben nicht die Straßen. Stattdessen fahren wir in die Metropolen und bewundern, wie lebhaft es dort ist.

Ist Minden ein attraktiver Wohnort?

Minden ist eine Stadt mit unglaublich viel Potenzial, das aber leider nur bedingt abgerufen wird. Die Stadt könnte auf den massiven Wegzug in die Großstädte reagieren, indem sie zielgerichtet Angebote erarbeitet und sich als attraktive Stadt entwickelt. Das passiert leider viel zu wenig.

Was muss Minden beim Thema Wohnen unternehmen?

Die Stadt gehört den Bürgern. Und die Politik muss dafür sorgen, dass Menschen hier wohnen können. Deshalb muss die Stadt wieder mehr Flächen in ihren Besitz bringen und zum Beispiel gegen Zahlung einer Pacht als Wohnraum zur Verfügung stellen. Wer Eigentum besitzt, befindet sich in einer starken Position. Grundstücke zu erwerben und dann an Investoren zu veräußern, sollte nur eine Option sein, wenn es einen tatsächlichen Mehrwert für die Stadt hat. Boden darf auf keinen Fall Ware für global handelnde Konzerne werden, dann ist die Bebauung nämlich kaum mehr zu steuern.

Wie viele Flächen sollte die Stadt erwerben?

Je mehr Flächen sie in ihrem Besitz hat, desto mehr Optionen hat sie für die Zukunft. Womöglich braucht sie in 20, 30 Jahren überhaupt nicht mehr so viel Wohnraum wie aktuell. Dann könnte die Stadt die Grundstücke wiederum anders entwickeln.

Wo gibt es freie Flächen beziehungsweise wo sollen sie herkommen?

Der Handel verlagert sich immer mehr ins Internet und braucht damit weniger Fläche. Auch das produzierende Gewerbe benötigt weniger Platz, viele Firmengebäude in Minden werden nicht mehr komplett genutzt. Der Verkehr wird sich ebenfalls verändern – weniger private Autos, mehr automatisierte Mobilitätsangebote – und wird weniger Platz brauchen. Daraus lässt sich eine große Menge freiwerdender Flächen ableiten, für die sogar schon die Infrastruktur da ist: Wege, Anschlüsse, Leitungen. Allerdings benötigt die Stadt Werkzeuge, mit denen sie Eigentümer dazu „drängeln" kann, Leerstände anzupacken und mit Leben zu füllen. Man könnte diesen freiwerdenden Raum nutzen, um das „neue Wohnen" in den Kern-Gebieten zu verdichten.

Welche Kriterien sollten neue Wohnprojekte Ihrer Meinung nach erfüllen?

Ich hatte vor einigen Jahren einen Auftraggeber aus Minden, der wollte innenstadtnah ein Grundstück entwickeln. Sein Plan war ein Standard-Mehrfamilienhaus. Das kann man machen, keine Frage. Ich habe ihm stattdessen vorgeschlagen, eine Ebene als Wohngruppe für Demenzkranke zu gestalten und auf den beiden anderen Etagen Wohnraum für Angehörige oder andere Menschen zu schaffen. Mein Vorschlag war der Zeit zu weit voraus, er wurde nicht umgesetzt. Was ich damit sagen will: Wir müssen weg von Standard-Häusern mit vier Wänden und einer Tür. Stattdessen sollten wir das „normale" Wohnen verbinden mit Wohnraum für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Auch Musiker haben andere Bedürfnisse ans Wohnen als zum Beispiel Tierfreunde. Immer mehr Menschen haben heute immer speziellere Anforderungen. Solche Angebote sollten viel mehr und früher in die Planungen integriert werden.

Also gemeinsam im Quartier leben statt alleine und zurückgezogen...

Ja, definitiv. Gebäude brauchen mehr als nur Privaträume, Haustür und Treppenhaus. Es fehlen Treffpunkte, wo Menschen sich begegnen können – so etwas sollte es in jedem Gebäude geben, drinnen oder draußen. Auch Stadtteile brauchen diese Orte. Im besten Fall sind öffentliche Räume frei zugänglich und verfügbar. Tatsächlich aber unterliegen sie administrativen, ökonomischen und sozialen Zwängen, die das unterbinden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die Stadtbibliothek in Minden ist ein solcher Raum. Sie sollte jeden Tag geöffnet sein, als Treffpunkt für den Austausch von Informationen – nicht nur aus Büchern. Und sie sollte ein Lernort für alle sein. Dass sie unter der Woche um 18.30 Uhr schließt und sonntags gar nicht erreichbar ist, kann ich nicht verstehen. Das bedeutet Mehraufwand – ja. Aber auch Sparkassen und Schulen sind solche Gebäude. Da steht Fläche zur Verfügung, die noch viel stärker genutzt werden könnte. Beispiel Hamburg: Die dortige Sparkasse bietet Stadtteilinitiativen ihre Räume für Treffen und Versammlungen an.

Dann müsste man aberauch die Bürger mit einbeziehen...

Das stimmt. Solche Angebote kann die Stadt natürlich nicht alleine auf die Beine stellen, aber sie muss die Basis schaffen. Die Ideen sollte man dann gemeinsam mit den Bürgern ausgestalten. Bürgerbeteiligung ist ein ganz wichtiges Instrument beim Thema Wohnen, aber sie muss klug moderiert und gesteuert werden, damit es effektiv ist. Und was passiert dann mit den Anregungen? Wer setzt sich mit ihnen auseinander? Oder landen sie am Ende doch in irgendeiner Schublade?

Wie muss Minden das ThemaWohnen für die nächsten zehn, 25 oder 50 Jahre angehen?

Verwaltung und Politik müssen aktiv gestalten, statt nur zu verwalten. Es ist verständlich, dass sich die Stadt bei Projekten Zeit bis zur Entscheidung nimmt, das muss auch so sein. Aber meist dauert es viel zu lange, weil Fachabteilungen unterbesetzt sind. Aber auf der anderen Seite ist die Geschwindigkeit, wie sich die Gesellschaft entwickelt, gigantisch. Auch beim Wohnen.

Können Sie das näher erläutern?

Ich nehme das Smartphone als Beispiel. Es ist gerade mal zehn Jahre alt. In der kurzen Zeit hat es die gesamte Art und Weise, wie wir mit Menschen und Dingen kommunizieren, verändert. Beim Thema Wohnen denken wir hingegen immer noch in alten Mustern, alles ist in Stein gemeißelt.

Die Stadt braucht also zusätzliche Planer?

Sie benötigt dringend Menschen, die überlegen, wie man Minden entwickeln und gestalten kann. Das braucht Strategie, Know-how, Weitsicht. Das können eigene Mitarbeiter leisten, aber auch externe Planer, wenn sie kompetent sind.

Was machen andere Städte beim Thema Wohnen besser als Minden?

Minden sollte nicht versuchen, wie Bielefeld, Hannover und Co. zu werden oder sich dort Ideen abzuschauen. Die Stadt sollte vielmehr die eigene Qualität herausarbeiten. Was ist einzigartig hier? Was macht Minden aus? Um diese Fragen muss es gehen.

Und was macht Minden aus?

Die Wasserwege zum Beispiel sind prägend für die Stadt, aber die Menschen leben seit Jahren nicht mit dem Wasser. Das sollten wir ändern. Schauen Sie sich an, wie wenige Häuser am Mittellandkanal oder an der Weser zum Wasser ausgerichtet sind. Ein Umdenken könnte ein Ansatzpunkt sein, um die Identifikation mit der Stadt zu verbessern.

Sind Sie persönlich zufrieden mit Ihrer Wohnsituation?

Zu 100 Prozent. Ich wohne in direkter Nähe zur Bastau in einem Siedlungshaus aus den 50er Jahren. Und was mich ganz besonders freut, ist der gute Kontakt innerhalb der Nachbarschaft. Zuletzt haben wir spontan mit mehreren Leuten ein gemeinsames Abendbrot organisiert, das war großartig. Das einzige Problem, an meiner Wohnsituation: Mein Haus ist nicht barrierefrei, weshalb ich dort im Alter nicht dauerhaft wohnen kann.

Also schauen Sie sich nach anderen Objekten um?

Nein. Für mich stand immer fest, dass ich das Quartier auf keinen Fall verlassen werde. Also habe ich entschieden, ein kleines Häuschen zu bauen – und zwar in meinem Garten. 60 Quadratmeter Wohnfläche, eine Ebene, barrierefrei, wie ein Schuhkarton. Das große Haus werde ich dann vermieten.

Wem gehört Minden?

Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden über Beispiele berichten.

Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen.

Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org).

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So zu wohnen, hat vor allem dazu geführt, dass wir unsere Scholle nicht mehr verlassen. Wir treffen keine Nachbarn mehr und beleben nicht die Straßen. Stattdessen fahren wir in die Metropolen und bewundern, wie lebhaft es dort ist. Ist Minden ein attraktiver Wohnort? Minden ist eine Stadt mit unglaublich viel Potenzial, das aber leider nur bedingt abgerufen wird. Die Stadt könnte auf den massiven Wegzug in die Großstädte reagieren, indem sie zielgerichtet Angebote erarbeitet und sich als attraktive Stadt entwickelt. Das passiert leider viel zu wenig. Was muss Minden beim Thema Wohnen unternehmen? Die Stadt gehört den Bürgern. Und die Politik muss dafür sorgen, dass Menschen hier wohnen können. Deshalb muss die Stadt wieder mehr Flächen in ihren Besitz bringen und zum Beispiel gegen Zahlung einer Pacht als Wohnraum zur Verfügung stellen. Wer Eigentum besitzt, befindet sich in einer starken Position. Grundstücke zu erwerben und dann an Investoren zu veräußern, sollte nur eine Option sein, wenn es einen tatsächlichen Mehrwert für die Stadt hat. Boden darf auf keinen Fall Ware für global handelnde Konzerne werden, dann ist die Bebauung nämlich kaum mehr zu steuern. Wie viele Flächen sollte die Stadt erwerben? Je mehr Flächen sie in ihrem Besitz hat, desto mehr Optionen hat sie für die Zukunft. Womöglich braucht sie in 20, 30 Jahren überhaupt nicht mehr so viel Wohnraum wie aktuell. Dann könnte die Stadt die Grundstücke wiederum anders entwickeln. Wo gibt es freie Flächen beziehungsweise wo sollen sie herkommen? Der Handel verlagert sich immer mehr ins Internet und braucht damit weniger Fläche. Auch das produzierende Gewerbe benötigt weniger Platz, viele Firmengebäude in Minden werden nicht mehr komplett genutzt. Der Verkehr wird sich ebenfalls verändern – weniger private Autos, mehr automatisierte Mobilitätsangebote – und wird weniger Platz brauchen. Daraus lässt sich eine große Menge freiwerdender Flächen ableiten, für die sogar schon die Infrastruktur da ist: Wege, Anschlüsse, Leitungen. Allerdings benötigt die Stadt Werkzeuge, mit denen sie Eigentümer dazu „drängeln" kann, Leerstände anzupacken und mit Leben zu füllen. Man könnte diesen freiwerdenden Raum nutzen, um das „neue Wohnen" in den Kern-Gebieten zu verdichten. Welche Kriterien sollten neue Wohnprojekte Ihrer Meinung nach erfüllen? Ich hatte vor einigen Jahren einen Auftraggeber aus Minden, der wollte innenstadtnah ein Grundstück entwickeln. Sein Plan war ein Standard-Mehrfamilienhaus. Das kann man machen, keine Frage. Ich habe ihm stattdessen vorgeschlagen, eine Ebene als Wohngruppe für Demenzkranke zu gestalten und auf den beiden anderen Etagen Wohnraum für Angehörige oder andere Menschen zu schaffen. Mein Vorschlag war der Zeit zu weit voraus, er wurde nicht umgesetzt. Was ich damit sagen will: Wir müssen weg von Standard-Häusern mit vier Wänden und einer Tür. Stattdessen sollten wir das „normale" Wohnen verbinden mit Wohnraum für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Auch Musiker haben andere Bedürfnisse ans Wohnen als zum Beispiel Tierfreunde. Immer mehr Menschen haben heute immer speziellere Anforderungen. Solche Angebote sollten viel mehr und früher in die Planungen integriert werden. Also gemeinsam im Quartier leben statt alleine und zurückgezogen... Ja, definitiv. Gebäude brauchen mehr als nur Privaträume, Haustür und Treppenhaus. Es fehlen Treffpunkte, wo Menschen sich begegnen können – so etwas sollte es in jedem Gebäude geben, drinnen oder draußen. Auch Stadtteile brauchen diese Orte. Im besten Fall sind öffentliche Räume frei zugänglich und verfügbar. Tatsächlich aber unterliegen sie administrativen, ökonomischen und sozialen Zwängen, die das unterbinden. Können Sie ein Beispiel nennen? Die Stadtbibliothek in Minden ist ein solcher Raum. Sie sollte jeden Tag geöffnet sein, als Treffpunkt für den Austausch von Informationen – nicht nur aus Büchern. Und sie sollte ein Lernort für alle sein. Dass sie unter der Woche um 18.30 Uhr schließt und sonntags gar nicht erreichbar ist, kann ich nicht verstehen. Das bedeutet Mehraufwand – ja. Aber auch Sparkassen und Schulen sind solche Gebäude. Da steht Fläche zur Verfügung, die noch viel stärker genutzt werden könnte. Beispiel Hamburg: Die dortige Sparkasse bietet Stadtteilinitiativen ihre Räume für Treffen und Versammlungen an. Dann müsste man aberauch die Bürger mit einbeziehen... Das stimmt. Solche Angebote kann die Stadt natürlich nicht alleine auf die Beine stellen, aber sie muss die Basis schaffen. Die Ideen sollte man dann gemeinsam mit den Bürgern ausgestalten. Bürgerbeteiligung ist ein ganz wichtiges Instrument beim Thema Wohnen, aber sie muss klug moderiert und gesteuert werden, damit es effektiv ist. Und was passiert dann mit den Anregungen? Wer setzt sich mit ihnen auseinander? Oder landen sie am Ende doch in irgendeiner Schublade? Wie muss Minden das ThemaWohnen für die nächsten zehn, 25 oder 50 Jahre angehen? Verwaltung und Politik müssen aktiv gestalten, statt nur zu verwalten. Es ist verständlich, dass sich die Stadt bei Projekten Zeit bis zur Entscheidung nimmt, das muss auch so sein. Aber meist dauert es viel zu lange, weil Fachabteilungen unterbesetzt sind. Aber auf der anderen Seite ist die Geschwindigkeit, wie sich die Gesellschaft entwickelt, gigantisch. Auch beim Wohnen. Können Sie das näher erläutern? Ich nehme das Smartphone als Beispiel. Es ist gerade mal zehn Jahre alt. In der kurzen Zeit hat es die gesamte Art und Weise, wie wir mit Menschen und Dingen kommunizieren, verändert. Beim Thema Wohnen denken wir hingegen immer noch in alten Mustern, alles ist in Stein gemeißelt. Die Stadt braucht also zusätzliche Planer? Sie benötigt dringend Menschen, die überlegen, wie man Minden entwickeln und gestalten kann. Das braucht Strategie, Know-how, Weitsicht. Das können eigene Mitarbeiter leisten, aber auch externe Planer, wenn sie kompetent sind. Was machen andere Städte beim Thema Wohnen besser als Minden? Minden sollte nicht versuchen, wie Bielefeld, Hannover und Co. zu werden oder sich dort Ideen abzuschauen. Die Stadt sollte vielmehr die eigene Qualität herausarbeiten. Was ist einzigartig hier? Was macht Minden aus? Um diese Fragen muss es gehen. Und was macht Minden aus? Die Wasserwege zum Beispiel sind prägend für die Stadt, aber die Menschen leben seit Jahren nicht mit dem Wasser. Das sollten wir ändern. Schauen Sie sich an, wie wenige Häuser am Mittellandkanal oder an der Weser zum Wasser ausgerichtet sind. Ein Umdenken könnte ein Ansatzpunkt sein, um die Identifikation mit der Stadt zu verbessern. Sind Sie persönlich zufrieden mit Ihrer Wohnsituation? Zu 100 Prozent. Ich wohne in direkter Nähe zur Bastau in einem Siedlungshaus aus den 50er Jahren. Und was mich ganz besonders freut, ist der gute Kontakt innerhalb der Nachbarschaft. Zuletzt haben wir spontan mit mehreren Leuten ein gemeinsames Abendbrot organisiert, das war großartig. Das einzige Problem, an meiner Wohnsituation: Mein Haus ist nicht barrierefrei, weshalb ich dort im Alter nicht dauerhaft wohnen kann. Also schauen Sie sich nach anderen Objekten um? Nein. Für mich stand immer fest, dass ich das Quartier auf keinen Fall verlassen werde. Also habe ich entschieden, ein kleines Häuschen zu bauen – und zwar in meinem Garten. 60 Quadratmeter Wohnfläche, eine Ebene, barrierefrei, wie ein Schuhkarton. Das große Haus werde ich dann vermieten. Wem gehört Minden? Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden über Beispiele berichten. Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen. Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org). wem-gehoert-minden.de